Ein Krematorium (zu lateinisch cremare „verbrennen“), in Österreich (besonders in der Amtssprache) Feuerhalle, ist ein Bestattungsort mit einer Anlage zur Verbrennung von Leichen anstelle einer Erdbestattung oder einer anderen Art der Bestattung. Die Verbrennung wird als Kremation oder Kremierung bezeichnet; man spricht auch von der Einäscherung oder Veraschung der Leiche. Der Vorgang einer Bestattung unter Einbeziehung der Kremation wird als Feuerbestattung bezeichnet.

mini|Krematorium auf dem Hauptfriedhof in Heilbronn, erbaut im Jahr 1905

Geschichte in Mitteleuropa Vorgeschichte Die Geschichte der Einäscherung von Verstorbenen reicht bis in die Steinzeit zurück. Die Bandkeramiker in Europa vervollkommneten die Kunst der Leichenverbrennung. In die gebrannten keramischen Urnen wurde der Leichenbrand von Fuß bis Kopf eingeschichtet. Sehr oft wurden die Urnen in Gewänder gekleidet, die in der Bronzezeit mit Bronzenadeln verziert waren. In Mitteleuropa verschwand der Brauch der Leichenverbrennung sukzessive mit der Ausbreitung des Christentums.

In Europa fand die erste Feuerbestattung der Neuzeit im Jahr 1752 auf Schloss Roßwald in Österreichisch-Schlesien statt. Die Gemahlin des Grafen Albert Joseph von Hoditz wurde auf einem Scheiterhaufen eingeäschert.

Entwicklung eines Ofens für Leichenverbrennungen mini|Der Siemens’sche Ofen für Leichenverbrennung, zeitgenössische Darstellung von 1874 mini|Feuerbestattungsofen, Darstellung im Lexikon der gesamten Technik von Otto Lueger, 2. Auflage (1904)

Bei der Weltausstellung 1873 in Wien wurde eine Verbrennungskammer für Kremationen vorgestellt, die der italienische Professor Brunetti aus Padua entwickelt hatte. Dieses Modell konnte sich nicht durchsetzen, inspirierte aber den englischen Arzt Henry Thompson, der ab 1874 die Feuerbestattung in England propagierte.History of Modern Cremation in the United Kingdom The Cremation Society of Great Britain. Siehe Abschnitt Reawakening of interest.

Der Mediziner Friedrich Küchenmeister gründete 1873 in Dresden den Verein Die Urne – Verein für facultative Leichenverbrennung. Küchenmeister war ein Verfechter der Feuerbestattung, da er in den Fäulnis- und Verwesungsgasen, die bei einer Erdbestattung entstehen, die Gefahr der Bodenvergiftung sah.Norbert Fischer: Feuerbestattung und Krematorium, Abschnitt 1.2: Kremation als Reformprojekt Gemeinsam mit dem Leipziger Polizeiarzt Carl Reclam gewann er den Ingenieur Friedrich Siemens dafür, in seiner Glasfabrik auf der Freiberger Straße einen Ofen für die Leichenverbrennungen zu entwickeln. Siemens und sein Chefingenieur Richard Schneider verwendeten dafür die schon 1856 von Siemens entwickelte Technik des Regenerationsofens. Im August 1874 wurden in dem Regenerationsofen probeweise Tierkadaver verbrannt. Der Test verlief erfolgreich.Norbert Fischer: Feuerbestattung und Krematorium, Abschnitt 2.1: Gotha 1878: Das erste deutsche Krematorium

Am 9. Oktober 1874 fand im damaligen Siemens-Glaswerk an der Freiberger Straße in Dresden die erste Einäscherung auf dem Gebiet des heutigen Deutschland und die weltweit erste Einäscherung in geschlossenem Feuer statt, wovon Küchenmeister unverzüglich in der Zeitschrift Deutsche Klinik berichtete.Friedrich Küchenmeister: Die erste Leichenverbrennung / (die der Leiche von Lady D.) im Siemens’schen Regenerativ-Ofen; geschehen am 9. October 1874, abends 7 Uhr zu Dresden. In: Deutsche Klinik. Nr. 44 und 48. G. Reimer, Berlin 1874. Die Tote war keine Deutsche, sondern die Engländerin Katherine Dilke (geb. Snell, 1842–1874), die erste Frau des Politikers Sir Charles Dilke. Sie hatte diese Form der Bestattung in ihrem Testament festgelegt. Etwas von ihrer Asche wird im Krematorium MeißenUnternehmensgeschichtliche Daten des Krematoriums Meißen bzw. im Stadtarchiv DresdenJuliane Weigt: Deshalb liegt in Dresdner Tresor Asche von Lady D. Morgenpost, Dresden, 17. Juni 2018; abgerufen am 17. Juni 2018. aufbewahrt.

