Der Begriff Geschichtskultur hat sich im deutschen Sprachraum seit den späten 1980er Jahren als Sammelbegriff für vielfältige Erscheinungsformen von Geschichte und dem Umgang mit derselben im gesellschaftlichen Leben etabliert.

Historischer Hintergrund „Am Anfang“, so formulierte Bernd Schönemann – bis 2020 Inhaber des Lehrstuhls für Didaktik der Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der Geschichtskultur – in seiner Münsteraner Antrittsvorlesung 2006, „stand der Mannheimer Historikertag 1976“.Bernd Schönemann: Geschichtskultur als Wiederholungsstruktur? In: Geschichte, Politik und ihre Didaktik. 34, 2006, S. 182–191, hier S. 182. Die deutsche Geschichtsdidaktik hat sich in den ausgehenden 1970er Jahren von einer hauptsächlichen Schulfachdidaktik hin zu einem deutlich erweiterten Interesse am gesamtgesellschaftlichen Umgang mit der Vergangenheit („Geschichtsbewusstsein“) gewandelt. Das ging einher mit einem ebenfalls seit den späteren 1970er Jahren stetig ansteigenden öffentlichen Interesse an vor allem der jüngeren deutschen Vergangenheit: „Noch nie zuvor hat sich eine Zeit, eine Nation, eine Generation so reflektiert und reflektierend mit sich befasst; Geschichtserinnerung [… und] Selbstbeobachtung steht hoch im Kurs [… –] auch im politisch-intellektuellen Diskurs“.Aleida Assmann, Ute Frevert: Geschichtsvergessenheit – Geschichtsversessenheit. Vom Umgang mit deutschen Vergangenheiten nach 1945. Stuttgart 1999, S. 11. Die Diskussionen dieser Jahre haben den Grundstein für das Konzept „Geschichtskultur“ gelegt, das Schule und Museum als klassische und bis dahin vornehmlich betrachtete Orte der vermittelnden Verhandlung von Geschichte nun mehr noch als zwei Institutionen neben anderen, aber nicht mehr als absoluten Kristallisationspunkt der Geschichtsdidaktik betrachtete. Diese Diskussion fand zunächst noch unter wechselnden und nicht immer klar voneinander abgegrenzten Begriffen statt (s. unten); „Geschichtskultur“ wurde als einer dieser Begriffe erstmals 1984 im Titel einer einschlägigen Publikation verwendet.Karl Pellens, Siegfried Quandt, Hans Süssmuth (Hrsg.): Geschichtskultur – Geschichtsdidaktik. Internationale Bibliographie. Paderborn u. a. 1984 (= Studien zur Didaktik, Bd. 3). Seit den 1990er Jahren wird er verstärkt auch außerhalb der Geschichtsdidaktik rezipiert, weil sich die Einsicht durchgesetzt hat, Geschichtskultur signalisiere zu einem gewissen Grad „die Befindlichkeit einer Gesellschaft“.Klaus Tenfelde: Geschichtskultur im Ruhrgebiet. In: Gewerkschaftliche Monatshefte, Jg. 47 (1996), S. 240–253, hier S. 243.

Konzeption

Dimensionen der Geschichtskultur: Jörn Rüsen Jörn Rüsen, der zu den einflussreichen Vertretern des Konzepts Geschichtskultur zählt, begreift diese als „das Gemeinsame und Übergreifende“ des gesellschaftlichen Umgangs mit der Vergangenheit, sie sei die „praktisch wirksame Artikulation von Geschichtsbewusstsein im Leben einer Gesellschaft“.Jörn Rüsen: Was ist Geschichtskultur?. Überlegungen zu einer neuen Art, über Geschichte nachzudenken. In: Jörn Rüsen, Theo Grütter, Klaus Füßmann (Hrsg.): Historische Faszination. Geschichtskultur heute. Köln u. a. 1994, S. 3–26, hier S. 5 Geschichtskultur bezeichne somit die Institutionen und Organisationsformen, innerhalb derer kollektiv historischer Sinn gestiftet wird und die in je unterschiedlicher Weise in Beziehung zum individuellen Geschichtsbewusstsein treten können. Denkmäler, Museen oder historische Jubiläen können vom Individuum unbeachtet bleiben, missverstanden oder emphatisch zelebriert werden. Ihre Existenz aber ist übersubjektiv und vom sozialen System abhängig, innerhalb dessen sie gestiftet und mit Sinn aufgeladen werden. In dieser Hinsicht sind auch andere Autoren Rüsen im Wesentlichen gefolgt. Ferner unterscheidet dieser drei Dimensionen der Geschichtskultur, die er mit dominierenden Sinnkriterien und handlungsbestimmenden Bestimmungsfaktoren paart. Diese begründet Rüsen als anthropologische Konstanten:

eine kognitive, die sich nach dem Kriterium der Wahrheit im Modus des Denkens, eine ästhetische, die sich nach dem Kriterium der Schönheit im Modus des Fühlens, eine politische, die sich nach dem Kriterium der Legitimität im Modus des Wollens strukturieren lassen.

