Als Chorgestühl bezeichnet man ein- oder mehrreihige Sitzreihen an den Längsseiten des Chorraums einer Kirche, vorzugsweise einer Kloster- oder Stiftskirche. Manchmal ist das Chorgestühl mit Schnitzereien reich verziert. Nur in wenigen Kirchen existieren noch vollständig erhaltene Chorgestühle aus mittelalterlicher Zeit, oft wurden sie zerstört oder zerfielen. mini|hochkant=1.6|Chorgestühl im Erfurter Dom Das Gestühl besteht üblicherweise aus gestuften, hölzernen Sitzreihen und ist mit einer Rückwand (Dorsale) abgeschlossen. Die Chorstühle, volkstümlich Stallen, vom lateinischen genannt, haben Armlehnen (Accoudoirs), oft Klappsitze und sind manchmal durch Wände voneinander getrennt.
Geschichte mini|Teil des Chorgestühls von 1288 in der Münsterkirche St. Alexandri, in Einbeck mini|Tafel des Rigafahrergestühls in der Nikolaikirche in Stralsund mini|Chorgestühl des 20. Jahrhunderts in einer Benediktinerabtei in New Jersey (USA) mini|Chorgestühl im Salemer Münster In frühchristlicher Zeit bis ins Mittelalter war das Chorgestühl zumeist die einzige Sitzgelegenheit in einer Kloster-, Stifts- oder Pfarrkirche. Während die Gläubigen dem Gottesdienst im Kirchenschiff stehend oder kniend beiwohnten, dienten den Ordensleuten und Priestern, die mehrmals täglich zum gemeinsamen Chorgebet zusammenkamen, Chorgestühle zum Sitzen, Stehen und Knien während der Liturgie.
Schon im 4. Jahrhundert wurden in den römischen Basiliken bereits beim Bau des Chores feste steinerne Sitzgelegenheiten im Altarraum eingebaut. Diese Bänke waren noch nicht verziert, erst im 6. Jahrhundert wurden Marmorbänke mit einfachen Delfinvoluten am Rand abgeschlossen.
Die Sitzreihen wurden teilweise ähnlich wie bei einem Amphitheater hintereinander treppenförmig angeordnet, um einer größeren Zahl an Klerikern Platz zu bieten. Die Basilika Santa Maria Assunta in Torcello verfügt über eine sechsreihige Anlage dieser Art aus dem 7. Jahrhundert.
Diese steinernen Sitzbänke sind noch bis in romanische und frühgotische Zeit zu finden. Parallel dazu kamen aber auch hölzerne Bänke auf, teilweise einzelne Hocker, Bänke und auch schon Klappstühle. Holz hatte den Vorteil, dass der Sitzende weniger von der Kälte betroffen war, zudem konnten daraus platzsparende Klappstühle gefertigt werden. Zunächst aber gab es nur recht klobige Bänke, wie sie im Kloster Alpirsbach erhalten sind. In Ratzeburg findet man im ältesten deutschen Chorgestühl Sitze aus Bohlen, in deren Form sich der Übergang von Stein zu Holz als Material widerspiegelt.
In einer Ordensregel der Benediktiner in Hirsau aus dem 11. Jahrhundert () werden Miserikordien an der Unterseite der klappbaren Sitzfläche, erwähnt, die dem Stehenden, in hochgeklapptem Zustand, ein Abstützen erlaubten. Die in einer Reihe aufgestellten Klappstühle waren nach vorn durch ein Pult begrenzt, das später zur Auflage der Choralbücher diente. Die Sitze waren teilweise durch Armlehnen voneinander getrennt, an denen sich auch Handknäufe befanden. Bis in die Barockzeit wurde diese Form des Chorgestühls verwendet.
Um 1300 begann man mit der Verzierung des hölzernen Gestühls mit ornamentalen Schnitzereien. Das älteste datierte Schnitzwerk dieser Art in Deutschland stammt aus dem Jahr 1288 und befindet sich in der Münsterkirche St. Alexandri, in Einbeck. (PDF; 1,4 MB) Im 14. und 15. Jahrhundert wurden die Gestühle mehr und mehr prunkvolle Einrichtungsgegenstände der Kirchen, die ähnlich wie die Altäre und Kanzeln verziert waren. Verwendet wurde überwiegend Eichen-, im Westen auch Nussbaumholz, was große Anforderungen an die Schnitzer stellte. Ab dem 16. Jahrhundert verwendete man auch weiche Nadelhölzer für die Schnitzereien. Mit Ausnahme von Spruchbändern wurden die Möbel nicht farblich gefasst, nur die Gestühle des späten 16. Jahrhunderts sind mit farbigen Wappen oder Ranken bemalt oder die Ornamentik ist farblich unterlegt.
