C/1680 V1 ist ein Komet, der um den Jahreswechsel 1680/1681 mit dem bloßen Auge gesehen werden konnte, möglicherweise auch am Tage. Er wird aufgrund seiner außerordentlichen Helligkeit zu den „Großen Kometen“ gezählt.
Der Komet spielt in der Geschichte der Kometenforschung eine bedeutende Rolle, da er als erster Komet durch ein Fernrohr entdeckt wurde und aus seinen Beobachtungen erstmals eine genaue Bahnbestimmung gelang und damit der Beweis, dass sich Kometen auch auf elliptischen Bahnen bewegen. Dabei erwies er sich als extremer Sonnenstreifer und kam auch der Erde zweimal relativ nahe.
Entdeckung und Beobachtung Um 1680 war das Fernrohr ein Instrument, das bereits seit 70 Jahren von den Astronomen gebraucht wurde, aber Kometen waren bisher nur mit bloßem Auge entdeckt worden. Dies änderte sich, als Gottfried Kirch in Coburg am frühen Morgen des 14. November 1680 den Mond und den Mars mit einem Fernrohr beobachtete. Er sah neben dem Mond einen Stern, der nicht in Tycho Brahes Sternkatalog verzeichnet war. Als er die Position dieses Sterns näher bestimmen wollte und sein Fernrohr bewegte, stieß er auf etwas, das er später als „eine Art nebliger Fleck von ungewöhnlichem Aussehen“ beschrieb und das er entweder für „einen nebulösen Stern, ähnlich dem im Gürtel der Andromeda“ oder für einen Kometen hielt. In der Tat war sein „nebulöser Stern“ ein neuer Komet und Kirchs zufällige Entdeckung ging in die Geschichte ein als die erste Kometenentdeckung mit Hilfe eines Fernrohrs.
Zur Zeit seiner Entdeckung hatte der Komet noch keinen Schweif ausgebildet und war noch nicht mit bloßem Auge zu erkennen. Zwei Tage später hatte der Komet seine Position verändert und ein schwacher Schweif von ½° Länge war im Fernrohr zu erkennen.
Der Komet nahm rasch an Helligkeit zu und wurde am Morgen des 21. November in England gesehen. Bis Ende November hatte er sich zu einer auffälligen Erscheinung entwickelt. Nach J. D. Ponthio wurde am 27. November in Rom ein Schweif von 15° Länge beobachtet und schon zwei Tage später wurden von Arthur Storer in Maryland, Nordamerika zwischen 15 und 20° geschätzt. Bis Ende des Monats wurden immer größere Schweiflängen bis zu 36° berichtet und der Komet erschien „größer“ als ein Stern 1. Größe.
Anfang Dezember näherte sich der Komet immer mehr der Sonne. Johannes Hevelius beobachtete ihn in Danzig am Morgen des 2. Dezember und an den folgenden beiden Tagen. Bald darauf konnte der Komet aber durch seine Sonnennähe nicht mehr beobachtet werden. Hevelius vermutete bereits, dass er nach seinem möglichen Vorbeigang an der Sonne wieder sichtbar werden würde. Nach späteren Berechnungen ging der Komet am 18. Dezember durch seinen sonnennächsten Punkt (Perihel) (von der Erde aus gesehen ging er ab etwa 11:30 Uhr UT für eine dreiviertel Stunde – von Menschen unbeobachtet, weil technisch noch nicht beobachtbar – hinter der Sonnenscheibe vorbei).
Ab 20. Dezember war er von der Nordhalbkugel am Abendhimmel im Südwesten als ein großartiges Schauspiel zu beobachten, sein Schweif erstreckte sich fast bis zum Zenit. Die Schönheit des Kometen wurde noch durch einen goldschimmernden Schweif verstärkt, wie berichtet wurde. John Flamsteed berichtete aus dem 4 Jahre jungen Royal Greenwich Observatory bei London am 21. Dezember von einem Lichtstrahl (Lichtstreifen?) mit der Breite des Vollmonds, der sich senkrecht vom Horizont erhob. Ponthio schätzte die Schweiflänge am 22. Dezember zu 70° mit einer Breite von 3° an seinem Ende. Der Kopf des Kometen war so hell wie ein Stern erster Größe und der Schweif so lang, dass er am nordwestlichen Horizont noch fünf Stunden zu sehen war, nachdem der Kopf untergegangen war. Hevelius sah ihn wieder am Abend des 24. Dezember, aber er konnte keine exakten Messungen vornehmen, da sein Observatorium, seine Instrumente und seine Bücher im Jahr zuvor durch ein Feuer zerstört worden waren. Jean de Fontaney konnte in Frankreich mit einem Fernrohr auffällige Veränderungen des Kometenkerns beobachten, möglicherweise Staub- und Gasfontänen oder Fragmente, die sich vom Kern ablösten. Ähnliches beschrieb auch Robert Hooke in England, der am 28. Dezember einen Schweif von 90° Länge beobachtete und der sich damit über das halbe Firmament erstreckte.
