300px|rechts Der nordamerikanische Kontinent ist unter klimatischen Gesichtspunkten ein Kontinent der Extreme. Durch seine große Nord-Süd-Ausdehnung und die topographische Situation treten insbesondere auf dem Gebiet der Vereinigten Staaten von Amerika ganzjährig klimatische Extremlagen auf, welche die Lebens- und Wirtschaftssituation von großen Teilen der Bevölkerung prägen.

Die topographische Gliederung Nordamerikas mit den Rocky Mountains entlang der Westküste und den Appalachen an der Ostküste, die den Kontinent südwärts trichterförmig begrenzen, sowie der angrenzende Pazifische Ozean im Westen, der Atlantische Ozean im Osten und das Karibische Meer bzw. der Golf von Mexiko im Süden bedingen das großräumige und häufige Auftreten von extremen Wetterereignissen. Die räumliche Verteilung dieser Wetterereignisse ist teilweise regional begrenzt (zum Beispiel Hurrikane, Tornados), teilweise sehr ausgedehnt (zum Beispiel Kälte- und Hitzeereignisse). Klimaextreme werden im englischen Sprachraum auch climatic hazards genannt. Das Auftreten dieser climatic hazards konzentriert sich dabei in erster Linie auf das kontinentale Staatsgebiet der Vereinigten Staaten von Amerika und betrifft nur in Ausnahmefällen auch den Süden Kanadas und im Falle der Hurrikans den gesamten Karibischen Raum und Zentralamerika. Alle Extremereignisse sind dabei saisonal begrenzt, variieren jedoch stark im Hinblick auf ihr Verbreitungsgebiet bzw. die Größe der betroffenen Region.Glaser, Rüdiger und Klaus Kremb (2006): (Hrsg.): Nord- und Südamerika. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.: 28

Schwüle und Hitze

Das Problem schwüler, feucht-warmer und heißer Witterung betrifft während der Sommermonate weite Teile der südöstlichen USA. Feucht-heiße Luft, die vom Bermudahoch über den Golf von Mexiko bis weit ins Landesinnere verfrachtet wird und Temperaturen von 30–32 °C aufweist, sowie eine relative Luftfeuchtigkeit von 75 – 85 % besitzt, sorgt für starke Belastungen des menschlichen OrganismusGLASER & KREMB 2006: 29f. Bei gleichzeitig hoher Sonnenscheindauer und relativer Windstille sowie nur geringer Temperaturrückgänge während der Nacht stellt diese Witterung insbesondere für ältere Menschen eine große Gefahr dar. Die tatsächlich durch diese Bedingungen begründeten Opfer sind nur ungenau zu beziffern und wissenschaftlich schwer von natürlichen Todesfällen zu unterscheiden, werden aber auf ca. 200 pro Jahr geschätztCutter, Susan L. (2001): American hazardscapes: the regionalization of hazards and disasters. Washington: Joseph Henry Press.: 99. Die Opferzahlen einzelner, extremer Hitzeereignisse können aber auch deutlich höher ausfallen. So werden auf eine Hitzewelle in Chicago im Jahre 1995 ca. 670 Todesopfer zurückgeführtCUTTER 2001: 99. Wirtschaftliche Schäden sind meist eher indirekter Natur. Den immensen Stromverbrauch der amerikanischen Bevölkerung durch Klimaanlagennutzung kann man jedoch zumindest teilweise auf diese Ereignisse zurückführen. So belief sich der Stromverbrauch durch Klimaanlagen im Jahr 2001 in den USA auf ca. 183 TWhEnergy Information Administration (EIA): http://www.eia.doe.gov/emeu/reps/enduse/er01_us_figs.html Fig.US-2 abgerufen am 4. November 2008, das entspricht in etwa einem Drittel des gesamten deutschen Bruttostromverbrauches desselben JahresStatistisches Bundesamt: http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Content/Statistiken/Energie/Tabellen/Content50/ErneuerbareEnergie,templateId=renderPrint.psml, abgerufen am 4. November 2008. Auch Schäden an und starke Beanspruchung von Straßenbelägen und Schienen können wirtschaftliche Nachteile hervorrufenCUTTER 2001: 100. Die Vorhersage solcher Hitzeereignisse ist durch moderne Wetterbeobachtung relativ langfristig möglich, dadurch verursachte Schäden lassen sich aber kaum verhüten. Am ehesten ist eine Aufklärung der Bevölkerung über die Gefahren dieses climatic hazard von Nutzen, damit diese dann individuelle Vorsorge treffen kann, beispielsweise durch den Kauf von Klimaanlagen und die Vermeidung körperlicher Arbeit während der fraglichen Zeitspanne.

