mini|Hamburger Hauptkirche St. Michaelis Die Hauptkirche St. Michaelis (umgangssprachlich: Michel) ist ein evangelischer Sakralbau in der Neustadt von Hamburg. Der 132 Meter hohe Turmbau wurde 1751 bis 1786 im Auftrag des Rates der Stadt von Ernst Georg Sonnin geschaffen. Nach der Zerstörung 1945 wurde die Michaeliskirche 1947 bis 1952 wiederaufgebaut. Sie gehört zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Stadt und zu den bedeutendsten Bauwerken des Barock.Dehio 1906, S. 174.
Geschichte mini|hochkant|Entwurf von Sonnin mini|Grundriss von Sonnin
Überblick Die evangelisch-lutherische Hauptkirche St. Michaelis ist der bekannteste Kirchenbau Hamburgs und gilt als bedeutendste Barockkirche Norddeutschlands. Für die Schifffahrt auf der Elbe stellt der weithin sichtbare Sakralbau mit seiner markanten Architektur seit langem das Wahrzeichen der Hansestadt dar. Die Kirche ist nach dem Erzengel Michael benannt, der als große Bronzestatue über dem Hauptportal als Sieger im Kampf mit Satan dargestellt ist. Der volkstümlich bzw. umgangssprachlich Michel genannte Sakralbau steht in der südlichen Neustadt zwischen Ludwig-Erhard-Straße, Krayenkamp und Englischer Planke. Der Kirchturm hat eine Höhe von 132,14 Metern.Walter Born: Die hohen deutschen Kirchtürme. Lax, Hildesheim 1979, ISBN 3-7848-7010-4. Die Höhenangaben basieren auf amtlichen Vermessungen. In diesem Artikel werden die Höhen einschließlich Kreuzspitzen, Wetterhähnen, Knauf und Stange etc. und ausschließlich von Antennen wiedergegeben. Die Ausgabe ist von 1979, also werden manche zwischenzeitliche bauliche Veränderungen, besonders Rekonstruktionen mancher Türme nach dem Zweiten Weltkrieg, nicht berücksichtigt. Das heutige Gebäude ist bereits der dritte Kirchenbau an dieser Stelle und eine Rekonstruktion von 1912, nachdem der zweite Bau, den Ernst Georg Sonnin 1751 bis 1786 im Auftrag des Rates der Stadt errichtet hatte, bei einem Brand im Jahr 1906 zerstört wurde. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Sakralbau erneut schwer beschädigt und danach wiederaufgebaut. Der Michel gehört heute zur Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland.
Erster Bau (1647–1750) Etwa um das Jahr 1600 wurde – damals noch außerhalb der Hamburger Stadtmauern – etwas weiter östlich aufgrund der Stadterweiterung bei dem Pestfriedhof eine kleine Filialkirche der Nikolaikirche errichtet, der sogenannte Kleine Michel, den ab 1625 die Einwohner der Hamburger Neustadt, die seit 1625 innerhalb der neuen Wallanlagen entstanden war, als ihre Kirche nutzten. Für die wachsende Gemeinde wurde die Kapelle bald zu klein.
Daraufhin wurde der erste Bau an der heutigen Stelle 1647 bis 1669 von Christoph Corbinus (während der Bauzeit verstorben) und Peter Marquard errichtet. Im Jahr 1685 wurde der Michel neben St. Petri, St. Jacobi, St. Nikolai und St. Katharinen Hamburgs fünfte Hauptkirche und die Neustadt ein eigenes Kirchspiel.Hauptkirche St. Michaelis (Hrsg.): Der Michel. St. Michaelis. Faltblatt mit Eckdaten, Hamburg 2013.
Am 10. März 1750 gegen 11:00 Uhr wurde die Kirche mit ungewöhnlich lautem Donner vom Blitz getroffen. Rauch und Flammen wurden ab 12:45 Uhr bemerkt. Der Brand konnte nicht mehr gelöscht werden, der Kirchturm brach im Zickzack zusammen. „Der Hauptteil des Turmes fiel auf das Kirchendach und setzte das Gotteshaus in Brand, das dadurch völlig vernichtet wurde.“Georg Wiarda: Die erste Große St. Michaeliskirche wird durch Blitzschlag zerstört. In: St. Michaelis aktuell. Ihr Gemeindebrief Februar bis April 2010, S. 7.
