Die ehemalige Stiftskirche Saint-Julien steht inmitten der ehemals befestigen Stadt Brioude in der französischen Region Auvergne im Département Haute-Loire und trägt den Titel einer Basilica minor. Die Stadt hat 6.820 Einwohner (Stand: 1999). Sie liegt etwa 70 km südlich von Clermont-Ferrand im Zentralmassiv auf einer Terrasse oberhalb des Flusses Allier. Das Gebiet der ehemaligen Grafschaft um Brioude wird Brivadois genannt, nach dem ehemaligen keltischen Namen der Stadt Brivas.

Sie ist eine der berühmtesten, geschichtsreichsten und schönsten Kirchen der Auvergne, obwohl sie sich nicht in die Gruppe der „Hauptkirchen der Basse Auvergne“ oder der Limagne einreihen lässt. Die Hauptkirchen der Limagne sind nach einem streng eingehaltenen Plan, ohne Unterbrechung in einem Zug errichtet worden. Hingegen dauerten die Bauarbeiten in Brioude gut ein Jahrhundert, vom Beginn der romanischen Bauperiode bis zu deren Ende. Drei bis vier Baumeister-Generationen folgten bei ihr aufeinander. Der letzte Baumeister, der des Chorhauptes, wich mit Absicht von den Entwürfen seines begabten Vorgängers aus dem 11. Jahrhundert ab, der die prachtvollen Pfeiler des Mittelschiffs und den Narthex errichtete. Eine anschließende Aufstockung des Mittelschiffs reicht um ein weiteres Jahrhundert noch in die gotische Epoche hinein. Saint-Julien weist eine Originalität auf mit einer kontrastreichen, außerhalb der allgemeinen Norm befindlichen Architektur. Allein schon das Mauerwerk zeugt in Textur, Korn und Farbe von ganz unterschiedlichem Gestein, das gleichzeitig ausgezeichnet harmoniert. Vielfalt ist ihr Gesetz.

mini|hochkant|Saint-Julien Brioude, Chorhaupt von NO mini|Saint-Julien Brioude, Überblick von N Geschichte Antike / vorchristliche Zeit Die Stadt Brioude war bereits in keltischer Zeit (ab 700 / 600 vor Christi Geburt) ein bescheidener Siedlungsplatz und hieß damals Brivas, das später zu Brioude wurde. Es lag an einem Kreuzungspunkt bedeutender Wege mit einer Brücke über den Allier. Der hier siedelnde keltische Stamm der Arverner, dessen Name in dem der Région wiederzufinden ist, hatte seinen Hauptort in Nemossos, dem heutigen Clermont-Ferrand.

Nachdem Cäsar im Jahr 52 vor unserer Zeitrechnung in Alesia (Burgund) die Gallier unter Vercingetorix besiegt hatte, besetzten die Römer auch das Land der arverna civitas (ab 1. bis in das 3. Jahrhundert), das damit zur gallischen Provinz wurde. Man spricht von der gallorömischen Epoche.

Völkerwanderungszeit / Mittelalter Martyrium des Heiligen Julianus Was man heute über das Martyrium des Heiligen Julianus vermutet, wurde einem im 6. Jahrhundert verfassten Buch Passio sancti Juliani entnommen, in dem, wie in vielen Heiligenviten der Zeit, die erbauliche Seite zu Lasten historischer Präzision Vorrang erlangte. Nach dieser Passio diente der Christ Julianus als Soldat in Vienne unter dem Tribun Ferreolus, der ebenfalls christlichen Glaubens war. Er sah die Verfolgung des Julianus voraus und riet ihm zur Flucht, der sich daraufhin in die Auvergne zurückzog. Die ihn verfolgenden Soldaten spürten ihn jedoch bald auf und enthaupteten ihn. Die Henker wuschen das Haupt in der nahe Brioude gelegenen Quelle. Sie erfuhr bis in die heutige Zeit Verehrung. Das soll sich zu Beginn des 4. Jahrhunderts, genauer im Jahr 304, bei Brioude zugetragen haben. Der Henker brachte das Haupt nach Vienne zurück, um es Ferreolus zu präsentieren, bevor auch dieser den Märtyrertod erlitt. Sein Leichnam wurde gemeinsam mit dem Kopf von Julianus bestattet. Bei einer späteren Überführung der Reliquien fand man den Kopf des Julianus.

Sein in Brioude zurückgebliebener Leichnam wurde von den beiden Alten Arcons und Ilpize im suburbium von Brioude, der Begräbnisstätte der Ortschaft, nahe der Durchgangsstraße bestattet. Sie sollen als Dank für ihr Erbarmen auf wunderbare Weise ihre Jugend wiedererhalten haben.

So berichtet es die Legende der Passio.

