Als Highly Superior Autobiographical Memory (englisch), kurz HSAM, wird in der Kognitionswissenschaft ein außergewöhnlich detailliertes autobiografisches Gedächtnis ( „selbst“, „Leben“, und -graphie; siehe Autobiographie und Biographie) bezeichnet.Hyperthymestisches Syndrom beim DocCheck Flexikon. Ursprünglich wurde das Phänomen Hyperthymesie oder hyperthymestisches Syndrom genannt. Personen mit HSAM können sich an jeden oder nahezu jeden Tag ihres Lebens ab einem bestimmten Alter erinnern. HSAM ist sehr selten, bisher wurden rund 60 Fälle bestätigt. HSAM wurde bisher vor allem an der University of California, Irvine, erforscht.
Bezeichnungen In der ersten wissenschaftlichen Beschreibung des Phänomens anhand einer einzelnen betroffenen Frau (2006) schlugen die US-amerikanischen Autoren die Bezeichnung hyperthymestic syndrome vor und verwendeten daneben den kürzeren Ausdruck hyperthymesia.Elizabeth S. Parker, Larry Cahill, James L. McGaugh: A case of unusual autobiographical remembering. In: Neurocase, Band 12, Nummer 1, Februar 2006, S. 35–49, , PMID 16517514. Diese Begriffe wurden als hyperthymestisches SyndromGedächtnis morgenpost.de, 18. Mai 2008. bzw. als Hyperthymesie ins Deutsche übernommen. Die damalige Benennung als ein Syndrom, also als ein komplexes Krankheitsbild, hängt damit zusammen, dass die beschriebene Frau in verschiedener Hinsicht unter den ständig in ihr ablaufenden Erinnerungen litt. Außerdem lag anscheinend eine Funktionsstörung vor: Dem Gehirn der Patientin fehlte die Fähigkeit, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden und das Unwichtige zu vergessen.Die Frau, die nichts vergisst welt.de, 18. Mai 2008.
In der Publikation von 2006 heißt es, die Wortbildung hyperthymesia sei eine Zusammensetzung aus der griechischen Vorsilbe hyper und griechisch thymesis, das dem englischen remembering entspreche. Demnach soll hyperthymesia so viel wie „übermäßiges Erinnern“ bedeuten. Anders als von den Autoren suggeriert gibt es kein altgriechisches Wort thymesis. Laut dem Eintrag zu hyperthymesia im englischen Online-Wörterbuch von Merriam-Webster wurde thymesis anscheinend aus griechischen Wörtern wie enthýmesis „extrahiert“, die von thȳmos abgeleitet sind und die, wie das zugrundeliegende thȳmos, eigentlich wenig mit Erinnerung zu tun haben.hyperthymesia bei merriam-webster.com. Andererseits gibt es im Neugriechischen das sehr ähnliche Wort θύμηση thýmisi mit der Bedeutung „Erinnerung“.θύμηση im englischen Wiktionary.Übersetzung für neugriechisch θύμηση im Online-Wörterbuch von PONS.
Aus einer Fernsehsendung im Jahr 2010 geht hervor, dass die Forscher damals die Bezeichnung superior autobiographical memory verwendeten, sinngemäß „überlegenes autobiografisches Gedächtnis“.CBS-Sendung 60 Minutes, Folge Endless Memory, 19. Dezember 2010: Video, Teil 1 (13:34 Min.). Zur damaligen Bezeichnung superior autobiographical memory siehe 0:25 bis 0:32 und 2:28 bis 2:42. Siehe auch Text zur Sendung (englisch). In der zweiten wissenschaftlichen Publikation (2012), in der elf Betroffene dargestellt wurden, führten die Autoren die neue Bezeichnung highly superior autobiographical memory (kurz HSAM, „hochgradig überlegenes autobiografisches Gedächtnis“) ein,Aurora K. R. LePort et al.: Behavioral and neuroanatomical investigation of Highly Superior Autobiographical Memory (HSAM). In: Neurobiology of Learning and Memory. Band 98, Nummer 1, Juli 2012, S. 78–92, , PMID 22652113, . die seither verwendet wird. Die Abkürzung HSAM wurde ebenfalls ins Deutsche übernommen.Hyperthymesie: Ein fast perfektes Gedächtnis spektrum.de, 21. März 2013.
