Die I. Wiener Hochquellenleitung, zu ihrer Zeit Kaiser-Franz-Josef-Hochquellenleitung genannt, ist ein Teil der Wiener Wasserversorgung und war die erste Versorgung von Wien mit einwandfreiem Trinkwasser. Nach vierjähriger Bauzeit wurde die 95 Kilometer lange Leitung am 24. Oktober 1873 eröffnet. Heute liefert sie rund 62 Millionen Kubikmeter pro Jahr (53 Prozent der Gesamtmenge des Wiener Trinkwassers, Stand 2007).
Es bestehen auch mit mehreren Gemeinden, die von der Wasserleitung durchquert werden, Wasser-Abnahmeverträge. Gewonnen wird das Hochquellwasser aus Quellen im Rax- und Schneeberggebiet im südlichen Niederösterreich und in der Steiermark. Seit 1910 erschließt die nördlichere und längere II. Wiener Hochquellenleitung ein westlicher liegendes Gebiet.
Geschichte und Übersicht über die Gesamtanlage
Anlass zur Errichtung Ursprünglich erfolgte die Wasserversorgung der Stadt Wien durch Hausbrunnen. Da mangels einer funktionierenden Kanalisation die Qualität des Grundwassers immer schlechter und damit immer häufiger Auslöser für Krankheiten und Epidemien wurde, wurden verstärkt aus dem Westen und Süden Wasserleitungen in die Stadt errichtet. Nutznießer dieser Anlagen waren in den meisten Fällen der kaiserliche Hof, der Adel und Klöster. Die breite Masse der Wiener Bevölkerung hatte nur an wenigen Auslaufbrunnen in der Stadt die Möglichkeit, sich mit Trinkwasser besserer Qualität, das ihnen dort meist kostenlos überlassen wurde, zu versorgen.
Die erste Wasserleitung mit etwas größerer Flächendeckung war die zwischen 1803 und 1804 errichtete Albertinische Wasserleitung, die Quellwasser aus dem Raum Hütteldorf nach Wien leitete. Für das wachsende Wien reichte sie jedoch nicht aus, und so wurde ab 1836 die Kaiser-Ferdinands-Wasserleitung errichtet, die 1841 mit Uferfiltrat in Betrieb ging und ab 1854 auch künstlich gefiltertes Wasser aus dem Donaukanal verwendete.
Diese versorgte das Stadtgebiet des damaligen Wien mit Ausnahme der Leopoldstadt und Landstraße vorwiegend über Auslaufbrunnen flächendeckend mit Wasser. Dessen Qualität war anfangs zwar akzeptabel, nahm jedoch durch die schwindende Filterwirkung rasch ab, und so wurde deren Wasser ebenfalls zu einem Gesundheitsrisiko. Trotz aller Bemühungen der Stadtverwaltung hinkte zudem die Leistungsfähigkeit dieses Wasserwerks bald hinter dem Bedarf her.
Zur Lösung der Wiener Trinkwasserkrise gab es verschiedene Projekte: 1856 brachte Oberstleutnant Scholl den Vorschlag ein, die Pitten und die Schwarza kurz vor deren Vereinigung aufzustauen, das Wasser zu filtrieren und in Rohrleitungen nach Wien zu leiten. Ein weiteres Projekt aus dem Jahr 1858 sah ein Wasserwerk ähnlich dem der Kaiser-Ferdinands-Wasserleitung in der Brigittenau vor. Generalkriegskommissär Valentin von Streffleur wiederum legte ein Projekt vor, Wasser der Warmen Fischa, der Fischa-Dagnitz und des Wiener Neustädter Kanals sowie der wasserführenden Gebiete zwischen Unter-Eggendorf und Baden bei Wien nach Wien zu leiten.
Vorarbeiten Bedarfsberechnung Um eine Planungsgrundlage zu bekommen, welche Wassermenge der Stadt Wien überhaupt zur Aufrechterhaltung der Trinkwasserversorgung zugeführt werden muss, wurde zunächst eine Bedarfsberechnung durchgeführt:
Laut der letzten Volkszählung vor den Planungsarbeiten aus dem Jahr 1869 lebten in Wien innerhalb des die Stadtgrenze darstellenden Linienwalls 607.514 Einwohner und 24.613 Mann aktives Militär – also 632.127 Menschen. Als Berechnungsgrundlage wurde diese Zahl auf eine Million aufgerundet.
0,6 Eimer (umgerechnet: etwa 34 Liter) Wasser pro Person und Tag wurden als Bedarf für den normalen Haushalt angenommen. Diese Menge entsprach jener, die ebenso in Paris und London erhoben wurde und bei einer Million Menschen 600.000 Eimern täglich entsprach. Der tägliche Wasserbedarf von Industrie und anderen Großkunden wurde mit 250.000 Eimern angenommen. Weitere 300.000 Eimer täglich wurden für das Besprengen der Fahrbahnen, das bis zu viermal täglich erfolgte, berechnet. 200.000 Eimer Wasser täglich sollten den Bedarf der Springbrunnen und Badeanlagen decken. 30.000 Eimer Wasser täglich kamen für die Bewässerung der Grünanlagen hinzu. 20.000 Eimer Wasser täglich wurden für den Betrieb der Kanalisation berechnet.
