Der Ring ist ein satirisches Lehrgedicht von Heinrich Wittenwiler, das vermutlich um 1408/10 im Umfeld des Konstanzer Bischofs Albrecht Blarer entstanden ist. Es besteht aus 9699 Reimpaarversen und hat den Charakter eines Lehrbuches über Verhaltensweisen des menschlichen Lebens, wie zum Beispiel die Lehre über Turniere, die Minnelehre, das Laiendoktrinal, den Schülerspiegel, eine Haushaltslehre und EhelehreTrude Ehlert: Die Rolle von »Hausherr« und »Hausfrau« in der spätmittelalterlichen volkssprachigen Ökonomik. In: Trude Ehlert (Hrsg.): Haushalt und Familie in Mittelalter und früher Neuzeit. Vorträge eines interdisziplinären Symposions vom 6.–9. Juni 1990 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Mit einem Register von Ralf Nelles. 1991, S. 153–166, hier: S. 155–166, passim.Michael Dallapiazza: Sprechen über die Frau. Haushaltsdiskurse bei Wittenwiler und anderen. In: Trude Ehlert (Hrsg.): Haushalt und Familie in Mittelalter und früher Neuzeit. Vorträge eines interdisziplinären Symposions vom 6.–9. Juni 1990 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Mit einem Register von Ralf Nelles. Thorbecke, Sigmaringen 1991, ISBN 3-7995-4156-X, S. 167–180, insbesondere S. 173–176. oder die Tugendlehre. Diese Belehrungen sind in komisch-satirische Handlungen törichter Bauern, so genannte gpauren (siehe auch Dörper), eingebettet. Erzählt wird die Geschichte Bertschis, eines jungen Mannes mit hoffärtigen Gedanken und Träumen. In seiner Leidenschaft für Mätzli löst der „tumbe tor“ ungewollt einerseits groteske schwankhafte Situationen, andererseits eine tragikomische Unglückskette aus, die zum Krieg und zur Verwüstung seines Heimatdorfes führt und ihn als Einsiedler enden lässt.

Inhalt Titel Bereits der Titel verweist auf die Doppeldeutigkeit des Werkes.Heinrich Wittenwiler: Der Ring. Frühneuhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Reclam, Stuttgart 1991 (= Reclams Universal-Bibliothek. 8749). Der im Prolog erwähnte mit einem Edelstein besetzte Ring symbolisiert der „welte lauff“ und assoziiert auch in Anlehnung an das griechische Wort kyklos den enzyklopädischen Charakter:Ortrun Riha: Die Forschung zu Heinrich Wittenwilers ‘Ring’ 1851–1988. Würzburg 1990 (= Würzburger Beiträge zur deutschen Philologie. 4), S. 93. „Ein puoch, daz ist der Ring genant (Mit einem edeln stain bechlait)/ Wan es ze ring umb uns beschait/ Der welte lauff“ (V. 8–11). Im zweiten Teil erscheint der Ring als Zeichen einer Vermählung, die auf Lügen gegründet ist und Unheil auslöst. Das „fingerli“ (V. 5278) steckt Bertschi TriefnasTrude Ehlert: Die Rolle von »Hausherr« und »Hausfrau« in der spätmittelalterlichen volkssprachigen Ökonomik. In: Trude Ehlert (Hrsg.): Haushalt und Familie in Mittelalter und früher Neuzeit. Vorträge eines interdisziplinären Symposions vom 6.–9. Juni 1990 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Mit einem Register von Ralf Nelles. Thorbecke, Sigmaringen 1991, ISBN 3-7995-4156-X, S. 153–166, hier: S. 164–165. in einer burlesken Szene nach dem Ja-Wort Mätzli an den Finger. Es besteht aus verzinntem Blei und trägt einen gläsernen Saphir, der mit Harz eingeschmolzen und mit Nasenschleim lasiert ist, sowie zwei Fischaugen als Perlen: Es was von plei und überzint, Mit einem stain, sam ich es vind, Der hiess ein sapheir von glas; Dar umb von hartz ein gsmeltze was, Mit naswasser durch laseurt; Dar zuo was es auch gesteurt Mit zwain perlen von den augen Aus dem visch: daz schült es glauben. (V. 5279-5286)