Feuerbestattungsvereine

Nach dem technischen Durchbruch in Dresden erhielten die Verfechter der Feuerbestattung Auftrieb. Diese Krematisten organisierten sich ab den 1870er Jahren in Feuerbestattungsvereinen, etwa in Dresden, Berlin, Gotha und Hamburg.Norbert Fischer: Feuerbestattung und Krematorium, Abschnitt 1.3: Zur Feuerbestattungsbewegung des späten 19. Jahrhunderts 1874 gründete Henry Thompson in London die Cremation Society of England.History of Modern Cremation in the United Kingdom The Cremation Society of Great Britain. Siehe Abschnitte The declaration und Cremation Society founded. Im selben Jahr entstanden die New York Cremation Society als Vorreiter der Feuerbestattungsbewegung in den USA und in den Niederlanden die Vereeniging tot invoering der Lijkenverbranding in Nederland (wörtlich „Vereinigung zur Einführung der Leichenverbrennung in den Niederlanden“).Koninklijke Facultatieve (niederländisch) 1879 wurde in Zürich der erste Feuerbestattungsverein in der Schweiz gegründet. In Wien entstand 1885 der Verein Die Urne und 1904 bzw. erweitert 1911 der sozialdemokratische Verein Die Flamme.

In Vorträgen und Schriften forderten die Krematisten den Bau von Krematorien und die Anerkennung der Feuerbestattung als fortschrittliche Alternative zur Erdbestattung. Sie priesen die Kremation als sozial gerechte, hygienische und preisgünstige Methode der Bestattung. Außerdem wiesen sie auf den Vorteil der Platzersparnis auf den Friedhöfen hin.Norbert Fischer: Feuerbestattung und Fortschrittsidee, in: OHLSDORF – Zeitschrift für Trauerkultur, Nr. 133, Mai 2016. Tatsächlich wurde mit dem Anwachsen der Großstädte vielerorts der Platz auf den Friedhöfen knapp. Die Kremation wurde zum Gegenstand kontroverser öffentlicher Debatten.

Erste Krematorien mini|Krematorium in Gotha, Feierhalle von 1913 mini|Krematorium auf dem Friedhof Père-Lachaise in Paris. Der Gebäudeteil mit der Kuppel ist das später angebaute Kolumbarium. mini|Kapelle des Maitland Krematoriums, Kapstadt (Südafrika) Das erste europäische Krematorium wurde am 22. Januar 1876 auf dem Cimitero Monumentale in Mailand eingeweiht. Initiator war der Schweizer Seidenindustrielle Alberto Keller, entworfen wurde es von dem Architekten Celeste Clericetti.Werner Keyl: Betrachtungen zum 100jährigen Bestehen des Krematoriums in Gotha. In: Ernestinum NF, 64, Dezember 1978, S. 218 f.Geschichte des Verbandes kremation-svfb.ch, Verband der Krematorien der Schweiz, abgerufen am 17. März 2017.

Das erste Krematorium im deutschsprachigen Raum war das Krematorium Gotha. Es wurde 1878 von Julius Bertuch auf dem Hauptfriedhof Gotha eröffnet. Die Thüringer Residenzstadt im Herzogtum Sachsen-Coburg-Gotha galt als liberal und fortschrittlich, so gab es dort vonseiten des Herzogs Ernst II. und der Landeskirche weniger Widerstand bei der Einführung der als sehr modern geltenden Feuerbestattung als in anderen deutschen Kleinstaaten. Die erste Einäscherung im Krematorium Gotha fand am 10. Dezember 1878 statt. Es handelte sich um den Bauingenieur Carl Heinrich Stier, der das Krematorium entworfen hatte, jedoch bereits ein Jahr vor der Fertigstellung verstorben war. Er hatte in seinem Testament die Einäscherung seines Leichnams nach Inbetriebnahme des Krematoriums verfügt. Seine Leiche war daher in einem versiegelten Metallsarg nur vorläufig beigesetzt worden. 1879 fanden 17 weitere Einäscherungen statt. In den folgenden Jahren wurden immer mehr Tote aus allen Teilen Deutschlands ins Gothaer Krematorium gebracht. Bestatterinnung Sachsen-Anhalt

1879 wurde auf Initiative von Henry Thompson und der Cremation Society of England in Woking in der Grafschaft Surrey das erste Krematorium Englands eingerichtet.Barbara I. Tshisuaka: Thompson, Sir Henry. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1396 f.; hier: S. 1396. Zur Überprüfung der Tauglichkeit der Anlage wurde ein Pferd eingeäschert.History of Modern Cremation in the United Kingdom The Cremation Society of Great Britain. Siehe Abschnitt Furnace tested. 1884 wurde in einem Gerichtsprozess geklärt, dass die Kremation legal sei. Daraufhin konnte das Krematorium im Jahr 1885 den Betrieb aufnehmen.History of Modern Cremation in the United Kingdom The Cremation Society of Great Britain. Siehe Abschnitte Cremation pronounced legal und The first cremation.

