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Der Dom St. Marien zu Aachen,Georg Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Nordrhein-Westfalen I: Rheinland. S. 5. kurz der Aachener Dom, ist die Bischofskirche des Bistums Aachen und das bedeutendste Wahrzeichen der Stadt Aachen. Der Dom steht unter dem Patrozinium der Gottesmutter Maria.
Der Dom besteht aus mehreren Teilbauten, deren jeweilige Entstehungszeiten die Epoche des Frühmittelalters bis hin zur späten Neuzeit umfassen. Das karolingische Oktogon, ehemals die PfalzkapelleDie Funktion der Kirche als Pfalzkapelle wird gelegentlich in Frage gestellt, vgl. Clemens M. M. Bayer: Zum Problem der Pfalzkapelle. In: Schriftenreihe des Karlsverein-Dombauvereins. Band 13 (2011): Dombaumeistertagung in Aachen 2009. S. 45: „Die Forschung ging lange davon aus, dass mit dem Wort „Kapelle“ (capella) in der Zeit um 800 die privaten Oratorien des Herrschers bezeichnet worden seien. […] Eine Pfalzkapelle hingegen ist die Aachener Marienkirche nicht gewesen. Zwar wird sie in den Quellen durchaus capella genannt, aber damit ist etwas völlig anderes gemeint, als wir heute unter Kapelle verstehen: Mit dem Wort capella bezeichnen diese Texte eine nichtbischöfliche Eigenkirche, an der Seelsorge ausgeübt wird. In den Quellen des 9. Jahrhunderts wird St. Marien (ähnlich wie andere Kirchen) mit einer ganzen Reihe verschiedener Ausdrücke belegt: Sie heißt etwa Kirche (ecclesia), Basilika (basilica), Tempel (templum), Gebetshaus (oratorium), Münster (monasterium) oder eben auch Kapelle (capella) – aber niemals Pfalzkapelle (capella palatii).“ Harald Müller fasst in Harald Müller, Judith Ley, Frank Pohle und Andreas Schaub: Pfalz und vicus Aachen in karolingischer Zeit – Kapitel 7.7. Funktionen der Marienkirche nach Schriftquellen. In: Thomas R. Kraus (Hrsg.): Aachen von den Anfängen bis zur Gegenwart. Band 2: Karolinger – Ottonen – Salier. 765–1137 (= Veröffentlichungen des Stadtarchivs Aachen. Band 14) (= Beihefte der Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins. Band 8). Aachen 2013, ISBN 978-3-87519-252-0, S. 193–209 die Funktionen der Marienkirche in karolingischer Zeit zusammen: „Unstrittig scheint die Disposition als eigenständige wohl auch als von Karl gegründete Stiftskirche. Ebenso unstrittig ist ihre Rolle als Pfarrkirche für die Grundherrschaft und den Fiskus Aachen. […] Will man insgesamt von einer dreifachen Funktion des Gotteshauses ausgehen – Pfarrkirche, Stiftskirche, Herrscheroratorium – so ist die letzte Aufgabe die am wenigsten zwingende und am wenigsten dauerhafte.“ der Aachener Königspfalz, ist das bedeutendste architektonische Beispiel für die karolingische Renaissance.
Karl der Große ließ den Zentralbau und den Westbau gegen Ende des achten Jahrhunderts als Kern seiner Pfalzanlage errichten. Forschung, zusammengeführt von Erwin Reidinger, hat für die Gründung der Pfalzkapelle eine Ausrichtung/Absteckung der Achse nach dem tatsächlichen Sonnenaufgang, den Palmsonntag, den 16. März 794, ergeben.Erwin Reidinger: Die Gründung der Aachener Pfalzkapelle am Palmsonntag 794. Neue archäoastronomische Forschungserkenntnisse. / Jürgen Krüger: Ostung und Achsknick im Kirchenbau. Ein Literaturbericht zur Archäoastronomie. Winzendorf 2026, Erwin Reidinger und Jürgen Krüger, ISBN 9798250984638, 88 Seiten. (PDF-Datei) Die Absteckung erfolgte an einem höheren heiligen Tag, Palmsonntag. Karl der Große spielt mit dem Jerusalemer Einzugsmotiv: Wie Christus einst an diesem Tag in Jerusalem eingezogen war, so tat es ihm jetzt der Herrscher (Karl der Große) als Abbild Christi auf Erden nach.Hans Martin Schaller: Der heilige Tag als Termin mittelalterlicher Staatsakte. In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters, Nr. 30, Köln/Wien 1974.
