mini|343px|Lage des Schwarzen Meeres

Die Schwarzmeerflotte (; transkribiert Tschernomorski flot) ist der Teil der früheren Kaiserlich Russischen Marine bzw. der sowjetischen Marine und der heutigen Seestreitkräfte Russlands, der in verschiedenen Häfen des Schwarzen Meeres und des Asowschen Meeres stationiert ist. In Friedenszeiten operieren Einheiten der Schwarzmeerflotte auch im Mittelmeer, die Passage durch Dardanellen und Bosporus wird Kriegsmarinen in Kriegszeiten (so seit Februar 2022) gemäß dem Vertrag von Montreux von 1936 von der Türkei unterbunden.

Über den Kanal vom Don zur Wolga besteht vom Schwarzmeer aus Anschluss an die Binnenschifffahrtswege in Russland, wodurch auch tief in Landesinnern gelegene Werften wie die Schiffswerft Selenodolsk 100 m lange Fregatten (Projekt 11661 „Gepard-Klasse“) herstellen und an die Flotten überstellen können. Der Hauptstützpunkt der Flotte ist seit dem 18. Jahrhundert die zentral im Schwarzmeer gelegene Hafenstadt Sewastopol an der Südwestspitze der Krim, die 1954 der Ukrainischen SSR unterstellt wurde und seit dem Zerfall der Sowjetunion zur Ukraine gehört. Die vertraglich geregelte fortdauernde Nutzung dieser Marinebasis durch Russland führte wiederholt zu Irritationen in den Beziehungen zwischen den Ländern. Aufgrund des russischen Angriffs auf die Ukraine erlitt die Flotte schwere Verluste und ist seit 2022 vorwiegend im russischen Noworossijsk stationiert.

2010 zählte die Schwarzmeerflotte mehr als 16.000 Soldaten und über 40 Schiffe.

Zeit des Russischen Kaiserreiches (1783–1922) mini|Russische Flotte in Sewastopol. Iwan Aiwasowski, 1846 mini|Stapellauf in Nikolajew, hier Linienschiff Imperatriza Jekaterina Welikaja mini|Die Zerstörer Scharkiy, Sorkiy und Swonkiy 1924 in Bizerta

Nachdem 1695 Zar Peter I. einen Zugang zum Schwarzen Meer erobert hatte, befahl er die Gründung der sogenannten Asow-Flottille. Mit den territorialen Gewinnen nach dem Russisch-türkischen Krieg 1768–1774 wurden der Schiffbau und der Aufbau einer neuen Flotte begonnen. Im Jahre 1783 wurde die Flotte auf Befehl der Zarin Katharina II. gegründet. Diese Flotte wurde schnell mit Schiffsneubauten aufgerüstet und ausgebaut. Im 18. und 19. Jahrhundert kämpfte die Schwarzmeerflotte in verschiedenen Kriegen sowohl gegen die türkische als auch gegen die französische Marine.

Nachdem Napoleon Bonaparte 1798 in das von den Osmanen verwaltete Ägypten eingefallen war („Ägyptenfeldzug“), schlossen sich Russland und das Osmanische Reich zu einem Bündnis gegen die Franzosen zusammen. Ein Geschwader der Schwarzmeerflotte und türkische Flottenkräfte operierten im Mittelmeer gemeinsam unter dem Kommando von Admiral Fjodor Fjodorowitsch Uschakow gegen die französische Flotte und eroberten gemeinsam die Ionischen Inseln und landeten sogar im französisch besetzten Italien.

Nach der Gründung von Nikolajew im Jahre 1789 war hier bis 1898 die Admiralität der russischen Schwarzmeerflotte stationiert.

Im Krimkrieg (1853–1856) war die Schwarzmeerflotte zwar zunächst gegen die Türken in der Seeschlacht bei Sinope erfolgreich, verhielt sich jedoch nach dem Erscheinen britischer und französischer Flotten passiv und beschränkte sich auf die Verteidigung Sewastopols, wobei die Schiffe nur als schwimmende Küstenbatterien eingesetzt wurden. Während der Belagerung von Sewastopol versenkten die Besatzungen sukzessive Schiffe, um die Nutzung der Bucht von Sewastopol für die Alliierten zu verhindern. Im Frieden von Paris, der den Krieg beendete, wurde das Schwarze Meer neutralisiert und Russland lediglich gestattet, eine im Einvernehmen mit der Türkei festgelegte Anzahl leichter Küstenschiffe darauf zu halten. Diese Beschränkung wurde 1871 auf der Londoner Pontuskonferenz wieder aufgehoben.