Das Phänomen wurde nun nicht mehr als etwas Krankhaftes („Syndrom“) benannt, sondern als eine herausragende Fähigkeit. Die mittlerweile bekannten Betroffenen empfanden ihre Erinnerungsfähigkeit überwiegend als deutlich vorteilhaft.Aurora K. R. LePort et al.: Behavioral and neuroanatomical investigation of Highly Superior Autobiographical Memory (HSAM). In: Neurobiology of Learning and Memory. Band 98, Nummer 1, Juli 2012, S. 78–92, , Abschnitt 4.1. Zitat: “As a group they view their autobiographical memory ability as a positive attribute (rating an average of 8.4, 1 being negative and 10 being positive).” Der an beiden Publikationen beteiligte Neurobiologe James McGaugh sagte, die Benennung als hyperthymesia im Jahr 2006 sei ein Fehler gewesen, weil eine solche Bezeichnung vortäusche, dass man wisse, worum es sich handelt. Tatsächlich kannten die Forscher zu diesem Zeitpunkt aber nur eine einzige betroffene Person und verstanden auch nicht die Ursachen und Mechanismen, die das außergewöhnliche Gedächtnis ermöglichten.Linda Rodriguez McRobbie: Total recall: the people who never forget theguardian.com, 8. Februar 2017.
Merkmale In der ersten Fallbeschreibung (2006) gaben die Autoren an, „Hyperthymesie“ sei durch zwei Merkmale definiert: Die betroffene Person verbringe zum einen ungewöhnlich viel Zeit damit, über ihre Vergangenheit nachzudenken, zum anderen habe sie eine außergewöhnliche Fähigkeit, sich an eigene Erlebnisse zu erinnern. Das ungewöhnlich starke Erinnerungsvermögen beziehe sich dabei ausschließlich auf „autobiografische Information“ und nicht auf sonstige Information. In der zweiten Publikation (2012) wurde präzisiert, dass sich die Betroffenen nicht nur an „autobiografische“ Ereignisse, sondern auch an öffentlich bekannte Ereignisse herausragend gut erinnern können.
Die Betroffenen können sich an nahezu alle früheren Erlebnisse mit großer Genauigkeit erinnern.Hyperthymesia: What is it? medicalnewstoday.com, Stand September 2023. Einfach aus der Erinnerung und ohne eine besondere Mnemotechnik (von ‚Gedächtnis‘, ‚Erinnerung‘, und ‚Kunst‘) anzuwenden, können sie auf Nachfrage zu einem bestimmten Datum den Wochentag, das Wetter, zeitgeschichtliche Ereignisse und viele mehr oder weniger belanglose Einzelheiten aus ihrem Privatleben angeben.
Entdeckung von HSAM-Betroffenen 2000 bis 2014 Jill Price ist der erste Mensch, bei dem HSAM festgestellt wurde. Die in Kalifornien lebende Frau empfand ihre Erinnerungen, von denen sie ständig überflutet wurde, als extrem belastend. Im Juni 2000 wandte sie sich an James McGaugh, einen Hirnforscher an der University of California, Irvine, der 1983 das Center for the Neurobiology of Learning and Memory in Irvine gegründet hatte. McGaugh und seine Kollegen Larry Cahill und Elizabeth Parker untersuchten in den folgenden Jahren das Gedächtnis von Jill Price, das ein für sie völlig neuartiges Phänomen war. Im Februar 2006 veröffentlichten sie die Fallbeschreibung.
Zwei Monate später, im April 2006, berichtete der reichweitenstarke Hörfunksender NPR in zwei fünfminütigen Radiosendungen über die wissenschaftliche Sensation. Am 19. April war McGaugh als Interviewpartner zu hören,Woman's Long-Term Memory Astonishes Scientists NPR-Hörfunksendung mit James McGaugh, 19. April 2006 (Audio, 5:27 Min.). am 20. April Jill Price unter ihrem Pseudonym „AJ“.Unique Memory Lets Woman Replay Life Like a Movie NPR-Hörfunksendung mit Jill Price, 20. April 2006 (Audio, 5:21 Min.). Hinzu kamen Berichte in der Presse. Die Berichterstattung sorgte dafür, dass sich weitere Personen mit HSAM an die Forscher in Irvine wandten.James McGaugh: Vortrag über HSAM an der University of California, San Diego, 5. Mai 2017 (Video, 24:22 Min.), hier 10:28 bis 10:43. Bis 2008 wurde bei drei weiteren Personen ein „hyperthymestisches Syndrom“ diagnostiziert.