Im Januar 1681 zeigte der Komet erste Anzeichen des Verblassens, doch der Schweif blieb sehr lang und auffällig: Nach Flamsteed war der Kopf am 5. Januar schwächer als ein Stern 3. Größe, der Schweif maß aber drei Nächte später noch immer 55°. Kirch berichtete am 7. Januar auch von einem (sehr schwachen) Gegenschweif, der zur Sonne zeigte, aber diese Beobachtung wurde von niemand anderem bestätigt. Isaac Newton sah den Kometen am 15. Januar mit einem 40° langen gekrümmten Schweif, Flamsteed verglich am 19. Januar die Helligkeit des Kometenkopfes mit der eines Sterns fünfter Größe.
Anfang Februar begann der Komet für viele Beobachtern außer Sicht zu geraten, Flamsteed verglich seinem Kopf am 4. Februar mit einem Stern siebter Größe. Doch sein Schweif war immer noch freiäugig zu erkennen und Newton schätzte ihn am 6. Februar bei guter Sicht auf 12° Länge. Von Flamsteed, Hevelius und Ponthio wurde der Komet noch einmal am 17. Februar gesehen, im März wurde er dann nur noch teleskopisch von Newton verfolgt. Zum letzten Mal sah er ihn kaum noch erkennbar am 19. März kurz vor Mitternacht knapp über dem Horizont.A. G. Pingré: Cométographie ou Traité historique et théorique des comètes. Bd. II, Imprimerie Royale, Paris 1784, S. 25–28 (PDF; 45,2 MB).G. W. Kronk: Cometography – A Catalog of Comets. Volume 1: Ancient–1799. Cambridge University Press, Cambridge 1999, ISBN 0-521-58504-X, S. 369–373.D. A. J. Seargent: The Greatest Comets in History: Broom Stars and Celestial Scimitars. Springer, New York, 2009, ISBN 978-0-387-09512-7, S. 112–115.P. Grego: Blazing a Ghostly Trail: ISON and Great Comets of the Past and Future. Springer, Cham 2013, ISBN 978-3-319-01774-7, S. 95–98.
Der Komet erreichte am 29. Dezember 1680 eine Helligkeit von 1–2 mag.
Weitere Beobachtungen weltweit 240px|mini|Traktat von Eusebio Francisco Kino (1681) Bereits am Morgen des 20. November 1680 (Ortszeit) wurde der Komet von den Philippinen aus mit bloßem Auge gesehen, drei Tage danach wird in China von einem weißen „Besenstern“ mit einem Schweif von über 1° Länge berichtet. In China konnte er dann zunächst ab dem 7. Dezember nicht mehr gesehen werden, weil er zu nahe an die Sonne gewandert war. Kurz vor seinem Vorbeigang an der Sonne soll der Komet aber auf den Philippinen am 18. Dezember sogar mittags am Taghimmel gesehen worden sein (dieser Bericht ist allerdings anzuzweifeln), ebenso wie (glaubwürdiger) am Nachmittag des 19. Dezember bei New York. Die Chinesen sahen ihn wieder am 21. Dezember am Abendhimmel mit einem über 60° langen Schweif. Am 8. Januar 1681 wurde auf den Philippinen ein Schweif von 75° Länge beobachtet, zum letzten Mal wurde der Komet dort am 14. Februar gesehen.
