Die Polei-Minze (Mentha pulegium) ist eine Pflanzenart aus der Gattung Minzen (Mentha) innerhalb der Familie der Lippenblütler (Lamiaceae). Sie ist in Eurasien und Nordafrika weitverbreitet.
Trivialnamen Neben dem Trivialnamen Polei-Minze werden auch Polei (älter auch Poley und Polley)Gundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 442 (Anmerkungen zu poley). oder Flohkraut (früher auch Flöhkraut„Adelung“ in Grammatisch-Kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart (Ausgabe letzter Hand, Leipzig 1793–1801), Band 1.) verwendet. Der seit mittelhochdeutscher Zeit bestehende Pflanzenname „Polei“ (insbesondere für das Kraut von Mentha pulegiumIrmgard Bitsch: Ernährungsempfehlungen in mittelalterlichen Quellen und ihre Beurteilung aus heutiger Sicht. In: Trude Ehlert (Hrsg.): Haushalt und Familie in Mittelalter und früher Neuzeit. Vorträge eines interdisziplinären Symposions vom 6.–9. Juni 1990 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Mit einem Register von Ralf Nelles. Thorbecke, Sigmaringen 1991, ISBN 3-7995-4156-X, S. 129–136, hier: S. 130. gebraucht) beruht auf althochdeutsch polaia/poleige/pulei und ist entlehnt von gleichbedeutend lateinisch pulegium.Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 558.Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben. Niemeyer, Tübingen 2003 (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50), ISBN 3-484-36050-X, S. 395 (pulegium Mentha pulegium L.)Vgl. auch Otto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift, Halle an der Saale 1959, S. 216 (Polegium – poley, Pulegium – paleyge [poleye] […] – pulege, pulegium regale, veltcumele).
Weitere Sprachen: Englisch: English pennyroyal, European pennyroyal, grows-in-the-ditch, mint pennyroyal, mosquito plant, penny royal, pennymint, pennyroyal, penny-royal, pennyroyal mint, peppermint, pudding grass, squaw mint Spanisch: menta, poleo Portugiesisch: poejo, hortelã-miúda, menta-miúda, poejo-das-hotas. poejo-real Französisch: menthe pouliot, pouliot Italienisch: Menta puleglio, pulegio
Beschreibung mini|Zahlreiche zygomorphe Blüten stehen in einem Scheinquirl beisammen mini|Stängel und Blüten mini|Sie vermehrt sich vegetativ durch oberirdische Ausläufer. mini|Zygomorphe Blüte im Detail mini|Scheinquirl mit abgeblühten Blüten. Der Kelch ist innen dicht behaart. mini|Haltbarer Kelch und Klausen mini|Illustration
Erscheinungsbild und Blatt Die Polei-Minze ist eine ausdauernde krautige Pflanze, die Wuchshöhen von 10 bis 30, selten bis zu 50 oder gar 90 Zentimetern erreicht. Sie besitzt unter- und oberirdische Ausläufer, die kahl bis kurz verstreut behaart sind. Die Ausläufer besitzen schuppenförmige Blätter. Die oberirdischen Pflanzenteile sind häufig rot überlaufen. Die Pflanzenteile riechen scharf aromatisch. Der niederliegende bis meist aufsteigende und verzweigte, vierkantige Stängel ist zerstreut behaart bis fast kahl. Pflanzenteile, die unter der Wasseroberfläche wachsen, sind kahl. Die Internodien sind länger als die Laubblätter.
Die gegenständig am Stängel angeordneten Laubblätter sind in Blattstiel und -spreite gegliedert. Der Blattstiel ist bei einer Länge von 1 bis 6 Millimetern relativ kurz. Die einfache, krautige Blattspreite ist bei einer Länge von nur 0,8 bis 1,3, selten bis zu 3 Zentimetern sowie einer Breite von 5 bis 7 (3 bis 10) Millimetern eiförmig bis schmal-elliptisch, elliptisch bis länglich-eiförmig oder eiförmig-kreisförmig und in Richtung gerundeter Spreitenbasis verschmälert und mit stumpfem oberen Ende. Die hell-grüne Blattspreite ist von einem oder zwei bis drei Paaren bogiger Fiedernerven durchzogen und an der Unterseite flaumig behaart, mit Öldrüsen. Der Blattrand ist undeutlich gezähnt oder gekerbt bis annähernd ganzrandig. Nach oben hin werden die Laubblätter fortlaufend kleiner.
