Der Frauendienst (Vrouwen dienest) ist ein mittelhochdeutsches Werk von Ulrich von Liechtenstein und entstand im Jahr 1255. Es besteht aus 1850 epischen Strophen, 57 Liedern, einem Leich, drei Büchlein und sieben Briefen. Das Werk gilt als das erste in Ich-Form geschriebene Epos in deutscher Sprache.
Handlung Der Frauendienst schildert das Leben, die Abenteuer und vor allem das Minneverhältnis des Ritters Ulrich zu zwei von ihm verehrten Damen. Das Werk gliedert sich demnach auch in einen ersten und einen zweiten Dienst.
Erster Dienst (8–1389) Die 32 einleitenden Strophen des Frauendienstes erzählen von der Kindheit des Protagonisten. Ulrich beschreibt eine Minne von kinde an, er ist also für die Minne geboren. Er entschließt sich schon in jungen Jahren, Minneritter zu werden und sich in den Dienst von Frauen zu stellen. Im Alter von zwölf Jahren verliebt sich Ulrich während seines Pagendienstes in die Dame des Hausherrn und beschließt, sich in ihren Dienst zu stellen. Von nun an folgt ein Frauenpreis nach dem anderen. Für den Protagonisten zählt nur mehr die Auserwählte. Mit 24 Jahren endet seine Kindheitsgeschichte mit der Schilderung der großen Hochzeitsfeier der Tochter Leopolds von Österreich in Wien, in deren Rahmen er seine Schwertleite erhält.
Danach bestreitet er zahlreiche Turniere, alle – wie er immer wieder ausdrücklich betont – im Dienste seiner vrowe. Einige Zeit später lässt er der Dame durch eine Verwandte ein Lied zukommen, in dem er ihr seine Dienste anbietet. Diese lehnt das Angebot jedoch ab und begründet die Entscheidung u. a. mit dem "verunstalteten Mund" des Ritters. (Wahrscheinlich ist mit dem "verunstalteten Mund" metaphorisch das vorlaute Mundwerk des Protagonisten gemeint und nicht eine pathologische Verunstaltung in Form einer Lippenspalte.) Als Ulrich diese Nachricht empfängt, ist er sehr betrübt. Doch sogleich entschließt er sich – die Nachricht der Herrin wörtlich nehmend – seinen "verunstalteten Mund" operieren zu lassen.
Nach der, von Ulrich durchaus realistisch beschriebenenBernhard Dietrich Haage: Medizinische Literatur des Deutschen Ordens im Mittelalter. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 9, 1991, S. 217–231; hier: S. 226 f. und somit als im Mittelalter bekannt vorauszusetzendenRalf Vollmuth, Peter Proff: „Dieweil aber das angesicht ein sonderliche zier vnd wolstandt des menschen ...“ Anmerkungen zur Frage der Ästhetik in der Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie des Mittelalters und der Frühneuzeit. In: Dominik Groß, Monika Reininger (Hrsg.): Medizin in Geschichte, Philologie und Ethnologie. Festschrift für Gundolf Keil. Würzburg 2003, ISBN 3-8260-2176-2, S. 159–175; hier: S. 163 f. plastisch-chirurgischen Operation in Graz, die er bei vollem Bewusstsein über sich ergehen ließ, lässt er die Dame davon in Kenntnis setzen. Sie gewährt ihm daraufhin ein erstes Treffen. Aufgrund des schönen Anblicks der Dame bringt er jedoch kein Wort über seine Lippen und lässt somit auch diese Chance auf eine Annäherung ungenutzt. Trotzdem beteuert er wieder, ihr zu dienen. Folglich nimmt er als grüner Ritter verkleidet am großen Friesacher Turnier teil und lässt die Dame wieder über seine Erfolge benachrichtigen. Sie erteilt Ulrich aber erneut eine Absage.
Trotzdem lässt er sich von seinem Ziel nicht abbringen. Für seine vrowe bestreitet er weiterhin Turniere, preist sie und nimmt für sie viele Unannehmlichkeiten in Kauf. So kommt es zum Beispiel während eines Turniers in Brixen zu einem Unfall, bei dem Ulrich am Finger verletzt wird. Durch Missverständnisse zwischen Ulrich und seiner vrowe bezichtigt sie ihn der Lüge und lehnt ein Dienstverhältnis ein weiteres Mal ab. Voller Verzweiflung lässt Ulrich seinen Finger abschlagen und ihn an die Dame versenden. Obwohl diese die Geste erschüttert, fühlt sie sich, wie es scheint, geehrt, denn sie gewährt ihm, seine nächste Turnierfahrt in ihrem Dienste anzutreten.