Zweiter Bau (1751–1906) mini|hochkant=0.6|links|Gedenktafel für Ernst Georg Sonnin Im Jahr 1751 wurde der Grundstein für den zweiten Michel gelegt. Dieser wurde am 19. Oktober 1762 mit dem Oratorium Komm wieder Herr, zu der Menge der Tausenden in Israel (TWV 02:12) von Georg Philipp Telemann eingeweiht. Erst im Jahr 1786 wurde dieser Neubau nach einem Entwurf von Johann Leonhard Prey und Ernst Georg Sonnin durch den Bau des Turmes abgeschlossen.Jörn Masekowitz: Besichtigung des Michels. In: Hohenfelder und Uhlenhorster Rundschau. April/Mai 2012, S. 16. Der Turm war ganz aus Holz und mit Kupfer verkleidet. Georg Dehio bezeichnete die barocke Michaeliskirche als bedeutendsten evangelischen Sakralbau neben der Dresdner Frauenkirche.Dehio 1906, S. 174.
Im Jahr 1802 nutzte Johann Friedrich Benzenberg den Turm mit Erfolg für Fallexperimente zum Nachweis der Erdrotation und kam damit Léon Foucault mit seinem berühmten Pendelversuch um fast 50 Jahre zuvor. Von 1905 bis 1906 entstand in der Karpfangerstraße die Lutherkirche als Filiale von St. Michaelis. Sie sollte mit ihren 800 Sitzplätzen zur Entlastung dienen, da durch Bevölkerungswachstum im südlichen Pfarrbezirk (heute: Portugiesenviertel) der Raum für Gottesdienste in der Hauptkirche nicht mehr ausreichte. Gründung und Betrieb der Kirche stand in engem Zusammenhang zur Seemannsmission. 1943 wurde die Lutherkirche durch Bomben zerstört und nicht wieder aufgebaut.
Am 3. Juli 1906 brach im Turm des Michels bei Lötarbeiten an schadhaften Kupferplatten der Turmverschalungen ein Brand aus: Die Dachdecker hatten eine geteerte Pappe unter die Kupferplatte geschoben. Das beim Löten entstandene Teergas entzündete sich, und die Holzverschalung fing Feuer. Dem Turmwächter Carl Beurle gelang es, durch Morsesignale die Feuerwehr in der Hauptwache am Schweinemarkt zu alarmieren. Er konnte sich aber nicht mehr retten. Teile des Turmes und die Uhrzeiger stürzten auf das Kirchenschiff. Auch das Kirchenschiff brannte bis auf die Grundmauern ab. Gerettet wurden aus dem Michel alte Handschriften, Abendmahl- und Taufgerät, der Marmortaufstein von 1763 und der von Ernst Georg Sonnin 1763 gestiftete Gotteskasten.Matthias Gretzschel: Hamburgs Notre-Dame. In: Hamburger Abendblatt, 20. April 2019, S. 20.
Dritter Bau (seit 1912)
Bereits am Tag nach dem Brand beschloss der Senat, den Michel in seiner bisherigen Form wieder aufzubauen.Video: Hamburg damals: Die Michel-Glocken in: St. Michaelis-Kirche: Hamburger Michel trotzt Bränden und Krieg. Über die Art des Wiederaufbaus gab es dennoch heftige Diskussionen. In einer Enquete von 1906/07 sprachen sich Cornelius Gurlitt, Fritz Schumacher und Peter Behrens gegen eine Rekonstruktion aus. Der Denkmalschützer Georg Dehio war ein Verfechter des Wiederaufbaus. Letztlich erfolgte mit Rücksicht auf den Wahrzeichencharakter des „Michel“ und den Wunsch der Bevölkerung eine Wiederherstellung in der alten äußeren Form, allerdings mit einer feuerfesteren Konstruktion aus Stahl und Beton anstelle der früheren Holzkonstruktion.Jan Friedrich Hanselmann (Hrsg.): Rekonstruktion in der Denkmalpflege. Texte aus Geschichte und Gegenwart. Stuttgart 2009 S. 38 ff.Zum Wiederaufbau der Großen St. Michaeliskirche in Hamburg, Deutsche Bauzeitung, Februar 1907, in zwei Teilen, T. II Seite 66 und 69. Die Bauarbeiten, die Julius Faulwasser leitete, dauerten sechs Jahre. Am 19. Oktober 1912 wurde der Michel wiedereröffnet. Taufstein und Gotteskasten für Spenden stammen aus dem Jahr 1763. mini|hochkant=0.65|Statue des Erzengels Michael über dem Westportal mini|hochkant|Sankt Michaelis, 1949 Im Zweiten Weltkrieg wurde die gesamte Umgebung durch alliierte Bombenangriffe (Operation Gomorrha) stark zerstört, während die Kirche selbst zunächst fast unbeschädigt blieb. Erst 1944 und 1945 wurde schließlich auch das Hauptschiff getroffen. Brandbomben durchschlugen das Kirchendach und zerstörten das Gestühl, die Orgel und große Teile des Innenraums.Hamburger Michel: St. Michaelis-Kirche trotzt Bränden und Krieg. Die Schäden konnten bis 1952 beseitigt und die Kirche am 19. Oktober 1952 wieder eingeweiht werden. Taufstein und Gotteskasten aus dem Jahr 1763 sind erhalten und im Kirchenraum ausgestellt.St. Michaelis. Der Michel. Das Wahrzeichen von Hamburg. Faltblatt von ca. 2017. mini|St. Michaelis (2013) Seit 1983 wird der Michel regelmäßig saniert oder baulich verändert: 1983–1996: Instandsetzung des Turms 2000: Ersatzguss der seit 1917 fehlenden größten Läuteglocke 2002–2010: Instandsetzung des Kirchenschiffs 13. Okt. 2009. 2007: Sanierung der Krypta 2008–2009: Sanierung des Kupferdachs und des Innenraums 2015–2016: Vervollständigung des aus vier Glocken bestehenden Uhrschlagwerks 2022: Eröffnung des Besucherzentrums.
