mini|hochkant=1.5|Der Mainzer Dom aus Richtung Leichhof im Südwesten. Blick auf den Westturm mit dem steinernen Turmhelm von Franz Michael Neumann. Links die beiden Treppentürmchen, die den Chor einrahmen. Zwischen den Türmen das Reiterstandbild des heiligen Martin. mini|hochkant=1.5|Luftbild von Süden: der Hohe Dom zu Mainz in der Altstadt mit den Domplätzen Leichhof (u. l.), Höfchen (o. l.), Markt (o.) und Liebfrauenplatz (o. r.) mini|hochkant=1.5|Grundriss: Doppelchoranlage Der Hohe Dom St. Martin zu Mainz, kurz Mainzer Dom, ist die Kathedrale (Bischofskirche) der römisch-katholischen Diözese Mainz und steht unter dem Patrozinium des heiligen Martin von Tours. Der Ostchor ist dem Hl. Stephan gewidmet. Der zu den Kaiserdomen zählende Bau ist in seiner heutigen Form eine dreischiffige romanische Pfeilerbasilika, die in ihren Anbauten sowohl romanische als auch gotische und barocke Elemente aufweist.

Vorgängerbauten Ab wann die Mainzer Kirche eine bischöflich verfasste Kirche war, lässt sich nicht mehr abschließend klären, da die vorhandenen Bischofslisten aus alter Zeit allesamt zweifelhaft sind.Vgl. zur ganzen Problematik: Hans Werner Nopper: Die vorbonifatianischen Mainzer Bischöfe. Books on Demand, Norderstedt 2001, ISBN 3-8311-2429-9. Demnach ist auch unklar, wann es die erste Kathedrale in der Stadt gab. Allerdings ist aus historischen Quellen wie der des Geschichtsschreibers Ammianus Marcellinus bekannt, dass in der Stadt im 4. Jh. eine größere Gemeinde existiert haben muss, für die eine bischöfliche Leitung anzunehmen ist. Der Bericht des Ammianus über die Plünderung der Stadt im Jahr 368 erwähnt eine christliche Gemeinde, die bei der Feier eines Festes, vermutlich des Osterfestes, überrascht worden sei. Diese Feier hätte in der Kathedrale stattgefunden.Nopper: Die vorbonifatianischen Mainzer Bischöfe. S. 28.

Erster sicher bezeugter Bischof war im 6. Jahrhundert Sidonius († nach 580). Seine Kirche trug bereits das Patrozinium des fränkischen Staatsheiligen Martin von Tours.Rolf Decot: Der Martinsdom in Mainz. Zeuge einer wechselvollen Geschichte. In: Der verschwundene Dom. Mainz 2011, S. 23. Lage und Größe dieser Kirche sind jedoch unbekannt. Die archäologischen Befunde geben nur wenig Auskunft, genauere Untersuchungen und Ausgrabungen haben in den vergangenen Jahrzehnten nicht stattgefunden.Ernst Dassmann in: Handbuch der Mainzer Kirchengeschichte (HMKG), Band 1/1. Echter Verlag, Würzburg 2000, ISBN 3-429-02258-4, S. 51. Da es aber eine reiche Quellenlage gibt, sind Standort und Umfang der Kathedrale und ihrer Nebenbauten Gegenstand beständiger Diskussionen.Dassmann in: HMKG Band 1/1, S. 51; auch Nopper: Die vorbonifatianischen Bischöfe. S. 41. Die bekannteste Diskussion ist die um eine „Kathedralgruppe“ innerhalb der Stadtmauern, eine Dreiergruppe mit Bischofs-, Seelsorge- und Taufkirche. Außer einem Mauerzug und Estrichresten sowie einem Sarkophag unter der Johanniskirche, die in späteren Jahren auch als „Alter Dom“ bezeichnet wurde, ist von diesem Gebäudekomplex allerdings nichts bezeugt.Decot: Der Martinsdom in Mainz. In: Der verschwundene Dom. Mainz 2011, S. 24.