Die sich aus diesen Teilbeträgen ergebende Summe von 1.400.000 Eimern Wasser wurde sicherheitshalber noch um weitere 200.000 Eimer auf einen Tagesbedarf von 1.600.000 Eimer aufgerundet, um das Projekt einer Hochquellenleitung zukunftssicher zu machen.
Höhenlage Die Bauordnungen von 1859 und 1868 schrieben eine maximale Bauhöhe von ungefähr 13 Klaftern (etwa 25 m) vor. Das entsprach einer Höhe von 250 Fuß (76 m) über dem bei der Ferdinandsbrücke gelegenen Wiener Null. Damit konnte man das damalige Stadtgebiet von Wien und Teile der Vororte nur durch das natürliche Gefälle mit unter ausreichendem Druck stehendem Wasser versorgen. Nur Teile des Schottenfelds waren ausgenommen.
Da die geplante Wiener Hochquellenleitung im freien Gefälle in die Stadt führen sollte, war damit der tiefste Punkt der Leitung festgelegt.
Planungsarbeiten Suche nach Gewässern zur Wassergewinnung Nachdem der Bedarf an Trinkwasser ermittelt worden war, musste ein Gewässer mit hochwertigem Trinkwasser in ausreichender Menge gefunden werden. Eine Kommission des Wiener Gemeinderats suchte zunächst im Raum Wien und später immer weiter südlich im Wiener Becken nach möglichen Bezugsquellen mit ausreichender Kapazität, Qualität und in der geforderten Höhenlage.
Als Ausgangsort der Wasserleitung kamen die offenen Flüsse des Wiener Beckens (Donau, Wienfluss, Traisen), die offenen Gerinne und das Grundwasser sowie die Tiefquellen der Wiener Neustädter Ebene und die Hochquellen im Gebirge zur Diskussion.
Aufgrund der mit dem Wasser der Kaiser-Ferdinands-Wasserleitung gemachten Erfahrungen schied die Donau als Wasserlieferant rasch aus. Da zudem die Errichtung von Pumpanlagen vermieden werden sollte, hätte das Wasser der Donau bei Wallsee entnommen werden und durch einen Leitungskanal nach Wien geleitet werden müssen (Angaben über die Länge eines eventuellen Leitungskanal liegen nicht vor, die Luftlinie zwischen Wien und Wallsee beträgt etwa 120 Kilometer).
Der Wienfluss schied ebenfalls wegen der Wasserqualität aus. Während der Sommermonate war eine zu hohe Temperatur des Leitungswassers zu erwarten, und im Winter musste damit gerechnet werden, dass er zufriert. Außerdem wäre hier ebenso der Einsatz von Hebewerken notwendig geworden.
Die Traisen verfügte über ausreichend Wasser, und die Höhenlage entsprach gleichfalls den gestellten Forderungen. Doch wegen der zu erwartenden hohen Wassertemperatur und aus Qualitätsgründen wurde die Traisen ebenso als Wasserlieferant abgelehnt.
Die Pitten, die Schwarza und die Leitha lagen hoch genug, um die Forderung zu erfüllen, und deren Wassermenge war ausreichend, jedoch bereitete hier ebenfalls die Qualität Probleme. Ebenso verhielt es sich mit dem Wasser des Wiener Neustädter Schifffahrtskanals.
Zufriedenstellend verlief die Untersuchung der Fischa. Die besten Beurteilungen erhielt das Wasser der bei Haschendorf entspringenden Fischa-Dagnitz. Probleme erwartete die Kommission vor allem von den 35 Betrieben, welche die Wasserkraft für ihre Zwecke nutzten, und durch eine zunehmende Einbringung von Ammoniak durch den ansteigenden Einsatz von Düngemitteln in der Landwirtschaft.
Als ein interessanter Ursprungsort für eine Wasserleitung wurde die Alta-Quelle in Brunn bei Pitten ins Auge gefasst. Die Schüttung war zwar hoch, jedoch nicht gleichmäßig.
Zuletzt wurden die Hochquellen im Gebiet zwischen Schneeberg, Raxalpe und Würflach untersucht: an der Ostseite des Schneebergs, an der Spalte von Rohrbach im Graben, der Kaiserbrunnen im Höllental und weitere Quellen im Höllental (Eichenbrünnl-Quelle, Weichtal-Quelle, Erste und Zweite Großes-Höllental-Quelle, Quelle bei der Singerin und andere), die Quellen des Gahns, die Quellen von Stixenstein, die Quellen des Kettenlois sowie im nördlichen Teil der Kalkzone die Quellen von Furth an der Triesting und Pottenstein und die Quellen am Oberlauf der Schwechat.
