mini|hochkant|Heilige Agnes im Freiburger Augustinermuseum mini|hochkant|Die Heilige Agnes mit Wydyz’ Signatur am Sockel Hans Wydyz (auch Weiditz, Wyditz und Widitz; von 1497 bis 1510 in Freiburg im Breisgau bezeugt) war ein oberrheinischer Bildhauer (bildhower) aus der Übergangszeit von der Spätgotik zur Renaissance. Er arbeitete vornehmlich in Holz und schuf seine bekanntesten Werke in Freiburg im Breisgau, darunter das mit vollem Namen und der Zuschrift „1505“ signierte Dreikönigs-Retabel im Freiburger Münster.

Forschungsgeschichte Als Schnitzer des Dreikönigsretabels taucht Wydyz in Heinrich Schreibers Geschichte und Beschreibung des Muensters zu Freiburg im Breisgau von 1820Heinrich Schreiber: Geschichte und Beschreibung des Muensters zu Freiburg im Breisgau. Verlag der Wagnerschen Buchhandlung, Freiburg 1820, hier: S. 221, online auf digilib.ub.uni-freiburg.de. Abgerufen am 13. Januar 2012. zum ersten Mal in der Forschungsliteratur auf. 1907 erkannte der Basler Kunsthistoriker Rudolf Burckhardt eine kleine Adam-und-Eva-Gruppe im Historischen Museum, signiert mit den Initialen „HW“, als weiteres Werk.Rudolf F. Burckhardt: Hans Wydyz the elder. In: The Burlington Magazine for Conoisseurs. 11, 1907, S. 212–221 (, abgerufen am 13. Januar 2012). Drei Jahre später fügte der Freiburger Jurist und Kunsthistoriker Gustav Münzel (1874–1960) in einem großen Aufsatz über den Dreikönigsaltar gemäß Rechnungen der Münsterfabrik aus dem Jahr 1510 drei Schlusssteindeckel des Freiburger Münsters hinzu.Gustav Münzel: Der Dreikönigs-Altar von Hans Wydyz im Freiburger Münster. In: Freiburger Münsterblätter. 6, 1910, S. 1–22, online auf: digi.ub.uni-heidelberg.de, und S. 59–69, online auf: digi.ub.uni-heidelberg.de. Abgerufen am 13. Januar 2012. 1928 schließlich fand der Freiburger Kunsthistoriker Clemens Sommer am Sockel einer Statuette der heiligen Agnes von Rom im Freiburger Augustinermuseum Wydyz’ eingeschnitztes Monogramm.Clemens Sommer: Beiträge zum Werke des Bildschnitzers Hans Wydyz. In: Oberrheinische Kunst. Jahrbuch der oberrheinischen Museen. 3, 1928, , S. 94–104. Damit war die Liste der Werke, die für Wydyz durch Signaturen oder Archivnotizen gesichert sind, komplett. Zahlreiche andere Werke wurden ihm in einer bewegten Forschungsgeschichte zu- oder auch wieder abgeschrieben. Die folgende Darstellung gründet sich im Wesentlichen auf die 1997 als Buch veröffentlichte Freiburger Dissertation von Sibylle Groß (siehe den Abschnitt Literatur).

Leben Archivalisch oder durch gesicherte Werke belegt ist nur, dass Hans Wydyz von 1497 bis 1510 als Meister der Malerzunft in Freiburg lebte. Er wohnte mit seiner Frau in der Augustinergasse, der heutigen Grünwälderstraße.Sibylle Groß: Hans Wydyz – Sein Œuvre und die oberrheinische Bildschnitzkunst. 1997, S. 29. Alles Weitere aus seinem Leben ist – vor allem auf Stilkritik gegründete – Vermutung. Aller Wahrscheinlichkeit nach kam er zwischen 1492 und 1496 aus Straßburg nach Freiburg. Etwa ab 1512 betrieb er mit dem Maler Hans Baldung Grien eine gemeinsame Werkstatt in Räumen des Freiburger Franziskanerklosters.Sibylle Groß: Hans Wydyz – Sein Œuvre und die oberrheinische Bildschnitzkunst. 1997, S. 219. Baldung war 1511 oder 1512 nach Freiburg gekommen, ebenfalls aus Straßburg. Mit Baldung kehrte Wydyz 1517 oder 1518 nach Straßburg zurück.