Architektur und bauhistorische Entwicklung

Willigis-Bardo-Bau Motivation Erzbischof Willigis (zugleich Erzkanzler des Reiches), dessen Amtszeit 975 begann, veranlasste den Bau eines neuen Domes in ottonischen Formen. Möglicherweise war Willigis zu dem Bau vom Motiv bewegt, sich das Krönungsrecht für den Römisch-deutschen König zu erhalten.Vgl. Franz Staab: Mainz vom 5. Jahrhundert bis zum Tod des Erzbischofs Willigis (407–1011). In: Franz Dumont, Ferdinand Scherf, Friedrich Schütz (Hrsg.): Mainz – Die Geschichte der Stadt. Von Zabern, Mainz 1999, S. 100. Staab verweist auf einen Aufsatz von Ulrich Stutz aus dem Jahre 1911, der diese Ansicht populär gemacht habe, bevorzugt aber selbst die historiographische Tradition von Marianus Scotus aus dem 11. Jh., die den Bau zu den Anfangszeiten Willigis Pontifikat datiert. Eine genaue Datierung des Baubeginns ist nicht gesichert. Da der Erhalt des Krönungsrechts erst ab etwa 990 in Frage gestellt war, spricht gegen diese Theorie die extrem kurze Zeit bis zur Vollendung des Baus. Als Bauzeit wird eine Zeitspanne von 30 Jahren für möglich gehalten.Dethard von Winterfeld: Zur Baugeschichte des Mainzer Domes. In: Der verschwundene Dom. Mainz 2011, S. 54. Andererseits ist die Weihe der Stephanskirche mit 997 datiert und die geringe Wahrscheinlichkeit zweier großer kirchlicher Baustellen gleichzeitig in derselben Stadt spricht für einen Baubeginn erst gegen Ende des 10. Jahrhunderts.

Auch wenn Baubeginn und damit verbundene Motive nicht mehr belegt werden können, so kann jedoch mit Sicherheit gesagt werden, dass pastorale Erwägungen dem Dombau nicht zugrunde lagen. Zur Amtszeit des Willigis, der am Hofe Ottos I. gedient hatte und der neben seiner Funktion als Erzbischof auch Reichserzkanzler des Heiligen Römischen Reiches war, prosperierte die Stadt Mainz wegen ihrer neuen Bedeutung als Residenz des wichtigsten Reichsfürsten und Politikers und hatte einige tausend Einwohner, für die es in Mainz allerdings mehr als ausreichend Pfarrkirchen gab.

Der Neubau war als Staatsdom gedacht, nicht als bloße Gemeindekirche. Er sollte also nicht in erster Linie den Gläubigen dienen, sondern den Status des Erzbischofs als Reichserzkanzler und Königskröner im ottonischen Reich repräsentieren und die Bedeutung der Mainzer Kirche als „zweites Rom“ erkennbar machen.Decot: Der Martinsdom in Mainz. In: Der verschwundene Dom. Mainz 2011, S. 27–28. Entsprechend lehnte sich die Ausführung des Baus auch an die alte Peterskirche in Rom an.

Standort des neuen Doms mini|Der Dom vom Bonifaziusturm A aus gesehen Willigis ließ seinen Dom auf eine Brache vor dem damaligen Stadtkern bauen. In römischer Zeit hatte sich dort noch eine Siedlung befunden, die in fränkischer Zeit vermutlich aufgegeben worden war. Unter dem Dom sind Mauerreste aus römischer Zeit nachweisbar.Ludwig Becker, Johannes Sartorius: Baugeschichte der Frühzeit des Domes zu Mainz: IV. – XIII. Jahrhundert, Tafel III, 1936, . Lange Zeit wurde vermutet, der Dom stehe auf Resten römischer Tempelanlagen. Die archäologischen Befunde widerlegen diese Ansicht jedoch.Karl Heinz Esser: Der Dom des Willigis. In: Willigis und sein Dom. Festschrift zur Tausendjahrfeier, S. 138. Der neue Dom löste einen Vorgängerbau ab, der sich – wie oben beschrieben – in unmittelbarer Nähe befunden haben könnte. Dabei kann es sich um die auch weiterhin als Alter Dom („Aldedům“) bezeichnete Johanniskirche gehandelt haben.Josef Heinzelmann: Mainz zwischen Rom und Aachen. Erzbischof Willigis und der Bau des Mainzer Doms, in: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 30 (2004), S. 7–32, hier: S. 22, Volltext im Internet, (PDF; 1,2 MB). Durch eine Überlieferung war bekannt, dass der von 1011 bis 1021 amtierende Erzbischof Erkanbald im Alten Dom von Mainz begraben sei. 2019 wurde ein Sarkophag entdeckt, dessen exponierte Lage mitten in der Kirche und die Ausführung des Sarkophags auf einen hohen kirchlichen Würdenträger hindeuteten. Nach der C14-Methode konnte der Bestattete mit einer Abweichung von ±20 Jahren auf das Jahr 1000 datiert werden.

Ohnehin war die vor der Stadt gelegene und bereits aus spätrömischer Zeit stammende Klosterkirche St. Alban zu dieser Zeit bereits seit fast zwei Jahrhunderten die bedeutendste Kirche des Erzbistums. Dort fanden, da die Kirche mit etwa 75 m Länge für die damalige Zeit erstaunlich groß war, alle wichtigen Synoden und Versammlungen statt. Auch die Mainzer Erzbischöfe wurden damals meist dort begraben.