Die untersuchende Kommission kam zu dem Resümee, dass im Wiener Umland kein Mangel an Wasser herrsche. Unter den Quellen wurde die Tiefquelle der Fischa-Dagnitz wegen ihrer Ergiebigkeit favorisiert, gefolgt von den weiter entfernten Hochquellen Kaiserbrunnen, Stixenstein und der Altaquelle. Erstere lag jedoch etwas zu niedrig und hätte deshalb den Einsatz eines Hebewerks notwendig gemacht.
Die im Rahmen dieser Untersuchungen gesammelten Daten wurden vom Wiener Stadtbauamt in einer Denkschrift zusammengefasst und am 31. Juli 1861 dem Wiener Gemeinderat überreicht.
Planungswettbewerb In einem am 1. Dezember 1861 ausgeschriebenen Konkurs (Wettbewerb) wurden in- und ausländische Ingenieure und Gesellschaften aufgefordert, Projekte über eine künftige Wasserversorgung der Stadt Wien vorzulegen.
Eingereicht wurden zwölf Offerte sowie ein Projekt des Wiener Stadtbauamts. Mehrere dieser Projekte sahen die Entnahme des Wassers aus der Donau vor, zwei weitere planten das Wasser der Traisen oberhalb von St. Pölten zu entnehmen und nach Wien zu leiten. Ein weiteres Offert sah die Wiener Neustädter Ebene mit ihrem Grundwasser als Ausgangspunkt der Leitung. Zwei weitere Angebotsleger und das Wiener Stadtbauamt sahen die Fassung der Quelle der Fischa-Dagnitz vor. Das Stadtbauamt plante darüber hinaus noch, in einigen Wiener Bezirken das Wasser des Wiener Neustädter Kanals als Nutzwasser zu verwerten. Weiter entfernt gelegene Quellen wurden nicht in Betracht gezogen.
Gründung der Wasserversorgungskommission Nach einer Prüfung der Offerte durch die Kommission wurde dem Gemeinderat Bericht erstattet, worauf dieser am 21. November 1862 einige Beschlüsse fasste: Die Bildung einer Kommission mit zwölf Mitgliedern. Diese sollte die erforderlichen Erhebungen und Vorarbeiten für eine Wasserleitung durchführen. Bei der Regierung um die Bewilligung zur Vornahme aller notwendigen Vorarbeiten ansuchen. Die Wasserversorgung der Stadt Wien wird für Rechnung der Gemeinde durchgeführt.
mini|hochkant=0.75|Cajetan Felder mini|hochkant=0.75|Eduard Suess In die neu gebildete Kommission wurden Cajetan Felder, Heinrich von Fellner, Ludwig Förster, Ferdinand Hessler, Leopold Jordan, Josef Klucky, Johann Natterer, Franz Neumann, Leopold Schuch, Wenzel Sedlitzky, Franz von Wertheim und August Zang gewählt.
Wegen des Todes von Ludwig Förster und der Mandatsniederlegung von August Zang wurden Eduard Suess und Eduard Kopp in die Wasserversorgungskommission nachnominiert.
Mit Beginn des Frühjahrs 1863 begann die Wasserversorgungskommission, das Gebiet der Traisen und des Wienerwalds sowie das Quellgebiet im Raum Wiener Neustadt genau zu untersuchen. Besonders genau wurde dabei die Fischa-Dagnitz unter die Lupe genommen, da sie trotz der ungenügenden Höhenlage in vielen Projekten eine wesentliche Rolle spielte.
Aus Gründen der Qualität, aber auch der Quantität dehnte die Wasserversorgungskommission ihr Suchgebiet immer weiter nach Süden in die höher gelegenen Regionen aus, bis sie im Höllental den Kaiserbrunnen auf seine Tauglichkeit untersuchte und ihn als geeignet für die Wasserversorgung der Stadt Wien erkannte.
Ein diese Untersuchungen abschließender Bericht – der „Bericht über die Erhebungen der Wasserversorgungs-Commission des Gemeinderathes der Stadt Wien“ – wurde von Eduard Suess verfasst, 1864 im Selbstverlag des Gemeinderats in Druck gelegt und anschließend veröffentlicht. Eine wichtige Schlussfolgerung dieses Berichts war, dass die drei Quellen Kaiserbrunn, Stixenstein und Alta genügend Wasser der besten Qualität liefern konnten und der Bau und der Betrieb der längeren Leitung weitaus kostengünstiger wäre als die Fassung der Quelle der Fischa-Dagnitz, welche die Errichtung und den Betrieb einer Pumpstation notwendig machen würde.