Die Gemeinschaftsbewegung ist eine pietistische Aufbruchsbewegung, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Reihe evangelischer Landeskirchen in Deutschland und in der Schweiz erfasste. An vielen Orten führte dieser Aufbruch zur Entstehung von Gemeinschaftskreisen (Landeskirchliche Gemeinschaft), die heute in und neben den traditionellen Kirchen ein eigenständiges Gemeindeleben entwickelt haben.Joachim Cochlovius: Gemeinschaftsbewegung. In: Theologische Realenzyklopädie, Band 12 (1984), S. 355–368, hier S. 355.Dieter Lange: Eine Bewegung bricht sich Bahn. Die deutschen Gemeinschaften im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert und ihre Stellung zu Kirche, Theologie und Pfingstbewegung, 1979
Mittlerweile haben sich noch andere Gemeinschaften und nationale und internationale Organisationen dieser Bewegung angeschlossen, was den reinen kirchlichen Bezug aufweicht.
Ursprünge Nach ihrem Selbstverständnis wurzelt die Gemeinschaftsbewegung vor allem in der lutherischen Reformation. Auf Martin Luthers Vision einer kleinen, aber geistlich engagierten Gemeinschaft innerhalb der Landeskirche wird immer wieder in den Geschichtsbüchern der Gemeinschaftsbewegung hingewiesen. Eine weitere Wurzel ist der Pietismus, der Luthers Vision unter dem Begriff der ecclesiola in ecclesia revitalisierte. Zur Gemeinschaftsbewegung gehören sowohl altpietistische Gemeinschaften, die vor allem in Baden-Württemberg beheimatet sind, als auch „neupietistische“ Gruppen, die ihre entscheidenden Impulse aus der Erweckungsbewegung der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts empfingen. Besonders zu nennen ist hier der Methodismus sowie die amerikanische Heiligungsbewegung. Als Erbin dieser verschiedenen Strömungen entwickelte die Gemeinschaftsbewegung ein alternatives Gemeindemodell, das auch Entkirchlichte sowie soziale Randgruppen anzog.
Geschichte Die Geschichte der Gemeinschaftsbewegung weist eine Fülle von Keimzellen auf: Fast gleichzeitig entstanden im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts überall in Deutschland neupietistische Kreise in den evangelischen Kirchen, die sich anfangs zu Provinzialen Brüderräten und – nach einem vorläufigen Zusammenschluss von 1894 – sich 1897 zum Deutschen Komitee für evangelische Gemeinschaftspflege und Evangelisation, dem so genannten Gnadauer Verband, zusammenschlossen. Vorangegangen waren 1884 die Gründung des Deutschen Evangelisationsvereins durch Theodor Christlieb, einer ersten Organisation der deutschen Gemeinschaftsbewegung. Christlieb formulierte dafür vier Leitsätze: Man empfehle den Erweckten den Anschluss an eine bestimmte Gemeinde, unter Umständen übergebe man sie einem gläubigen Prediger. Man stärke sie weiterhin geistlich durch regelmäßige Bibel- und Erbauungsstunden, um Zersplitterungen zu verhüten, d. h. sie nicht den Sekten anheimfallen zu lassen. Man gliedere sie in die bestehenden Jünglings-, Männer-, und Jungfrauenvereine ein, pflege den christlichen Gesang, auch in Chören mit besonderen Singstunden. Man vermenge nicht Evangelisationssache mit Mäßigkeitssache.Geschichte der Gemeinschaftsbewegung, Website lkg-stralsund.de (PDF, abgerufen am 2. Februar 2025)
Seit 1888 fanden die Pfingstkonferenzen im Predigtsaal der Herrnhuter Brüdergemeine in Gnadau bei Magdeburg statt. 1891 wurde das Monatsblatt Philadelphia herausgegeben, das die neu entstandenen und eher isolierten Gemeinschaftskreise miteinander verbinden wollte.Forschungsstelle Neupietismus: Grundinformationen zum Neupietismus, Die Entstehung der Gemeinschaftsbewegung, Website eh-tabor.de (abgerufen am 1. Februar 2025)
Mitgliedsvereine dieses nationalen Dachverbandes waren unter anderen: in Westdeutschland: die Evangelische Gesellschaft für Deutschland, die Tersteegenschen Gemeinschaften, der Evangelische Brüderverein (siehe Hermann Heinrich Grafe), die Neukirchener Mission und der Verein für Reisepredigt in Berlin: die Michaelsgemeinschaft (Graf von Pückler), die Evangelische Heilandsgemeinschaft (Ingeborg von Hennigs) und der CVJM in Ostpreußen: der Ostpreußische Evangelische Gebetsverein unter Christoph Kukat in Süddeutschland: Chrischona-Gemeinschaft und mit ihr verbundene Pastoren in Mitteldeutschland: die an der so genannten Blankenburger Allianzkonferenz beteiligten Gemeinschaften in Schleswig-Holstein: der Verein für Innere Mission in Hamburg: der CVJM und die Gemeinschaft unter Johannes Röschmann (1862–1901)
Diesem Aufbruch folgte die Gründung zahlreicher Einrichtungen der Gemeinschaftsbewegung: Diakonissenhäuser, Predigerseminare und die Deutsche Zeltmission. Zur herrschenden liberalen Theologie des Rationalismus stand sie in schroffem Gegensatz, ordnete sich aber viele Jahrzehnte ihrer Geschichte dem pastoralen Amt und den kirchlichen Strukturen unter. Erst in der Gegenwart lässt sich beobachten, dass die Gemeinden der Bewegung mehr und mehr eigenständige, manchmal auch freikirchliche Strukturen entwickeln.
