Die Carl-Zeiss-Stiftung mit Sitz in Heidenheim an der Brenz und Jena ist die alleinige Eigentümerin der Carl Zeiss AG und der Schott AG. Die Stiftung unterstützt die Grundlagenforschung und die anwendungsorientierte Forschung und Lehre in den MINT-Fachbereichen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik). 1889 von dem Physiker und Mathematiker Ernst Abbe gegründet, ist die Carl-Zeiss-Stiftung eine der ältesten und größten privaten wissenschaftsfördernden Stiftungen in Deutschland. Ihre Projekte werden aus den Dividendenausschüttungen der beiden Stiftungsunternehmen finanziert. Das Produktportfolio der Stiftungsunternehmen umfasst neben den klassischen Bereichen Optik und Feinmechanik bzw. Glas und Spezialglas auch die Bereiche Optoelektronik und Glaskeramik. In den Stiftungsunternehmen Zeiss und Schott und ihren Tochtergesellschaften wurden im Geschäftsjahr 2019/2020 weltweit mehr als 48.500 Mitarbeiter beschäftigt und ein Umsatz von über 8,5 Milliarden Euro erzielt.Jahresbericht der Carl-Zeiss-Stiftung
Geschichte Gründung Gegründet wurde die Stiftung durch den Physiker und Mathematiker Ernst Abbe.Friedrich Schomerus: Werden und Wesen der Carl-Zeiss-Stiftung. 2. Auflage, Gustav Fischer, Stuttgart 1955. Er benannte sie nach seinem 1888 verstorbenen Geschäftspartner und Freund Carl Zeiß. Die Stiftungsurkunde datiert vom 19. Mai 1889; am 21. Mai erhielt die Stiftung ihre Rechtsfähigkeit als juristische Person durch die Genehmigung des Großherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach., abgerufen am 5. April 2024. Ursprünglich hatte Abbe die Absicht, seine Anteile an den Unternehmen Carl Zeiss und Jenaer Glaswerk Schott & Genossen der Universität Jena zu übertragen, da er glaubte, ihr seinen Aufstieg zum wohlhabenden Unternehmer zu verdanken. Aus diesem Grund errichtete Ernst Abbe bereits 1886 den Ministerialfonds für wissenschaftliche Zwecke, durch den er der Universität Jena jedes Jahr anonym erhebliche finanzielle Mittel zukommen ließ. Des Weiteren finanzierte er aus seinem privaten Budget 1889 den Bau einer Universitätssternwarte. mini|Ernst Abbe, Gründer der Carl-Zeiss-Stiftung Die von Abbe ursprünglich vorgesehene Schenkung seiner Unternehmensanteile an die Universität war rechtlich nicht möglich. Im Zusammenwirken mit Vertretern der Landesregierung entstand dann die Idee einer Stiftung. 1889 wurde die Carl-Zeiss-Stiftung errichtet und bereits 1891 brachte Ernst Abbe seine Anteile an den beiden Unternehmen und die von Roderich Zeiss, dem Sohn von Carl Zeiss, in diese Stiftung ein. 1919 übertrug auch Otto Schott seine Anteile auf die Stiftung, wodurch die Stiftung auch Alleineigentümerin des Glaswerks wurde. Die Erarbeitung des Stiftungsstatutes dauerte bis 1896. Ein Ergänzungsstatut, das die Zuwendungen an die Universität regelte, folgte im Jahr 1900.
In Paragraph 1 dieses Stiftungsstatuts sind folgende allgemeine Zwecke der Stiftung festgelegt:Ernst Abbe: Vorträge, Reden und Schriften sozialpolitischen und verwandten Inhalts. (= Gesammelte Abhandlungen von Ernst Abbe, Band 3.) (Nachdruck der Originalausgabe Jena 1906) Georg Olms, Hildesheim u. a. 1989. (online bei The Project Gutenberg EBook of Gesammelte Abhandlungen III, by Ernst Abbe, abgerufen am 17. November 2014) Wirtschaftliche Sicherung der beiden Stiftungsunternehmen Erfüllung sozialer Pflichten gegenüber den Mitarbeitern Förderung allgemeiner Interessen der „feintechnischen“ Industrie Betätigung in gemeinnützigen Einrichtungen zu Gunsten der arbeitenden Bevölkerung Jenas Förderung naturwissenschaftlicher und mathematischer Wissenschaft in Forschung und Lehre
Daneben enthält das Statut Regelungen zur Organisation der Stiftung, insbesondere zu den Stiftungsorganen, zur unternehmerischen Betätigung und zu sozial- und arbeitsrechtlichen Fragen. Die rechtliche Fixierung und rechtliche Durchsetzbarkeit der Mitarbeiterrechte waren für die Zeit sozialpolitisch herausragend, visionär und richtungsweisend. Die Besonderheit der damaligen rechtlichen Konstruktion der Carl-Zeiss-Stiftung war ihre Ausgestaltung als Unternehmensträgerstiftung im Unterschied zur heutigen Form als Beteiligungsträgerstiftung. Die Stiftung war also keine Holding, die Anteile an rechtlich selbständigen Unternehmen hielt, sondern sie betrieb selbst als Unternehmerin die Geschäfte über ihre beiden rechtlich unselbständigen Stiftungsunternehmen.