Dürre und Trockenheit

links|mini|250px|Dürrekarte des National Weather Service Dürren und Trockenperioden fordern in der modernen westlichen Gesellschaft, in der Trinkwasser überall verbreitet ist, keine Todesopfer mehr; sie stellen jedoch vor allem aus wirtschaftlicher Sicht ein großes Problem darCUTTER 2001: 98. Sie treten während der Sommermonate auf und bedrohen praktisch das gesamte Gebiet der kontinentalen USA und Südkanadas. Dabei muss zwischen meteorologisch induzierten Dürren und sozio-ökonomischen Dürren unterschieden werden. Meteorologische Dürren sind Trockenperioden, in denen die Niederschlagsmenge vom Mittelwert abweicht, während sozio-ökonomische Dürren dort vorkommen, wo der Wasserverbrauch der Bevölkerung die natürlich vorhandenen und regenerierbaren Wasservorkommen übersteigtCUTTER 2001: 96f. Sozio-ökonomische Dürren können durch den überhöhten Verbrauch der Wasserressourcen eines Gebietes und dem hierdurch folgenden Absinken des Grundwasserspiegels meteorologisch induzierte Dürren begünstigen oder verstärken. Meteorologische Dürren treten gehäuft in den Great Plains auf. Feuchte, maritime Luftmassen vom Pazifischen Ozean treffen im Zuge der Westwinddrift auf die Rocky Mountains und regnen beim Aufsteigen an deren Westseite ab. Der dadurch entstehende Föhneffekt (Chinook) bewirkt, dass östlich der Kordilleren warme, trockene Luft ankommt, die kaum ergiebige Niederschläge hervorbringt, wenngleich im kontinentalen Niederschlagsregime ein Sommermaximum der Niederschläge generell die Regel istGLASER & KREMB 2006: 31. Diese geografische Besonderheit führt dennoch in regelmäßigen Abständen zu mehrjährigen Dürreperioden, die in erster Linie die Landwirtschaft des betroffenen Gebietes stark beeinträchtigen. Verstärkt wird der negative Effekt noch, indem der kräftige Wind die trockene, lose und humusreiche obere Erdschicht in Staubstürmen abträgt und nur unfruchtbarer Boden zurückbleibt. Eine solche extreme Dürreperiode während der 1930er Jahre im Mittleren Westen der USA führte zur Prägung des Begriffs "Dust Bowl"GLASER & KREMB 2006: 31.

mini|250px|rechts|Staubsturm in Texas im Jahre 1935 Eine weitere Gefahr, die von Dürren ausgeht, ist die verstärkte Anfälligkeit der Vegetation für unkontrollierte BrändeKnutson, Cody, Mike Hayes und Tom Phillips (1998): How to reduce drought risk.Western Drought Coordination Council, abzurufen unter Vgl. S. B-4. Den gesamten wirtschaftlichen Schaden, der durchschnittlich jährlich durch Dürren in den USA bedingt ist, beträgt laut einer Studie des National Drought Mitigation Center 6 – 8 Milliarden US-DollarCUTTER 2001: 98. Dürren sind schwer vorherzusagen, da sie sich über einen längeren Zeitraum entwickeln und so dem verlässlichen Vorhersagefenster der Wetterdienste entziehen. Daher ist eine laufende Beobachtung und Bewertung von Trockenperioden und der Vergleich mit historischen Daten nötig. Diese Aufgabe übernehmen das Climate Prediction Centerhttp://www.cpc.ncep.noaa.gov/, das Teil der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA)http://www.noaa.gov/ ist, sowie verschiedene universitäre Einrichtungen, wie beispielsweise das bereits erwähnte National Drought Mitigation Center (NDMC) der University of Nebraska-Lincoln. Die gesammelten Daten zu Niederschlagsmenge, Evapotranspiration, Wasserstand und Bodenfeuchte werden dann durch verschiedene Indizes in Gefahrenkategorien eingeteilt und auf Karten übersichtlich dargestelltGebhardt, Hans, Rüdiger Glaser, Ulrich Radtke und Paul Reuber (2007) (Hrsg.): Geographie. Physische Geographie und Humangeographie. Heidelberg: Spektrum.: 529. Es gibt verschiedene Indizes, die sich jeweils für unterschiedliche Anwendungsgebiete eignen und nach Gebietsgröße der Vorhersage, Lage des Gebiets und anderen Kriterien ausgewählt werden. Der am weitesten verbreitete Index ist der Palmer Drought Severity Index (PDSI), welcher in 11 Klassifikationen eingeteilt ist und von vielen US-Regierungsinstitutionen genutzt wird. Der PDSI, der schon Mitte der 1960er-Jahre entwickelt wurde, ist mittlerweile mehrfach weiterentwickelt und modifiziert worden und wird nun neben anderen Indizes wie dem Standard Precipitation Index (SPI) oder dem Reclamation Drought Index (RDI) genutzt bzw. von diesen ergänztGEBHARDT et al. 2007: 529.