Prolog Heinrich Wittenwiler schreibt im Prolog, dass sein dreigliedriges Werk lehrt, „was man tuon und lassen schol“ (V. 12). Der erste Teil beschreibt das „hofieren/Mit stechen und turnieren“ (V. 17f.). Das zweite Kapitel vermittelt dem Mann, wie er sich „halten schol/An sel und leib und gen der welt“ (V. 22f.) und der dritte Abschnitt lehrt schließlich das Verhalten in Not und Kriegszeiten. Um die Ausdauer des Lesers nicht zu strapazieren, vermischt Wittenwiler die Belehrungen mit tölpelhaften Bauernschwankszenen, dem „gpauren gschrai“ (V. 36), was dem Prinzip des prodesse et delectare entspricht. Dabei definiert er den „gpauren“ nicht als jenen, der sich „aus weisem gfert (Einsicht)/Sich mit trewer arbait“ nährt, sondern als den, der „unrecht lept und läppisch tuot“ (V. 44). Um das „gpauren gschrei“ von den Belehrungen zu trennen, sind die Verszeilen mit roten und grünen Linien gekennzeichnet. Die roten sollen den Ernst, den „nutz“ (V. 50) (prodesse), die grünen das Leben der Tölpel, das „tagalt“ (V. 50), die Unterhaltung (delectare), anzeigen. Am Schluss des Prologs nennt der Autor seinen durch den Reim auf mär abgewandelten Namen: „Hainreich Wittenweilär“ (V. 52).

1. Teil: Werbung Liebespaar In dem Dorf Lappenhausen wohnen viele „esle[n]“ Bauern, darunter Bertschi (Berchtold, V. 1656) Triefnas, ein „degen säuberlich und stoltz“ und bei den Damen beliebter Mann, der sich mit junker anreden lässt. Seine Liebe gehört Mätzli Rüerenzumph, einem hässlichen Mädchen mit schwarzen Zähnen und Händen, mit einem Buckel, dicken Füßen, schlechtem Benehmen und einem obszönen sprechenden Namen.Der Vorname „Mätze“ wird in ihrem Selbstgespräch in der Scheune mit mutze (vulva, vagina) bzw. metze assoziiert, was eine Bauerndirne und eine Geliebte oder Prostituierte niederen Standes bezeichnet. Den Familiennamen Rüerenschwanz übersetzt Bachorski mit „Schwanzgrapscherin“. (Jürgen Bachorski: Das System der Negationen in Heinrich Wittenwilers ‚Ring‘. In: Monatshefte für deutschen Unterricht, deutsche Sprache und Literatur. Band 80, 1988, S. 471). In der Handschrift ist neben dem Prolog das Liebespaares in sexueller Annäherung abgebildet:Der Ring, E-Text (Bibliotheca Augustana). Bertschi hat eine bäurisch-derbe Gestalt. Mätzlis Gesicht wirkt hässlich. Sie blickt den Liebhaber an, zeigt ein wohlfälliges Lächeln und ihre Lippen nähern sich. Beide umhalsen sich mit jeweils einem Arm, wobei er ihr in den Ausschnitt greift. Mit der rechten Hand berührt Bertschi ihre Scham, während Mätzlis linke Hand auf seinem rechten Unterarm liegt.

Bauernturnier Der erste Teil des Romans, das Werben Bertschis um Mätzlis Gunst, beginnt mit einem großen Turnier sonntags auf einem Acker in Lappenhausen (V. 105 ff.). Die zwölf Gesellen, Chuontz vom stadel, junkher Troll, Haintzo mit der gäss, Her eisengren usw., sind als Karikatur der höfischen Ritter mit Eseln, Ackergäulen, Bauerngerät und lustigen Wappen ausgerüstet und ihre Kämpfe arten in wüste Prügeleien aus. Auch die Unterweisungen des „frömde[n] gsell[s]“, Herrn Neitharts im richtigen Turnieren (V. 360 ff.) haben keinen Erfolg und enden genauso in einer Hau-und-Stecherei mit Verletzungen und Verlusten von Eseln und Geräten. Zudem stürzt Jütze, Chuontzens Weib (V. 1215 f.), vor Lachen vom Brettergerüst in den Tod, taucht aber später beim Hochzeitstanz wieder auf.

Annäherungsversuche Nach dem Turnier holt der liebeskranke Bertschi den Spielmann Gunterfai mitten in der Nacht aus dem Bett (V. 1303 ff.) und sie ziehen mit klingendem Spiel durch das Dorf zu Mätzlis Elternhaus, um die Angebetete mit einem Ständchen zu „hofiern“, diese zeigt ihm jedoch am Fenster ihr Hinterteil und sie werden wegen Ruhestörung von den Nachbarn vertrieben. In der nächsten Nacht (V. 1416 ff.) will er Mätzli wieder sehen und versteckt sich im Stall, erschreckt sie jedoch beim Kühemelken so sehr, dass sie lauthals zu schreien beginnt und Bertschi, in dem Versuch sie zu beruhigen, „was nicht faul:/Die hand schluog er ỉr für daz maul“ (V. 1430 f.). Durch das Handgemenge wird die Kuh wild und er muss von ihren Hörnern verletzt und vom Ruf „hie deup [Dieb]“ verfolgt wieder fliehen.Eckart Conrad Lutz zeigt in seiner Studie die Parallele zu der Stallszene in Metzen hochzit auf. Diese Szene verdeutliche auch den Widerspruch zwischen Bertschis schönen Worten und seiner immerwährenden Absicht, Mätzli zu besitzen. So schlägt sein Verhalten von der zarten Rede schlagartig in handfestes Tun um. (Eckhart Conrad Lutz: Spiritualis fornicatio).