Der Tiroler Jesuit Eusebio Francisco Kino zeichnete die scheinbare Bahn des Kometen während seiner Seereise nach Mexiko auf. Er begann wegen einer verspäteten Abreise mit seinen Beobachtungen noch in Cádiz spät im Jahre 1680. Mit seiner Ankunft in Mexiko-Stadt veröffentlichte er die Schrift Exposición astronómica de el cometa, in der er seine Beobachtungen präsentierte. Kinos Veröffentlichung war damit eine der ersten wissenschaftlichen Untersuchungen, die in der neuen Welt herauskamen.H. E. Bolton: Kino’s Historical Memoir of the Pimería Alta. Arthur H. Clark, Cleveland 1919. Reprint 1949. Es kam zu einer Auseinandersetzung mit dem mexikanischen Universalgelehrten und Astronomen Carlos de Sigüenza y Góngora, der in einem ManifestC. de Sigüenza y Góngora: Manifiesto philosóphico contra los cometas despojados del imperio que tenían sobre los tímidos. Mexiko 1681. den mit dem Erscheinen des Kometen verbundenen Aberglauben heftig kritisierte.
Ein weiterer Jesuit, der den Kometen in Mexiko beobachtete und darüber berichtete, war der Kroate Ivan Ratkaj.N. Petrić: Description of the A.D. 1680 comet observed in Mexico by the Croatian Jesuit Ivan Ratkaj. In: Hvar Observatory Bulletin. Bd. 18, Nr. 1, 1994, S. 37–40, (PDF; 84 kB) Der Jesuit Claude Chauchetière beschrieb die Beunruhigung der Bevölkerung durch das Auftauchen des Kometen bei Montreal.
Wirkung auf die Öffentlichkeit mini|links|Illustration aus einem zeitgenössischen Flugblatt: Der Komet über Nürnberg Der Komet entfaltete auf die Öffentlichkeit eine ungeheure Wirkung. Eine Flut von Schriften und Flugblättern, zumeist beflügelt von einer religiös verbrämten Kometenfurcht, verbreitete sich noch während oder kurz nach seinem Erscheinen. Auf zahlreichen bildlichen Darstellungen wird er zumeist markant über Stadtsilhouetten dargestellt, wie er von riesigen versammelten Menschenmassen bestaunt wird.
So zeigt zum Beispiel ein mit einem großen Bild illustriertes Flugblatt den Kometen, dessen breit aufgefächerter Schweif weit über den Himmel reicht. Dicht gedrängt stehen die Menschen auf den Hügeln vor den Mauern Nürnbergs und bestaunen das Ereignis, manche auch mit Fernrohren. Der Text des Flugblatts beginnt mit einem Verweis auf die Bibel, auf Gottes Langmut mit der sündigen Menschheit und Seine Aufforderung zur Buße angesichts der „himmlischen Fackel, Rute und Schwert“. In einem starken Kontrast dazu werden aber auch ausführliche Beschreibungen der Bewegung des Kometen durch die Sternbilder, der Umkehr seiner Bewegungsrichtung nach dem Vorbeigang an der Sonne, sowie vorgeblich präzise Angaben zu Helligkeit, Entfernung und Größe des Kometen und Länge seines Schweifs gemacht.Anonym: Abbildung und Beſchreibung deß wunderwürdigen unvergleichlichen Cometen. J. J. Schollenberger, Nürnberg 1680 (online).
Aberglaube Im Vergleich mit den Kometen der Jahrhunderte zuvor hatte sich im beginnenden Zeitalter der Aufklärung durch das Aufkommen exakter Wissenschaft ein deutlicher Wandel vollzogen, indem selbst Schriften für das einfache Volk auf die astronomischen Fakten betreffend den Kometen hinwiesen. Der Aberglaube war damit aber noch nicht völlig verschwunden und die meisten Schriften konnten nicht umhin, auf eine „Bedeutung“ des „himmlischen Zeichens“ einzugehen.J. J. Wagner: Herrn Ludwig Lavaters / L.G. Hiſtoriſche Erzehlung vaſt aller der Kometen / Welche von der Geburt des Röm: Keiſers Auguſti / und der Gnadenreichen Geburt unſers Herren und Heilands Jeſu Chriſti an / bis auf das 1556. Jahr geſehen worden; auß vilerley Geſchichtſchreibern zuſammen getragen. Zürich 1681, S. 102–120, doi:10.3931/e-rara-324 (PDF; 26,85 MB). Auch dieser Schweifstern wurde daher wie viele seiner Vorgänger als Zeichen des nahenden Weltuntergangs, zumindest aber als Mahnung Gottes angesehen; in den Kirchen wurden Bußgottesdienste abgehalten.