mini|450px|Portolankarte des Mittelmeerraums aus dem Jahr 1619, ein Zeugnis des regen Handelsverkehrs

Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps II. () ist das Mitte des 20. Jahrhunderts entstandene Hauptwerk des französischen Historikers Fernand Braudel, des Hauptrepräsentanten der zweiten Generation der Annales-Schule. Das dreibändige Werk widmet sich im Sinne einer histoire totale, also mit umfassendem Anspruch, der Geographie, Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Mittelmeerraums bis in die Zeit Philipps II. von Spanien. Dies war eines der ersten historiographischen Werke, das nicht einen Staat oder eine Person, sondern einen geographischen Raum ins Zentrum der Betrachtung rückte.

Entstehung Konzeption und Recherche Braudel war von 1923 bis 1932 als Gymnasiallehrer in Algier und Constantine, damals Teil Französisch-Nordafrikas, tätig. Der dortige Kontakt mit dem Mittelmeer wirkte sich, wie er später betonte, entscheidend auf seine Forschungsinteressen aus: Da er das Mittelmeer nun „von der anderen Seite aus“ als der für ihn als Franzosen gewohnten nördlichen Perspektive betrachtete, gelangte der geographische Raum gegenüber der streng nationalstaatlichen Ausrichtung stärker in sein Bewusstsein.Fernand Braudel: Personal Testimony. In: Journal of Modern History, Band 44, 1972, Nummer 4, S. 448–467, hier S. 450 f. Bereits 1923 dachte er über eine Habilitationsschrift () über ein diplomatiegeschichtliches Thema nach: Philipp II. von Spanien und der Mittelmeerraum in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Die erste Konzeption sah jedoch noch eine traditionelle historische Untersuchung mit dem Fokus auf der politischen Geschichte vor.

1927 begann Braudel damit, zu seinem Thema zu recherchieren – zunächst in Paris, später in einigen spanischen Archiven (besonders Simancas und Madrid), dann in Italien (Genua, Rom, Venedig, Palermo) und schließlich in Ragusa (heute Dubrovnik), das insbesondere aufgrund seiner Schifffahrtsregister von Nutzen war und dadurch die Ausrichtung der Arbeit wesentlich beeinflusste. Für diese Archivstudien wandte er jede verfügbare freie Zeit auf, insbesondere die Sommerferien. Mithilfe einer Fotokamera, die er in Algier gekauft hatte, konnte er eine große Anzahl an historischen Dokumenten in kurzer Zeit auf kleinem Raum festhalten (an manchen Tagen allein mehrere Tausend). Das so gesammelte Material wurde im Rest des Jahres in Zusammenarbeit mit seiner Frau Paule ausgewertet, indem einer das fotografierte Dokument las und der andere die Notizen dazu festhielt.Eric R. Dursteler: Fernand Braudel (1902–1985). In: Philip Daileader, Philip Whalen (Hrsg.): French Historians 1900–2000. New Historical Writing in Twentieth-Century France. Wiley-Blackwell, Chichester 2010, S. 62–76, hier S. 63 f.

Bereits früh verlagerte sich das Interesse Fernand Braudels allerdings von dem eigentlichen Protagonisten seiner Arbeit, Philipp II., auf das Mittelmeer als geographischen Raum und auf eine universalere Sicht auf die Vergangenheit. So veröffentlichte er 1928 als Nebenergebnis seiner Studien den Aufsatz „Les Espagnols et l’Afrique du Nord, 1492–1577“ („Die Spanier und das nördliche Afrika 1492–1577“) in der Revue africaine, der bereits den bisher praktizierten Fokus der Geschichtsschreibung auf Kriege und Staatsmänner kritisierte und das Augenmerk stattdessen auf wirtschaftliche und alltägliche Kontakte legte. In den 1930er-Jahren kam er dann in Kontakt mit der neu entstandenen „Annales“-Schule, unter anderem durch den Besuch von Vorträgen Henri Pirennes in Algier. Der Annales-Schule gehörte auch der Professor Lucien Febvre an, der Braudel bereits zuvor darin bestärkt hatte, die Ausrichtung der Arbeit zu ändern, und später ihre Betreuung übernahm. Von 1935 bis 1937 war Braudel als Gastdozent an der Universität von São Paulo in Brasilien tätig, wo er viel Zeit hatte, um an der Konzeption seiner Schrift zu arbeiten. Bei der mehrwöchigen Rückreise im Oktober 1937 traf er auf dem Schiff erneut Febvre, der bereits über Philipp II. gearbeitet hatte, und trat mit ihm in eine engere, freundschaftliche Beziehung. Der ältere Forscher regte ihn dazu an, das Thema „Philipp II. von Spanien und der Mittelmeerraum“ umzukehren: „Warum nicht ‚Das Mittelmeer und Philipp II.‘? Ist das nicht ein gleich schönes, aber anderes Thema?“ Im folgenden Jahr erhielt Braudel eine Berufung an die École pratique des hautes études.

