Die Gestalt der letzten altägyptischen Königin Kleopatra VII. erfuhr schon in der Antike eine breite Rezeption, vor allem aber in den verschiedenen Künsten seit dem Ende des Mittelalters.

Antike Als Herrscherin entfaltete Kleopatra mit ihren Kindern und ihrem Partner Marcus Antonius in ihrem Einflussbereich eine umfassende herrschaftliche Selbstrepräsentation.Simon Benne: Marcus Antonius und Kleopatra VII. Machtaufbau, herrscherliche Repräsentation und politische Konzeption, Göttingen 2001. Nach Antonius’ Niederlage gegen Augustus und dem folgenden Selbstmord von Antonius und Kleopatra spaltete sich die Erinnerung in einen positiven und einen negativen Strang:Marian Nebelin: Kleopatras antike Rezeptionsgeschichte. Spaltung – Verknappung – Vereinseitigung. In: Janina Göbel, Tanja Zech (Hrsg.): Exportschlager – Kultureller Austausch, wirtschaftliche Beziehungen und transnationale Entwicklungen in der antiken Welt. München 2010, S. 26–54. In der lateinischen Literatur der römischen Kaiserzeit dominiert eine negative Darstellung, die in hohem Maße durch die Propaganda des Augustus geprägt ist.Ilse Becher: Das Bild der Kleopatra in der griechischen und lateinischen Literatur. Berlin 1966. In Ägypten hingegen wurde Kleopatra noch lange kultisch verehrt. Zum Ärger des jüdischen Historikers Flavius Josephus feierte sie der alexandrinische Grammatiker Apion um die Mitte des ersten Jahrhunderts n. Chr. Die ihr von Gaius Iulius Caesar in Rom gewidmete goldene Statue stand dort noch im dritten Jahrhundert und Königin Zenobia soll ihre Abstammung auf die ägyptische Königin zurückgeführt haben.Cassius Dio, Römische Geschichte 51, 22, 3; Historia Augusta, Triginta tyranni 27, 1; 30, 2; 30, 19. Auf der Insel Philae vergoldete ein Priester noch im Jahr 373 eine Statue Kleopatras. Nur sie erreichte von allen Nachfolgern Alexanders des Großen die gleiche Berühmtheit. Auch Johannes von Nikiu schrieb über Kleopatra, wobei er besonders die Bautätigkeit der Königin hervorhob.O. El-Daly: Egyptology: The Missing Millennium. London 2005, ISBN 1-84472-062-4, S. 132–133. Wahrscheinlich schon aus dem zweiten Jahrhundert n. Chr. stammt ein Bericht von einem Gespräch Kleopatras mit Philosophen, die Alchemie betreffend.. Es handelt sich um einen der ältesten Texte zur Alchemie überhaupt.

Rezeption in arabischen Quellen des Mittelalters Kleopatra erscheint in zahlreichen arabischen Quellen, wobei sie als Baumeisterin, Gelehrte und Ärztin hervortritt. Um ihre Person rankten sich auch märchenhafte Liebesgeschichten.

Der erste arabische Autor, der die Herrscherin erwähnte, war Ibn ʿAbd al-Hakam, der eine Geschichte der arabischen Eroberung Ägyptens zu Beginn des 9. Jahrhunderts schrieb und auch Kleopatra nennt. Ibn ʿAbd al-Hakam schrieb ihr den Bau des Leuchtturmes von Alexandria und den Bau eines Kanals zu. Auch andere arabische Autoren waren von ihrer Bautätigkeit beeindruckt.O. El-Daly: Egyptology: The Missing Millennium, Ancient Egypt in Mediaval Arabic Writings. London 2005, ISBN 1-84472-062-4, S. 133.

Sie wurde auch als Gelehrte verehrt, die bedeutende Entdeckungen in der Alchemie, Medizin und Mathematik machte. Der Erste, der dieses Bild vermittelt, war al-Masʿūdī († 957). Nach ihm war sie eine Philosophin, die Bücher über Medizin, aber auch Kosmetik verfasste.O. El-Daly: Egyptology: The Missing Millennium, S. 133. Bei dem Alchemisten al-Dschildaki ist auch ein Dialog von Kleopatra mit Philosophen überliefert.O. El-Daly: Egyptology: The Missing Millennium, S. 135. Andere Quellen berichten, dass ein Ausländer namens Gabirus (oder Gabinius) nach Ägypten kam, um sich von einer Krankheit zu erholen. Er besuchte auch die Königin mit dem Hintergedanken, sie zu heiraten und König von Ägypten zu werden. Kleopatra sandte eine Dienerin zu ihm, die versicherte, dass Kleopatra ihn auch liebe, er aber zuerst eine Stadt am Mittelmeer bauen solle. Trotz einiger Hindernisse wurde die Stadt gebaut, doch kurz vor der geplanten Heirat wurde Kleopatra von einer Schlange gebissen und starb.O. El-Daly: Egyptology: The Missing Millennium. London 2005, S. 136.