Richtete sich die Zahl der Gestühle zunächst noch nach der Zahl der Kleriker, wurden später auch mehr Sitze als benötigt bereitgestellt. Dies entsprach zu Beginn der Renaissance auch dem Repräsentationsbedürfnis der Bürger. So sind im Kölner Dom 104 Plätze vorhanden, im Erfurter Dom 83 und im Magdeburger Dom 56.
Im 15. und 16. Jahrhundert wurde auch im Kirchenschiff Gestühl eingebaut, das allerdings nicht für die Kleriker, sondern für die Laien gedacht war. Diese Laiengestühle gehörten nicht zu den eigentlichen Chorgestühlen, da sie ausschließlich den Bürgern als Sitzgelegenheit dienten. Die Gestühle standen an den Wänden oder wurden an die Pfeiler des Kirchenschiffes gebaut. Neben Gestühlen der Zünfte und Gilden hatten in Städten auch die Räte ihre eigenen Gestühle. Die Laiengestühle wurden mit zunfttypischen Darstellungen geschmückt.
Das Rigafahrergestühl in der Nikolaikirche der Hansestadt Stralsund zeigt Szenen aus der Pelztierjagd und dem Handel mit Pelzen und Honig und verdeutlicht das Selbstverständnis der Bürger. Die Ratsgestühle in den Hansestädten dienten auch der Rechtsprechung. Auch Familien ließen ihr eigenes Gestühl anfertigen. Mit der Fuggerkapelle in der Kirche St. Anna in Augsburg ließ Jakob Fugger zwischen 1512 und 1519 eine Grabkapelle bauen, die in Form und Gestaltung den süddeutschen Chorgestühlen entsprach. Im 18. Jahrhundert hatten diese Gestühle zumeist eine Kastenform und waren mit dem mittelalterlichen Chorgestühl kaum noch vergleichbar.
Einige Chorgestühle wurden durch Verfall des Holzes zerstört, sehr viele gingen durch Kriege, Brände oder auch im Zuge der Reformation durch „Kirchenbrechen“ verloren bzw. entsprachen nicht der Auffassung der evangelischen Lehre und wurden entfernt.
In heutigen Klosterkirchen wird beim Einbau von neuem Chorgestühl im Allgemeinen auf besonderen Zierrat verzichtet.
Standorte Das Gestühl befand sich in dem den Ordensleuten oder Klerikern vorbehaltenen Teil der Kirche, dem Chor. Größere Kirchen hatten meistens ein Gestühl an der Nord- und Südseite des Chores. In Klosterkirchen mit einem großen Konvent wie dem Doberaner Münster war auch ein Teil des Kirchenschiffes den Mönchen vorbehalten, daher erstreckte sich dort auch das Gestühl bis ins Kirchenschiff hinein. In romanischen Kirchenbauten steht das Chorgestühl an den Wänden des Chorquadrates, manchmal auch an den den Chor zum Querhaus abschließenden Chorschranken. Das seit der ottonischen Zeit übliche Chorquadrat zwischen Apsis und Querschiff bot ausreichend Platz für die Sitzgelegenheiten. In den gotischen Kirchen, die über einen Chorumgang verfügen, stehen die Gestühle auch an den Chorschranken. Diese dienen oft als Rückwand des Gestühls; steinerne Chorschranken als Rückwand waren zumeist farbig bemalt oder mit Bildteppichen behängt, hölzerne Rückwände wurden zum Chorumgang hin ebenfalls verziert.
In den größeren Kirchen stehen auch im Westen entlang des Lettners Bänke. Diese hufeisenförmige Anlage trennte den Chorraum noch mehr gegen das Schiff ab und wurde vor allem in Ordenskirchen der Zisterzienser und Benediktiner verwendet, so in Cluny und in Hirsau.
Das Chorgestühl wurde oft beim Bau geplant, und es wurden z. B. steinerne Baldachine dafür geschaffen.
Bestandteile mini|hochkant|Miserikordien aus dem Chorgestühl um 1500 des Quirinusmünster in Neuss Das Chorgestühl besteht zumeist aus in einzelne Sitzgelegenheiten unterteilten Bänken. Die Unterteilung erfolgt durch Pultwangen. Seitlichen Abschluss bildeten teilweise reich verzierte Außenwangen. Klappsitze wurden verwendet, um den Wechsel zwischen Stehen und Sitzen während der Liturgie zu erleichtern. Zur Unterstützung des Stehenden waren an den Klappsitzen Konsolstücke, die so genannten Miserikordien (lateinisch: „Mitleid“, „Barmherzigkeit“), angebracht, die dem Stehenden Halt boten. Die ost- und mitteldeutschen Gestühle wurden mit Dorsalen, oft reich verzierten hölzernen Rückwänden, versehen. Baldachine bildeten den Abschluss nach oben.