Daraufhin beginnt die große und aufwendige Venusfahrt: In prachtvollen Damenkleidern als Frau Venus verkleidet und auf einem wunderschönen Pferd zieht Ulrich 29 Tage lang von Venedig nach Böhmen und bestreitet ein Turnier nach dem anderen. Doch auch diese ehrenvolle Tat kann die vrowe nicht von einem Dienstverhältnis überzeugen. Sie gewährt ihm noch einmal ein Treffen, bei dem sich Ulrich, als Aussätziger verkleidet, in einer Nacht im Graben ihrer Burg verstecken sollte, von wo man ihn zu ihr bringen würde. Im entscheidenden Moment passiert jedoch ein Unglück, das auch dieses Treffen scheitern lässt. Voller Verzweiflung will sich Ulrich daraufhin das Leben nehmen, was aber doch noch verhindert werden kann.
Den folgenden Sommer nutzt er für weitere Turniere. Plötzlich erreicht ihn eine Nachricht der Herrin, die ihn wieder hoffen lässt: Ulrich solle für die Dame eine Fahrt über das Meer wagen. Wenn ihm das gelänge, wäre sie bereit, seinen Minnedienst anzunehmen. Bereitwillig entschließt sich Ulrich, die Fahrt anzutreten, dichtet der vrowe ein Büchlein und drei Lieder und lässt sie ihr zukommen. Diese freut sich sehr darüber und erlässt Ulrich die gefährliche Fahrt. Im Sommer darauf bricht der Protagonist den Frauendienst zu seiner Angebeteten plötzlich ab. Genauere Umstände erfährt der Leser nicht. Nur, dass die vrowe eine Untat begangen hat, die er nicht näher ausführen möchte, gibt er preis. Es muss wohl etwas überaus Schlimmes gewesen sein, denn Ulrich beschließt, nie wieder in seinem Leben einer Frau zu dienen. Der erste Dienst ist somit beendet.
Zweiter Dienst (1390–1835) Lange Zeit und viele Klagen später fühlt sich Ulrich dann aber doch wieder imstande, einer Frau zu dienen. Es gibt zu diesem Zeitpunkt seines Lebens bereits eine Frau, in deren Dienst er sich stellen möchte. Auch dieser vrowe widmet er eine große und aufwendige Turnierfahrt, diesmal als König Artus verkleidet. Nachdem diese Fahrt beendet ist, folgen eine Reihe von traurigen Ereignissen. Zuerst wird Herzog Friedrich erschlagen, was eine große Not in Österreich zur Folge hat. Dann wird Ulrich für ein Jahr und drei Wochen in Gefangenschaft genommen. Befreiungsversuche durch seine Freunde scheitern. Nur die Minne zu seiner vrowe erhält ihn am Leben. Er schreibt ihr Lieder und versichert ihr immer wieder, dass er ihr bis zu seinem Tode dienen wird. Diese schlimmen Ereignisse haben jedoch zur Folge, dass sein Haar ergraut und er die Freude am Dichten verliert.
Didaxe (1753–1835) Ulrich warnt die Frauen vor Männern, die nur schnelle Liebe im Sinn haben und berät die Männer, wie sie Frauengunst erlangen können.
Epilog (1836–1850) Im Epilog erklärt Ulrich, dass er wisse, dass es unehrenhaft sei, über sein eigenes Leben zu schreiben, doch er habe dies im Auftrag seiner Herrin getan, deren Wunsch es war und dem es nachzukommen gelte. Er nennt das Werk selbst vrowen dienst.
Textprobe Ulrich ist dafür bekannt, eine humoristische, oft groteske Dichtung geschaffen zu haben. Eine seiner skurril-komischen Szenen ist die berühmte "Handwaschwasserszene". Darin schildert er, wie er während seines Pagendienstes am Hof seiner vrowe deren Handwaschwasser aus Liebe zu ihr trinkt:Ulrich von Liechtenstein: Frauendienst, V. 25,1-8. Hrsg. von Franz Viktor Spechtler. Göppingen 2003 (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik. Bd. 485). ISBN 3-87452-721-2.
Handwaschwasserszene
Min vreude war vil ofte groz, swenne ich kom, da man wazer goz der herzen lieben vrowen min uf ir vil wizen hendelin. daz wazer, da mit si sich twuoc, verholn ich daz von danne truoc, vor liebe ich ez gar uz tranc; da von so wart min truren cranc. sinngemäße Übersetzung
Meine Freude war immer wieder riesengroß wenn ich gerade kam, als man das Wasser meiner herzenliebsten Herrin über ihre weißen Hände goss. Das Wasser, womit sie sich wusch, das trug ich heimlich davon, und trank es vor Liebe restlos aus; das verringerte meine Traurigkeit.
