mini|Lage der antiken Stadt Thasos auf der gleichnamigen Insel
Der antike Stadtstaat (Polis) Thasos () mit seiner Hauptstadt Thasos auf der gleichnamigen Insel entwickelte sich ab etwa 680 v. Chr. im Zuge der griechischen Kolonisation in der nördlichen Ägäis. Wie alle antiken griechischen Poleis bestand er aus einem städtischen Zentrum (asty), das sich beim heutigen Inselhauptort Limenas an der Nordküste befand, und aus einem umliegenden ländlichen Territorium (chora), das im Fall von Thasos den Rest der Insel sowie einige Areale des nahegelegenen Festlandes umfasste.
Bereits ab dem 6. Jahrhundert v. Chr. kamen Stadt und Insel zu großer Bedeutung in der griechischen Welt und zu höchster Blüte, was mit Abstrichen und Unterbrechungen Jahrhunderte anhielt. Bei einer Gesamtbevölkerung auf der Insel im 5. Jahrhundert v. Chr. von 60.000 bis 80.000 erreichte die antike Stadt Thasos eine Einwohnerzahl von etwa 20.000.Georges Perrot: Memoire de l’ile de Thasos. Paris 1864, S. 66 (veraltet). Noch unter römischer Herrschaft konnte sich die Stadt eine gewisse Autonomie bewahren, wurde dann aber kurz nach Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. vermutlich durch einen feindlichen Angriff zerstört. Der Wiederaufbau erreichte nicht mehr das volle Ausmaß der früheren Stadt. Bei einem erneuten Angriff im frühen 7. Jahrhundert n. Chr. wurde die Stadt zerstört und verödete.
Geschichte des Stadtstaates Gründung und frühe Blüte (7. und 6. Jahrhundert v. Chr.) Die Insel Thasos war bereits seit der Steinzeit besiedelt und auch für die beginnende Eisenzeit (frühes 1. Jahrtausend v. Chr.) lässt sich eine einheimische Bevölkerung nachweisen, deren archäologische Hinterlassenschaften stilistisch denjenigen des benachbarten makedonischen Festlandes entsprachen. Gleichzeitig sollen dem antiken Geschichtsschreiber Herodot zufolge auch Phönizier auf der Insel gesiedelt und die dortigen Bodenschätze abgebaut haben. Der antike Stadtstaat Thasos entstand jedoch erst um 680 v. Chr. im Rahmen der Griechischen Kolonisation. Zu dieser Zeit brach eine Gruppe von auswanderungswilligen Kolonisten von der Kykladeninsel Paros auf, um einen neuen Stadtstaat zu gründen, gelangte nach Thasos und baute dort ein neues Gemeinwesen auf. Anführer der Expedition war ein gewisser Telesikles; zu den Teilnehmern gehörte der bedeutende Dichter Archilochos, der die Erfahrungen der „Fahrt ins Unbekannte“ und der Neugründung in seiner – nur in Fragmenten erhaltenen – Poesie verarbeitete.
Der schnelle wirtschaftliche Aufschwung der Polis in den folgenden zwei Jahrhunderten (der „archaischen Epoche“) äußerte sich unter anderem in der prächtigen Architektur des Inselhauptortes und in einer Blüte der Bildenden Künste. Die politischen Einrichtungen, religiösen Traditionen und auch das genutzte Kalendersystem orientierten sich an der Mutterstadt Paros. Von der älteren Bevölkerung der Insel ist kaum noch etwas nachweisbar; sie scheint schnell assimiliert worden zu sein. Bald nach der Inbesitznahme der Insel besiedelten die Parier auch das gegenüberliegende Festland mit seinen reichen Vorkommen an Bodenschätzen. Diese sogenannte Thasische Peraia gehörte mit zum Territorium der Polis und war – wie auch Teile der Insel selbst – berühmt für ihren Reichtum an Bodenschätzen.