Die Stiftungsverwaltung lag beim großherzoglichen Kultusministerium in Weimar. Von dort kam der Stiftungskommissar, der die Aufsicht über die Betriebe führte. Die Vorstände der Unternehmen wurden von der Stiftungsverwaltung ernannt. Der erste Stiftungskommissar war bis 1896 Karl Rothe. Ihm folgte Max Vollert, der bis 1911 im Amt blieb. Danach übte Friedrich Ebsen bis 1933 das Amt des Stiftungskommissars aus.
Tätigkeit der Stiftung bis 1945 mini|Statut der Carl Zeiss-Stiftung zu Jena, Ausgabe 1906 mini|Teilschuldverschreibung über 1.000 Gulden der Carl-Zeiss-Stiftung vom 1. April 1926 Schon zu Beginn legte die Stiftung eine umfangreiche Fördertätigkeit an den Tag.Werner Plumpe (Hrsg.): Eine Vision. Zwei Unternehmen. 125 Jahre Carl-Zeiss-Stiftung. C. H. Beck, München 2014, ISBN 978-3-406-66285-0. Zunächst war es vor allem die Jenaer Universität, die Mittel erhielt. In einzelnen Jahren überstiegen die Zuschüsse der Stiftung sogar die Ausgaben der damaligen vier Erhalterstaaten der Universität. Insbesondere wurde ein umfangreiches Bauprogramm in Angriff genommen, es wurden Professoren- und Dozentenstellen von der Stiftung finanziert, und es wurden Zuschüsse oder Sachleistungen zu Instituten oder Projekten geleistet. Seit 1909 wurden ferner die Professorengehälter aus Mitteln der Stiftung aufgestockt. Auch für kommunale Belange wurden, wie es das Statut vorsah, Fördermittel ausgegeben.Wolfgang Plumpe: Die Carl-Zeiss-Stiftung 1896 bis 1933. In: Werner Plumpe (Hrsg.): Eine Vision. Zwei Unternehmen. 125 Jahre Carl-Zeiss-Stiftung. C. H. Beck, München 2014, ISBN 978-3-406-66285-0, S. 87–145.Wolfgang Wimmer: Das Verhältnis von Carl-Zeiss-Stiftung und Zeisswerk zur Universität bis 1933. In: Matthias Steinbach, Stefan Gerber (Hrsg.): „Klassische Universität“ und „akademische Provinz“. Studien zur Universität Jena von der Mitte des 19. bis in die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts. Dr. Bussert & Stadeler, Jena u. a. 2005, S. 59–76. Noch zu Lebzeiten Ernst Abbes wurde von der Stiftung das Volkshaus erbaut, in dem unter Leitung von Arthur Heidenhain eine Lesehalle mit Volksbibliothek eingerichtet sowie Vereins- und Versammlungsräume untergebracht wurden. Weitere Bauten folgten, und fast jeder Verein der Stadt erhielt in den nächsten Jahren Unterstützung.
Während des Ersten Weltkriegs wurden umfangreiche Rücklagen für sozialpolitische Projekte gebildet, die aber der Inflation zum Opfer fielen.Wolfgang Wimmer: Carl Zeiss im Ersten Weltkrieg. In: Birgitt Hellmann, Matias Mieth (Hrsg.): Heimatfront. Eine mitteldeutsche Universitätsstadt im Ersten Weltkrieg. (= Bausteine zur Jenaer Stadtgeschichte, Band 17.) Stadtmuseum Jena, Jena 2014, ISBN 978-3-942176-32-3, S. 193–212. Dennoch konnte die Stiftung schon bald danach wieder ihre Fördertätigkeit aufnehmen. Unter den geförderten Projekten war das bedeutendste Vorhaben die Errichtung einer der ersten reinen Kinderkliniken Deutschlands in Jena. Das ebenfalls in der Zwischenkriegszeit errichtete Abbeanum, ein markantes Gebäude im Stil des Neuen Bauens, beherbergte das Optische Institut und das Institut für Angewandte Mathematik und wird heute als Lehr- und Forschungsgebäude der Friedrich-Schiller-Universität Jena genutzt. Des Weiteren wurde auch die Erweiterung des Botanischen Gartens der Universität Jena finanziert.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten zeigten sich die Nachteile der staatsnahen Stiftungskonstruktion.Johannes Bär: Die Carl-Zeiss-Stiftung und die Stiftungsbetriebe im „Dritten Reich“. In: Werner Plumpe (Hrsg.): Eine Vision. Zwei Unternehmen. 125 Jahre Carl-Zeiss-Stiftung. C. H. Beck, München 2014, ISBN 978-3-406-66285-0, S. 147–193. Neuer Stiftungskommissar wurde der NS-Aktivist Julius Dietz. Zwischen ihm und der Gauleitung auf der einen Seite und der Geschäftsführung der Unternehmen (August Kotthaus, Walther Bauersfeld und Paul Henrichs) und einzelnen mutigen Bürgern wie der Abbe-Tochter Grete Unrein auf der anderen Seite kam es zu heftigen Auseinandersetzungen. Sie gipfelten in einer Klage gegen den thüringischen Innenminister Fritz Wächtler wegen der erzwungenen Änderungen des Statuts. Erst allmählich beruhigte sich die Lage. Diese Beruhigung war sicher auch der Bedeutung der beiden Stiftungsunternehmen für die anlaufende Aufrüstung geschuldet.
