__NOMEDIAVIEWERCAROUSEL__Wolfgang Diewerge (* 12. Januar 1906 in Stettin; † 4. Dezember 1977 in Essen) war ein nationalsozialistischer Propagandist in Joseph Goebbels’ Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda. Sein Spezialgebiet war die antisemitische Öffentlichkeitsarbeit, vor allem im Zusammenhang mit Prozessen im Ausland, die sich propagandistisch verwerten ließen. Er spielte auch eine wesentliche Rolle bei der Vorbereitung eines Schauprozesses gegen Herschel Grynszpan, dessen Attentat auf einen deutschen Botschaftsmitarbeiter in Paris den Nationalsozialisten als Anlass für die Novemberpogrome 1938 gedient hatte. In Millionenauflage erschienen 1941 seine Pamphlete zum sogenannten Kaufman-Plan und zum Krieg gegen die Sowjetunion. Nach dem Krieg gelang Diewerge über die FDP Nordrhein-Westfalen ein erneuter Einstieg in die Politik. Durch das Eingreifen der britischen Besatzungsbehörden sowie einer Kommission des Bundesvorstandes der FDP wurde dieses Intermezzo jedoch abrupt beendet. 1966 wurde Diewerge aufgrund seiner unter Eid getätigten Aussagen über den von den Nationalsozialisten geplanten Grynszpan-Prozess wegen Meineids verurteilt. Schließlich war er als Geschäftsführer zweier Vereine in die Flick-Spendenaffäre verwickelt.
Herkunft und frühe Jahre miniatur|Das Gröningsche Gymnasium in Stargard Diewerges Vater war Wilhelm Diewerge, ein Stettiner Mittelschullehrer und späterer Schulrektor in Stargard in Pommern; seine Mutter hieß Hedwig, geborene Grell. Wolfgang Diewerge hatte einen drei Jahre jüngeren Bruder, Heinz Diewerge, der während des NS-Regimes als Volkskundler, Lehrerausbilder sowie Mitglied der Parteiamtlichen Prüfungskommission zum Schutze des nationalsozialistischen Schrifttums Karriere machte; Heinz Diewerge starb 1939 an einer Kriegsverletzung, die er sich beim Überfall auf Polen zugezogen hatte.Vgl. Alexander Hesse: Heinz Diewerge. In: ders.: Die Professoren und Dozenten der preußischen Pädagogischen Akademien (1926–1933) und Hochschulen für Lehrerausbildung (1933–1941). Weinheim, Deutscher Studien Verlag 1995, S. 235–236. Hesse gibt am Rande dieser Kurzbiografie auch einige Informationen über Wolfgang Diewerge.
Wolfgang Diewerge besuchte das traditionsreiche Gröningsche Gymnasium in Stargard und legte dort 1924 sein Abitur ab.Otto Hofmann, Hinrich Siuts (Hrsg.): Das Gröningsche Gymnasium zu Stargard in Pommern. Eine Schulgeschichte. Essen 1981, S. 131. Danach studierte er in Jena und Berlin Jura. Die erste juristische Staatsprüfung absolvierte er 1929. Es folgte das Referendariat am Kammergericht in Berlin, mit einem mehrmonatigen Auslandsaufenthalt als Gerichtsreferendar am deutschen Konsulargericht in Kairo sowie bei dem deutschen Rechtsanwalt Felix Dahm, der dort beim Gemischten Gericht zugelassen war.Dies bestätigt auch seine Zeugenaussage von 1955 im Soltikow-Prozess, die auf den Seiten des Instituts für Zeitgeschichte zu finden ist. Online. Im Frühling 1933 stellte Diewerge einen Antrag auf Abkürzung der juristischen Staatsprüfung, im November desselben Jahres legte er schließlich sein Assessorexamen ab.Angaben zur juristischen Ausbildung nach Fuhrer 2012, S. 82 f., der Akten aus Unterlagen zu Diewerge im Berlin Document Center heranzieht.