Etwa zur gleichen Zeit lebten der für seine Holzschnitte bekannte Hans Weiditz und dessen Bruder, der Maler Christoph Weiditz. Der Holzschneider wurde zuweilen mit dem namensgleichen Bildhauer identifiziert. Eine Generation älter war der aus Meißen stammende Bildhauer Bartholomäus Widitz, der von 1467 bis 1505 in Straßburg bezeugt ist.Sibylle Groß: Hans Wydyz – Sein Œuvre und die oberrheinische Bildschnitzkunst. 1997, S. 91. Heinrich Schreiber betrachtete ohne Quellenangabe Bartholomäus Widitz als den Vater des Bildhauers Hans Wydyz, und später wurden alle vier in einen genealogischen Zusammenhang gebracht.Hermann Flamm: Der Bildhauer Hans Wydyz und seine vermutlichen verwandtschaftlichen Beziehungen zum Petrarkameister Hans Weidiz und dem Medailleur Christoph Widiz. In: Repertorium für Kunstwissenschaft 38, 1916, S. 109–118, (Abruf über subskribierte Bibliotheken und Institutionen möglich). Das ist nach der heutigen Quellenlage nicht haltbar. Eine weitläufige Verwandtschaft sei indes nicht auszuschließen, da der Name Widitz am Oberrhein ungewöhnlich sei.Sibylle Groß: Hans Wydyz – Sein Œuvre und die oberrheinische Bildschnitzkunst. 1997, S. 94.

Werk Von dem oben in der „Forschungsgeschichte“ aufgeführten gesicherten Œuvre ausgehend, schreibt Groß fünf Skulpturen seinem Straßburger Frühwerk sowie etliche weitere seiner Freiburger Zeit und den späten Straßburger Jahren zu, darunter auch solche, die vermutlich von Mitarbeitern angefertigt wurden. Sie sind hier chronologisch gereiht. Außer den drei Alabaster-Statuetten der Frühzeit sind es Holzschnitzarbeiten.

Straßburger Frühwerk bis etwa 1496 Drei Straßburger Bildhauerwerkstätten der 1480er Jahre kommen als Ausbildungsplätze von Hans Wydyz in Frage: die Werkstatt des Bartholomäus Widitz, die des Lux Kotter und die des Niclaus Hagenower und seines Bruders Veit. Von Bartholomäus Widitz und Lux Kotter sind keine Werke überkommen. Groß schließt auf eine Lehrzeit bei den Brüdern Niclaus und Veit Hagenower. Bei ihnen findet sie Eigenarten des Hans Wydyz vorgebildet. So schreibt sie über eine im Straßburger Collège Saint-Étienne aufbewahrte „Beweinung Christi“ vom zerstörten Fronaltar des Straßburger Münsters: „Niclaus Hagenower inszeniert einen bestimmten Moment des Geschehens, indem er die Figuren kunstvoll zueinander in Beziehung setzt, Gewandmotive und Gesten über räumliche Distanzen hinweg wieder aufgreift.“Sibylle Groß: Hans Wydyz – Sein Œuvre und die oberrheinische Bildschnitzkunst. 1997, S. 116. Und über die Basler Adam und Eva-Gruppe: „Sie erzählt … einen Tatvorgang. … Der Eindruck einer Handlung wird vornehmlich durch das Mienen- und Gestenspiel Adams und Evas erzeugt.“Sibylle Groß: Hans Wydyz – Sein Œuvre und die oberrheinische Bildschnitzkunst. 1997, S. 181–182. Über Niclaus Hagenower seien Motive des Niclas Gerhaert van Leyden und Martin Schongauer ins Werk von Hans Wydyz gelangt.