Über die Institutionen der frühen Epoche der Staatsgründung ist wenig bekannt. Es wird angenommen, dass Adelige aus den Reihen der ersten Siedler die herrschenden Positionen einnahmen. Es traten jedoch in zahlreichen griechischen Poleis soziale Spannungen auf. Zum einen bekämpften sich verschiedene Adelsgruppen untereinander, zum anderen gerieten die niederen Stände immer mehr in wirtschaftliche Abhängigkeit vom Adel. Diese Konflikte bargen Potential für Bürgerkriege (staseis) und so einigte sich die Bürgerschaft auf einen Aisymneten. Dieser hatte zwischen den rivalisierenden Parteien zu vermitteln und soziale Missstände auszuräumen. In vielen Poleis genügten diese Maßnahmen nicht und es entwickelte sich nach der Amtsniederlegung des Aisymneten häufig eine Tyrannis. So herrschte Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. auch auf Thasos der Tyrann Symmachos.Zu Symmachos siehe François Salviat: Les colonnes initiales du catalogue des théores et les institutions thasiennes archaïques. In: Thasiaca (= Bulletin de correspondance hellénique. Supplementband 5). Boccard, Paris 1979, S. 107–127, hier S. 123–125. Nach seiner Vertreibung wurde der Inselstaat wieder unter ein aristokratisches Regime gestellt, dessen höchstes Amt das des Archonten war. Die Institution des Archontats wurde wahrscheinlich von der Mutterinsel Paros übernommen und war in Thasos zunächst mit drei Amtsträgern besetzt. Das zweite hohe Staatsamt neben den Archonten bildeten die Theoren, die erst ab 540 v. Chr. bezeugt sind und die ebenfalls als Dreierkollegium amtierten. Sie hatten in erster Linie religiöse Aufgaben, insbesondere die städtischen Kultfeiern betreffend.
Perserkriege und Attischer Seebund (5. Jahrhundert v. Chr.) Auf die Archaik folgte die sogenannte Klassik, die für Thasos dadurch geprägt war, dass die Insel wiederholt in die Auseinandersetzungen und Ereignisse der griechischen Geschichte hineingezogen wurde. Im Jahr 494 v. Chr. mussten die Thasier die Angriffe des aus seiner Heimat vertriebenen Tyrannen Histiaios aus Milet abwehren. Als in den folgenden Jahren das Perserreich auf die Gebiete des heutigen Nordgriechenland auszugreifen begann, unterwarf sich das geschwächte Thasos kampflos und huldigte dem Perserkönig. Erst nach dem griechischen Sieg in den Perserkriegen 480/478 v. Chr. ging es wieder in den griechischen Machtbereich über. In den daraufhin neu gegründeten Attisch-Delischen Seebund wurde Thasos 477 v. Chr. aufgenommen und geriet damit – wie viele griechische Stadtstaaten – rasch unter den Einfluss der neuen Militärmacht Athen. Schon ein Jahrzehnt später kam es zu Rivalitäten mit Athen um die Metallvorkommen der thasischen Festlandbesitzungen, die darin resultierten, dass Thasos wieder aus dem Seebund austrat. Kurzerhand belagerte die athenische Flotte die Insel drei Jahre lang und nahm sie schließlich ein. Thasos musste seine Stadtmauer schleifen, seinen Festlandsbesitz und seine gesamte Flotte abgeben und Geldzahlungen leisten. Das bisherige aristokratische Regime scheint dabei unter dem Einfluss Athens durch einige demokratische Elemente modifiziert worden zu sein. In diese politisch schwierige Zeit fällt das Wirken zweier berühmter Thasier, des Malers Polygnotos und des Kampfsportlers Theogenes.
Trotz der harten Friedensbedingungen und der autoritären Machtpolitik Athens im Seebund waren die Jahrzehnte ab 463 von Kooperation und Austausch zwischen den Städten geprägt. So diente der thasische Hafen als wichtiger Stützpunkt der athenischen Flottenpolitik; einige reiche Athener erwarben nachweislich Weinberge auf Thasos. Diese Verhältnisse blieben zunächst auch bestehen, nachdem 431 v. Chr. der Peloponnesische Krieg zwischen Athen und Sparta ausbrach.