Vorsorgemöglichkeiten gegen Dürre bzw. gegen deren Auswirkungen sind neben Programmen zur Anpassung von landwirtschaftlichen Aktivitäten an das naturräumliche Umfeld auch der Umstieg auf trockenheitsresistenteres Saatgut sowie ungehinderter Informationsfluss an potentiell Betroffene. Diese Maßnahmen können zwar die Dürre nicht verhindern, die Auswirkungen auf die betroffene Bevölkerung aber zumindest lindern.

Überschwemmungen

mini|250px|rechts|Die große Mississippiflut im Jahre 1927 Überschwemmungen treten in Nordamerika regelmäßig auf, und auch hier ist wieder in erster Linie das Staatsgebiet der USA betroffen. Im Frühjahr sind die Gebiete der nördlichen Great Plains von saisonal wiederkehrenden Schmelzwasserüberschwemmungen betroffen. Seltener treten Hochwässer entlang der großen Flüsse der USA auf, welche durch extreme Niederschläge ausgelöst werden und sich noch ungleich verheerender auswirkenGLASER & KREMB 2006: 32. Flutereignisse sind in den Vereinigten Staaten sowohl in Bezug auf Todesopfer als auch in finanzieller Hinsicht das schwerwiegendste Klimaextrem. Im Zeitraum zwischen 1975 und 1998 forderten sie annähernd 2500 Todesopfer und verursachten finanzielle Schäden von über 100 Milliarden US-DollarCUTTER 2001: 80.

Die Wucht, mit der Überschwemmungen die Bevölkerungen treffen, ist in erster Linie historisch begründet: Überflutungsflächen waren eine attraktive Siedlungsfläche, da sie häufig eine außergewöhnlich gute Bodenqualität boten, was die landwirtschaftlichen Erträge begünstigte; außerdem erleichterten sie durch ihre Ebenmäßigkeit den Gebäudebau. Weitere Gunstfaktoren waren – und sind es bis heute – die günstige Verkehrslage und die Möglichkeit der EnergieerzeugungCUTTER 2001: 84f. In diesen vielfältigen Vorteilen ist begründet, dass heute viele Agglomerationsgebiete und große Städte im Einzugsgebiet potentieller Hochwässer liegen. Die Vermeidung von Flutschäden ist aufgrund der Größe der betroffenen Gebiete nur begrenzt möglich. Durch Schutzbauten ist ein gewisser Schutz bei kleineren Hochwässern zu erreichen.

Während der großen Flut im oberen Mississippibecken im Sommer 1993 wurden aber beispielsweise über 1000 der 1300 Dämme entlang des Flusses zerstörtGLASER & KREMB 2006: 32 und die Wassermassen verursachte Schäden zwischen 12 und 16 Milliarden US-DollarCUTTER 2001: 86, aber dass dennoch weniger als 50 Todesopfer zu beklagen waren, lag an einer guten Vorhersage des Flutverlaufs, deren relativ langsamem Voranschreiten und der dadurch möglichen Evakuierung von über 50.000 MenschenCUTTER 2001: 86. Überflutungen sind und bleiben jedoch prinzipiell unbeherrschbar und können nur durch eine Begrenzung von Neubauten in Flutgebieten und konsequentem Bau von Hochwasserschutzeinrichtungen und deren regelmäßiger Wartung in ihren Auswirkungen begrenzt werden.

Flash Floods

mini|250px|rechts|Warnlogo des NOAA zur Aufklärung der Bevölkerung über die Gefahren von flash floods