Die Schachweltmeisterschaft 2010 wurde als Zweikampf zwischen dem amtierenden Schachweltmeister Viswanathan Anand und dem früheren FIDE-Weltmeister Wesselin Topalow ausgetragen. Sie fand vom 24. April bis 11. Mai 2010 in der bulgarischen Hauptstadt Sofia statt.World Championship match Anand – Topalov: contract signed in Sofia Auf: fide.com, abgerufen am 17. Dezember 2009. Es handelte sich (sofern Alexander Aljechin durchgängig als Russe gezählt wird) um die erste Schachweltmeisterschaft ohne Beteiligung eines russischen Spielers seit der WM 1921, als der Deutsche Emanuel Lasker seinen Titel an den Kubaner José Raúl Capablanca verlor.
Durch einen Schwarzsieg in der letzten Partie gewann Anand den Wettkampf mit 6,5 zu 5,5 Punkten. Es war seine zweite erfolgreiche Titelverteidigung nach dem Weltmeisterschaftskampf 2008 gegen Wladimir Kramnik. Topalow hatte sich für den WM-Kampf durch seinen Sieg im Kandidatenfinale im Februar 2009 gegen den US-amerikanischen Großmeister Gata Kamsky qualifiziert.
Vorgeschichte Hintergrund Nach Garri Kasparows Bruch mit der FIDE im Jahr 1993 gab es bis 2006 zwei Weltmeister: Einen offiziellen FIDE-Weltmeister, der zumeist in umstrittenen KO-Turnieren mit kurzer Bedenkzeit ermittelt wurde, und einen „klassischen“ Weltmeister, der weiterhin in Zweikämpfen und mit klassischer Bedenkzeitregelung gekürt wurde. Bei der Schachweltmeisterschaft 2006 zwischen dem klassischen Weltmeister Wladimir Kramnik und FIDE-Weltmeister Topalow wurden diese beiden konkurrierenden Titel wieder vereinigt. Topalow war es als Unterlegenem durch vertragliche Bestimmungen danach nicht mehr möglich, am Weltmeisterschaftsturnier 2007 teilzunehmen, obwohl ihm dies nach seinem Sieg bei der FIDE-WM 2005 eigentlich zugestanden hätte. Deshalb gewährte die FIDE ihm erleichterten Zugang zum nachfolgenden WM-Zyklus, indem er im Kandidatenfinale 2009 gesetzt war. Der Sieger der WM 2007, Anand, bestritt zuvor eine Titelverteidigung, als er 2008 in Bonn einen Rückkampf gegen Kramnik gewann.
Kandidatenfinale mini|Kamsky und Topalow vor Beginn der 2. Partie des Kandidatenfinales Das Kandidatenfinale fand unter der Bezeichnung „World Chess Challenge“ vom 16. bis 26. Februar 2009 im Nationalen Kulturpalast in Sofia statt. Neben Topalow war der Sieger des Schach-Weltpokals 2007, Gata Kamsky, qualifiziert.
Ersten Planungen zufolge hätte der Zweikampf bereits im November 2008 in Lemberg (Ukraine) stattfinden sollen.Ilyumzhinov guarantees Topalov-Kamsky match in Lvov. Auf: chessbase.com, 1. Juni 2008. Zwischenzeitlich hatten die Verhandlungen bereits vor dem Scheitern gestanden, da Kamsky der FIDE unseriöses Verhalten vorwarf und nicht im Heimatland seines Gegners spielen wollte.Offener Brief von Kamsky Auf: chessbase.com (englisch), 8. November 2008. Als Preisgeld wurden 250.000 US-Dollar ausgelobt, das unabhängig vom Ausgang des Kampfes gleichmäßig zwischen den Spielern aufgeteilt wurde.