Ausführung Die Rekonstruktion des Willigisdoms ist von der Schwierigkeit geprägt, dass der Bau erstens nur sehr kurz in seinem Urzustand existierte und zweitens archäologische Untersuchungen nur in unzureichendem Maße vorgenommen wurden.Karl Heinz Esser: Der Dom des Willigis. S. 136. Gleichwohl reichten Ausgrabungen auf dem Liebfrauenplatz und Erkenntnisse während der großen Domsanierung 1925–1928 aus, um den Bau des Willigis in seinen Grundzügen beschreiben zu können.

Vorkirche im Osten mini|Alt-St. Peter in Rom mit Kolonnadengängen zwischen Vorkirche und Kirche

Im Osten erhob sich eine Vorkirche, die mit dem eigentlichen Dombauwerk verbunden war. Der Umfang dieses Vorbaus lässt sich durch die bei Ausgrabungen vorgefundenen Fundamente recht gut bestimmen. Ganz im Osten stand demnach ein rechteckiger etwa 13,50 m breiter TurmDer Turm wird in den neusten Rekonstruktionen offensichtlich nicht mehr beschrieben, vgl. von Winterfeld: Zur Baugeschichte des Mainzer Domes. In: Der verschwundene Dom. Mainz 2011, S. 50–51 und Abbildung 11., der eine innen halbkreisförmige, nach außen aber rechteckig ummantelte Apsis umschloss. Dahinter schloss sich ein rund 31 m breiter, 11 bis 12 m langer Querbau an. Dieses Ensemble bildete wohl die eigentliche Vorkirche. Mit dem Dom war es durch zwei niedrige 41 m lange Kolonnadengänge verbunden, die im Grundriss wie eine Verlängerung der Seitenschiffe des Doms wirken. Hier tritt die Ähnlichkeit mit Alt-St. Peter in Rom besonders stark zu Tage. Die Kolonnaden und auch die Vorkirche wurden bei der Brandkatastrophe von 1009 zerstört, an der Idee einer dem Dom vorgelagerten Kirche wurde dennoch festgehalten. Hier entstand später die große Stiftskirche St. Maria ad Gradus (Liebfrauenkirche).

Ostbau und Ostchor Der Ostbau bestand aus einem Querhaus, das im Norden und Süden von je einem Treppenturm begrenzt wurde. Das Motiv der Treppentürme übernahm Willigis vermutlich von der Pfalzkapelle in Aachen.Esser: Der Dom des Willigis. S. 179. Es findet sich an der nach 1000 begonnenen Michaelskirche in Hildesheim wieder, die auch sonst viele Ähnlichkeiten mit dem Willigisdom aufweist. Der Bau war so breit wie das Langhaus und war dreigliedrig, das Mittelschiff schloss ein querrechteckiger, die Seitenschiffe ein quadratischer Gebäudeteil ab. Flankiert wurde der Ostbau von zwei Türmen mit wahrscheinlich vier geschlossenen Geschossen und einem offenen Arkadenabschluss. Die vier Geschosse der beiden Türme gehören zu den noch existenten Resten des Willigisbaus. Die Türme wurden später mehrmals erhöht bzw. nach Zerstörungen rekonstruiert, zum ersten Mal schon unter dem Willigis-Nachfolger Bardo.von Winterfeld, Zur Baugeschichte des Mainzer Domes. In: Der verschwundene Dom. Mainz 2011, S. 50.

Die quadratischen Abschlüsse der Seitenschiffe waren jeweils bis zum dritten Geschoss des benachbarten Flankenturms aufgeführt. In ihnen hat sich in Form zweier Räume ebenfalls Bausubstanz aus dem Willigis-Dom erhalten. Vermutlich war es ein Archiv- und ein Sakristeiraum. Sie waren nicht von den Treppentürmen, sondern vom Mittelbau aus begehbar, was die Existenz entsprechender Emporen dort voraussetzt.

Der Mittelbau selbst war höher, Rekonstrukteure gehen von einem Turm ähnlich wie in Minden oder Hildesheim aus, der zur Aufnahme der Glocken gedacht war.von Winterfeld, Zur Baugeschichte des Mainzer Domes. In: Der verschwundene Dom. Mainz 2011, S. 49. Im Mittelbau aufgestellte Altäre begründeten die Tradition des Ostchors und somit die Gestaltung des Mainzer Doms als Doppelchoranlage.