Formen mini|Wange zwischen Sitzen in der Dortmunder Marienkirche mini|Zeichnung der Abschlusswangen, Villard de Honnecourt mini|hochkant|Schloss Cappenberg, Chorstuhl, Querschnitt Der französische Architekt Villard de Honnecourt zeichnete um 1240 exakte Aufrisse der üblichen hölzernen Zwischen- und Außenwände der Chorgestühle. Dazu vermerkte er: Hannelore Sachs: Mittelalterliches Chorgestühl von Erfurt bis Stralsund, S. 13.
Die Zwischenwangen, die die Bank in einzelne Sitze teilten, bestanden aus einem größeren unteren Rechteck, über dem ein in der Form eines Viertelkreises angebrachte und in einem Handknauf endende hölzerne, niedrige Trennwand, in der auch das Klappbrett lief, zu einem kleineren Rechteck vermittelte. Der Knauf stellte zunächst eine Blattknolle dar, später wurden auch figürliche Motive verwendet. Vor dem Wangenbrett befand sich zum Boden oft eine dünne Säule. Die einzelnen Sitze wurden mit Schulterringen (accoudoirs) versehen, die in die Armstützen auslaufen. Eine Besonderheit bildeten Chorgestühle in den Zisterzienserklöstern, da dort gemäß den Ordensregeln eine Zellenform beim Gestühl eingehalten und die Zwischenwangen höher ausgeführt wurden. Somit bildete in diesen Kirchen jeder Sitz eine eigene, kleine Zelle für den jeweiligen Chorherren.
Dienten die Zwischenwangen in den meisten Ausführungen nur dem Zweck, die Sitze zu trennen und eine Armlehne zu bieten, wurden die Außenwangen überaus reichlich verziert und als Schmuckelement genutzt. Die hinteren Sitzbänke wurden mit so genannten hohen Wangen ausgestattet, aber auch die Außenwange der ersten Reihe wurde mit einer Pultwange genannten verzierten Außenwange versehen.
Die hinteren Außenwangen unterscheiden sich für die Frühzeit in Deutschland in drei Formen, die in verschiedenen Landschaften verwendet wurden, nämlich: die rheinisch-französische offene Wange mit C- oder E-förmiger Volute sowie die mittel- und ostdeutsche geschlossene Wange mit hoher Rückwand, dem Dorsale. Die Zisterziensergestühle wiesen hohe Zwischenwangen und die landschaftlich üblichen Außenwangen auf.
Die drei Formen existierten nebeneinander, ab Mitte des 14. Jahrhunderts verschmolzen sie und es entstanden neue Formen, die wiederum für bestimmte Landschaften typisch waren. Ab der Mitte des 15. Jahrhunderts wurde auch in Süddeutschland ein besonderes Chorgestühl gebaut. Im 15. und 16. Jahrhundert kamen zu den eigentlichen Chorgestühlen die Gestühle der Zünfte oder Ämter hinzu, die den Laien dienten und erstmals Sitzgelegenheit im Kirchenschiff boten; diese verwendeten Formen der Chorgestühle mit.
Im nachfolgenden werden die für die Verwendung im deutschsprachigen Raum typischen Formen beschrieben.
Rheinische Volutenwange Die rheinische Volutenwange hatte Vorgänger in Frankreich und wurde später parallel zu diesen weiterentwickelt. De Honnecourt zeichnete zwei Varianten dieser Außenwange, beide zeigen die Ausprägung in der Form eines lateinischen E. In der Stiftskirche St. Viktor in Xanten wurden diese Skizzen um 1250 ausgeführt. Die rheinische Pultwange war meist mit einer liegenden Volute auf dem Wangenbrett verziert. Dem Bedürfnis nach weiteren prächtigen Verzierungen entstammten dann die Varianten, die teilweise noch heute existieren. Die E-Volute wurde verdoppelt, vor die Öffnung der C-Volute eine kleine Säule gestellt (z. B. im Naumburger Dom), üppige Laubwerkverzierungen kamen hinzu. Aber auch figürliche Motive wurden eingefügt, wie in der Zisterzienserabtei Altenberg. Dass die Zisterzienserklöster im Rheinland im Schmuck des Gestühls den anderen Kirchen nicht nachstehen, obwohl es ein aus dem Jahr 1134 stammendes Verbot von Skulpturen und Bildern gab, ist teilweise noch heute zu sehen. Wegen der vorgeschriebenen Zellenform auch der Sitze befand sich aber auch bei Verwendung der rheinischen, offenen Wange jeweils ein Dorsale, meist mit Baldachin, an den sich die Wangen anschlossen.