Der Wettkampf war auf eine Länge von acht Partien angelegt; bei einem möglichen Gleichstand sollten vier Schnellpartien die Entscheidung bringen. Nach sieben Partien lag Topalow jedoch bereits mit 4,5:2,5 uneinholbar in Führung, womit eine achte Partie hinfällig wurde.
{| class="wikitable" style="text-align:center" |+World Chess Challenge 2009 |- ! !! 1 !! 2 !! 3 !! 4 !! 5 !! 6 !! 7 !! Gesamt |- | align=left |Wesselin Topalow | ½ ||style="background:black; color:white"| 1 || ½ ||style="background:black; color:white"| 0 || 1 ||style="background:black; color:white"| ½ || 1 ||| 4,5 |- | align=left |Gata Kamsky |style="background:black; color:white"| ½ || 0 ||style="background:black; color:white"| ½ || 1 ||style="background:black; color:white"| 0 || ½ ||style="background:black; color:white"| 0 || 2,5
Bilanz Anand/Topalow vor der WM Zwischen 1993 und 2008 spielten Anand und Topalow insgesamt 44 Turnierpartien gegeneinander.Für den Zeitraum von 1993 bis 2008 listet die Referenzdatenbank Megabase 2009 von ChessBase 44 Turnierpartien zwischen Anand und Topalow auf. Im Einzelnen: Las Palmas 1993 (A-T 1:0), Madrid 1993 (remis), Linares 1994 (A-T 0:1), Dos Hermanas 1996 (remis), Wijk aan Zee 1996 (T-A 1:0), Las Palmas 1996 (1:1, 2 Partien), Dortmund 1996 (A-T 1:0), Amsterdam 1996 (A-T 0:1), Dos Hermanas 1997 (remis), Dortmund 1997 (T-A 1:0), Linares 1997 (remis), Linares 1998 (A-T 1,5:0,5, 2 Partien), Wijk aan Zee 1998 (A-T 1:0), Tilburg 1998 (remis), Wijk aan Zee 1999 (A-T 1:0), Linares 1999 (T-A 0,5:1,5, 2 Partien), Dos Hermanas 1999 (remis), Dortmund 1999 (remis), Wijk aan Zee 2001 (remis), Dortmund 2001 (T-A 2:0, 2 Partien), Wijk aan Zee 2003 (T-A 0:1), Wijk aan Zee 2004 (T-A 1:0), Wijk aan Zee 2005 (remis), Linares 2005 (T-A 0,5:1,5, 2 Partien), Sofia 2005 (T-A 1,5:0,5, 2 Partien), San Luis 2005 (1:1, 2 Partien), Wijk aan Zee 2006 (remis), Sofia 2006 (1:1, 2 Partien), Wijk aan Zee 2007 (T-A 1:0), Morelia/Linares (1:1, 2 Partien), Wijk aan Zee 2008 (A-T 1:0), Morelia/Linares (1:1, 2 Partien), Bilbao 2008 (T-A 1,5:0,5, 2 Partien).
+ Bilanz der Kontrahenten vor Beginn der Schach-WM 2010 SiegAnands Remis SiegTopalows Anand (Weiß) – Topalow (Schwarz) 7 11 4 Topalow (Weiß) – Anand (Schwarz) 3 12 7 Insgesamt 10 23 11
Organisation der WM mini|Der Zentrale Militärklub, Austragungsort der Weltmeisterschaft Bewerbungsverfahren Die zweite Titelverteidigung Anands war ursprünglich schon für die erste Jahreshälfte 2009 vorgesehen, musste wegen Organisationsschwierigkeiten des Kandidatenfinales jedoch immer wieder verschoben werden. Um die Austragung der Weltmeisterschaft hatten sich Bulgarien, Singapur und die Türkei beworben. Die beiden Letzteren zogen jedoch ihre Bewerbung zurück, nachdem die Details des bulgarischen Gebots bekannt gegeben wurden.Sofia awarded World Championship 2010 Auf: chessbase.com, abgerufen am 16. Oktober 2009. Zwar konnte der bulgarische Veranstalter keine Bank-Garantie abgeben, Bulgariens Ministerpräsident und gleichzeitige Vorsitzende des WM-Organisationskomitees, Bojko Borissow, sicherte in einem offenen Brief jedoch die Finanzierung durch die bulgarische Regierung zu.Offener Brief Auf: fide.com, 12. Oktober 2009. Am 16. Dezember 2009 wurden schließlich die Verträge unterzeichnet.WM 2010: Vertrag unterzeichnet Auf: chessbase.de, 17. Dezember 2009.
