Rafah (; ) ist bzw. war eine palästinensische Stadt im südlichen Gazastreifen. Es war die Hauptstadt des Gouvernements Rafah und liegt 30 Kilometer südwestlich von Gaza-Stadt. Rafah-Stadt hatte 2017 laut dem Palästinensischen Zentralamt für Statistik 171.889 Einwohner. In Rafah befindet sich der Grenzübergang Rafah, der einzige Grenzübergang zwischen Ägypten und dem Gazastreifen.
Rafah war bis 1967 unter ägyptischer Besatzung, von 1967 bis 2005 unter israelischer Besatzung. Bei der Rafah-Offensive 2024 im Verlauf des Kriegs in Israel und Gaza wurde die Stadt Rafah praktisch vollständig zerstört.
Demografie Laut dem Palästinensischen Zentralamt für Statistik hatte Rafah-Stadt 2017 171.889 Einwohner.
Bei der Volkszählung von 1997 betrug die Geschlechterverteilung in Rafah 50,5 % Männer und 49,5 % Frauen.
Geografie und Klima Rafah befindet sich in einer mediterranen Klimazone und war sehr dicht besiedelt. Das Klima entspricht dem von anderen Städten am Levantischen Meer, es gibt jedoch mehr Niederschlag. Die Sommer sind heiß und trocken, die Winter mild und regnerisch. Die Temperaturen betragen im Sommer tagsüber etwa 30 Grad Celsius und überschreiten aufgrund der Lage am Meer selten 35 Grad Celsius. An Wintertagen ist es tagsüber meist mild bis kühl, wobei es nachts auch mal kalt wird und die Temperaturen häufig auf unter 6 Grad Celsius fallen. Der Niederschlag besteht meist aus Regen mit gelegentlichem Hagel und Schneeregen. Schneefall kommt selten vor.
Das Köppen-Geiger-Klimaklassifizierungssystem klassifiziert Rafahs Klima als heiß semiarid (BSh).
Geschichte Raphia der Bronzezeit bis zur Hellenistischen und Römischen Zeit Die erste Erwähnung Rafahs findet sich in einer Inschrift von Pharao Sethos I., die auf das Jahr 1303 v. Chr. datiert wird. Beim Kriegszug des Scheschonq I. in die Levante 925 v. Chr. war Rafah die erste Station. Gut 200 Jahre später, im Jahr 720 v. Chr., siegte hier Šarrum-ken II. über Ägypten. Außerdem war Rafah Schauplatz der Schlacht von Raphia zwischen Ptolemaios IV. und Antiochos III. 217 v. Chr.Polybios Historien V.79–86; bei Franciscan Cyberspot
Die Stadt wurde vom hasmonäischen König Alexander Jannäus erobert und wurde Teil des Hasmonäerreiches. Bei der Eroberung wurde die Stadt erheblich zerstört, sodass sie erst zur Zeit der römischen Feldherrn Pompeius und Gabinius wieder aufgebaut wurde. Letzterer scheint die eigentlichen Restaurierungsarbeiten durchgeführt zu haben, da die Neugründung der Stadt auf das Jahr 57 v. Chr. datiert. Rafah wird in Strabons Geographika (16, 2, 31) erwähnt und ist auf der Karte von Madaba abgebildet.
Byzantinische Zeit In der Folge stieg die Bedeutung der Stadt und sie war bis in die frühe arabische Periode eine wichtige Handelsstadt nahe der Grenze der Provinz Syria zu Ägypten. Während der byzantinischen Ära war Rafah eine Diözese. Aus dieser Zeit wurden byzantinische Keramik und Münzen gefunden. 431 n. Chr. war Rafah beim Konzil von Ephesus vertreten, blieb aber bis heute ein Titularsitz der römisch-katholischen Kirche.
Frühe muslimische bis mamlukische Zeit Rafah war eine der Städte, die 635 n. Chr. vom Rashidun-Kalifat unter General Amr ibn al-ʿĀs erobert wurde, und war anschließend eine wichtige Handelsstadt während der frühen muslimischen Zeit.Vgl. al-Balāḏurī: Kitāb Futūḥ al-Buldān. Ed. Michael Jan de Goeje. Brill, Leiden, 1866. S. 138. – Deutsche Übers. Oskar Rescher. S. 141. Unter den Umayyaden und Abbasiden war Rafah die südlichste Grenze von Jund Filastin („Bezirk Palästinas“). Laut dem arabischen Geographen Al-Ya'qubi war es die letzte Stadt in der Provinz Syrien an der Straße von Ramla nach Ägypten.