Der Straßburger Lehrzeit schreibt Groß zu: Statuette der heiligen Katharina von Alexandrien an einer Prozessionsstange, 1485–1490. Die Statuette ist 25 cm hoch und wird im Rathaus von Obernai aufbewahrt. Drei Alabaster-Statuetten an der Kanzel des Straßburger Münsters, um 1490. Eine 36 cm hohe Statuette stellt den trauernden Apostel Johannes dar, eine 19 cm hohe einen Engel, eine ebenfalls 19 cm hohe einen Chorherrn. Sie sind vermutlich von anderen Ausstattungsstücken des Münsters sekundär an die 1486 fertiggestellte Kanzel gekommen. Kniender Engel, 1490–1495. Die 37 cm hohe Holzfigur befindet sich im Musée de l’Œuvre Notre-Dame (Frauenhausmuseum) in Straßburg. „Als eine Trouvaille [ein (glücklicher) Fund] für die von der Forschung einhellig angenommene Ausbildung des Hans Wydyz in Straßburg ist ein exquisit gearbeiteter Engel im Straßburger Frauenhaus zu bezeichnen.“Sibylle Groß: Hans Wydyz – Sein Œuvre und die oberrheinische Bildschnitzkunst. 1997, S. 60. „Selbst die Schneckenlocken vom linken König und vom Johannes des Dreikönigsaltars … sind bereits am Straßburger Engel voll ausgebildet.“Sibylle Groß: Hans Wydyz – Sein Œuvre und die oberrheinische Bildschnitzkunst. 1997, S. 48. Der Engel könnte ursprünglich zu der oben erwähnten „Beweinung Christi“ der Brüder Hagenower gehört haben.

Freiburger Werke von 1497 bis um 1510 mini|hochkant|Apostel Johannes im Augustinermuseum Alle für ihn gesicherten Werke schuf Wydyz in dieser Zeit, und zwar allein oder mit höchstens einem Gesellen. Bis auf die Agnesstatuette des Augustinermuseums, den Dreikönigsaltar, die Basler Adam und Eva-Gruppe und die drei Schlusssteindeckel handelt es sich um Zuschreibungen:

Apostel Johannes, vor 1500. Die 133 cm hohe holzsichtige Skulptur im Augustinermuseum stammt aus der Pfarrkirche St. Laurentius in Kenzingen oder dem ehemaligen Kloster Wonnental bei Kenzingen. Sie ist rückseitig ausgehöhlt und gehörte vielleicht zu einem Zwölfbotenaltar. Die Zuschreibung zu Wydyz gründet sich unter anderem auf die Ähnlichkeit in der Gesichtsbildung mit der folgenden Agnes.Sibylle Groß: Hans Wydyz – Sein Œuvre und die oberrheinische Bildschnitzkunst. 1997, S. 13.Detlef Zinke: Augustinermuseum Freiburg – Bildwerke des Mittelalters und der Renaissance 1100–1530. Hirmer Verlag, München 1995, ISBN 3-7774-6560-7. Heilige Agnes, um 1500. Die 58 cm hohe, rundum sorgfältig geschnitzte, holzsichtige Figur im Augustinermuseum stammt aus dem Freiburger Kloster Adelhausen und ist auf dem Sockel unterhalb des Lamms, des Attributs der Heiligen, signiert. Vielleicht wurde sie bei Prozessionen mitgetragen. „Die meisterhaft geschnitzte Agnesstatuette versah Hans Wydyz an der Plinthe mit seinem Monogramm HW, einem Garanten eigenhändiger Anfertigung und zugleich Gütesiegel für exquisite Qualität.“Sibylle Groß: Hans Wydyz – Sein Œuvre und die oberrheinische Bildschnitzkunst. 1997, S. 12. Die Figur ist von einer „feingliedrigen, preziösen Eleganz wie ebenso … scharf geschnittenen, plastischen Formensprache“.Sebastian Bock, Lothar A. Böhler (Hrsg.): Bestandskataloge der weltlichen Ortsstiftungen der Stadt Freiburg i. Br. Band II: Die Bildwerke: Mittelalter – 19. Jahrhundert. Allgemeine Stiftungsverwaltung, Freiburg i. Br. 1999, ISBN 90-5705-103-6. „Die zum Lieblichen, mitunter auch Süßlichen neigende Eleganz, mit handwerklicher Präzision dem Werkstoff abgewonnen, ist das Hauptmerkmal eines von Straßburg ausstrahlenden bildnerischen Ideals der 70er/80er Jahre.“