Karl Tschuppik (* 26. Juli 1876 in MelnikAufgrund widersprüchlicher Angaben der Quellen und Zeitgenossen gibt es in der Literatur Diskussionen über Geburtsdatum, Geburtsort und Religion der Herkunftsfamilie. Das staatliche Regionalarchiv von Prag stellte aber den Taufeintrag (in tschechischer Sprache, oberste Zeile) vom 6. August 1876 eines Kirchenbuchs online, der angibt, dass Tschuppik am 26. Juli 1876 halb fünf Uhr früh in Mělník geboren wurde und alle Eltern und Großeltern katholisch waren. Gelegentliche, oft widersprochene Gerüchte, er käme aus jüdischer Familie sind widerlegt, waren schon auch vorher unglaubwürdig, weil seine väterlichen Vorfahren österreichische Beamte und Offiziere seit Maria Theresia waren, was nicht katholischen Untertanen erst seit Joseph II., endgültig seit der Revolution 1848 möglich war, die mütterlichen Vorfahren trugen tschechische Namen, was für jüdische Bewohner Böhmens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ungewöhnlich war. Vgl. Georg B. Deutsch: Materialien zu Karl Tschuppik (KT)., in: Soma-Morgenstern.at, S. 9 und S. 16., Königreich Böhmen, Österreich-Ungarn; † 22. Juli 1937 in Wien) war ein österreichischer Journalist, Feuilletonist, Publizist und Herausgeber.
Karl Tschuppik arbeitete für Zeitungen wie das Prager Tagblatt, dem er von 1898 bis 1917 als Redakteur und Herausgeber angehörte, und publizierte in zahlreichen zumeist dem linksintellektuellen Spektrum zuordenbaren Zeitungen und Zeitschriften in Wien, Berlin und München. Er war einer der bedeutendsten österreichischen Publizisten vor 1938. Bei bedeutenden zeitgenössischen Publizisten und Journalisten wie Max Brod, Joseph Roth oder Friedrich Funder fanden seine Publikationen große Anerkennung,vgl. Amann, 1992, S. 31 Friedrich Torberg würdigte ihn in seiner Tante Jolesch.
Tschuppik sowie sein publizistisches Schaffen, das von der Ablehnung sowohl des Nationalsozialismus und Deutschnationalismus als auch des Austrofaschismus geprägt war, galten lange Zeit als vergessen. Für die nationalsozialistische Propaganda diente Tschuppik als häufiges Angriffsziel unter den Publizisten; so war er bereits auf der ersten, 1933 veröffentlichten „Schwarzen Liste“ der „schädliches und unerwünschtes Schrifttum“ verbreitenden Autoren nicht nur aufgelistet, sondern auch gesondert erwähnt.Prokopp, 1995, S. 29
Leben und Wirken
Herkunft
Karl Tschuppik wurde am 26. Juli 1876 als Sohn des Ingenieurs der Österreichischen Nordwestbahn Friedrich Tschuppik in Melnik (Mělník) in Böhmen geboren. Seine Mutter Ludmilla war die Tochter des Prager Arztes Josef Komárek. Die Vorfahren Tschuppiks väterlicherseits dienten über sechs Generationen als Offiziere und Beamte im habsburgischen Österreich.Prokopp, 1995, S. 7f Sein 13 Jahre jüngerer Bruder Walter (1889–1955) wurde Journalist.
Nach der Matura studierte er technische Wissenschaften an den technischen Hochschulen von Zürich (Eidgenössische Technische Hochschule Zürich) und Wien (Technische Hochschule Wien). Ob Tschuppik seinen Militärdienst vor oder nach dem Studium absolvierte – er selbst gab an, Gefreiter bei den k.u.k. Hoch- und Deutschmeistern gewesen zu sein – ist nicht bekannt.Prokopp, 1995, S. 8
Karriere im Journalismus in Prag und Wien (1898–1923)
Nach dem Studium kehrte Tschuppik nach Prag zurück. Dort machte er erste Veröffentlichungen bei der zweisprachigen Prager Monatsschrift Akademie, wo er auch Stefan Großmann kennenlernte. Ab 1898 oder 1899 war er Redakteur beim Prager Tagblatt, einer der renommiertesten deutschsprachigen Zeitungen der österreichisch-ungarischen Monarchie. 1909 oder 1910 wurde er dessen Chefredakteur. Noch vor dem Ersten Weltkrieg veröffentlichte er, gemäß Angaben in Nachrufen österreichischer Zeitungen, parallel zum Prager Tagblatt auch in Emil Kuhs Montagsblatt aus Böhmen, in der Frankfurter Zeitung, im Berliner Tageblatt und in der Pariser Le Temps. Welche Artikel er wann genau in diesen Zeitungen veröffentlicht hat, ist unbekannt. Generell ist über Tschuppiks Schaffen vor 1914 nur wenig bekannt.Prokopp, 1995, S. 9 Es konnten jedoch mehrere Artikel ausgemacht werden, die Tschuppik 1902 für die Arbeiter-Zeitung und 1907 für die Monatsschrift Deutsche Arbeit verfasste.