Ihre Gebeine wurden ganz in der Nähe von Julianus bestattet und gehörten später zu den Reliquien der Kirche.

Wallfahrtsort vom späten 4. bis 6. Jahrhundert Schon bald nach Bekehrung der Einwohner von Brioude und deren Umgebung zum Christentum erfuhr die Verehrung des Märtyrergrabes des Heiligen Julianus eine Blütezeit.

Im Auftrag einer spanischen Dame wurde am Ende des 4. Jahrhunderts (?) über dem Grab ein Martyrion errichtet, in Erfüllung eines Gelübdes, das sie zur Errettung ihres Ehegatten abgelegt hatte. Das Gebäude war von einem Gewölbe überdeckt und groß genug, um darin Messen zu lesen.

Der Heilige Germanus von Auxerre besuchte 431 das Grab in Brioude. Als man ihm dort keinen Namenstag des Heiligen Julianus benennen konnte, setzte er ein Datum fest. Der aus der Auvergne stammende Avitus, einer der letzten römischen Kaiser, verlangte im Jahr 456, neben dem Märtyrer begraben zu werden.

Im letzten Drittel des 5. Jahrhunderts wurde über dem kleinen Gebäude über dem Grab eine erste Basilika erbaut, die von Gregor von Tours nach einem Besuch als „groß“ bezeichnet wurde. Nach seinen Angaben befand sich das Grab des Heiligen Julianus jenseits des Altars. Victorius, der Statthalter der Auvergne im Auftrag des westgotischen Königs Eurich, ließ sie mit Säulen ausschmücken.

Der Inhalt der vorstehenden Abschnitte wurde von Gregor von Tours (538 oder 539 bis 594) überliefert. Er stammte aus der Auvergne und war Bischof von Tours und ein bedeutender Geschichtsschreiber des 6. Jahrhunderts. Er hat mehrfache Wallfahrten nach Brioude unternommen und widmete dem Märtyrer das Buch Liber de passione et virtutibus sancti Juliani. Neben zahlreichen naiv anmutenden Erzählungen und lebendig geschilderten Details enthält es die Geschichte der Wallfahrt im 6. Jahrhundert. Gregor berichtet, dass die Pilger in so großen Scharen nach Brioude kamen, dass das damalige Kirchengebäude sie nicht alle fassen konnte. In der Fastenzeit eines jeden Jahres zog eine Prozession zu Fuß von Avernis, damaliger Name des heutigen Clermont-Ferrand, zum etwa 70 Kilometer entfernten Brioude. Sie wurde vom Bischof (Namatius?) angeführt, in Erfüllung eines während einer Epidemie abgelegten Gelübdes.

Die Kirche inmitten des Wallfahrtsortes diente auch als Zufluchtsstätte Verfolgter, die vor der Willkür der Mächtigen, vor Invasoren, vor Epidemien und anderen Schutz suchten. Gregor berichtet, dass König Thierry nach 532 dieses Sonderrecht bestätigte.

Stiftskapitel Saint-Julien im 9. und 10. Jahrhundert

Die Kirche aus dem letzten Drittel des fünften Jahrhunderts bestand immerhin über 400 Jahre. Sie wurde zu Beginn des 9. Jahrhunderts auf Veranlassung von Berengar, Graf des Brivadois, vermutlich dem Grafen von Toulouse gleichzusetzen, nach einem verheerenden Einfall der Sarazenen wieder instand gesetzt.

Dieser gründete etwa zur gleichen Zeit in Brioude ein Stiftskapitel oder Kollegiatstift. Das wurde bald darauf, im Jahr 825, von Ludwig dem Frommen bestätigt. Die Kanoniker von Saint Julien erhielten vermutlich damals die Länderherrlichkeit von Brioude, die sie bis nach der Revolution behielten, und den Titel Stiftsgrafen von Brioude.

Die Kanoniker besaßen das Recht auf Eigentum, lebten aber in der Gemeinschaft und teilten sich das Refektorium und das Dormitorium. Ihre Messfeier ähnelte denen der Benediktiner. Das Kapitel erhielt das Privileg der Immunität, im Jahr 836 von Pippin I. von Aquitanien und 874 von Karl dem Kahlen.

Aufgrund seiner weltlichen Macht, verbunden mit erheblichem Reichtum, wurde dem Kapitel Habsucht nachgesagt. Weltliche und Laien übernahmen die Funktion und den Titel des Abtes. Etliche von ihnen zeigten eifriges Bemühen in Erfüllung ihrer Pflichten. So konnte unter Frotier, Erzbischof von Bordeaux das Vermögen des Kapitels ausgebaut werden, wie auch unter Wilhelm I., genannt der Fromme, dem Grafen des Poitou und späteren Herzog von Aquitanien und Gründer von Cluny. Er war von 893 bis 918 weltlicher Abt in Brioude und wurde im Vorgängerbau der Stiftskirche Saint-Julien begraben.