Im Jahr 2009 waren sechs HSAM-Betroffene bekannt. Der Fernsehsender CBS lud die sechs Betroffenen ein, gemeinsam in einer Folge der Sendung 60 Minutes zum Thema HSAM aufzutreten. Fünf von ihnen, drei Männer und zwei Frauen, gingen auf die Einladung ein. Sie lernten einander bei den Dreharbeiten kennen.CBS-Sendung 60 Minutes, Folge Endless Memory, 19. Dezember 2010: Video, Teil 1 (13:34 Min.). Zur Begegnung der fünf HSAM-Betroffenen siehe 9:39 bis 11:06. Siehe auch Text zur Sendung (englisch). Nur Jill Price wollte nicht teilnehmen. Während der Dreharbeiten wurde eine der beiden teilnehmenden Frauen, die Schauspielerin Marilu Henner, offiziell als sechste Person mit HSAM bestätigt. Die Sendung wurde im Dezember 2010 unter dem Titel Endless Memory ausgestrahlt.CBS-Sendung 60 Minutes, Folge Endless Memory, 19. Dezember 2010: Video, Teil 1 (13:34 Min.), Teil 2 (12:51 Min.), Text zur Sendung (englisch).
Die Sendung wurde von fast 19 Millionen Zuschauern gesehen. Als McGaugh danach seinen Computer einschaltete, waren 600 E-Mails in seinem Posteingang. Die meisten waren Reaktionen von Zuschauern, die glaubten, sie selbst oder jemand aus ihrem Bekanntenkreis könne HSAM haben. McGaugh und seine Mitarbeiter bearbeiteten nun sämtliche vorliegenden und weiterhin eintreffenden Anfragen. Dies führte zu einem Anstieg der HSAM-Diagnosen auf 22 im Jahr 2011 und auf 30 im Jahr 2012.Lawrence Patihis: Highly Superior Autobiographical Memory (HSAM): Memory Distortion Paradigms and Individual Differences. Dissertation an der University of California, Irvine, 2015 (Abstract und PDF-Download bei escholarship.org), S. 11. Die Forscher in Kalifornien hatten bis dahin 172 Kandidaten nach einer Vorauswahl in die engere Auswahl genommen und diese mit standardisierten Tests geprüft.Lawrence Patihis: Highly Superior Autobiographical Memory (HSAM): Memory Distortion Paradigms and Individual Differences. Dissertation an der University of California, Irvine, 2015 (Abstract und PDF-Download bei escholarship.org), S. 9.
Im Januar 2014 informierte die CBS-Sendung 60 Minutes über den Zuwachs der HSAM-Fälle: Seit der letzten Sendung vor rund drei Jahren seien 50 neue Fälle dazugekommen. Von diesen waren drei Männer und eine Frau in der Sendung zu sehen,CBS-Sendung 60 Minutes, Folge Memory Wizards, 12. Januar 2014: Ausschnitt aus der Sendung mit vier HSAM-Betroffenen (Video, 0:59 Min). außerdem die beiden bis dahin bekannten Kinder mit HSAM – zwei Jungen im Alter von 10 und 11 Jahren. Der 11 Jahre alte Junge hatte einen eineiigen Zwilling, dieser hatte ein normales Gedächtnis.CBS-Sendung 60 Minutes, Folge Memory Wizards, 12. Januar 2014: Text zur Sendung (englisch).
Stand seit 2016 Anfang 2016 waren etwa 60 Personen mit HSAM bekannt.Xavia Malcolm: Rare But True: Hyperthymesia Beitrag im Newsletter des Jamaica Hospital Medical Center in New York, 26. Januar 2016. Dieselbe Zahl wurde in einem ausführlichen Artikel im Guardian vom Februar 2017 genannt, ebenso im Mai 2021 im Wissenschaftsmagazin der Universität Basel. Die Forscher der University of California, Irvine geben auf ihrer Website an, „über 50“ Personen mit HSAM seien identifiziert worden.Highly Superior Autobiographical Memory University of California, Irvine, Center for the Neurobiology of Learning and Memory, abgerufen am 27. November 2023.
Davon abweichend schrieb das Magazin Time im Dezember 2017, das Team an der Universität in Irvine habe etwa 60 Personen mit HSAM diagnostiziert, in den Jahren danach seien aber weitere HSAM-Diagnosen gestellt worden, insgesamt seien es weniger als 100.Amanda MacMillan: The Downside of Having an Almost Perfect Memory time.com, 8. Dezember 2017. Auch diese Angabe betrifft nur die Diagnosen. Es gibt noch mehr Betroffene, weil sich nicht jeder von ihnen einer Überprüfung unterzieht.