Ab 1914 ändert sich die Quellenlage zu Tschuppik schlagartig, da die Prager Tageszeitung in jenem Jahr die Signierung der Leitartikel mit den Redakteuren zuordenbaren Symbolen einführte. Tschuppiks Symbol war ein schräg nach rechts oben zeigender Pfeil.Karl Tschuppik plötzlich gestorben. In: Wiener Zeitung, 23. Juli 1937, S. 5 (zitiert aus Prokopp, 1995, S. 4) Insgesamt verfasste Tschuppik über 500 Leitartikel für das Prager Tagblatt. In diesen wird auch eine geistige Wandlung Tschuppiks vom für Deutschnationalismus und Kriegspropaganda Anfälligen zu einem pazifistischen, für ein unabhängiges Österreich Eintretenden erkennbar. So wiesen Tschuppiks Leitartikel vor Kriegsbeginn und in den ersten Monaten danach eine mit dem Krieg sympathisierende, tendenziell der Propaganda entsprechende, Haltung auf.Prokopp, 1995, S. 15f Zudem befürwortete er das Bündnis Österreich-Ungarns mit Deutschland und hieß die staatliche Beeinflussung der Presse gut – zumindest „bis zu einem gewissen Punkt“. Als dieser seiner Meinung nach überschritten wurde, entstanden Konflikte mit der Zensur. Im Laufe des Krieges wandelte sich auch seine übrige Einstellung grundlegend. Er wurde zum entschiedenen Gegner jeglichen Nationalismus, insbesondere des deutschen.
Am 11. November 1917 erschien Tschuppiks vorerst letzter Leitartikel für das Prager Tagblatt. Er wurde entlassen, da der Eigentümer Rudolf Koller der altliberalen Casino-Partei entgegenkommen wollte. Diese plante, die böhmische Zeitung Bohemia zu kaufen, jenen Konkurrenten des Prager Tagblattes, für den Koller Fusionspläne vorschwebten. Er glaubte, die Casino-Partei durch die Entlassung des ihnen politisch missfallenden Tschuppiks von ihren Plänen abbringen zu können.Prokopp, 1995, S. 17–19
Tschuppik übersiedelte mit seiner zehn Jahre jüngeren Lebensgefährtin Bertha nach Wien, wo er Stefan Großmann um Hilfe bei der Suche nach Arbeit bat. Es wurde ihm schließlich die redaktionelle Leitung von Benno Karpeles’ pazifistischer Wochenschrift Der Friede sowie ein Redakteursposten beim Neuen Wiener Tagblatt angeboten, das ihm 36.000 Kronen anbot. Er entschied sich für das Tagblatt, veröffentlichte aber auch im Frieden.Prokopp, 1995, S. 19f Nachdem die tschechische Zeitung Bohemia dennoch verkauft wurde, bereute Koller es, Tschuppik entlassen zu haben. Da Tschuppik nun in Wien beschäftigt war und der Chefredakteurs-Posten in Prag nachbesetzt wurde, einigte man sich mit Tschuppik darauf, von Wien aus Leitartikel für das Prager Tagblatt zu schreiben. Am 24. Dezember 1917 erschien sein erster Leitartikel für das Prager Tagblatt nach der Unterbrechung.Prokopp, 1995, S. 4
Ab 23. März 1919 bis 15. Juli 1919 war Tschuppik für die von Karpeles neu gegründete Tageszeitung Der neue Tag tätig: als Chef vom Dienst und als politischer Hauptredakteur. Er unterbrach hierzu seine Tätigkeit beim Neuen Wiener Tagblatt, kehrte aber anschließend wieder zu dieser Zeitung zurück. Beim Neuen Tag lernte er auch Joseph Roth kennen, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. Am 7. Dezember 1920 heiratete er seine Lebensgefährtin Bertha.Prokopp, 1995, S. 19
Seine erste Verhaftung erlebte Tschuppik am 30. Jänner 1922, als er einen in zivil auftretenden Sittenpolizisten an einer Amtshandlung zu hindern versuchte. Dieser versuchte gerade eine Prostituierte zu verhaften, wobei er sie in ein Haustor drängte, was für Außenstehende wie ein Überfall oder ein heftiger Streit aussah – so lautete dann auch Tschuppiks Rechtfertigung, die ihm auferlegte Geldstrafe nicht zu bezahlen. Es kam zu einem Prozess, in dem er freigesprochen wurde. Er hielt sich im Prozessverlauf verbal nicht zurück und musste eine Geldstrafe wegen „Wachebeleidigung“ zahlen.Prokopp, 1995, S. 20 Zu Beginn der 1930er Jahre wurde er ein zweites Mal verhaftet (siehe #Anekdoten).