Die Gemeinschaftsbewegung verantwortete mit der Berliner Erklärung vom 15. September 1909 ein historisches Dokument, das zu jahrzehntelangen Zerwürfnissen der betroffenen Denominationen der jungen Pfingstbewegung in Deutschland führte. Dieses Dokument nahm vor allem Bezug auf die Kasseler Ereignisse vom Juli 1907 und war in erster Linie gegen den führenden Pfarrer Jonathan Paul gerichtet, der 1890 eine Geistestaufe erfahren haben soll und seit 1904 das „reine Herz“ verkündigte, zu dem ein erweckter Christ gelangen könne.Urs Schmid: Amerikanische Heiligungsbewegung und Gemeinschaftsbewegung in Deutschland, Dissertation, Theologische Fakultät Universität Basel, Basel 2002; Fromm Verlag, 2018, ISBN 978-620-2-44298-5, S. 224–255
In der Schweiz entstanden bereits Anfang des 19. Jahrhunderts in Basel die Bewegung Frommes Basel mit der Basler Mission und der Pilgermission St. Chrischona und in Genf der Réveil, aus dem sich in Genf, Bern und Zürich grössere Evangelische Gesellschaften entwickelten, wie z. B. die Evangelische Gesellschaft der Berner Kantonalkirche.
Gesangbücher Aus der Gemeinschaftsbewegung gingen unter anderem die folgende Liedersammlungen hervor: Carl Heinrich Rappard, Dora Rappard-Gobat: Gemeinschaftslieder, (erstmals 1875, viele weitere Auflagen bis 1934) Carl Heinrich Rappard, Dora Rappard-Gobat: Glaubenslieder (1875) Ernst Gebhardt: Evangeliumslieder. Basel 1880 das Reichsliederbuch (1892)
Prägende Persönlichkeiten Graf Modest Modestowitsch von Korff (1823–1906), russischer Hofmarschall und Zeremonienmeister am Zarenhof von Kaiser Alexander III Elias Schrenk (1831–1913), schwäbischer Kaufmann, Evangelist und Erweckungsprediger in der Schweiz und Deutschland Theodor Christlieb (1833–1889), deutscher Pfarrer und Theologieprofessor in Bonn Jaspar von Oertzen (1833–1893), deutscher Adliger und Leiter christlicher Werke Carl Heinrich Rappard (1837–1909), Schweizer Missionar und Inspektor von St. Chrischona Otto Stockmayer (1838–1917), schwäbischer Pfarrer und Evangelist in Deutschland und in der Schweiz Theodor Jellinghaus (1841–1913), deutscher Pfarrer, Missionar, Bibelschullehrer und Autor Dora Rappard-Gobat (1842–1923), Schweizer Missionarin und Kirchenlieddichterin Friedrich von Schlümbach (1842–1901), deutsch-amerikanischer Soldat, methodistischer Erweckungsprediger und Mitbegründer des CVJM Andreas von Bernstorff (1844–1907), preußischer Verwaltungsjurist und Abgeordneter Eberhard von Rothkirch (1852–1911), deutscher Offizier, Forstwirtschaftler und Mitbegründer des CVJM Graf Eduard von Pückler (1853–1924), deutscher Standesherr und Führer christlicher Organisationen Franz Eugen Schlachter (1859–1911), Schweizer Erweckungsprediger, Schriftsteller und Bibelübersetzer Walter Michaelis (1866–1953), deutscher Pfarrer, Missionsinspektor und Präses des Gnadauer Verbandes Hedwig von Redern (1866–1935), deutsche Erzählerin und Kirchenliederdichterin Ludwig Thimme (1873–1966), deutscher Pfarrer und Bibelübersetzer Kurt Heimbucher (1928–1988), deutscher Pfarrer, Autor und Präses des Gnadauer Verbandes Christoph Morgner (* 1943), deutscher Pfarrer, Autor und Präses des Gnadauer Verbandes Michael Diener (* 1962), deutscher Pfarrer, Autor und Präses des Gnadauer Verbandes