Rahmenbedingungen Das Match fand im Zentralen Militärklub in Sofia statt. Schiedsrichter war, wie schon bei der WM 2008, Panagiotis Nikolopoulos, und sein Stellvertreter Werner Stubenvoll. Chess Daily News (Susan Polgar) Beginn der ersten Partie war um 17.00 Uhr Ortszeit (16.00 Uhr MESZ),"Dieses Duell war überfällig" Auf: abendblatt.de, 23. April 2010. alle weiteren Partien starteten um 15.00 Uhr Ortszeit (14.00 Uhr MESZ); nach zwei Partien gab es jeweils einen Ruhetag, ebenso nach der elften Partie. Nach den ersten sechs Partien wurden die Farben getauscht. Zeitkontrollen waren 120 Minuten für die ersten 40 Züge, 60 Minuten für die nächsten 20 Züge, sowie 15 Minuten für den Rest der Partie bei einem Aufschlag von 30 Sekunden je Zug, beginnend mit Zug 61. Bei Gleichstand nach den regulären 12 Partien wären 4 Schnellpartien mit 25 Minuten Bedenkzeit plus 10 Sekunden pro Zug gespielt worden. Sollte auch dann noch keine Entscheidung gefallen sein, wären bis zu fünf Verlängerungen von jeweils zwei Blitzpartien mit 5 Minuten Bedenkzeit plus 3 Sekunden pro Zug gefolgt. Wäre auch dann keine Entscheidung gefallen gewesen, wäre eine letzte Blitzpartie gespielt worden, bei der Weiß eine Minute mehr Zeit erhalten hätte, Schwarz jedoch ein Remis zum Matchgewinn gereicht hätte. mini|hochkant=1.4|Entwicklung der Elo-Zahlen von Viswanathan Anand und Wesselin Topalow. Der Gewinner erhielt 1,2 Millionen Euro, was die höchste Siegprämie einer Schach-WM überhaupt darstellt.Titelverteidiger Anand gleicht gegen Topalow aus Auf: welt.de, 25. April 2010. Der Verlierer bekam 800.000 Euro, weitere 400.000 Euro mussten an die FIDE abgeführt werden. Aufgrund der Streitigkeiten bei der Schachweltmeisterschaft 2006 stand den Spielern nur ein gemeinsamer Aufenthalts- und Toilettenbereich zur Verfügung. Topalows Manager Silvio Danailow kündigte im Vorfeld des Wettkampfes an, dass Topalow sich einseitig an die sogenannte „Sofia-Regel“ halten und seinem Gegner keine Remisangebote machen werde.Anand et Topalov dans les starting-blocks, Europe Echecs, 14. April 2010. Auf Wunsch von Anand wurde vor der Bühne ein transparenter Vorhang angebracht, der verhindern sollte, dass den Spielern Zeichen aus dem Zuschauerraum gegeben werden.
Sponsoren der Veranstaltung waren der bulgarische Staat und die Telekommunikationsfirma Spectrum Net.chessvibes.com: MTel Masters cancelled (englisch). 31. März 2010.
Sekundanten waren auf Seiten Anands Peter Heine Nielsen, Rustam Kasimjanov, Surya Shekhar Ganguly und Radosław Wojtaszek, das Team von Topalow bestand aus Iwan Tscheparinow, Erwin l’Ami, Jan Smeets und Jiří Dufek.Anand beats Topalov, retains world title, Chessvibes.com, 11. Mai 2010.