Diese drei Dimensionen stehen nicht neben- oder gegeneinander, sondern sind in den konkreten Erscheinungsformen von Geschichtskultur auf komplexe und stetig wandelbare Form miteinander verwoben.Dass sie das „nicht wirklich“ seien, hat jüngst allerdings Manfred Seidenfuß in dem von ihm verfassten Teilbeitrag „Mittelalterliches und Mittelalter in der Geschichtskultur“ in dem Gemeinschaftsbeitrag von dems., Thomas M. Buck, Sven Plefka, Friederike Stöckle: Die Aktualität des Mittelalters, in: Zeitschrift für Geschichtsdidaktik 9 (2008), S. 35–77, hier S. 35–41 konstatiert. Dabei wird der kognitiven Dimension traditionell die größte Nähe zur Geschichtswissenschaft zugesprochen; erst in jüngerer Zeit wird die narrativ-ästhetische und politische Dimension auch von wissenschaftlicher Geschichtsschreibung wieder stärker diskutiert und die allzu strikte Gegenüberstellung von Geschichtskultur und Geschichtswissenschaft als vermeintliche Gegensätze in Frage gestellt.

In seiner Historik ergänzt Rüsen die Dimensionen auf fünf Dimensionen der Geschichtskultur. Er fügt hinzu:

eine moralische, die sich nach dem Sinnkriterium von Gut und Böse im Modus des Wertens, eine religiöse, die sich nach dem Kriterium der Erlösung im Modus des Glaubens bestimmen lassen. Zuletzt erweiterte Rüsen die Kategorienbildung in seiner Monographie über historische Sinnbildung auf insgesamt sieben Dimensionen:

eine didaktische, die sich nach dem Sinnkriterium der Bildung im Modus des Erziehens bestimmen lässt, und eine psychologische Dimension.

In dieser letzten Aktualisierung bezeichnet Rüsen die Dimensionen insgesamt als „Dimensionen des Historischen“. Die psychologische Dimension ordnet er auch nicht direkt der Geschichtskultur zu, sondern spricht von „mentalen Operationen des Geschichtsbewusstseins“, die in einem komplexen Zusammenhang zwischen dem Unbewussten und bewussten Handlungen stehen. Entsprechend liegt diese Dimension „quer zu den anderen“. Direkt ordnet er dieser Dimension auch keine anthropologische Grundlage oder ein Sinnkriterium zu. Seiner Erläuterung ist aber zu entnehmen, dass ihm Zentrum (unbewusstes) Deuten als eine anthropologische Konstante steht, um historischen Wandel zu verarbeiten: „Das Unbewusste ist ein Bereich der psychischen Operationen des deutenden Umgangs mit der Erfahrung historischen Wandels“.

Rüsens erste drei Dimensionen sind in der geschichtstheoretischen Rezeption der Geschichtsdidaktik maßgeblich geworden, während sich die vier zuletzt hinzugefügten Dimensionen nicht breit durchsetzen konnten. Rüsen konstatiert aber auch selbst, dass seine ersten drei Dimensionen die maßgebenden Dimensionen seien. Vielfach wurde angeregt, Rüsens Konzept um eine ökonomische Dimension zu erweitern:Holger Thünemann: Geschichtskultur als Forschungsansatz zur Analyse des Umgangs mit der NZ-Zeit und dem Holocaust. Konzeptionelle Standortbestimmung und ein Vorschlag zur kategorialen Differenzierung. In: Zeitschrift für Geschichtsdidaktik 4 (2005), S. 230–240, hier S. 234. durch die zunehmende Existenz von geschichtlicher Wettbewerbsstrukturen, Vermarktungsambitionen, gar einer „Vergangenheitsbewirtschaftung“ gerade in den Geschichtskulturen der Gegenwart sei eine solche ökonomische Dimension sichtbar. Dennoch konnte sich diese Anregung nicht im geschichtstheoretischen Kanon behaupten. Rüsen selbst folgte dem Ergänzungsvorschlag dezidiert nicht.Holger Thünemann: Geschichtskultur revisited. Versuch einer Bilanz nach drei Jahrzehnten. In: Thomas Sandkühler, Horst Walter Blanke (Hrsg.): Historisierung der Historik. Jörn Rüsen zum 80. Geburtstag. Böhlau Verlag, Wien / Köln / Weimar 2018 (= Beiträge zur Geschichtskultur 39), ISBN 978-3-412-50407-6, S. 127–149, hier S. 137.