1889 wurde in der Schweiz das erste Krematorium in Betrieb genommen, auf dem Friedhof Sihlfeld in Zürich. Dabei wurde auf bauliche Ausschmückungen geachtet, um den Toten Respekt zu erweisen. Etwa 10 Jahre danach folgte das zweite Schweizer Krematorium in Basel.Geschichte des Verbandes kremation-svfb.ch, Verband der Krematorien der Schweiz, abgerufen am 17. März 2017. – Mit Quellenangabe: Ivo Zemp: Die Architektur der Feuerbestattung: Eine Kulturgeschichte der Schweizer Krematorien. Hier Und Jetzt Verlag, Baden 2012, ISBN 978-3-03919-195-6, 232 S. – Basierend auf seiner Dissertation von 2009. – (PDF) [bis S. 11] 1914 gab es in der Schweiz schon 12 Krematorien. 1916 wurde der Schweizerische Verband für Feuerbestattung gegründet, der sich während der ersten Jahrzehnte besonders mit Hygiene und Ethik beschäftigte, seither zunehmend mehr mit Betriebswirtschaft und Ökologie. Ivo Zempp listet (im Inhaltsverzeichnis) für 1889 bis 2010 37 Krematorien in der Schweiz, auf 5 Städte entfallen dabei je 2 Stätten und auf Zürich 3.

1889 entstand auf dem Friedhof Père-Lachaise in Paris das erste Krematorium in Frankreich. Es folgten Krematorien in Rouen (1899), Reims (1903), Marseille (1907), Lyon (1913) und Straßburg (1922).

1891 (13 Jahre nach Inbetriebnahme des Gothaer Krematoriums) ging auf dem Bergfriedhof in Heidelberg das zweite deutsche Krematorium in Betrieb und ein Jahr später in Hamburg das dritte (Altes Krematorium in Hamburg-Alsterdorf). Das Krematorium auf dem Alten Friedhof in Offenbach am Main wurde bereits 1891–1892 errichtet, aber erst 1899 genehmigt und in Betrieb genommen. Es existiert nicht mehr.. Abgerufen am 29. Oktober 2012. 1910 waren mehr als 20 Krematorien in Deutschland in Betrieb. Das neoklassizistische Gothaer Krematorium von 1878 erinnerte in seiner Formensprache noch an antike Tempel. Die nachfolgenden Krematorien waren wegen religiöser Bedenken gegen die Feuerbestattung zumeist in orientalischem Baustil gehalten. Erst 1903 entstand auf dem Hauptfriedhof Karlsruhe ein Krematorium im Erscheinungsbild eines mitteleuropäischen Sakralbaus.

Im Gebiet der heutigen Tschechischen Republik wurde 1912 von der Stadt Reichenberg die Erlaubnis zum Bau eines städtischen Krematoriums gerichtlich erstritten. Das 1915–1917 nach dem Entwurf des Architekten Rudolf Bitzan entstandene Gebäude mit Urnenhain war das erste im habsburgischen Alt-Österreich.

1913 wurde in dem Dorf Driehuis (Gemeinde Velsen in Nordholland) das erste Krematorium in den Niederlanden erbaut. Obwohl Feuerbestattungen laut dem niederländischen Bestattungsgesetz nicht erlaubt waren, fand hier im nächsten Jahr die erste Kremation statt – 40 Jahre nach der Gründung des niederländischen Feuerbestattungsvereins. Der Verein wollte damit einen Gerichtsprozess provozieren, um die Rechtslage zu klären. Der Verein wurde freigesprochen. Von da an wurden Feuerbestattungen toleriert und schließlich im Jahr 1955 legalisiert.

Im katholisch geprägten Österreich wurde gegen den Widerstand der Kirche das erste Krematorium erst 1922 am Wiener Zentralfriedhof eröffnet.

Die Krematorien in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern mini|Ehemaliges Krematorium des KZ Buchenwald (2007) mini|Zwei der Verbrennungsöfen in Auschwitz