Innere und äußere Krisen, politischer Neubeginn (spätes 5. und frühes 4. Jahrhundert v. Chr.) Mit dem Jahr 411 v. Chr. begannen die politischen Turbulenzen in Griechenland allerdings auch Auswirkungen auf Thasos zu haben. In diesem Jahr übernahm das aristokratische „Regime der Vierhundert“ die Macht in Athen und bewirkte umgehend, dass auch das eng verbündete Thasos zur Oligarchie zurückkehrte. Dreihundert allein gesetzgebende Bürger hielten dort nun die Macht in Händen und gingen mit Erlass der Denunziationsgesetze hart gegen die Opposition vor. Schon bald jedoch trat ein für Athen unerwünschter Effekt ein: die junge thasische Oligarchie löste sich vom bisher dominierenden athenischen Einfluss und wechselte auf die Seite Spartas, das traditionell die vorherrschende oligarchische Macht in Griechenland war. Doch dieser Seitenwechsel blieb eine kurze Episode: Schon 407 belagerte eine Flotte des mittlerweile wieder demokratischen Athen, unterstützt durch ins Exil gegangene prodemokratische Thasier, die Insel, nahm sie ein und sorgte für eine Rückkehr zur demokratischen Regierungsform. Wie so häufig in den Stadtstaaten des antiken Griechenlands verbanden sich auch in den Konflikten dieser Jahre auf Thasos außenpolitische Machtkämpfe mit innenpolitischen Auseinandersetzungen (staseis). Die Fronten verliefen zwischen den Verfechtern der Demokratie (die sich pro-athenisch verhielten und von Athen unterstützt wurden) und Anhängern der Oligarchie (die sich pro-spartanisch verhielten und von Sparta unterstützt wurden).
Bereits nach zwei Jahren, 405 v. Chr., kam die nächste Wende. Nachdem Sparta in der Schlacht bei Aigospotamoi über Athen gesiegt hatte, setzte der Spartaner Lysandros auf Thasos wieder eine Oligarchie durch. Als politisches System wurde eine sogenannte Dekarchie unter der Leitung von zehn Archonten eingeführt. Die damit einhergehende spartanische Kontrolle über die Insel wurde zwar schon bald darauf etwas reduziert, dennoch dauerte es bis etwa 389, bis der Athener Thrasyboulos und eine Gruppe demokratischer Thasier die spartanische Garnison vertrieben und die Stadt wieder auf die demokratische, pro-athenische Seite brachten. Dieser Machtwechsel beendete die über 20 Jahre dauernde Phase der andauernden politischen Instabilität auf Thasos. Die siegreiche Partei bemühte sich nun, die tief gespaltene Bürgerschaft wieder zu einen und einen echten politisch-gesellschaftlichen Neuanfang zu verwirklichen.Die genaue chronologische Verortung dieses Neuanfangs ist umstritten. Siehe beispielsweise Hans-Joachim Gehrke: Stasis. Untersuchungen zu den inneren Kriegen in den griechischen Staaten des 5. und 4. Jahrhunderts v. Chr. (= Vestigia. Bd. 35). C. H. Beck, München 1985, ISBN 3-406-08065-0, S. 162–164; Olivier Picard: Le retour des émigrés et le monnayage de Thasos (390). In: Comptes rendus de l’Académie des Inscriptions et Belles-Lettres. Band 144, Nummer 3, 2000, S. 1057–1084, DOI:10.3406/crai.2000.16187 (Open Access).
Das Maßnahmenpaket, das die gesellschaftlichen Konflikte auf Thasos überwinden sollte, war umfangreich: Verbannte Thasier durften zurückkehren. Neue Institutionen wie per Losprinzip (und damit neutral) besetzte Gerichtsjurys wurden geschaffen; ein völlig neues Münzsystem wurde eingeführt. Das politisch-gesellschaftliche Zentrum der Stadt wurde völlig neu gestaltet, wodurch vor allem die Agora in ihrer noch heute sichtbaren Gestalt entstand. Auch die umfassenden Baumaßnahmen an sonstigen öffentlichen Gebäuden (Tempeln, der Stadtmauer etc.), die noch die folgenden Jahrzehnte andauerten, waren wohl als „Statement“ der neu organisierten, selbstbewussten Bürgerschaft gemeint. Der ein knappes Jahrhundert zuvor aktiv gewesene Kampfsportler Theogenes, einer der berühmtesten Bürger der Insel, wurde im neuen Staatssystem religiös verehrt und wahrscheinlich gezielt zum „Schutzpatron“ des „neuen Thasos“ und zu einer Identifikationsfigur für die Bevölkerung gemacht. Schließlich wurde auch der Umgang mit gefallenen thasischen Soldaten und ihren Hinterbliebenen nach dem Vorbild des athenischen patrios nomos neu geordnet. Die Einführung dieser Maßnahmen erstreckte sich nach 389 v. Chr. auf einige Jahrzehnte, in denen es eventuell auch kurzzeitig nochmals zu inneren Konflikten kam (die Quellen sind hier nicht eindeutig). Letztendlich waren die Maßnahmen aber ein erfolgreicher politischer „Neustart“ und prägten das Leben in der Stadt für die nächsten Jahrhunderte.
Das politische System des autonomen Thasos (4. Jahrhundert v. Chr.)