mini|Gianicolo und San Pietro in Montorio; Stich von Hugues Pinard 1555 mini|Ursprünglich geplanter Grundriss der Anlage nach Serlio

Der Tempietto di Bramante (wörtlich Tempelchen Bramantes) ist ein kleiner Rundtempel in einem Hof des ehemaligen Klosters von San Pietro in Montorio in Rom. Er wurde über der vermeintlichen Kreuzigungsstelle des Apostels Petrus von dem italienischen Renaissance-Baumeister Donato Bramante errichtet, nach dem er auch benannt ist. Die Bedeutung dieses Kirchenbaus liegt in der Zusammenführung eines antiken Peripteros-Tempels mit neuen römischen Architekturelementen in harmonischen und eleganten Proportionen. Der Tempietto gilt als Schlüsselwerk der Architektur der Hochrenaissance, wie auch als Initialbau für den Typ der zentralen Grabeskirche.

Lage Im XIII. römischen Stadtteil Trastevere, an der gleichnamigen Piazza di San Pietro in Montorio auf dem Gianicolohügel, etwa 400 Meter östlich der Fontana dell’Acqua Paola liegt die Kirche San Pietro in Montorio mit dem ehemaligen Franziskaner-Kloster. Der Tempietto befindet sich neben der Kirche, im ersten Hof des Klostergebäudes, das heute die Spanische Akademie in Rom beherbergt.

Baugeschichte Die Katholischen Könige des Herrscherhauses Spaniens, Ferdinand II. von Aragón und Isabella von Kastilien ließen von 1480 bis ca. 1500 die Kirche und das angrenzende Kloster San Pietro in Montorio an dem seit dem Mittelalter von Pilgern verehrten Ort der Kreuzigung des hl. Petrus errichten. Gemäß einer Inschrift (Abb.) – heute in der Krypta des Tempietto angebracht – hat der spanische Papst Alexander VI. im Heiligen Jahr 1500 die Kirche geweiht.ANNO SALVTIS XSTIANAE MD, SVB IVBILEO ET PONTIFICATV ALEXANDRI VI, DIE IX IVNII, FERIA TERTIA POST PENTECOSTES, SIT NOTVM OMNIBVS ET SINGVLIS PRAE[SEN]TES INSPECTVRIS QVOD CONSACRATA EST PRS ECCL[ESI]A ET ALTARE HOC, IN HONOREM B. PETRI AP[OSTO]LI IN HOC LOCO CRVCIFIXI, ET RELIQVIAE INFRASCRIPTAE IN EO RECLUSAE SVNT – Im Jahr des Christlichen Heiles 1500, dem Jubileum(sjahr) unter dem Pontifikat Alexander VI. am 9. Juni, dem dritten Feiertag nach Pfingsten, wird allen und jedem der anwesenden Betrachter kundgemacht, dass diese(?) Kirche und der Altar hiermit geweiht ist zu Ehren des Hl. Apostels Petrus, der an diesem Ort gekreuzigt wurde und die unten angeführten Reliquien, die in ihm verwahrt sind

Die unmittelbar verehrungswürdige Aufpflanzungsstelle des Kreuzes blieb bis auf eine kleine Mediationsklause unter einem Erdhügel unbebaut, die der Abt und Initiator des Amedeiten-Klosters in San Pietro in Montorio, Amedeo Menez de Silva, einrichten ließ.

Kardinal Bernardino de Carvajal, der spanische Gesandte am päpstlichen Hof, der bereits verantwortlich für die Fertigstellung der Kirche und des Klosters gewesen war, beauftragte im Namen der Katholischen Könige den Architekten Donato Bramante, einen Memorialbau an der besagten Stelle zu errichten. Bramante war ca. 1499 aus Mailand nach Rom gekommen und mittlerweile als sottoarchitetto für Papst Alexander VI. tätig. Er entwarf und errichtete das Bauwerk zwischen 1500 und 1508. In der Forschung wird von einer Bauperiode in der Zeit ab 1502 bis 1505 oder später ausgegangen. Die Inschrift (Abb.) auf der 1628 entdeckten Gedenktafel, die sich heute am Altar in der Krypta befindet, gibt das Jahr 1502 für die Stiftung an.SACELLUM APOSTOLOR. PRINCI. / MARTYRIO / SACRUM / FERDINAND. HISPAN. REX / ET. HELISABE. REGINA. CA/THOLICI. POST. ERECTAM./ AB. EIS. AEDEM. POSS. / AN. SAL. XRIANE. M.D.II. – Das Heiligtum des Apostelfürsten, durch sein Martyrium geheiligt, wurde von den Katholischen Königen Ferdinand von Spanien und Isabella erbaut und angenommen, im Jahr des christlichen Heils 1502 Diese Inschrift ist bislang die einzige, verhältnismäßig sichere Quelle zur Datierung des Tempietto.