Dieses positive Bild Kleopatras steht im Gegensatz zu den etwas späteren europäischen Darstellungen, die sie eher als hedonistisch und verführerisch zeichneten.O. El-Daly: Egyptology: The Missing Millennium. London 2005, S. 131.

Rezeption ab Ende des Mittelalters Literatur In Dantes Göttlicher Komödie wird Kleopatra im fünften Gesang der Hölle als Buhlerin bezeichnet, dort wo die Liebessünder für alle Ewigkeit bestraft werden. Ab dem beginnenden Mittelalter sank in Europa das Interesse an Ägypten und erwachte erst ab dem 15. Jahrhundert wieder im Zug der Wiederentdeckung der Antike. Die erneute Kleopatra-Rezeption setzte mit Giovanni Boccaccios De claris mulieribus (1356–1364) ein, einem Werk über das Leben von 104 bekannten antiken Frauen. Kleopatra werden als Eigenschaften Schönheit, aber auch Lüsternheit und Grausamkeit zugeschrieben. Die ersten dramatischen Bearbeitungen lieferten Cesare De’Cesari (Cleopatra, 1551) und Étienne Jodelle (Cléopâtre captive, 1552), die ihre Handlung erst nach dem Tod des Antonius einsetzen lassen und nur Kleopatras letzte Tage schildern. Jodelle setzt dabei eine durch ihren edlen Tod verklärte Kleopatra zu einem rohen Octavian in Kontrast. Nach überwiegend positiver Darstellung im 16. Jahrhundert nahmen Werke des 17. Jahrhunderts auch negative Züge Kleopatras auf. Aber schon Hans Sachs, der das Thema als erster deutscher Autor bearbeitete, zeichnete in seinem Moraldrama Königin Cleopatra mit Antonio dem Römer (1560) die ägyptische Königin sehr negativ als hochmütig, ausschweifend und treulos.

Die französische Übersetzung von Plutarchs Antonius durch Jacques Amyot (1559) übertrug Thomas North 1579 ins Englische. Das meisterhafte Drama Antony and Cleopatra (1606/07) von William Shakespeare beruht auf North’ Bearbeitung. Es gilt als das unübertroffene literarische Hauptwerk zu diesem Stoff, wurde in über 120 Sprachen übersetzt und prägte maßgeblich das Kleopatra-Bild außerhalb der Fachwissenschaft. Das Thema intensiver, aber im Untergang endender Liebe steht gegenüber der Politik im Vordergrund. Bei Kleopatra vereinigen sich gute wie schlechte Charakterzüge zu extremer Leidenschaftlichkeit; sie ist wankelmütig, machtgierig, aber auch eine hingebungsvolle Geliebte bis zum Tod, eine Verkörperung von Luxus, Exotik und Sinnlichkeit des Orients im Gegensatz zu den biederen Römerinnen. Die Ptolemäerin und der nach Weltherrschaft strebende Triumvir ziehen sich durch ihren Liebesrausch geradezu dämonisch an und finden erst im Sterben wirklich zueinander.

Für John Dryden (All for Love, 1678) ist Kleopatra eine opferbereite Geliebte, für den deutschen Autor Daniel Caspar von Lohenstein (Cleopatra, 1661) eine Verräterin ihres Geliebten. In La Mort de Pompée (1643) von Pierre Corneille spielen die ägyptische Königin und Caesar die Hauptrolle; die ehrgeizige Kleopatra kontrastiert dabei mit der sittsamen Cornelia, der Gattin des Pompeius. Als opferwillige Heldin wird die Ägypterin von Jean-François Marmontel (Antoine et Cléopâtre, 1750) beschrieben, dagegen als herrschsüchtige, verräterische Egoistin in dem Stück Octavia (1799) von August von Kotzebue. Seit dem Ägyptenfeldzug Napoleons (1798/99) wuchs im 19. Jahrhundert das Interesse und die Begeisterung für Ägypten. Kleopatra wurde häufig als schöne, aber für Männer Verderbnis bringende Verführerin, als Femme fatale, dargestellt. Puschkin hinterließ das 1837 postum publizierte Prosafragment Ägyptische Nächte. In Une nuit de Cléopâtre (1845) von Théophile Gautier kann die grausame Königin einen jungen Sklaven ins Bett locken, obwohl er weiß, dass er für diesen Liebesgenuss sterben muss. Dieses Motiv wurde in mehreren literarischen und musikalischen Werken der nächsten Jahrzehnte aufgegriffen. Zu den Romanheldinnen des deutschen Ägyptologen und Schriftstellers Georg Ebers zählte auch Kleopatra (1894).