Die Grundsteinlegung erfolgte um 795, die Fertigstellung um 803.Burghart Schmidt, Ulrike Heckner u. a.: Die Hölzer aus dem karolingischen Oktogon der Aachener Pfalzkapelle – Möglichkeiten einer dendrochronologischen Datierung. In: Jahrbuch der Rheinischen Denkmalpflege. 40/41 (2009), S. 220–235; Ulrike Heckner: Die Bauzeit der Aachener Pfalzkapelle. In: Die Denkmalpflege. 67 (2009), S. 195–196. Die Kirchweihe wird für den 17. Juli 802 angenommen (nicht gesichert). Die Reliquienankunft fand in den beiden Jahren vorher statt. Die postulierte Weihe 805 durch Papst Leo III. entstammt einer Legende aus dem 14. Jahrhundert. Heute noch wird die Kirchweihe am 17. Juli, jedoch seit 1803 das Patronatsfest des Domes am 15. August zu Mariä Himmelfahrt gefeiert. Die karolingische Pfalzkirche ist umgeben von mehreren Anbauten aus späterer Zeit, darunter die gotische Chorhalle im Osten und der vielgestaltige Kapellenkranz.
Der über 1200-jährige Aachener Dom ist ein heterogen aufgebautes, durch viele Stilepochen beeinflusstes Bauwerk, das durch zahlreiche Überformungen, Niederlegungen und Anbauten gekennzeichnet ist. Die Funktion des Kirchenbaus veränderte sich im Laufe der Geschichte von der einst karolingischen Pfalzkapelle über die Münsterkirche des Marienstiftes zum Bischofssitz der Gegenwart. Als Mausoleum Karls des Großen war die Stiftskirche von 936 bis 1531 Krönungsort römisch-deutscher Könige. Seit dem 14. Jahrhundert entwickelte sich Aachen zu einem bedeutenden Wallfahrtsort mit der alle sieben Jahre stattfindenden Heiligtumsfahrt. Erst Anfang des 19. Jahrhunderts wurde der Aachener Dom – wenn auch nur kurzfristig – Kathedrale, eine Funktion, die die Kirche seit 1930 wieder dauerhaft erfüllt.
1978 wurde die Kathedrale als eine der weltweit ersten acht und erstes deutsches Kulturdenkmal in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen (siehe Abschnitt Weltkulturerbe).
Architektur und Baugeschichte Bauhistorie mini|hochkant|Grundriss von San Vitale in Ravenna mini|hochkant|Blick zur originalen Apsis von San Vitale
Der an byzantinische und mediterrane Vorbilder, vor allem an San Vitale in Ravenna, angelehnte Bauentwurf eines oktogonalen Zentralbaus mit einem zweigeschossigen Umgang zählt zu den herausragenden Beispielen frühmittelalterlicher Sakralarchitektur. Der Kirchenbau wurde über den Resten einer römischen Thermenanlage mit Baumaterial aus vielen Teilen des Fränkischen Reiches realisiert und durch Spolien, wie zum Beispiel den antiken Säulen im Hochmünster und wieder verwendbarem römischem Baumaterial aus der Region realisiert. Herausragend sind im karolingischen Sakralbau die wertvollen Ausstattungsgegenstände, wie die karolingischen Bronzetüren und die Gitter im oberen Umlauf, die größtenteils noch erhalten sind. Neben dem Oktogon wurden in dieser Bauepoche zwei im Westen vorgelagerte Treppentürme errichtet.
Nach dem Tod Karls des Großen schwand die Bedeutung Aachens als geistiges Zentrum des Fränkischen Reiches. Sein Grab übte jedoch eine große Anziehungskraft aus. Seit 936 wurden hier die römisch-deutschen Könige auf dem Marmorthron Karls des Großen im Hochmünster gekrönt. Ottonische und stauferische Herrscher verehrten die Kirche und vermehrten die Kunstschätze durch großzügige Schenkungen und Stiftungen. Unter Otto III. wurde ab 997 vor allem die Innenausstattung der Kirche verändert. Neben der Ausmalung der Kirche wurde sie teilweise mit Mosaiken verziert.
Romanische Umbauten sind bis auf die Portale der Nikolauskapelle, die Fassade der Allerseelenkapelle und schmückende architektonische Bauelemente im Kreuzgang nur spärlich erhalten. 1187 bis 1193 wurden die romanischen Klostergebäude errichtet. Das Oktogon wurde erhöht (um 1190) und mit acht Ziergiebeln (1240/1250) und einer Blendgalerie ausgestattet. In dieser Zeit erhielt das Gebäude mit Ausnahme der farbigen Giebel eine Weißfassung. Die romanische Dachkonstruktion ging, wie die Ziergiebel, im Lauf der folgenden Jahrhunderte durch Brände und Umbauten verloren.