Niederschrift und Veröffentlichung Braudel schloss seine umfangreichen Recherchen 1939 wenige Tage vor der Mobilisierung der französischen Armee vor dem Hintergrund des ausbrechenden Zweiten Weltkrieges ab. Im Sommer konnte er zwar in Febvres Sommerhaus mit der Niederschrift der Arbeit beginnen, wurde dann jedoch zum Kriegsdienst eingezogen. Am 29. Juni 1940 geriet er in den Vogesen in deutsche Kriegsgefangenschaft und blieb bis 1945 in verschiedenen Offizierslagern. In einer enormen Gedächtnisleistung schrieb er währenddessen, ohne Zugang zu seiner über Jahre angehäuften Materialsammlung, in unzähligen Schulheften auf rund 4000 Seiten drei Versionen seines künftigen Buches und schickte sie nacheinander über die Schweizer Botschaft an Lucien Febvre, der sie trotz der Kriegswirren vor der Zerstörung bewahren konnte. Braudel kam neben seinem Gedächtnis auch die Tatsache zugute, dass er kurz vor Kriegsausbruch alle Notizen und Rechercheergebnisse noch einmal sorgfältig durchgesehen hatte.

mini|Darstellung des Lebens in einem deutschen Oflag von E. Arnaud Zeitweilig war Braudel ,Laura Hannemann: Der entfesselte Geist. Die französischen Lageruniversitäten im Zweiten Weltkrieg. In: Francia, Band 33, 2006, Heft 3, S. 95–120, hier S. 107 (online). weshalb er sich intensiv mit deutschsprachiger Literatur aus der Universitätsbibliothek Mainz auseinandersetzen konnte und im Vergleich die französische Humangeographie und Nationalökonomie als rückständig empfand. Er führte auch eine umfangreiche Korrespondenz mit Fachkollegen wie Lucien Febvre und mit seiner Familie, etwa seiner Frau Paule. 1942 wurde er aufgrund seiner politischen Einstellung als Anhänger Charles de Gaulles in das Oflag X-C nahe LübeckZu seinem Aufenthalt dort siehe Peter Schöttler: Der französische Historiker Fernand Braudel als Kriegsgefangener in Lübeck. In: Zeitschrift für Lübeckische Geschichte. Band 95, 2015, S. 275–288. gebracht, wo die Lebensbedingungen schlechter waren, Braudel sich jedoch eigener Aussage zufolge in aller Abgeschiedenheit besser auf das Thema konzentrieren und produktiver arbeiten konnte.Eric R. Dursteler: Fernand Braudel (1902–1985). In: Philip Daileader, Philip Whalen (Hrsg.): French Historians 1900–2000. New Historical Writing in Twentieth-Century France. Wiley-Blackwell, Chichester 2010, S. 62–76, hier S. 65. Erst dabei habe sich seine Geschichtsauffassung endgültig herausgebildet; von den tragischen Erlebnissen dieser Jahre habe er sich nur durch die Konzentration auf einen „langfristigen Beobachtungszeitraum“ („long-time scale“Fernand Braudel: Personal Testimony. In: Journal of Modern History, Band 44, 1972, Nummer 4, S. 448–467, hier S. 454.) der Geschichte ablenken können.