Beim irischen Dramatiker George Bernard Shaw (Caesar and Cleopatra, 1899, verfilmt von Gabriel Pascal, 1945) wird die junge Königin – ein unreifes und launisches Mädchen – vom als alt, schwach und desillusioniert, aber väterlich und weise agierend beschriebenen Caesar erst zu einer selbstbewussten Monarchin geformt. Als geistreiche Partnerin erscheint Kleopatra in den Iden des März (1948) von Thornton Wilder: Hier ist sie eine intelligente und charmante, aber auch skrupellose Frau, von der ein alternder Caesar äußerst fasziniert ist.Elisabeth Frenzel: Stoffe der Weltliteratur. Ein Lexikon dichtungsgeschichtlicher Längsschnitte (= Kröners Taschenausgabe. Band 300). 9., überarbeitete und erweiterte Auflage. Kröner, Stuttgart 1998, ISBN 3-520-30009-5, S. 438–442; C. Schäfer, 2006, S. 268–272.

Kleopatra tritt in drei Asterix-Alben auf. Dort erscheint sie als prunkvolle und selbstbewusste Herrscherin, die selbst den mächtigeren Julius Caesar zornig zurechtzuweisen wagt, da er ihr vollkommen ergeben ist. Im Band Asterix und Kleopatra wird als Running Gag die Schönheit ihrer (auffallend spitz gezeichneten) Nase von unterschiedlichsten Männern gerühmt. In Der Sohn des Asterix steht das gemeinsame Kind von Kleopatra und Caesar im Mittelpunkt.

Auswahl weiterer Belletristik über die ägyptische Königin: Georg Ebers: Kleopatra. Historischer Roman Deutsche Verlagsgesellschaft, 1894 H.-O. Busch: Die Purpursegel der Kleopatra. Aktium 31 v. Chr. Pabel, Rastatt 1960 Michel Peyramaure: Kleopatra. Königin vom Nil. Knaur, München 1999, ISBN 3-426-63112-1 (Divine Cléopâtre, 1957; deutsch zuerst Stuttgart 1962) Martha Rofheart: Ich, Kleopatra. Universitas, München 1979, ISBN 3-8004-0864-3 Siegfried Obermeier: Kleopatra. Im Zeichen der Schlange. Scherz, Bern 1996, ISBN 3-502-11521-4 Kristiana Gregory: Cleopatra VII. Daughter of the Nile. New York, 1999, ISBN 0-590-81975-5 Margaret George: Kleopatra. Der Roman ihres Lebens. Weltbild, Bergisch Gladbach 2000, ISBN 3-8289-7312-4 Colin Falconer: Die Königin vom Nil. Heyne, München 2001, ISBN 3-453-18656-7 Waldtraut Lewin: Wenn die Nacht am tiefsten. Caesar und Kleopatra – eine historische Liebe. Loewe, Bindlach 2005, ISBN 3-7855-5388-9 Karen Essex: Kleopatra. Historischer Roman. Ullstein, Berlin 2007, ISBN 978-3-548-26711-1 Karen Essex: Die Pharaonin. Historischer Roman. Ullstein, Berlin 2007, ISBN 978-3-548-26804-0 Jo Graham: Hand of Isis. London, 2009, ISBN 978-1-84149-700-6 Alberto Angela: Kleopatra. Die Königin, die Rom herausforderte und ewigen Ruhm gewann. Hamburg 2019, ISBN 978-3-95967-324-2

Musik mini|Sylvia Geszty als Cleopatra in Giulio Cesare in Egitto von Georg Friedrich Händel, Foto: Abraham Pisarek, Berlin 1970 Seit dem 17. Jahrhundert wurden etwa 80 Opern über den Kleopatra-Stoff komponiert. Schon 1662 schuf C. Castrovillari ein dementsprechendes Werk. In Giulio Cesare in Egitto (1723/24) von Georg Friedrich Händel fügt sich Kleopatra einem weisen und milden Caesar. Die sich um Liebe und Macht drehende Handlung mit Happy End, die mit „Zutaten“ wie großen Emotionen, politischen Kabalen, erotischer Verführung und exotischem Orient gewürzt ist, machte Giulio Cesare in Egitto zur populärsten Händel-Oper. Die Königliche Schaubühne in Berlin (die heutige Berliner Oper) eröffnete 1742 mit der Oper Cleopatra e Cesare von Carl Heinrich Graun, der ein von Giovanni Gualberto Botarelli nach P. Corneilles Drama La Mort de Pompée verfasstes Libretto vertonte. 1881 verwendete Wilhelm Freudenberg in seiner Oper Kleopatra das von T. Gautier geschaffene Motiv der gnadenlosen, den von ihr verführten Sklaven zum Sterben nötigenden Königin. Das gleiche Motiv legte auch Victor Massé 1885 seinem Werk Une nuit de Cléopâtre nach einem Libretto von J. Barbier zugrunde. Im 20. Jahrhundert komponierten unter anderem Jules Massenet (Cléopâtre, 1914) und in Anlehnung an das Shakespeare-Drama Gian Francesco Malipiero (Antonio e Cleopatra, 1938) Opern, die von der Ptolemäerin handeln.