Politisch orientierte Diewerge sich frühzeitig an völkischen und nationalsozialistischen Gruppen. So wurde er nach eigenen Angaben als 17-Jähriger im Oktober 1923, also noch als Schüler, Mitglied des Schlageter-Gedächtnisbundes und schloss sich im August 1924 in Leipzig der Schwarzen Reichswehr an. Seit 1927 schrieb er gelegentlich für nationalsozialistische Zeitungen und Zeitschriften, so für den Angriff, den Völkischen Beobachter, den Westdeutschen Beobachter, die Nationalsozialistischen Monatshefte und die antisemitische Satirezeitschrift Die Brennessel.Horkenbach 1935, S. 931; Fuhrer 2012, S. 82 (unter Bezug auf Unterlagen beim Bundesarchiv). Zum 1. August 1930 trat er der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 278.234);Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/6361464 er soll bereits früher unter dem Decknamen Diege NSDAP-Mitglied gewesen sein.Beate Baldow: Episode oder Gefahr? Die Naumann-Affäre. Diss. Berlin 2012, S. 135. Schon vor 1933 übernahm Diewerge diverse Parteiämter in Berlin, vom Bezirkspropagandawart über den Schulungsleiter bis zum stellvertretenden Ortsgruppenleiter. Zudem stellte er verschiedenen nationalsozialistischen Organisationen, etwa der Gaurechtsstelle Berlin der NSDAP und der Gefangenenbetreuung der SA, seine juristischen Kenntnisse zur Verfügung und trat als Gauredner auf.Fuhrer 2012, S. 82 f., unter Bezug auf Angaben Diewerges in seinem Antrag zur Verkürzung der Staatsprüfung.
Nationalsozialistischer Propagandist 1933 wurde Diewerge Reichsgeschäftsführer der Deutschen Turnerschaft und feierte das Ende Juli stattfindende Stuttgarter Turnfest als ein „Volksfest im nationalsozialistischen Sinne“, in dem sich „wahre Volks- und Schicksalsgemeinschaft“ manifestiere.Hartmut E. Lissinna: Nationale Sportfeste im nationalsozialistischen Deutschland. Mainz, Palatium, 1997, S. 135. In diesem Jahr brachte er es auch zum Abteilungsleiter der Rechtsabteilung des „Nationalsozialistischen Kampfbundes für den gewerblichen Mittelstand – Gau Groß-Berlin“. Ferner war Diewerge Abteilungsleiter in der NSDAP-Auslandsorganisation. Anfang 1934 trat er zum ersten Mal öffentlich hervor. Anlass war ein hochgradig politisierter Prozess in Kairo – die ägyptische Hauptstadt war ihm ja bereits aus seiner Referendariatszeit vertraut.Horkenbach 1935, S. 931. Die dortigen biografischen Angaben gehen auf Mitteilungen Diewerges selbst zurück, wie aus Horkenbachs Vorwort hervorgeht; vgl. ebd., S. 4.
Profilierung in antisemitischer Öffentlichkeitsarbeit: Der Kairoer Prozess
Der Leiter der Kairoer Siemens-Niederlassung und Präsident des Deutschen Vereins in Kairo, Wilhelm van Meeteren, hatte dort Mitte 1933 eine antisemitische Broschüre mit dem Titel „Die Judenfrage in Deutschland“ veröffentlicht. Daraufhin hatte der jüdische Geschäftsmann Umberto Jabès mit Unterstützung der Ligue Internationale Contre l'Antisémitisme (LICA, d. h. der Internationalen Liga gegen den Antisemitismus) van Meeteren auf Schadensersatz wegen Beleidigung verklagt. Die Verhandlung sollte vor einem so genannten Gemischten Gericht stattfinden, einer ägyptischen Instanz zur Regelung von Rechtsstreitigkeiten unter Beteiligung von Ausländern. Am 30. August 1933 fand im Auswärtigen Amt in der Berliner Wilhelmstraße eine Besprechung des bevorstehenden Prozesses statt, zu der auch Vertreter des Propagandaministeriums eingeladen wurden. Von diesem Ministerium erhielt der junge Jurist Diewerge den Auftrag zur „vorbereitenden Unterstützung“ des Rechtsstreits.Vgl. Albrecht Fuess: Zwischen Internierung und Propaganda. Die deutsche Gemeinde in Ägypten 1919–1939. In: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, Supplement XI. XXVI. Deutscher Orientalistentag vom 25.–29.9. in Leipzig. Franz Steiner, Stuttgart, 1998, S. 334–343, hier: S. 341.