Nach der Oktoberrevolution in Russland fuhr die Schwarzmeerflotte unter der roten Fahne der Bolschewiki. Um während des Russischen Bürgerkrieges die Flotte nicht in die Hände der Konterrevolution und ausländischer Interventen fallen zu lassen, gab Lenin am 18. Juni 1918 den Befehl zur Selbstversenkung der Flotte. Ein Teil der Schwarzmeerflotte schloss sich jedoch der sogenannten Weißen Bewegung an, die im Russischen Bürgerkrieg gegen die Ergebnisse der Oktoberrevolution kämpfte, und unterstützte den Kampf der Weißen Armee gegen die Bolschewiki im Schwarzmeerraum. Als die Rote Armee im November 1920 auch die Halbinsel Krim eroberte, wurden die Schiffe am 14. November nach Istanbul verlegt. Dort wurden sie am 21. November in das so genannte Russische Geschwader unter dem Befehl von Konteradmiral Michail Alexandrowitsch Kedrow (1878–1945) umorganisiert. Nachdem der französische Ministerrat am 1. Dezember 1920 der Verlegung nach Bizerta im damaligen französischen Protektorat Tunesien zugestimmt hatte, wurde das Geschwader in der Zeit von Dezember 1920 bis Februar 1921 dorthin verlegt und interniert. Als Frankreich am 29. Oktober 1924 die Sowjetunion völkerrechtlich anerkannte, übergab es die Schiffe formell an die Sowjetunion. Sie waren inzwischen aber so veraltet und aus Mangel an Geld und Wartung in so schlechtem Zustand, dass sie als nicht verwendungsfähig befunden wurden. Sie wurden verkauft und nach und nach abgewrackt. Die meisten Besatzungsmitglieder blieben als Emigranten in Tunesien bzw. in Frankreich.

Zeit der Sowjetunion (1922–1991) Nach dem Bürgerkrieg wurde die Schwarzmeerflotte neu aufgebaut. Dazu wurden selbstversenkte Schiffe gehoben und instand gesetzt sowie Schiffsneubauten der Flotte zugeführt. Im Zweiten Weltkrieg nahm die Schwarzmeerflotte aktiv am Krieg gegen Deutschland und seine Verbündeten teil. Angehörige der Schwarzmeerflotte wurden an allen Fronten auch als Bodentruppen eingesetzt.

Im Juni 1941 bestand die Flotte aus folgenden Schiffen: 1 Schlachtschiff der Gangut-Klasse: Parischskaja Kommuna 2 Kreuzer der Kirow-Klasse: Molotow und Woroschilow 3 Kreuzer der Swetlana-Klasse: Tscherwona Ukraina, Krasny Kawkas und Krasny Krym 3 Flottillenführer: Moskwa, Charkow und Taschkent 9 moderne Zerstörer 5 alte Zerstörer der Nowik-Klasse 44 U-Boote: 4 der S-Klasse, 3 der L-Klasse, 14 der M-Klasse, 15 der Schtsch-Klasse, 3 der D-Klasse und 5 der AG-Klasse 22 Minensuchboote 48 Torpedoboote

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Schwarzmeerflotte zu einem modernen operativ-strategischen Verband der Sowjetischen Seekriegsflotte ausgebaut.Sie setzte nach dem Krieg für kurze Zeit zur Minensuche das sowjetische Luftschiff Pobeda ein. Neben dem Einsatz im Schwarzen Meer war die Schwarzmeerflotte auch im Mittelmeer eingesetzt. Aus Anlass des 20. Jahrestages des Sieges über das Deutsche Reich und das Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Flotte am 7. Mai 1965 mit dem Rotbannerorden ausgezeichnet. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 wurde der Schiffsbestand der Schwarzmeerflotte zwischen der nun unabhängigen Ukraine und Russland aufgeteilt. Russland hatte nach der Auflösung der Sowjetunion zunächst erhebliche Schwierigkeiten, die Gefechtsbereitschaft seiner Schiffe zu gewährleisten. Die Ukraine war auf Grund ihrer angespannten wirtschaftlichen und finanziellen Situation kaum in der Lage, ihre Schiffe in Fahrt zu halten.

