mini|Universitätssiegel der alten Universität Erfurt (der Hierana) vor 1806. mini|Campus der Pädagogischen Hochschule 1969 mini|Eingangsbereich der Universität Erfurt mini|Relief im Eingangsbereich mini|Blick auf den Campus vom Eingangsbereich aus Die Universität Erfurt ist eine staatliche Universität in Deutschlands. Mit ihrem Gründungsprivileg von 1379 erhielt sie als erste Hochschule im heutigen Deutschland eine entsprechende Gründungserlaubnis; der Studienbetrieb begann jedoch erst 1392. Sie wurde 1816 geschlossen und schließlich 1994 wiedergegründet.
Die Universität gliedert sich in vier Fakultäten: die Philosophische, die Erziehungswissenschaftliche, die Staatswissenschaftliche und die Katholisch-Theologische Fakultät. Ergänzt werden diese um das Max-Weber-Kolleg, eine fakultätsähnliche Einrichtung, sowie mehrere zentrale wissenschaftliche Einrichtungen.
Geschichte Erste Universität
Die alte Universität Erfurt, auch bekannt als Universitas Studii Erfordiensis oder Hierana, wurde aufgrund einer Stiftungsurkunde von Papst Clemens VII. im Jahr 1379 und in darauffolgender Bestätigung durch Papst Urban VI. vom 4. Mai 1389 errichtet. Sie wurde in der zweiten Woche nach Ostern 1392 offiziell eröffnet. Nimmt man die auf Antrag der Erfurter Bürgerschaft erteilte Gründungsurkunde als Referenz, so ist die Universität Erfurt die älteste Universität Deutschlands, jedoch war sie später für fast zwei Jahrhunderte geschlossen. Darüber hinaus nahm bereits zuvor die Universität Heidelberg im Jahre 1386 den regulären Lehrbetrieb auf. Von 1769 bis 1772 lehrte der Dichter Christoph Martin Wieland als Philosophieprofessor an der Universität.
Nach mehreren Blütezeiten wurde sie 1816 mit nur noch 20 Studenten geschlossen. Bis zu ihrer Schließung wies die Hierana mit ihrem bis ins 13. Jahrhundert zurückreichenden Generalstudium die längste Hochschultradition in Deutschland auf.Robert Gramsch: Erfurt – Die älteste Hochschule Deutschlands. Vom Generalstudium zur Universität (Schriften des Vereins für die Geschichte und Altertumskunde von Erfurt. Band 9). Erfurt 2012, ISBN 978-3-95400-062-3.
Andere Akademien und Hochschulen in Erfurt
Von 1954 bis 1993 bestand in Erfurt mit der Medizinischen Akademie Erfurt eine akademische Ausbildungsstätte für Ärzte und ab 1975 auch für Zahnärzte, die sich in der Tradition der alten Universität Erfurt sah. Ihre 1960 gebildete Abteilung für Geschichte der Medizin machte sich um die Erforschung der Erfurter Wissenschafts- und Universitätsgeschichte verdient. Die Medizinische Akademie (ab 1992 Medizinische Hochschule) wurde – trotz positiver Evaluierung durch den Wissenschaftsrat – nicht als Fakultät in die Universität übernommen. Stattdessen konzentrierte das Land Thüringen die kostenintensive Medizinerausbildung an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Mitte der 1960er-Jahre initiierten Studierende der Medizinischen Akademie Erfurt den Aufbau eines gemeinsamen Treffpunkts, aus dem 1968 das Studentenzentrum Engelsburg hervorging. Die Einrichtung entwickelte sich zu einem regelmäßigen Ort studentischer Kulturveranstaltungen.Martin Moll: Die Engelsburg bietet Studierenden seit 40 Jahren Gelegenheit zum Austausch und Miteinander. In: Thüringische Landeszeitung. 16. Januar 2008.
Von 1929 bis 1931 bestand die Pädagogische Akademie Erfurt. 1953 wurde das Pädagogische Institut Erfurt gegründet. Dieses Institut wurde 1969 mit dem Pädagogischen Institut Mühlhausen zusammengeschlossen. Diese neue Einrichtung bestand fortan als Pädagogische Hochschule Erfurt/Mühlhausen, respektive zeitweise als Pädagogische Hochschule „Dr. Theodor Neubauer“ Erfurt/Mühlhausen.