Im 10. Jahrhundert und erneut im 12. Jahrhundert siedelte sich eine jüdische Gemeinde in der Stadt an, die im 11. Jahrhundert jedoch einen Niedergang erlebte und 1080 nach Aschkelon auswanderte. In dieser Zeit lebte dort auch eine Samaritanergemeinschaft. Wie die meisten Städte im Süden Palästinas hatte das antike Rafah einen Landeplatz an der Küste (heute Tell Rafah), während die Hauptstadt im Landesinneren lag.
Im Jahr 1226 schreibt der arabische Geograph Yaqut al-Hamawi über Rafahs frühere Bedeutung in der frühen arabischen Zeit und sagt, es sei „einst eine blühende Stadt mit einem Markt, einer Moschee und Gasthäusern“ gewesen. Er fährt jedoch fort, dass Rafah in seinem jetzigen Zustand in Trümmern liege und nur eine ayyubidische Poststation auf dem Weg nach Ägypten nach dem nahegelegenen Deir al-Balah sei.
Osmanische Herrschaft und Britische Eroberung im Ersten Weltkrieg mini|Schlacht von Rafah, 1917 Rafah erschien in den osmanischen Steuerregistern von 1596 als Teil des Sanjak von Gazza. Es gab eine Bevölkerung von 15 Haushalten, allesamt Muslime, die Steuern auf Weizen, Gerste, Sommerfrüchte, Gelegenheitseinkünfte, Ziegen und Bienenstöcke zahlten.Hütteroth und Abdulfattah 1977, S. 150
Im Jahr 1799 zog die von Napoleon Bonaparte kommandierte Revolutionsarmee Frankreichs während der Invasion in Ägypten und Syrien durch Rafah. 1917 eroberte die britische Armee Rafah und nutzte es als Basis für ihren Angriff in der ersten Schlacht um Gaza. Die Präsenz der Militärstützpunkte war ein wirtschaftlicher Anziehungspunkt, der die Menschen zurück in die Stadt brachte.
Bei der Volkszählung von 1922 in Palästina, die von den britischen Mandatsbehörden durchgeführt wurde, hatte Rafah eine Bevölkerung von 599 Einwohnern, alle Muslime und stieg bei der Volkszählung von 1931 auf 1.423 an, weiterhin waren alle Einwohner Muslime und lebten in 228 Häusern.
In den Statistiken von 1945 hatte Rafah laut einer offiziellen Land- und Bevölkerungsumfrage 40.579 Dunam Land und eine Bevölkerung von 2.220.
In den 1940er Jahren wurde in Rafah ein Internierungslager betrieben. Dieses Lager erhielt im Rahmen der Operation Agatha besondere Bedeutung und wurde deshalb als Deckname des Hagana-Schiffs Athena gewählt.
Ägyptische Besatzung ab 1948 Nach dem Palästinakrieg von 1948 herrschte ägyptische Besatzung über das Gebiet und es wurden Flüchtlingslager errichtet. Im Suezkrieg zwischen Israel, Großbritannien, Frankreich und Ägypten im Jahr 1956 wurden am 12. November während des Rafah-Massakers 110 Menschen, darunter 103 Flüchtlinge, von der israelischen Armee im palästinensischen Flüchtlingslager Rafah getötet.
Israelische Besatzung ab 1967 mini|Rafah unter israelischer Besatzung, 1985 Während des Sechstagekrieges 1967 eroberten die israelischen Streitkräfte Rafah, die Sinai-Halbinsel und den Gazastreifen. Die Bevölkerung betrug etwa 55.000, von denen nur 11.000 in Rafah selbst lebten. Am Freitag, dem 9. Juni 1967, zerstörte und sprengte die israelische Armee 144 Häuser im Flüchtlingslager Rafah und tötete 23 Bewohner.
In den ersten Monaten der Ersten Intifada am 25. April 1989 wurde der 22-jährige Rafah-Bewohner Khaled Musa Armilat in Khan Yunis von israelischen Soldaten erschossen. In einem Brief an ein Mitglied der Knesset vom März 1990 erklärte Verteidigungsminister Yitzhak Rabin, dass der Bruder des Toten verhört worden sei und dass er von der israelischen Grenzpolizei ermordet worden sei. Dreieinhalb Wochen nach Armilats Ermordung, am 19. Mai, wurden in Rafah fünf Zivilisten, darunter eine 50-jährige Frau und ein 13-jähriger Junge, von israelischen Soldaten mit Plastikgeschossen getötet. Zwei der zwölf weiteren Opfer starben später an ihren Verletzungen.
Im Mai 2004 genehmigte die israelische Regierung unter dem damaligen Premierminister Ariel Scharon eine weitere Massenzerstörung von Häusern in Rafah.
Abkoppelung 2005 Im September 2005 zog sich Israel aus dem Gazastreifen zurück, doch Rafah blieb geteilt, wobei ein Teil davon auf der ägyptischen Seite der Grenze unter ägyptischer Herrschaft stand. Es wurde berichtet, dass Tunnel unter der Grenze gebaut wurden, die die beiden Teile der Stadt verbanden und den illegalen Schmuggel von Gütern und Personen ermöglichten.