Verlauf Zusammenfassung Die Anreise Anands verzögerte sich aufgrund der Beeinträchtigung des Luftverkehrs nach dem Ausbruch des Eyjafjallajökull. Statt wie geplant am 16. April traf er erst am Morgen des 20. Aprils, nach 40 Stunden Autofahrt, in Sofia ein.2000 Kilometer, 1 Mio. Schlaglöcher Auf: chessbase.de, 21. April 2010. Er forderte daher eine Verlegung des Wettkampfbeginns um drei Tage, um sich von den Reisestrapazen erholen und angemessen akklimatisieren zu können.Anand stranded due to volcanic ash, asks for 3-day match postponement, Auf: Chessvibes.com, 18. April 2010. Während der bulgarische Schachverband und das Organisationskomitee eine Verlegung der ersten Partie ablehnten, Auf: chessdom.com, abgerufen am 23. April 2010. entschied der Vizepräsident der FIDE, Georgios Makropoulos, auf einen Kompromiss und die Verschiebung des Wettkampfbeginns um einen Tag.World Championship postponed – by one day Auf: chessbase.com, 21. April 2020. Die Eröffnungszeremonie fand jedoch trotzdem entsprechend dem ursprünglichen Plan am 21. April statt. Die Auslosung der Farben ergab, dass Topalow mit Weiß beginnt.Topalov beginnt mit Weiß Auf: chessbase.de, 22. April 2010.
In der ersten Partie übernahm Topalow mit einem taktischen Schlag die Führung, verlor jedoch die zweite, strategisch angelegte Partie, wodurch Anand zum 1:1 ausglich. Nach einem Remis in der dritten Partie übernahm Anand seinerseits in der vierten Partie die Führung, die Topalow in der achten Partie durch einen Sieg ausgleichen konnte. Mit dem einzigen Schwarzsieg des Matches verteidigte Anand in der zwölften Runde seinen Titel.
Partietabelle PartieDatumWeißSchwarzErgebnisEröffnungECO-CodeZügeAnandTopalow 1 24. April 2010 Topalow Anand 1 : 0 Grünfeld-Indisch D85 30 0 1 2 25. April 2010 Anand Topalow 1 : 0 Katalanische Eröffnung E04 43 1 1 3 27. April 2010 Topalow Anand ½ : ½ Slawische Verteidigung D17 46 1,5 1,5 4 28. April 2010 Anand Topalow 1 : 0 Katalanische Eröffnung E04 32 2,5 1,5 5 30. April 2010 Topalow Anand ½ : ½ Slawische Verteidigung D17 44 3 2 6 1. Mai 2010 Anand Topalow ½ : ½ Katalanische Eröffnung E04 58 3,5 2,5 7 3. Mai 2010 Anand Topalow ½ : ½ Bogoljubow-Indisch E11 58 4 3 8 4. Mai 2010 Topalow Anand 1 : 0 Slawische Verteidigung D17 56 4 4 9 6. Mai 2010 Anand Topalow ½ : ½ Nimzowitsch-Indisch E54 83 4,5 4,5 10 7. Mai 2010 Topalow Anand ½ : ½ Grünfeld-Indisch D85 60 5 5 11 9. Mai 2010 Anand Topalow ½ : ½ Englische Eröffnung A29 65 5,5 5,5 12 11. Mai 2010 Topalow Anand 0 : 1 Lasker-Verteidigung D56 56 6,5 5,5 Bei einem unentschiedenen Stand nach diesen zwölf Partien hätten am 13. Mai 2010 die Tiebreaks stattfinden sollen., auf anand-topalov.com; abgerufen am 1. Mai 2010.
Partien 1. Partie
Topalow-Anand 1:0 Sofia, 24. April 2010 Grünfeld-Indische Verteidigung, D85