Konfliktreiche Zeit als Chefredakteur der Stunde (1923–1926)
Am 2. Februar 1923 wurde Tschuppik Chefredakteur der neu gegründeten Stunde – der ersten Boulevardzeitung Österreichs, die nicht nur systematische Bespitzelung bekannter Personen zum Zwecke voyeuristischer Berichterstattung einführte, sondern auch im redaktionellen und gestalterischen Bereich das österreichische Pressewesen modernisierte und international übliche Standards mitbrachte. Die Zeitung wies jedoch trotz ihrer auf Massengeschmack ausgerichteten Gestaltung mit vielen Bildern und großen Überschriften sowie mit reißerischen bis verleumderischen Artikeln eine klare politische Linie auf: pro-demokratisch sowie gegen Links- und Rechtsextremismus.Prokopp, 1995, S. 22f Der Gründer Emmerich Bekessy wollte Tschuppik um jeden Preis als Chefredakteur der Stunde haben. Da er beim Neuen Wiener Tagblatt Aufstiegschancen und Herausforderungen vermisste, da dessen Chefredakteur Emil Löbl erst 1917 an diesen Posten kam und daher nicht an die Aufgabe desselbigen dachte, und nicht zuletzt aufgrund des gewiss hohen Gehaltsangebotes bei der Stunde nahm Tschuppik diesen Posten an.Prokopp, 1995, S. 21
Die drei Jahre seiner Tätigkeit bei dieser Zeitung waren jedoch auch von heftigen Auseinandersetzungen mit Karl Kraus geprägt. Dieser prangerte vor allem die Machenschaften und Geschäftspraktiken des Verlegers Imre Békessy an, machte aber auch Tschuppik als Chefredakteur für die „Bordellpublizistik“ verantwortlich.Amann, 1992, S. 35 Tschuppik blieb seiner politischen Linie jedoch auch bei der Stunde weitgehend treu. So veröffentlichte er ausgerechnet in der Stunde zwei umfangreiche Artikel, in denen er gegen die Verflechtung von „Kapital und Presse“ Stellung bezog.Amann, 1992, S. 46
Für Kraus war Tschuppik aber vor allem deswegen ein wichtiges Angriffsziel, da er in ihm sein „Monopol auf Zeit- und Sittenkritik“ gefährdet sah, und trotz derselben politischen Standpunkte Tschuppik unter anderem aufgrund seiner mitunter ironischen Schreibweise, die den Gegnern, so Kraus’ Vorwurf, Sympathie verschaffe, das „moralische Recht“ absprach, diejenigen zu bekämpfen, die Kraus auch in seiner Fackel bekämpfte.Amann, 1992, S. 37 So schrieb er 1923 in der Fackel: „Denn ehe ich mit Herrn Tschuppik einen Abscheu gemeinsam habe, protegiere ich lieber dessen Opfer! […] Denn so bacchantisch wie dieser Tschuppik hatte ich die Freiheit nicht gemeint.“
Einmal kam es zu einem Gerichtsprozess, in dem Tschuppik vorgeworfen wurde, jene Notiz in der Zeitung verfasst zu haben, in der die Personenbeschreibung eines angeblich wegen sexuellen Missbrauchs an Kindern gesuchten Straftäters abgegeben wurde, die offensichtlich auf den Chefredakteur der Arbeiter-Zeitung, Friedrich Austerlitz, abzielte. Tschuppik bestritt, dafür verantwortlich zu sein und wurde freigesprochen.Prokopp, 1995, S. 23
Nachdem sich Kraus’ Vorwürfe der geschäftsmäßigen Erpressung und Nötigung gegenüber Bekéssy erhärteten, wandte sich auch Tschuppik von seinem Arbeitgeber ab und verließ die Zeitung am 13. Juli 1926. Seither ließ er sich in keiner Redaktion mehr anstellen und war nur noch freischaffend tätig.
Kulturpublizismus und biografische Forschungen in Berlin (1926–1933)
Er übersiedelte 1926 nach Berlin, wo er in Kontakt mit Anton Kuh, Valeriu Marcu, Alfred Polgar, Alexander Roda Roda und Joseph Roth stand. Er schrieb Artikel, Glossen und geschichtliche Essays für die bedeutenden Kultur- und kulturpolitischen Zeitschriften Das Tage-Buch von Leopold Schwarzschild, Literarische Welt von Willy Haas sowie für Der Querschnitt. Während seiner Zeit in Deutschland wurde er bald zum Kenner der deutschen Verhältnisse, wie aus seinen Publikationen hervorgeht. Zugleich gewann er Distanz zu Österreich und dessen Habsburger-Vergangenheit, die er zusehends milder beurteilte.