miniatur|Der Dienstsitz des Propagandaministeriums am Berliner Wilhelmplatz 8/9 (1936)
Beunruhigt durch die Nachricht, dass Jabès den international bekannten Pariser Rechtsanwalt Henri Torrés als Rechtsvertreter gewonnen habe, verfolgte das deutsche Außenministerium zunächst eine vorsichtige Strategie und versuchte das Thema insbesondere aus der öffentlichen Debatte herauszuhalten. Diewerge hingegen übersandte dem Auswärtigen Amt am 29. September 1933 ein zehnseitiges Gutachten „Die pressemäßige Unterstützung des Kairoer Prozesses“, das im Gegenteil auf möglichst öffentlichkeitswirksame Ausschlachtung des Prozesses abzielte: Dieser sollte als „Kampfmittel des Judentums gegen die nationalsozialistische Erhebung“ gebrandmarkt werden. Diewerge entwarf dazu eine detaillierte Strategie der Öffentlichkeitsarbeit. Er benannte Medien, Zielgruppen und Kosten und schlug ein einheitliches Etikett vor, unter dem der Prozess in der nationalsozialistischen Presse erscheinen sollte: „Kairoer Judenprozess“. Seinen Angaben zufolge war der gesamte Plan mit dem Landesgruppenleiter der NSDAP in Ägypten, Alfred Heß (dem Bruder von Rudolf Heß), bis ins Detail abgestimmt. Die Zielrichtung der projektierten Pressearbeit ging aus einem beiliegenden Beispieltext hervor, der den Titel „Internationale jüdische Verschwörung gegen Deutschland in Ägypten aufgedeckt“ trug. Diewerge verwertete diesen Beispieltext auch umgehend öffentlich: für einen Vortrag am 5. Oktober 1933 im Rundfunk und einen weitgehend textidentischen, am 6. Oktober erscheinenden Artikel im Völkischen Beobachter.Kassim 2000, S. 364–367. Der Artikel im Völkischen Beobachter trug den Titel: Eine Neuauflage des Londoner Judentheaters in Kairo, wieder ein antideutscher Hetzprozeß des internationalen Judentums; vgl. Kassim 2000, S. 367. Ferner ließ er den Text über den Vertrauensanwalt der deutschen Gesandtschaft in Kairo ausgewählten arabisch- und französischsprachigen Zeitungen in Kairo zukommen, um auch in Ägypten das erwünschte Presseecho zu erzeugen. Unter anderem arrangierte er, dass die dem ägyptischen König Fu'ād I. nahestehende Zeitung La Liberté am Prozesstag ein Interview mit Goebbels veröffentlichte.Fuess 1996, S. 104.
Es gelang Diewerge, sich mit seinen Vorstellungen durchzusetzen. Anfang 1934 wurde er zum Beauftragten für die Vorbereitung und Durchführung des Prozesses ernannt. Als Sonderberichterstatter des Völkischen Beobachters reiste er nach Kairo. Er schrieb Zeitungsberichte, gab der ägyptischen Zeitung Al-Ahram ein Interview und hielt, nachdem Jabès' Klage abgewiesen worden war, am 31. Januar 1934 von Kairo aus eine Rundfunkrede über alle deutschen Sender, die den „deutschen Sieg über das Weltjudentum“ feierte. 1935, nachdem Jabès auch in der Berufungsinstanz gescheitert war, verfasste Diewerge einen propagandistisch aufgemachten Bericht mit dem Untertitel „Gerichtlich erhärtetes Material zur Judenfrage“ im Parteiverlag der NSDAP.Vgl. dazu Kassim 2000, insbesondere S. 364 ff., sowie Albrecht Fuess: Zwischen Internierung und Propaganda. Die deutsche Gemeinde in Ägypten 1919–1939. In: ZDMG, Supplement 11, 1995, S. 334–343, hier: S. 341 online
Bei diesem Gerichtsverfahren hatte sich erstmals eine Arbeitsteilung eingespielt, die in weiteren Prozessen fortgeführt wurde: Der international bekannte Völkerrechtler Friedrich Grimm übernahm die juristische Seite des Verfahrens und trat in der Hauptverhandlung auf, Diewerge kümmerte sich um die publizistische und politische Planung im Sinne des Propagandaministeriums.