Lehre Bei aller Vielgestaltigkeit der Gemeinschaftsbewegung lassen sich folgende gemeinsame Lehranschauungen benennen: Die Verkündigung des Evangeliums erfordert den Aufruf zur Entscheidung und Bekehrung vom Unglauben zum Glauben an Jesus Christus. Wo dieser Aufruf nicht (mehr) erfolgt, verliert die Kirche ihre „Salzkraft“. „Werk“ des Menschen ist die Entscheidung und der Wille zur Umkehr, die eigentliche Neuwerdung des Menschen (Wiedergeburt, Geburt von oben, vergleiche Johannes-Evangelium Kapitel 3) bewirkt der Heilige Geist. Durch diese Neuwerdung wird der Mensch zum Kind Gottes und den anderen Kindern Gottes zum Bruder beziehungsweise zur Schwester. Dass eine Wiedergeburt durch einen sakramentalen Akt (Taufe, Konfirmation) geschieht, lehnt die Gemeinschaftsbewegung ab. Wesentliches Kennzeichen eines „wiedergeborenen“ Menschen ist sein persönlicher und gemeinschaftlicher Umgang mit Gott. Das private und öffentliche Gebet (die so genannte „Gebetsgemeinschaft“) spielt innerhalb der Gemeinschaftsbewegung eine besondere Rolle, ebenfalls die intensive Beschäftigung mit der Bibel. Einer Bekehrung und Wiedergeburt hat der Bruch mit der Vergangenheit zu folgen. „Neue Menschen“ leben in der Heiligung, das heißt in der Nachfolge Jesu und im Gehorsam des Glaubens. Predigt, Gestaltung der Zusammenkünfte, Seelsorge und Evangelisation sind Aufgaben aller Christen. Die Bibel und die reformatorischen Bekenntnisse sind – abgesehen von konfessionellen Engführungen – Maßstab für Lehre, Dienst und Leben der Gemeinschaftsbewegung. Während die Bibel in konservativen Mitgliedsverbänden im Sinne der Gründungswurzeln als inspiriertes Wort Gottes aufgefasst wird, ist die Leitung des Gnadauer Verbandes für eine gemäßigte bibelkritische Schriftfrage offen.
Einrichtungen und Werke innerhalb der Gemeinschaftsbewegung Gemeinschaftsverbände Altpietistischer Gemeinschaftsverband Berliner Stadtmission Chrischona-Gemeinschaftswerk Christlicher Missionsverband für Österreich Elbingeröder Gemeinschaftsverband Evangelische Gesellschaft für Deutschland Evangelischer Gemeinschaftsverband Herborn Evangelischer Gemeinschaftsverband Hessen-Nassau Evangelischer Gemeinschaftsverband Nord-Süd Evangelischer Gemeinschaftsverband Pfalz e. V. Evangelischer Gemeinschaftsverband Rhein-Main (Zusammenschluss von Starkenburger Gemeinschaftsverband und Stadtmissionsverband Frankfurt a. M.) Evangelischer Gnadauer Gemeinschaftsverband Evangelischer Gemeinschaftsverband AB Ev. Gemeinschaftsverband Siegerland-Wittgenstein Evangelisches Gemeinschaftswerk Gemeinschafts-Diakonieverband Berlin Gemeinschaftsverband Linker Niederrhein Gemeinschaftsverband Sachsen-Anhalt Gemeinschaftswerk Berlin-Brandenburg innerhalb der Evangelischen Kirche Gnadauer Arbeitskreis Hamburg Hannoverscher Verband Landeskirchlicher Gemeinschaften Hauptverein der Ev.-Luth. Gebetsgemeinschaften Hensoltshöher GemeinschaftsverbandMehr als 100 Jahre Hensoltshöhe. Der DGD und die Hensoltshöhe in der NS-Zeit, Website Stiftung Hensoltshöhe (4. März 1999, abgerufen am 4. Februar 2025) Hessischer Gemeinschaftsverband Landeskirchlicher Gemeinschaftsverband in Bayern e. V. Landesverband evangelischer Gemeinschaften Vorpommern e. V. Landesverband Landeskirchlicher Gemeinschaften Sachsen Liebenzeller Gemeinschaftsverband Lippischer Gemeinschaftsbund Mecklenburgischer Gemeinschaftsverband Nederlandse Christelijke Gemeenschapsbond Ohofer Gemeinschaftsverband Ostfriesischer Gemeinschaftsverband Sächsischer Gemeinschaftsverband Sauerländischer Gemeinschaftsverband Scharnsteiner Bibelkreis Süddeutscher Gemeinschaftsverband Südwestdeutscher Gemeinschaftsverband e. V. Thüringer Gemeinschaftsbund Verband der Gemeinschaften in der Evangelischen Kirche in Schleswig-Holstein