Ulrich von Liechtenstein: Frauendienst, FD 25,1-8
Der Aspekt der Autobiographie Drei wesentliche Aspekte tragen dazu bei, Ulrichs von Liechtenstein Frauendienst in die Gattung der Autobiographie des 19. Jahrhunderts einstufen zu wollen: Erstens wird der gesamte Text in der Ich-Perspektive erzählt. Weil Ulrich zudem ein bedeutender und durch 94 Urkunden belegbarer und somit fassbarer Mann war, liegt die Annahme, er erzähle sein eigenes Leben, nah. Zweitens nennt der Protagonist nicht nur sich selbst namentlich, sondern auch zahlreiche andere Personen und Orte, die historisch nachweisbar sind. Und drittens versichert der Autor zu Beginn des Werkes, dass er die reine Wahrheit erzählt: ich hab daz liegen dran versworn (FD 7,8) (Übersetzung: und jedes Lügen liegt mir fern).
All diese Tatsachen verlocken dazu, das Werk in die Gattung Autobiographie einzuordnen. Doch darf nicht übersehen werden, dass Ulrich auch vieles unerwähnt lässt: Er berichtet zum Beispiel von keinerlei politischen und juridischen Aktivitäten in seinem Leben, die durch die Urkunden mit seiner Person aber zweifelsohne in Verbindung gebracht werden können. Er führt zwar historisch belegbare Personen an, die Existenz mancher kann aber oft gar nicht oder zu dieser Zeit nicht nachgewiesen werden. Außerdem gibt er den Namen der wichtigsten Figur seines Werks, nämlich den der Protagonistin, nicht preis. Jürgen Ruben: Zur "Gemischten Form" im "Frauendienst" Ulrichs von Liechtenstein. Untersuchungen über das Verhältnis der Lieder, Büchlein und Briefe zum erzählenden Text. Hamburg: 1969.Franz Viktor Spechtler und Barbara Maier (Hrsg.): Ich – Ulrich von Liechtenstein. Literatur und Politik im Mittelalter. Akten der Akademie Friesach „Stadt und Kultur im Mittelalter“ 1996. Klagenfurt 1999 (= Schriftenreihe der Akademie Friesach. Band 5). ISBN 3-85129-266-9.
Der Frauendienst ist also vermutlich keine Autobiographie, sondern der erste in Ich-Form geschriebene Roman in deutscher Sprache oder allenfalls eine fiktive Autobiographie, d. h. ein Roman, der historisch belegbare Elemente beinhaltet, jedoch keine Aussagen, die nachweislich auf eine Autobiographie hinweisen. Die Ich-Figur namens Ulrich ist somit eine fiktive Figur, und nicht mit der realen Person Ulrich von Liechtenstein gleichzusetzen, auch wenn der Roman in seinem Handlungsraum realhistorische Tatsachen beinhaltet.
Die Intention Ulrichs Während die beiden Minnesänger Walther von der Vogelweide und Neidhart, die zur Zeit Ulrichs lebten, professionelle Künstler waren, die für ihren Lebensunterhalt dichteten und sangen, tat dies der Liechtensteiner nur aus Freude an der Kunst bzw. um innerhalb seiner Standesgenossenschaft auf sich aufmerksam zu machen. Anders als die so genannten Lohndichter war Ulrich von Geburt an finanziell unabhängig. Die spätere Generation der steirischen Minnesänger, wie z. B. Rudolf von Stadeck, Herrand von Wildon und der Sunecker, trugen ihre eigenen Lieder vermutlich gemeinsam mit Ulrichs Liedern in ihrer Heimat aber auch in der Ferne vor, sodass Ulrichs Lieder letztlich für würdig erachtet wurden, in die Manessische Liederhandschrift eingetragen zu werden. Somit hat Ulrich es geschafft, seine Visitenkarte für die Nachwelt zu hinterlassen, was wahrscheinlich eine Absicht hinter seinem literarischen Schaffen war.
Textstruktur und Entstehung Bei dem Werk handelt es sich um keinen gewöhnlichen homogenen, in sich geschlossenen Text, sondern um eine Art Sammelwerk eines Einzelnen. Das Maere, der epische Teil, besteht aus 1850 Strophen zu je acht paarweise gereimten männlichen Vierhebern und ist sozusagen der Rahmen für das lyrische Werk des Autors, denn in diesen epischen Teil hat Ulrich seine 57 Lieder, einen Leich, drei Büchlein und sieben Briefe eingestreut. Man könnte von einem "Super-Text" sprechen, der viele kleine, abgeschlossene Texte in sich vereint.