Mit seiner finanziellen Unterstützung wurde eine neue, deutlich größere Kirche errichtet, da die alte Basilika zur Fassung der Pilgerströme zu klein geworden war. Der Text seiner Grabinschrift deutet darauf hin: Gaudet Brivata tanti duce nobilitata : „Brioude freut sich, von einem solchen Herrscher verschönert worden zu sein“.

Diese frühromanische Basilika war die Vorgängerin der heutigen. Sie wurde nach kaum mehr als hundert Jahren ihres Bestehens eingerissen, um – etwa im Jahr 1060 beginnend – einem kaum größeren Neubau zu weichen. Sie wurde allerdings nicht vollständig abgebrochen, sondern ihre Außenwände sind teilweise in den unteren Bereichen des heutigen Langhauses, „Querhauses“, Narthex und Umgangschors integriert worden.

11. und 12. Jahrhundert Das 11. und 12. Jahrhundert war die absolute Blütezeit der Wallfahrten, insbesondere für den Südwesten Frankreichs, in dem die großen Ströme der Jakobspilger zusammenkamen. Aus dieser Zeit gibt es keine Zeugnisse, wie sie etwa von Gregor von Tours überliefert sind.

Brioude liegt jedenfalls an einer Nebenroute des Jakobswegs, etwa mittig zwischen den Hauptrouten der Via Lemovicensis (Start in Vézelay) und der Via Podiensis (Start in Le Puy-en-Velay). Die eigentliche Blütezeit der Jakobswallfahrt fand in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts statt, in der die Pilger zu Hunderttausenden auf den Haupt- und Nebenrouten nach Süden zogen. mini|hochkant=0.5|links|Jakobspilger, Holzschnitt von 1568 Diese Pilgerbewegungen gingen Mitte des 12. Jahrhunderts, beginnend mit dem „Gezänk“ zwischen Frankreich und England um Aquitanien, wesentlich zurück, der Hundertjährige Krieg brachte dramatische Einbrüche der Pilgerfahrten im Südwesten des heutigen Frankreich, die erst in unseren Zeiten wiederauflebten.

Als man den letzten großen Neubau zu Beginn des 11. Jahrhunderts konzipierte, spürte man den sich ankündigenden Boom der Pilgerbewegungen nach Spanien, von denen man weitere Zusatzeinkünfte für das grandiose Projekt bei Aufrechterhaltung der Benutzbarkeit der Kirche erwartete. In dieser Zeit wurden Odilo von Cluny und Robert von Turlande in Brioude aufgenommen, die jedoch beide bald weiter ihres Weges zogen: der heilige Odilo wurde Abt von Cluny, Saint-Robert gründete die nach ihm benannte Abtei La Chaise-Dieu. mini|links|St.-Julien Brioude, Baufortschritte, Handskizze

Mit den Bauarbeiten an der heutigen Kirche wurde um 1060 begonnen, ein angenähertes Datum. Der westliche Bereich wurde abgebrochen, aber nicht vollständig. Man erhielt die unteren Teile ihrer Mauern und integrierte sie in die drei Schiffe des neuen Langhauses. Das vorstehend genannte Datum wird durch einen von A. Vernet entdeckten Text (Almanach de Brioude, 1962, S. 15 ff) bestätigt. Man erfährt darin, dass am ersten September 1400 ein unter dem Nordwestportal gefundenes Grab geöffnet worden sei. Gefunden wurde darin ein Bleiplättchen, auf dem der Name eines Kanonikers Peter eingraviert war, der „martyris amumni“ (ein Anhänger des Märtyrers Julianus) und „conditor ecclesie“ (Gründer der Kirche) bezeichnet wurde. Auf einer Urkunde von 1066 wird dieser Peter mit dem Zusatz „amumnus“ erwähnt. Er wollte unter der Schwelle des nordwestlichen Portals begraben werden.

Durch die Einteilung der Bauarbeiten in zwei große Abschnitte, den westlichen und den östlichen, konnte man die sakralen Feierlichkeiten und damit die Spenden von den Pilgern aufrechterhalten. Zunächst blieb der östliche Teil der Vorgängerkirche bestehen, um darin weiterhin die Messen der Kanoniker und die Feierlichkeiten an den Reliquien des Heiligen Julianus abzuhalten.

Die Bauabschnitte können, wieder angenähert, wie folgt datiert werden, jeweils mit ihrem Baubeginn:

1. Um 1060 (?): Beginn im Westen mit dem Erdgeschoss des Narthex; untere Teile der ersten beiden Joche des Langhauses; Erdgeschoss der südöstlichen seitlichen Vorhalle;