Blütenstand, Blüte und Frucht Die Blütezeit reicht Mai bis September, in der Schweiz und Deutschland von Juli bis September. In den Achseln der obersten Blattpaare, die einen deutlichen Abstand voneinander aufweisen stehen in 5 bis 15, selten bis zu 18 Scheinquirlen, die bei einem Durchmesser von 10 bis 15 Millimetern fast kugelig sind, je 10 bis 30 Blüten zusammen. Die Tragblätter der Scheinquirle sind den Stängelblättern ähnlich und knapp doppelt so lang wie die Blüten. Die Deckblätter sind sitzend und kürzer als die Scheinquirle. Der aufrecht ausgebreitete Blütenstiel ist 2 bis 3 Millimeter lang.
Die zwittrigen oder eingeschlechtigen Blüten sind zygomorph und fünfzählig mit doppelter Blütenhülle. Die fünf 2,5 bis 3 Millimeter langen Kelchblätter sind aus zwei Drittel bis vier Fünftel ihrer Länge zu einer etwa 1,5, selten bis zu 2 Millimetern langen röhrig-glockenförmigen Kelchröhre verwachsen. Der Kelch schwach zweilippig (darin unterscheidet sich diese Art von allen anderen Mentha-Sippen, bei denen der Kelch in mehr oder weniger gleichen fünf Kelchzähnen endet) mit zehn deutlichen Nerven. Außen ist der Kelch dicht und kurz behaart mit Drüsen. Die Kelchoberlippe endet in drei Kelchzähnen. Ihre Kelchzähne sind bei einer Länge von etwa 1 Millimeter schmal lanzettlich-dreieckig. Der oberste Kelchzahn ist größer als die anderen. Die Kelchunterlippe endet in zwei Kelchzähnen. Ihre Kelchzähne sind bei einer Länge von etwa 1,5 Millimetern spatelförmig. Die fünf ungleichen Kelchzähne sind bewimpert. Die rosa- bis purpurfarbene und selten weiße Krone wird im Verlauf der Anthese oft heller. Die 4,5 bis 7 (4 bis 8) Millimeter lange Blütenkrone endet in vier bei einer Länge von etwa 1,5 Millimetern etwa gleich langen, verkehrt-eiförmigen oder länglichen Kronzipfeln. Die etwa 3 Millimeter lange Kronröhre hat innen einen leichten Haarkranz und ist an ihrem oberen Ende kaum ohne Übergang ausgesackt. Es sind vier fast gleiche Staubblätter vorhanden, die die Blütenkrone überragen. Die im Kronschlund inserierten, kahlen Staubfäden sind gekrümmt. Die vier fertilen Staubbeutel sind 0,4 Millimeter lang. Der Fruchtknoten ist kahl. Auf dem dicken Diskus befindet sich ein vierlappiger, oberständiger, zweikammeriger Fruchtknoten. In jeder Fruchtknotenkammer sind zwei Samenanlagen vorhanden. Der zwischen den Fruchtknotenlappen stehende, dünne Griffel endet in zwei ungleiche, relativ kurzen Griffelästen mit Narbengewebe.
Der Kelch verlängert sich bis zur Fruchtreife und ist durch einen Haarkranz verschlossen. Die Klausenfrucht zerfällt in vier Klausen. Die hell-braunen Klausen sind bei einer Länge von selten 0,5 bis, meist 0,7 bis 0,8 Millimetern sowie einem Durchmesser von etwa 0,3 Millimetern mehr oder weniger kugelig, eiförmig bis länglich und glatt oder grubig punktiert.
Chromosomensatz Die Chromosomengrundzahl beträgt x = 10; es wurden mehrere Ploidiestufen ermittelt mit Chromosomenzahlen von 2n = 20, aber auch 10, 30 oder 40.
Ökologie Bei der Polei-Minze handelt es sich um einen helomorphen, mesomorphen Hemikryptophyten. Sie wurzelt an den Knoten der Stängel und an den Ausläufern und kann sich so vegetativ vermehren und ausbreiten. Die Polei-Minze ist auch ein Ausläuferpionier.
Blütenökologisch handelt es sich um kleinblütige Trichterblumen, die duften und völlig verborgenen Nektar bilden. Die Geschlechtsverteilung ist gynodiözisch oder gynomonözisch. Neben proterandrischen Zwitterblüten gibt es auch weibliche Blüten mit verkümmerten Staubblättern. Als Bestäuber fungieren Dipteren, auch Apoiden und Coleopteren. Die Polei-Minze ist fakultativ xenogam, es erfolgt meist Fremdbefruchtung und Selbstbestäubung ist die Ausnahme. Es liegt Selbstkompatibilität vor, also führt Selbstbefruchtung erfolgreich zum Samenansatz.