In der dritten Nacht (V. 1479 ff.) versucht Bertschi zu fensterln. Er besteigt das Dach von Mätzlis Haus, um sie zu beobachten, doch er bricht durch die Decke, stürzt ins Feuer der Stube und wird vom Vater Fritzo derb bestraft. Daraufhin lässt dieser seinen Zorn über die Beschädigungen an seiner Tochter aus und sperrt sie in einen Speicher (V. 1545 ff.). Dort hat sie einen Disput mit ihrer Vagina, gibt ihr zuerst die Schuld an all ihren Problemen und verflucht denjenigen, der nur an ihre Scham denkt, mit folgenden Worten: „Dar zuo so müess er sterben,/Der nach dir will verderben!“ (V. 1582–83). Doch gleich darauf scheint Mätzli wie verwandelt: „Wie schier so ward die taiding chrumb!/Mätzli chert sich wider umb“ (V. 1586–87). Sie versöhnt sich kurz darauf wieder mit ihrer Vagina und mit dem an ihr interessierten Jüngling: „Daz sei dem gsellen ward so hold“. Somit gelingt Bertschi ohne eigenes Zutun das, was ihm im Stall nicht gelang: er erregt in ihrem Herzen sogleich Freude und Wonne, sie vergisst allen Schmerz und fühlt statt Hass das Feuer der Minne.

Liebesbriefwechsel Als Nächstes will Bertschi seinem Onkel, dem Dorfschreiber Henritze Nabelreiber, einen Liebesbrief diktieren. Dieser lehnt jedoch den zu prosaischen Entwurf seines Neffen (V. 1680 ff) ab, unterweist ihn in den Minne-Regeln (V. 1665 ff.) und verfasst für ihn ein Schreiben an Mätzli nach höfischem Muster (V. 1878 ff.). Er bindet den Brief an einen Stein und wirft ihn durchs Speicherfenster der Adressatin. Dabei wird sie so schwer am Kopf verletzt, dass sie blutet, in Ohnmacht fällt und sich vom Dorfarzt Crippenchra [Grappschkräh] verbinden lassen muss (V. 1996 ff.). Der liest ihr Bertschis Werbung vor und sie bittet ihn, sie zu beantworten und ihren Liebhaber zu einem nächtlichen Treffen einzuladen (V. 2085 ff.). Der Arzt schätzt sie deshalb als „ein hüerrel“ ein und nutzt ihre sexuelle Bereitschaft aus (V. 2099 ff.). Aus Angst vor der Drohung, er würde ihren Vater über den Liebesbrief informieren, gibt sie seinen Wünschen nach und drängt ihn dann, in schwankhaftem Rollenwechsel, zu Wiederholungen, bis es dem Erschöpften zu viel wird. Als er nach drei Tagen bemerkt, dass er sie geschwängert hat, erinnert er sie an Bertschis Werbung und schlägt ihr vor, an ihn zu schreiben. Auf das Problem der Hochzeitsnacht angesprochen, weiß er sogleich Rat (V. 2211 ff.). Sie solle sich unerfahren, schüchtern verhalten und die Entjungferung mit Taubenblut vortäuschen. Im langen Antwortbrief (V. 2261 ff.) wird die Intrige in einer Minneallegorie hyperbolisch ironisiert, indem Maria der von Venus repräsentierten „falsche[n] minn“ den himmlischen Segen im Falle einer Ehe erteilt. Chrippenchra stellt somit die richtige und die falsche Minne sowie ihre symbolischen Gegenfiguren nebeneinander und gibt damit indirekt seiner Vaterschaft die literarisch höhere Weihe.

2. Teil: Hochzeit Strukturell gesehen, bildet der zweite Teil den Drehpunkt des Werkes, da einerseits das Werben zu Ende geführt und andererseits der Anlass für den Krieg im dritten Teil geboten wird. Die Hauptpersonen treten mit Beginn des Festessens zunehmend in den Hintergrund. Parallel dazu wird die Handlung ernster: Die burlesken Bauernspiele und Prügeleien wandeln sich zur Kriegshandlung, aber bereits das alltägliche Dorfleben trägt schon die Anlagen zu List und Grausamkeit in sich. Am Schluss zieht Bertschi seine Konsequenzen aus den bitteren Erfahrungen und zieht sich aus der Gesellschaft zurück.

Bertschis Familienberatung