Komplementär zur politischen Dimension der Geschichtskultur setzen dagegen die ihrerseits konkurrierenden Konzepte der Geschichtspolitik (Edgar Wolfrum),Edgar Wolfrum: Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Der Weg zur bundesrepublikanischen Erinnerung 1948–1990. Darmstadt 1999. der Vergangenheitspolitik (Norbert Frei)Norbert Frei: Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit. München, 1996. und der (im angloamerikanischen Sprachraum verbreiteten) Erinnerungspolitik (memory politics)Vgl. Peter Reichel: Politik mit der Erinnerung. Gedächtnisorte im Streit um die nationalsozialistische Vergangenheit. München u. a. 1995. an. Die ästhetische Dimension schließlich wird besonders im Zusammenhang mit den medialen Vermittlungsformen von Geschichte zwischen populärer Geschichtsschreibung (wie z. B. Rudolf Pörtners „Mit dem Fahrstuhl in die Römerzeit“, 1959) und Histotainment betont. So hat der Giessener Geschichtsdidaktiker Siegfried Quandt sehr explizit versucht, das Fernsehen als Leitmedium zeitgenössischer Geschichtskultur zu identifizieren.Siegfried Quandt: Fernsehen als Leitmedium der Geschichtskultur? Bedingungen, Erfahrungen, Trends. In: Bernd Mütter u. a. (Hrsg.): Geschichtskultur. Theorie – Empirie –Pragmatik. Weinheim 2000, S. 235–249. Dagegen hat sich jüngst, ausgehend von der Einsicht, dass es zwar „Bilder ohne Geschichte, aber keine Geschichte ohne Bilder“ gebe,Harald Welzer: Das Gedächtnis der Bilder. Eine Einleitung. In: Harald Welzer (Hrsg.): Das Gedächtnis der Bilder. Ästhetik und Nationalsozialismus. Tübingen 1955, S. 7–13, hier S. 8. das tiefer ansetzende Projekt einer Visual History etabliert, wie Gerhard Paul sein 2006 erschienenes, programmatisches „Studienbuch“ betitelt hat.Gerhard Paul (Hrsg.): Visual History. Ein Studienbuch. Göttingen 2006. Auch verschiedene Dimensionierungen von Geschichtskultur zwischen öffentlichen und privaten Formen werden in der Zwischenzeit thematisiert. So hat etwa Christoph Kühberger das Kinderzimmer als Ort einer kindlichen Geschichtskultur ethnographisch erforscht.

Das von Rüsen entworfene Konzept hat in seinen Grundzügen weitgehende Aufnahme in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Geschichtskultur gefunden; als Gegenentwurf gilt das Konzept der Erinnerungskultur (s. unten).

Geschichtskultur als soziales System: Bernd Schönemann

Ordnung der Geschichtskultur An der Weiterentwicklung des geschichtskulturellen Paradigmas hat Bernd Schönemann gearbeitet, der im Anschluss an die konstruktivistische Soziologie von Peter L. Berger und Thomas Luckmann dafür argumentiert, Geschichtsbewusstsein und Geschichtskultur als zwei Zugänge zum selben Phänomen, nämlich als individuelles (Geschichtsbewusstsein) bzw. kollektives (Geschichtskultur) Konstrukt historischer Wirklichkeit zu begreifen.Bernd Schönemann: Geschichtsdidaktik und Geschichtskultur. In: Bernd Schönemann, Bernd Mütter, Uwe Uffelmann (Hrsg.): Geschichtskultur. Theorie – Empirie – Pragmatik. Weingarten 2000 (= Schriften zur Geschichtsdidaktik, Bd. 11), S. 26–58, hier S. 44ff. Rüsens Dimensionsmodell ergänzend, stellt er ihm eine zweite, vier Dimensionen umfassende Beschreibungsmatrix an die Seite, die besonders die Rolle der Geschichtskultur als soziale Ordnung betont:

eine institutionelle, die den Rahmen geschichtskultureller Praxis (Schulen, Archive, Museen, Akademien etc.) in dauerhafter und systematischer Form beschreibt, eine professionelle, die sich mit den spezifischen Akteuren (Lehrern, Wissenschaftlern, Künstlern etc.), eine mediale, die sich mit den Vermittlungsformen (Buch, Film, Lied etc.), und schließlich eine adressatenspezifische Dimension, die sich mit den Adressaten geschichtskultureller Phänomene (Gruppen, Schichten, Ethnien, Berufe etc.) beschäftigt.