Braudel legte die Habilitation 1947 vor, nachdem er den Inhalt der Hefte zusammen mit seiner Frau noch einmal überarbeitet und mit den Notizen abgeglichen hatte. Diese hatten den Krieg in einem Metallcontainer im Keller ihrer Pariser Wohnung unbeschadet überstanden. Zwei Jahre später wurde das Werk auf 1160 Seiten erstmals veröffentlicht, da erst vier Jahre nach dem Krieg die wirtschaftliche Lage die Produktion eines solch umfangreichen Buches wieder erlaubte. Es folgte 1966 eine weitere Überarbeitung, wobei der Umfang des Werks auf 1222 Seiten anwuchs. Anschließend entstanden Übersetzungen in zahlreiche Sprachen und ebenso zahlreiche Neuauflagen.

Konzeption Braudel unterscheidet in den drei Bänden seiner Méditerranée drei Zeitebenen, für die das Werk unter Historikern weithin bekannt ist: Die erste und wichtigste Zeitebene nannte er die longue durée („Lange Dauer“), die sich auf die geographischen Rahmenbedingungen und die gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Strukturen eines historischen Geschehens bezieht. Sie ist kaum veränderlich, und Wandel findet nur sehr langsam statt. Die zweite Zeitebene sind Konjunkturen „mittlerer Dauer“ (), die einen Wandel im Rahmen von Jahren oder Jahrzehnten bedeuten und die Geschichte von staatlichen Systemen, gesellschaftlichen Gruppen und kulturellen Bewegungen umfassen. Auf der dritten Ebene der klassischen Ereignisgeschichte () finden etwa der Erlass von Gesetzen oder Regierungswechsel im Zeitrahmen von Wochen und Tagen statt. Diese Ebene wird im Anschluss an Braudel bei Historikern der Annales-Schule gering geschätzt, da sie als nicht erklärungskräftig für Zustände und Entwicklungen angesehen wird.

Braudel beginnt seine Darstellung mit der geologischen Entstehung des Mittelmeeres und endet mit dem Tod Philipps II. am 13. September 1598.Markus Völkel: Geschichtsschreibung. Eine Einführung in globaler Perspektive. Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2006, ISBN 978-3-412-18605-0, S. 334. Gemäß der Dreiteilung in Zeitebenen beschreibt er im ersten Teil die wiederkehrenden Ereignisse, die Jahreszeiten, ihre Auswirkungen auf die Verhältnisse auf dem Meer und die Stürme, die wiederkehrenden Hirtenwanderungen (Transhumanz), die Auswirkungen der sumpfigen Ebenen und der Gebirge auf den Verlauf der menschlichen Geschichte. Der zweite und längste Teil ist der mittelfristigen Geschichte gewidmet, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen, den Handelswegen und den wirtschaftlichen Zyklen. Der dritte und kürzeste Teil beschäftigt sich mit der Geschichte im klassischen Sinne, dem Verlauf der Ereignisse, die Braudel als „Schaum auf der Welle“ der Geschichte bezeichnet.

Braudels Anliegen war es, mit der Méditerranée eine (wörtlich „Globalgeschichte“) zu schreiben. Das darf nicht dem Konzept einer Weltgeschichte verwechselt werden; es geht ihm vielmehr darum, die Grenzen des vorliegenden Problems zu überschreiten: der Mittelmeerraum ist daher nicht bloß das Mittelmeer selbst, auch nicht nur seine Küste, sondern Braudel untersucht auch das „erweiterte Mittelmeer“, das Flandern und die Hanse ebenso mit einschließt, wie den Atlantik, die Sahara und den Indischen Ozean.Peter Burke: Die Geschichte der „Annales“. Die Entstehung der neuen Geschichtsschreibung. 2. Auflage, Wagenbach, Berlin 2004, ISBN 978-3-8031-2503-3, S. 152. So soll das Untersuchungsthema in ein Gesamtsystem eingebettet werden.

Bedeutung Mit seiner neuartigen Methode, einen geographischen Raum in den Mittelpunkt des historischen Interesses zu stellen und die Geschichte nach drei Zeitebenen zu differenzieren, hatte Braudel einen großen Einfluss auf die Entwicklung der Geschichtswissenschaft, insbesondere die „Annales“-Schule. Ob dem Autor tatsächlich eine „Global“- oder „Totalgeschichte“ des Mittelmeerraumes gelungen ist, wird unterschiedlich bewertet. Der Fokus seines Buches liegt deutlich auf dem westlichen Mittelmeerraum; aufgrund der Schranken seiner sprachlichen und historischen Kenntnisse konnte sich Braudel arabischen oder slawischen Quellen nicht direkt widmen.