Die Planung eines Martyrion, eines von Kolonnaden umgebenen, runden Hofes, in dessen Mitte Bramante einen Rundtempel als Kapelle vorgesehen hatte, kam nicht zur Ausführung und ist nur in einem Grundriss von Sebastiano SerlioSerlio, S. 67. überliefert. Errichtet wurde lediglich der als Tempietto in die Architekturgeschichte eingegangene Zentralbau.Giorgio Vasari: Le vite de' più eccellenti architetti, pittori, et scultori italiani 1550, S. 580. Warum die ursprüngliche Planung in der Nachfolge nicht umgesetzt wurde, ist nicht bekannt. Möglicherweise hängt dies mit der Verpflichtung Bramantes als Baumeister am Petersdom kurze Zeit später zusammen.

Bramantes Tempietto Struktur Der im Durchmesser von 5,80 m (Cella) bescheiden anmutende, gleichwohl monumentale Bau ist einem Tholos-Tempel nachempfunden und der erste Peripteralbau der Architekturgeschichte seit der Antike. Vitruv und Leon Battista Alberti beschrieben in ihren Architekturtraktaten die Architektur eines Peripteros bzw. dessen ideale Proportionen. Unter den Entwürfen von Francesco di Giorgio Martini, den Bramante von der Dombauhütte in Mailand kannte, finden sich Rundtempel mit vergleichbarem Tambour.Christoph L. Frommel, S. 122. Bei Giuliano da Sangallo finden sich Vorbilder für Balustraden, die dieser als architektonisches Element in die Architektur einführte.Stefan Grundmann, S. 125.

Bramante griff die in Rom in dieser Zeit bewunderte Welt der griechischen Antike und die zu dieser Zeit aktuellen und beschriebenen Ideen der Architektur auf und schuf daraus ein in seinen Proportionen vollendetes, ganz neues, einmaliges Memorialbauwerk der christlichen Welt. Die Verwendung der Kreisform als Symbol für Vollkommenheit, für die Welt als Ganzes und das kosmische Universum bildet als Element der räumlichen Geometrie das Sinnbild für den Apostelfürsten und ersten Papst und seine Kirche.

Äußeres Der im Wesentlichen aus Travertin bestehende Tempel ist kreisrund angelegt, drei Stufen führen auf den Stylobat, den säulentragenden Absatz. Der Säulenring besteht aus 16 grauen GranitsäulenDie Zahl 16 ist nach der vitruvschen Lehre die vollkommenste. nach dorischer Ordnung, die in geringem Abstand die Cella umschließen. Das dorische Gebälk trägt einen Triglyphenfries mit 48 Metopen, die 13 unterschiedliche, in unregelmäßiger Anzahl und Folge wiederholte Symbole aus der Eucharistie zeigen, wie zum Beispiel Kandelaber, Pyxis, Kelch und Patene (Abb.). Die dorische Ordnung setzt sich in der Cella-Außenwand fort und wird in Pilastern wiederholt, ebenso in der Kassettendecke des Umgangs, der mit Rosetten geschmückt ist.

Die darüber eingefügte Balustrade grenzt das zweite Geschoss in Form eines lichtspendenden Tambours ab, der in einer halbkreisförmigen Kuppel seinen Abschluss findet. Die Außenseite des Geschosses ist abwechselnd mit rechteckigen und muschelüberwölbten Nischen verziert, vier Fenster durchbrechen die Reihenfolge.

Die Kapelle (Cella) Im runden, weiß gestalteten Innenraum bilden die dorischen Pilaster mit den Maueröffnungen einen rhythmischen Wechsel. In den Nischen über den schmucklosen Fenstern finden sich Skulpturen der vier Evangelisten aus der Barockzeit. Nach Südwesten (250°) ist der marmorne Altar mit der Sitzfigur des Apostels Petrus (Abb.), im Relief ist sein Martyrium dargestellt und die heraldischen Zeichen des spanischen Königshauses. Die Figur des hl. Petrus und der Altartisch stammen aus dem 16. Jahrhundert; ob dieser Altar auf Bramante zurückgeht ist umstritten. Der hoch gezogene Tambour weist eine strenge und schlichte Ordnung auf und wird von der halbrunden, mit einem Sternenhimmel gezierten Kuppel vollendet, die auf das 19. Jahrhundert zurückgeht. Der Fußboden ist mit Marmorintarsien nach dem Vorbild der mittelalterlichen Kosmatenarbeiten geschmückt.