Beschreibung Außenbau und Lage Sankt Michaelis ist geostet. Dem Kirchenschiff ist im Westen ein monumentaler, aber eingezogener Glockenturm vorgestellt. Der Kirchenraum vereinigt Eigenschaften eines Zentralbaus und einer Basilika. Das Backsteinmaterial des Mauerwerks ist in den Fassaden sichtbar, innen verputzt.
Kirchenraum
mini|Tympanonfenster über dem Haupteingang Durch das Westportal betritt der Besucher zunächst die Turmhalle, die als Vorraum zur Kirche sowie als Zugang zu Turm und Krypta dient. Außer dem Haupteingang im Westen unter der Bronzeplastik des kämpfenden Erzengels Michael vom Bildhauer August Vogel verfügt der Michel in Richtung Hafen (Süden) und Großneumarkt (Norden) über zahlreiche Pforten zum direkten Zugang aus den damals dichtbesiedelten Gebieten.Michel, mein Michel. In: Hamburger Abendblatt, 13. Oktober 2012, Magazin, S. IV–V.
Über dem Haupteingang von St. Michaelis befindet sich ein annähernd rundes, reich verziertes Jugendstilfenster. Zwei Engel stehen am linken und rechten Bildrand, in der Mitte fliegt eine Taube über einer stilisierten Burg. Die Taube steht als Symbol für den Heiligen Geist und den Segen Gottes, der sich über der Kirche und der Stadt ausbreitet.
Der im Grundriss kreuzförmige Kirchenraum ist 52 Meter lang, 44 Meter breit, 27 Meter hoch und fasst 2.500 Besucher.St. Michaelis. Der Michel. Das Wahrzeichen von Hamburg. Faltblatt von ca. 2017. Er ist lichtdurchflutet, weil die klaren Fenster das Außenlicht passieren lassen.
Das in Ostwestrichtung erstreckte Mittelschiff ist höher als das knapp westlich seiner Mitte liegende etwas kürzere Querhaus und hat Obergaden über den Querhausarmen und über den Jochen in den Zwickeln zwischen Lang- und Querhaus. Der Grundriss des Chors ist schon vor dem dreiseitigen Schluss etwas konisch, was dem Raum insgesamt eine Tendenz zum Oval und damit stilistisch zum Rokoko gibt.
Ausstattung Einige der vorderen Bankreihen sind breiter und bequemer als die übrigen Bankreihen. Dieses Senatsgestühl, dessen Bankwangen das Hamburger Wappen schmückt, ist bei Festakten oder Trauerfeiern für Regierende vorgesehen.Matthias Iken: Die letzten Geheimnisse des Michels. In: Hamburger Abendblatt, 17. Januar 2018, S. 14. Die gegenüberliegenden Bankreihen sind ähnlich gestaltet. Die Bankwangen zeigen den heiligen Michael, der mit dem Drachen kämpft. Sie wurden für den Kirchenvorstand und kirchliche Würdenträger geschaffen. Das Beedegestühl (Beede: Finanz- und Verwaltungsausschuss des Kirchenvorstands).
Im Zuge der Corona-Pandemie wurden von Reedereien, Hafenunternehmen, Museen und Traditionsschiff-Vereinen Rettungsringe von Schiffen gespendet, die nun an der Galerie im Innenraum ausgestellt sind.Misha Leuschen: Gemeinsam den Michel retten. In: Hamburger Wochenblatt, 2. September 2020, S. 10.
2011 erhielt St. Michaelis eine Figur des Erzengels Michael. Diese ist etwa 1,50 m groß und stammt vermutlich aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Sie gehörte bisher zum Bestand des Ernst-Barlach-Hauses.www.st-michaelis.
Die marmorne Kanzel ragt vom südöstlichen Vierungspfeiler in den weiten Vierungsraum hinein. Die Kanzeluhr wird nur bei besonderen Anlässen gezeigt.Sabine Henning: Macht und Pracht in Hamburg. Stiftung Denkmalpflege Hamburg, 7. September 2017, abgerufen am 18. Januar 2021.