Stiftungsreformen bis 1945 Um die dauerhafte Verwirklichung seiner Stiftungsidee zu sichern, legte Ernst Abbe in seinem Stiftungsstatut strenge Anforderungen an eine Änderung des Statuts fest. Danach dürfen Veränderungen nur vorgenommen werden, wenn sich die rechtlichen, technischen oder ökonomischen Rahmenbedingungen so gravierend verändert haben, dass eine Aufrechterhaltung der Bestimmungen des Statuts entweder nicht möglich, mit Blick auf die absehbaren Folgen undurchführbar oder aber unter Berücksichtigung der erkennbaren Absichten des Stifters zweckwidrig sein würde. Um die Einhaltung dieser Voraussetzungen zu gewährleisten, räumt das Stiftungsstatut den Mitarbeitern der Stiftungsunternehmen das Recht ein, Änderungen des Stiftungsstatuts gerichtlich auf ihre Notwendigkeit hin überprüfen zu lassen.
Eine erste Stiftungsreform war bereits im Statut von 1896 vorgesehen. Nach zehn Jahren sollte die Funktionsfähigkeit der Einrichtungen der Stiftung überprüft und das Statut entsprechend angepasst werden. Weitere kleinere Reformen folgten.
Nach 1933 setzten die nationalsozialistischen Machthaber umfangreichere Änderungen durch. Unter anderem wurde das Gebot der Toleranz gegenüber Abstammung, Bekenntnis und Parteistellung von Mitarbeitern (Paragraph 56) abgeschafft. Diese Änderungen wurden 1945 rückgängig gemacht. Zur geplanten Stiftungsreform in der DDR ist es nie gekommen.
Die Teilung und die Folgen: der Warenzeichenstreit Jena wurde im April 1945 von amerikanischen Truppen besetzt.Edith Hellmuth, Wolfgang Mühlfriedel: Carl Zeiss 1945–1990. (= Carl Zeiss. Die Geschichte eines Unternehmens, Band 3.) Böhlau, Köln u. a. 2004, ISBN 3-412-11196-1, S. 3–23. Bei ihrem Abzug drei Monate später nahmen sie führende Mitarbeiter, die amtierende Geschäftsführung und wichtige Unterlagen mit in den Westen. Zunächst wurden die Mitarbeiter in Heidenheim an der Brenz interniert, die Unterlagen wurden zur Auswertung in die USA gebracht. 1946 begannen die Zeiss-Mitarbeiter mit dem Aufbau eines Werks in Oberkochen in der Nähe von Heidenheim unter dem Namen Opton. Dieses Vorhaben wurde zunächst von der Jenaer Carl-Zeiss-Stiftung finanziert und unterstützt. Die Schott-Mitarbeiter bauten 1951/1952 ein neues Werk in Mainz auf. 1948 wurden die Jenaer Stiftungsbetriebe enteignet und in Volkseigene Betriebe überführt. Die Carl-Zeiss-Stiftung blieb erhalten, sie beschränkte ihre Tätigkeit allerdings auf die Erfüllung sozialer Aufgaben. Das Leitprinzip Abbes, „die stabile Fortentwicklung der Stiftungsunternehmen“ war damit nicht mehr gewährleistet, denn die Stiftungsunternehmen Carl Zeiss Jena und Jenaer Glaswerk Schott & Genossen waren Volkseigene Betriebe geworden (VEB Carl Zeiss Jena und VEB Jenaer Glaswerk).Louis Pahlow, André Steiner: Die Carl-Zeiss-Stiftung in Wiedervereinigung und Globalisierung 1989 bis 2004. Wallstein Verlag, Göttingen 2017.