Die Krypta mini|Krypta; Altar mit Petrusstatue

Eine 1628 angelegte Doppeltreppe führt an der Rückseite des Gebäudes in die Krypta. Im gewölbten, reich stuckierten Innenraum befindet sich ein Altartisch und ein Retabelaufsatz mit der Statue des Apostels Petrus. An der Vorderseite des Altars ist die Inschriftenplatte aus dem Jahr 1502 zum Entstehungsjahr des Tempietto zu sehen. Links vom Eingang ist die Inschriftenplatte Alexander VI. (Abb.) von 1500 angebracht und im Lichtschacht eine Inschrift Papst Paul III. (Abb.) aus dem Jahr 1536 betreffend einen Ablass. Im Marmorboden sowie in der Gewölbedecke ist eine kreisrunde Öffnung erkennbar, die die Aufpflanzungsstelle des Kreuzes Petri darstellen soll.

Bauliche Veränderungen Sowohl die Klosteranlage als auch der Tempietto erfuhren im Lauf der Zeit immer wieder Veränderungen. Bereits 1523 wurde der Konvent durch finanzielle Zuwendungen Kaiser Karl V. erweitert. Ein Plan aus dem Jahr 1551 von Leonardo Bufalini zeigt neben der Kirche einen quadratischen Hof mit dem Tempietto im Zentrum, an zwei Seiten umgeben von Klostergebäuden. Bereits im Folgejahr 1552 ist auf einer Darstellung des Pirro Ligorio ein zweiter Hof, der Kreuzgang im Kloster zu sehen. 1604 stellte der spanische König Philipp III. (Spanien) 3.000 Dukaten für die Restaurierung der Kirche, des Klosters und der Zugangswege zur Verfügung. Die Arbeiten umfassten auch eine Anhebung der Kuppel und den Aufsatz der barocken, heutigen Laterne sowie die Anbringung seines Wappens am Fries des Tambour. 1628 widmet sein Sohn, König Philipp IV. (Spanien) weitere 6.000 Dukaten der Anlage. Es entstand der in den Stufenkranz eingeschnittene, zweiläufige Zugang zur Krypta sowie deren Neugestaltung.Ch. Strunk: Rom, S. 198 ff. Der bisherige Zugang unmittelbar hinter dem Altar, außerhalb der Cella, wurde entfernt.

1798, zur Zeit der Römischen Republik wurde die Anlage nationalisiert. Die Kirche und das Kloster erlitten stärkere Beschädigungen, der Tempietto blieb unversehrt, wurde aber aller Metallteile beraubt, einschließlich der bleiernen Abdeckung der Kuppel. Sie erhielt stattdessen 1804–1805 ein Ziegeldach. Zwanzig Jahre später (1825–1826) restaurierte Giuseppe Valadier den Klosterkomplex und den Hof. Die Pflasterung des Hofes wurde ersetzt; der Eingangsportikus neu gestaltet und die Ziegeldeckung der Kuppel durch eine Bleiverkleidung ersetzt. 1876 restituierte das Königreich Italien die Klosteranlage mit dem Tempietto dem Königreich Spanien. Der Hof erhielt 1879 bis 1880 sein heutiges Aussehen, wobei das Konventgebäude aufgestockt wurde. 1881 erklärte der spanischen König Alfons XII. die Anlage zum Sitz der Reale Accademia di Spagna in Rom, in deren Besitz sie sich bis heute befindet.

Entsprechend den Besitzverhältnissen restaurierte der spanische Staat den Tempietto zum Heiligen Jahr 2000 und König Juan Carlos I. weihte ihn im Mai 1999 ein.Corriere della Sera, 26. Mai 1999 Insbesondere wurde der bis dahin ockerfarbene Anstrich entfernt. Der Kreuzgang, der Hof mit dem Tempietto und dieser selbst sind öffentlich zugänglich.täglich (außer Montag) von 10:00 bis 18:00 Uhr

Antike Vorbilder mini|Tempel des Hercules Victor

Der Konstruktion des Tempietto legte Bramante den Idealtypus des antiken Rundtempels zugrunde. Zahlreiche Beispiele hatten als Vorbild gedient: Vestatempel auf dem Forum Romanum in Rom Tempel der Vesta auf dem Palatin in Rom Vestatempel in Tivoli im Latium Tempel des Hercules Victor auf dem Forum Boarium in Rom bis hin zur Tholos von Delphi in Griechenland, die bereits bei Vitruv erwähnt wird.

Bautechnische Erforschung 1995 hat der Lehrstuhl für Baugeschichte der Technischen Universität München im Rahmen eines Forschungsprojektes in Zusammenarbeit mit Christoph Luitpold Frommel, einer der führenden Forscher der römischen Renaissance, neu vermessen und bautechnisch untersucht.

Würdigungen und Nachwirkungen mini|Modell des Tempietto, 19. Jhd., Victoria and Albert Museum, London mini|Raffael Die Vermählung Mariens