Im 14. Jahrhundert begann die Verehrung der vier großen Aachener Textilreliquien. Mit den alle sieben Jahre stattfindenden Heiligtumsfahrten gingen auch bauliche Veränderungen in der Kirche einher. Der kleine rechteckige Ostchor wurde niedergelegt und eine capella vitrea – ein hohes gotisches Chorhaus zur Präsentation der Heiligtümer und Reliquienschreine erbaut, dessen Weihe zum 600. Todestag Karls des Großen 1414 stattfand. Zur gleichen Zeit wurden auf der Südseite zwei Kapellen an das Oktogon angebaut, die Ungarnkapelle (1367) und, direkt an das gotische Chorhaus anschließend, die Matthiaskapelle (1379/1420), deren Untergeschoss die Funktion der Sakristei übernahm. Ebenfalls auf der Südseite erfolgte 1449 der Anbau der Annakapelle, die im Erdgeschoss als weiterer Zugang in das Kircheninnere konzipiert wurde, während der eigentliche Kapellenraum vom Hochmünster aus zugänglich war. Die kleineren karolingischen Bronzetüren wurden zur Abtrennung der Zugänge zur Anna-, Hubertus- und Karlskapelle (1456/1474) versetzt. Auf der Nordseite, an den ehemaligen Portikus angrenzend, wurde die gotische Nikolauskapelle (1487) errichtet. Hohe gotische Turmhauben mit Flankierungstürmchen wurden um 1350 auf die karolingischen Treppenhäuser gesetzt. Von diesen exponierten Gebäudeteilen und einer Brücke, die den Westturm mit dem Oktogon verband, erfolgte während der Wallfahrten, an denen bis zu hunderttausend Pilger teilnahmen, die Heiltumsweisung.
Während des 17. und 18. Jahrhunderts veränderten sich die Architektur und Ausstattung der Kirche, nicht zuletzt aufgrund der enormen Schäden, die der Aachener Stadtbrand 1656 verursachte. Die Dächer der Marienkirche waren zerstört und der gotische Westturm, der bereits 1624 nach einem Blitzschlag gekappt worden war, musste bis auf die beiden unteren Geschosse abgetragen werden und aufgrund von Finanzierungsschwierigkeiten wurde er nur durch einen provisorischen Glockenturm ergänzt. Das Dach der Chorhalle und des Oktogons wurden 1664 mit einer barocken Dachhaube wieder instand gesetzt.
Das Innere der Kirche wurde ab 1719 insbesondere durch die italienischen Stuckateure Vasalli und Artari barockisiert. 1731 bis 1733 wurde das Tonnengewölbe im Hochmünster durch die Künstler Bernardini und Aprili neu ausgemalt. Pläne des dänischen Architekten Christian Zuber, die gotische Chorhalle durch weitestgehende Vermauerung der hohen Fenster und das Einziehen eines Tonnengewölbes zu modernisieren, wurden nicht umgesetzt. Jedoch ließ das Stiftskapitel die mittelalterliche Verglasung sowie das Maßwerk entfernen, nachdem die Reste der gotischen Chorverglasung 1729 nach einem Unwetter schwer in Mitleidenschaft gezogen worden waren. Dabei wurden in Unkenntnis ihrer Funktion die Ringanker der Chorhalle durchtrennt. Als Ersatz für die farbige Verglasung wurden eisenbewehrte Klarglasfenster eingesetzt. Die Fenster des Oktogons erhielten barocke Faschen.
Aus der barocken Bauepoche ist noch die Mitte des 18. Jahrhunderts vollständig umgestaltete Ungarnkapelle erhalten. Der Bau wurde 1748 von dem bekannten Aachener Architekten Johann Joseph Couven ausgeführt. Jedoch zeigte der Kapellenneubau bereits im Rohbau gravierende Mängel, so dass die fast vollendete Kapelle 1755 wieder abgetragen und durch Joseph Moretti in den Jahren 1756 bis 1767 neu errichtet werden musste. Im Jahr 1786 wurde der Marienchor abgerissen, um die Verbindung zwischen gotischem Chor und Sechzehneck zu schaffen. Die Steine des Marienchors wurden im Tor des Drimborner Wäldchens wiederverwendet. Mit dem Bau des barocken Portals am Westwerk wurde 1788 auch die karolingische Bronzetür versetzt, die nach wie vor das Eingangsportal der Kirche bildet.