Campusbau Der Campus der Universität an der Nordhäuser Straße wurde ab 1952 für das Pädagogische Institut Erfurt errichtet.Tradition verpflichtet – Erfurter Hochschulen. In: Thüringer Allgemeine. 4. Oktober 2023, S. 19. Zunächst entstanden bis 1954 das erste Lehrgebäude mit Hörsaalanbau und Bibliotheksflügel, gefolgt von mehreren Wohnheimen und dem Verwaltungsgebäude. Zwischen 1958 und 1962 kam ein zweites Lehrgebäude hinzu und ab 1967 entstanden zusätzliche Funktionsbauten wie eine Turnhalle, die später wieder abgerissen wurde. In den 1980er-Jahren wurden die Mensa, ein weiteres Wohnheim und eine Sporthalle errichtet. Nach der Wiedergründung der Universität Erfurt im Jahr 1994 wurden die vorhandenen denkmalgeschützten Gebäude weiter genutzt. Als erster Neubau entstand 1995–2000 der erste Bauabschnitt der Universitätsbibliothek. Es folgten unter anderem die Sanierung der Villa Martin,Michael Kieffer: Startschuss für Sanierung der Villa Martin. In: Thüringer Allgemeine. 24. September 2003. der Bau des Kommunikations- und Informationszentrums sowie der Forschungsneubau „Weltbeziehungen“.
Wiedererrichtung Ab 1987 engagierten sich Mitglieder der heutigen Universitätsgesellschaft Erfurt für eine Wiedergründung der Universität, die mit der Wende 1989 auf deren Initiative hin rasch Gestalt annahm. Am 24. Juni 1993 erließ die Landesregierung eine Rechtsverordnung „über Aufgaben und Zusammensetzung der Gründungskommission zur Vorbereitung der Gründung der Universität Erfurt“. Im Dezember 1993 beschloss der Landtag des Freistaats Thüringen, die Universität wiederzuerrichten. Sie war bis zur Gründung der Technischen Universität Nürnberg die jüngste staatliche Universität Deutschlands, die nicht aus einer fortbestehenden Hochschule hervorging und mit ihrem Gründungsprivileg von 1379 zugleich die älteste, die über eine bis ins Mittelalter zurückreichende Tradition verfügt.Die HafenCity Universität Hamburg wurde 2006 aus Einrichtungen der Technischen Universität Hamburg-Harburg, Hochschule für bildende Künste Hamburg und Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg ausgegründet, die PH Vechta wurde 2010 zur Universität Vechta erhoben.
Die Universität nutzt am Standort Nordhäuser Straße die größtenteils in den 1950er- und 1960er-Jahren errichteten Gebäude des Pädagogischen Instituts (später Pädagogische Hochschule). Sie weisen in großen Teilen den damals für solche Bauten in der DDR charakteristischen neoklassizistischen Stil auf, illustrieren aber auch den Wandel der Architektur in dieser Zeit. Das Auditorium maximum stammt aus den Jahren 1956 bis 1961.
Die juristische Wiedergründung der Universität in Erfurt erfolgte zum 1. Januar 1994.Zur Wiedergründungsgeschichte bis zu dieser Zeit s. Wolfgang Drechsler: „Die Staatswissenschaften an der Universität Erfurt. Zu ihrer Gründung 1991–1992 und zu Jürgen G. Backhaus’ Beitrag dazu.“ Academia.edu In Taking up the Challenge. Festschrift for Jürgen G. Backhaus. Helge Peukert, Hg. Marburg: Metropolis 2015, S. 363–376. Der Lehrbetrieb wurde zum Wintersemester 1999/2000 unter dem Gründungsrektor Peter Glotz aufgenommen. 2002 wurde die Michaeliskirche in Erfurt nach 1392 zum zweiten Mal zur Universitätskirche ernannt.
Neuere Entwicklungen 2003 führte ein Haushaltsdefizit von rund 1,8 Millionen Euro, das unter anderem durch Mehrausgaben infolge des Tarifabschlusses im öffentlichen Dienst entstanden war, zu einem Einstellungsstopp an der Universität Erfurt. Alle unbesetzten Professuren und Mitarbeiterstellen wurden vorerst nicht besetzt, und auch Vertretungsprofessuren entfielen. Diese Maßnahmen lösten Studierendenproteste gegen den erwarteten Lehrerausfall und die Kürzungen aus.Studenten protestieren gegen Lehrerausfall. Finanzloch zwingt zu Personallücken. In: Thüringer Allgemeine. 6. Februar 2003.Studenten-Protest gegen Kürzungen. An den Hochschulen droht dramatischer Lehrplanausfall. In: Thüringische Landeszeitung. 1. Februar 2003. Unter Anpassung einiger der ursprünglichen Reformziele konnte die Situation durch administrative Maßnahmen der Universitätsleitung und der -gremien stabilisiert werden.