Die Bruchfrucht zerfällt in vier einsamige, geschlossen bleibende Teilfrüchte. Diasporen sind die Klausen. Die Diasporen werden durch Wasser ausgebreitet (Hydrochorie).
Vorkommen und Gefährdung Die Polei-Minze ist von Makaronesien über Europa und den Mittelmeerraum bis Nordafrika und Westasien, den Kaukasusraum und Zentralasien weitverbreitet. Es gibt Fundortangaben für Cabo Verde, die Kanarischen Inseln, die Azoren, Madeira, Marokko, Tunesien, nördliches Algerien, nördliches Libyen, Ägypten, Israel, Libanon, Syrien, nördliches Äthiopien, Zypern, die Türkei, den nördlichen Iran, Georgien, Ciskaukasien, Armenien, Aserbaidschan, Turkmenistan, das südwestliche Kasachstan, das Vereinigte Königreich, Irland, Gibraltar, Portugal, die Balearen, Andorra, Spanien, Frankreich, Korsika, Sardinien, Sizilien, Italien, die Schweiz, Österreich, Deutschland, Polen, die ehemalige Tschechoslowakei, das ehemalige Jugoslawien, Belgien, die Niederlande, Ungarn, den europäischen Teil Russlands, Moldawien, Albanien, Bulgarien, Rumänien, Griechenland, Kreta, die Ukraine und die Krim. In Europa ist sie ein meridionales bis subtemperates, ozeanisches Florenelement. Die Polei-Minze tritt selten in Mitteleuropa am Unterlauf von Elbe und Weser, am Mittel- und Niederrhein, an der Mosel, der Donau von Regensburg bis Wien, im Burgenland, in der Steiermark, am Alpenfuß und im Gebiet des Genfersees auf. Sie kommt in Deutschland besonders in den Hauptstromtälern vor und ist ansonsten selten bis zerstreut. Die Polei-Minze kommt in der Schweiz im südlichen Tessin und sehr vereinzelt im Jura sowie Mittelland vor.
In vielen Gebieten der Welt, beispielsweise in der Neuen Welt, Teilen Asiens, Mosambik, Réunion, Australien sowie Neuseeland, ist Mentha pulegium ein Neophyt. Als invasive Pflanzenart gilt Mentha pulegium in den australischen Bundesstaaten Victoria, Western Australia. South Australia sowie New South Wales.
Die Polei-Minze ist in der Roten Liste der gefährdeten Pflanzenarten Deutschlands 1996 in die Kategorie 2 = „stark gefährdet“ eingetragen, aber in der Roten Liste nach Metzing et al. 2018 erfolgte eine Verbesserung der Einstufung in die Kategorie 3 = „gefährdet“. Begründet wurde dies, dass der Rückgang dieser seltenen nur mäßig ist und in den norddeutschen Flusstälern einige Populationen stabil sind. In den meisten deutschen Bundesländern ist sie stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht. In der Schweiz gilt die Polei-Minze als EN = „Stark gefährdet“.
Sie ist in Mitteleuropa auf die kolline Höhenstufe beschränkt. Sie steigt hier nur bis zu Höhenlagen von etwa 500 Metern. In der spanischen Sierra Nevada erreicht sie aber sogar Höhenlagen von 1700 Metern. Sie gedeiht in Lagen mit wintermildem Klima. Die Polei-Minze besiedelt auf feuchten Wiesen, an Fluss- und Seeufern, verfestigte Ufer sowie Nassstellen an unbefestigten Wegen. Sie kommt auf nährstoffreichen, kalkarmen, humosen, eher sandigen Tonböden vor und ist salzertragend. Sie ist in Mitteleuropa eine Charakterart des Verbands Agropyro-Rumicion, kommt aber auch in Zwergbinsengesellschaften (Isoeto-Nanojuncetea) oder in überweideten Cynosurion-Gesellschaften vor.
Die ökologischen Zeigerwerte nach Ellenberg sind: Lichtzahl 8 = Halblicht- bis Volllichtpflanze, Temperaturzahl 7 = Wärmezeiger, Kontinentalitätszahl 3 = See- bis gemäßigtes Seeklima zeigend, Feuchtezahl 7 = Feuchtezeiger, Feuchtewechsel = Überschwemmung zeigend, Reaktionszahl 7 = Schwachbasenzeiger, Stickstoffzahl 7 = Stickstoffreichtum zeigend, Salzzahl 1 = salzertragend, aber meist keinen oder geringen Salzgehalt zeigend, Schwermetallresistenz = nicht schwermetallresistent.