Bürgerkrieg 2007 mini|Die Stadt Rafah ist durch die Grenze zwischen Ägypten (links) und Gaza und Israel (rechts) in einen ägyptischen und einen palästinensischen Teil getrennt, aufgenommen von der Internationalen Raumstation, Januar 2013 Spannungen zwischen Fatah und Hamas begannen 2005 nach dem Tod von Jassir Arafat im November 2004 zuzunehmen. Nach den Parlamentswahlen am 25. Januar 2006, die mit einem Sieg der Hamas endeten, waren die Beziehungen von sporadischen Fraktionskämpfen geprägt. Diese wurden intensiver, nachdem es den beiden Parteien wiederholt nicht gelungen war, eine Einigung über die Aufteilung der Regierungsmacht zu erzielen. Im Juni 2007 eskalierte die Lage und führte zum Bürgerkrieg in Gaza und zur Machtübernahme durch die Hamas. Ein Hauptproblem war die Kontrolle der Grenzübergänge, insbesondere des Grenzübergangs in Rafah.
Die palästinensische unabhängige Kommission für Bürgerrechte hat festgestellt, dass bei den Kämpfen zwischen Januar 2006 und Mai 2007 über 600 Palästinenser getötet wurden. Im Zuge des Konflikts wurden in den folgenden Jahren Dutzende weitere Menschen getötet oder hingerichtet. Der Versöhnungsprozess und die Vereinigung der Regierungen von Hamas und Fatah sind noch nicht abgeschlossen und die Situation gilt als eingefrorener Konflikt.
Nach dem Kampf um Gaza im Juni 2007 zwischen Milizen der verfeindeten palästinensischen Hamas und Fatah sowie weiteren militanten palästinensischen Gruppen endete die Regierung der nationalen Einheit, bei der Hamas und Fatah eine Art große Koalition gebildet hatten. Viele Fatah-Kämpfer flohen im Verlauf der Kämpfe nach Ägypten oder in das mehrheitlich von der Fatah kontrollierte Westjordanland. Die ägyptische Regierung befürchtete 2007, dass sich Gaza zu einem iranischen Vorposten in der Region entwickele und dass die Führung des Gazastreifens durch Hamas zu einem Erstarken der ihr nahestehenden Muslimbruderschaft führe, welche damals die stärkste Oppositionskraft in Ägypten bildete.Associated Press via Haaretz: , 22. Juni 2007
Hannibal-Direktive im Gazakrieg 2014 Im Gazakrieg 2014 sollte eine geplante 72-stündige Waffenruhe am 1. August die Kämpfe im Gazastreifen unterbrechen. Als IDF-Soldaten daran gingen, im Niemandsland bei Rafah einen Tunnel zu zerstören, griffen aus diesem mehrere Hamas-Kämpfer an, wobei sich einer selbst in die Luft sprengte. Zwei israelische Soldaten wurden dabei getötet, der IDF-Leutnant Hadar Goldin galt als vermisst. Israel ging davon aus, dass er als Gefangener nach Rafah verbracht werden sollte, und kündigte daraufhin die Waffenruhe auf, um ihn befreien zu können. Die Hamas bezichtigte Israel, dass die Entführung nur ein Vorwand sei, um die Waffenruhe zu brechen. Infolgedessen griff Israel auf die Hannibal-Direktive zurück, die darauf abzielt, Kameraden vor der Gefangennahme zu schützen, auch wenn dies das Risiko für den Tod des betroffenen Soldaten erhöht. Bei den nun anschließenden Gefechten im Entführungsgebiet Rafah starben mindestens 50 Palästinenser, hunderte Menschen wurden verletzt und die eigentlich geplante Waffenruhe scheiterte. Der stellvertretende Chef des Hamas-Politbüros, Mussa Abu Marsuk, behauptete, der Hamas-Angriff habe „vor Beginn der Waffenruhe“ stattgefunden. Amnesty International beschuldigte Israel schwerer Kriegsverbrechen und prangerte die massive Feuerkraft und Bombardierung von Rafah an. Laut Amnesty International-Bericht starben mindestens 135 palästinensische Zivilisten.
Rafah-Offensive 2024 Während der Militäroperation „Eiserne Schwerter“ seit dem 7. Oktober 2023, flohen Palästinenser aus dem Norden und der Mitte Gazas in den Süden. Das Gouvernement Rafaha im Süden des Gazastreifens, an der Grenze zu Ägypten, galt zwar als eine Hochburg der Terrororganisation Hamas, blieb zuerst jedoch weitgehend von Kampfhandlungen verschont.