Aufteilung zwischen der Russischen Föderation und der Ukraine (1992–1995) Nach dem Zerfall der Sowjetunion im Dezember 1991 und der daraus resultierenden Unabhängigkeit der Ukraine befand sich die Schwarzmeerflotte der sowjetischen Marine größtenteils auf dem Territorium der Ukraine. Am 2. Januar 1992 verfügte der ukrainische Präsident Leonid Krawtschuk die Unterstellung aller auf dem Territorium der Ukraine stationierten vormals sowjetischen Truppen einschließlich der Schwarzmeerflotte unter ukrainischen Oberbefehl. Ausgeschlossen wurden nur die strategischen Militäreinheiten. Am 7. April 1992 stellte der russische Präsident Boris Jelzin per Dekret die Schwarzmeerflotte unter russische Kontrolle und forderte weitere Verhandlungen zur Beilegung der Krise. Am 2. August 1992 einigte sich Krawtschuk mit dem russischen Präsidenten Boris Jelzin im Konflikt um die Schwarzmeerflotte dahingehend, dass beide Staaten für eine Übergangszeit bis 1995 ein gemeinsames Oberkommando über die rund 380 Schiffe und Boote bilden.

Am 17. Juni 1993 unterzeichnen Krawtschuk und Jelzin in Moskau ein weiteres Abkommen über die überwiegend auf der Krim stationierte Schwarzmeerflotte. Danach sollten von September 1993 bis 1995 die rund 300 Schiffe und Boote umfassende Flotte sowie die Gebäude und Hafenanlagen jeweils zur Hälfte aufgeteilt werden und gemäß dem Abkommen die Schwarzmeerflotte weiterhin gemeinsam verwaltet und finanziert werden und unter dem gemeinsamen Oberbefehl der Präsidenten Russlands und der Ukraine stehen. Bereits am 3. September 1993 vereinbarten die beiden Präsidenten in Massandra, das bisherige Abkommen zur Schwarzmeerflotte zu revidieren. Die Ukraine stimmte dem Verkauf des ukrainischen Anteils von 50 % an der Schwarzmeerflotte an Russland zu. Der auf ukrainischem Staatsgebiet liegende Flottenstützpunkt in Sewastopol auf der Krim wurde von Russland gepachtet. Entsprechende Pachtzahlungen zugunsten der Ukraine wurden mit den Schulden der Ukraine bei Russland verrechnet. Diese Entscheidung des ukrainischen Präsidenten Leonid Krawtschuk wurde im Parlament heftig kritisiert.

Am 15. April 1994 gab es in Moskau erneut Verhandlungen über die Schwarzmeerflotte. Die Ukraine einigte sich mit Russland, dass der verbliebene ukrainische Anteil von 50 % über die rund 300 Schiffe und Boote der Flotte ein weiteres Mal auf rund 15 bis 20 % reduziert wird. Somit wurde 30 bis 35 % des Anteils an der Flotte an Russland verkauft. Den ukrainischen Seestreitkräften blieben mehr als 60 Schiffe und einige noch nicht fertiggestellte Schiffsrümpfe der ehemals sowjetischen Schwarzmeerflotte. Der größte Teil davon befand sich in einem schlechten Zustand und war nicht seetüchtig. Zudem fanden Verhandlungen zur Nutzung der Marinestützpunkte auf der Krim statt. Russland verlangte das alleinige Nutzungsrecht der Marinebasis in Sewastopol. Sewastopol, der Heimathafen der Schwarzmeerflotte, hatte in der Sowjetunion einen besonderen Status, der auch 1991 bis zur russischen Besetzung der Krim 2014 bestehen blieb. Am 9. Juni 1995 unterzeichneten der russische Präsident Boris Jelzin und der ukrainische Präsident Leonid Kutschma in Sotschi ein Abkommen, demgemäß der Marinestützpunkt von Sewastopol weiterhin Stützpunkt der russischen Marine bleibt und die militärische Infrastruktur der Krim von Russland genutzt werden darf. Die ehemals sowjetische Schwarzmeerflotte wurde erneut aufgeteilt. Russland erhielt nach Artikel 4 des Abkommens 81,7 % und die Ukraine 18,3 % der Schiffe der Schwarzmeerflotte. Mit dem 31. Dezember 1995 endete formal die gemeinsame Kontrolle durch Russland und die Ukraine.

Am 31. Mai 1997 unterzeichneten die Präsidenten Russlands und der Ukraine, Boris Jelzin und Leonid Kutschma, in Kiew erneut ein dreiteiliges Abkommen über den Status der Flotte. Russland pachtete die Militäranlagen in Sewastopol für die nächsten 20 Jahre und nutzte die Häfen in Sewastopol und der Karantinnaja-Bucht sowie die Einrichtungen in Strelezkaja gemeinsam mit der ukrainischen Marine. Nach der Ratifizierung der Parlamente beider Staaten trat das Abkommen erst am 12. Juli 1999 in Kraft.

Schwarzmeerflotte der Russischen Föderation mini|Leonid Kutschma (l.) und Wladimir Putin bei einem Besuch auf dem (am 14. April 2022 versenkten) Flaggschiff Moskwa in Sewastopol im Juli 2001 mini|Unterzeichnung des Vertrages 2010