2005 wurde die Universität Erfurt erstmals vom „Audit Familiengerechte Hochschule“ der gemeinnützigen Hertie-Stiftung als besonders familiengerechte Hochschule ausgezeichnet. Das Zertifikat wurde in den Folgejahren mehrfach erneut verliehen.Michael Keller: Dicker Pluspunkt – Die Universität Erfurt wird für ihre Familienfreundlichkeit ausgezeichnet. In: Thüringer Allgemeine. 6. September 2005.Erfurter Hochschulen als familienfreundlich ausgezeichnet. In: Thüringer Allgemeine. 23. Juni 2021, S. 19. 2005 und 2008 schnitten die Studienrichtung Kommunikationswissenschaft und einige Studienrichtungen der Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität in der Spitzengruppe des Hochschulrankings vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) und dem Magazin stern ab. Zahlreiche Studiengänge wurden von der Akkreditierungsagentur ACQUIN akkreditiert. Die Universität wurde im Jahr 2021 systemakkreditiert und ist seither berechtigt, das Siegel des Akkreditierungsrates für ihre intern geprüften Studiengänge zu vergeben. mini|Kommunikations- und Informationszentrum (KIZ) 2016 wurde das Kommunikations- und Informationszentrum (KIZ) auf dem Campus eröffnet. Es beherbergt neben dem Universitätsrechenzentrum zwei Hörsäle und ein Bibliotheksmagazin. 2018 wurde die Forschungsbibliothek Gotha eine eigenständige wissenschaftliche Einrichtung der Universität.Status für Gotha ist Gesetz. In: Thüringer Allgemeine. 25. Mai 2018, S. 15.
Seit Juli 2019 ist die Universität Mitglied der DFG. Bei der Aufnahme wurde die Forschungsstärke der Hochschule hervorgehoben. Die Universität Erfurt ist das 97. Mitglied der DFG.
Im Oktober 2019 fand der erste Spatenstich für den Neubau des Forschungsgebäudes „Weltbeziehungen“ mit 160 Arbeitsplätzen statt. Es war das erste rein geisteswissenschaftliche Forschungsprojekt, das vom Bund den Zuschlag für ein eigenes Forschungsgebäude erhalten hat. Das Gebäude beherbergt neben dem Max-Weber-Kolleg die Willy Brandt School of Public Policy, das Institute for Planetary Health Behaviour sowie weitere Forschungsgruppen. Das Gebäude wurde 2023 eingeweiht. Bis 2028 entsteht ein neues Mensa-Gebäude, für das das Land im Juni 2024 einen entsprechenden Zuwendungsbescheid an das Studierendenwerk Thüringen als Betreiber übergab.
Das Betreuungsverhältnis betrug Anfang der 2000er-Jahre etwa 30 Studierende auf einen Hochschullehrer. Stand 2025 liegt das Betreuungsverhältnis an der Universität bei etwa 53 Studierenden auf einen Hochschullehrer.
Besondere Einrichtungen mini|Forschungsgebäude „Weltbeziehungen“ der Universität Erfurt
Max-Weber-Kolleg
Das Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien der Universität Erfurt ist eine Einrichtung, die als Institute for Advanced Study und gleichzeitig als Graduiertenkolleg arbeitet. Am Kolleg sind Fellows für eine begrenzte Zeit tätig; daneben werden Promotionsvorhaben betreut. Grundlage ist ein an Max Weber orientiertes Forschungsprogramm mit interdisziplinärer sozial- und geisteswissenschaftlicher Ausrichtung.Weichen einstimmig gestellt. In: Thüringische Landeszeitung. 16. Mai 2012, S. 16.Max-Weber-Kolleg als Ort des verdichteten Geistes benannt. In: Thüringische Landeszeitung. 15. Juli 2009.
Willy Brandt School
Eine weitere Einrichtung ist die weitgehend durch Drittmittel getragene Erfurt School of Public Policy (ESPP), 2009 umbenannt zur Willy Brandt School of Public Policy,Willy Brandt als Namensgeber – ESPP bezog feierlich neue Räume. In: Thüringische Landeszeitung. 28. November 2009. eine nach angloamerikanischem Vorbild konzipierte Professional School, die seit 2002 den ersten deutschen Studiengang zum Erwerb des Master of Public Policy (MPP) anbietet und in Kooperation mit der Staatswissenschaftlichen Fakultät als zentrale Einrichtung der Universität besteht.Satzung der Willy-Brandt-School vom 30. Juni 2021 (Verk.Bl. UE RegNr: 2.5.1.7-1).
Forschungszentrum Gotha