mini|Michael Wolffsohn (2026) Michael Wolffsohn (* 17. Mai 1947 in Tel Aviv, Britisches Mandatsgebiet Palästina) ist ein deutscher Historiker und Publizist. Er lehrte von 1981 bis 2012 Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr München.

Leben Michael Wolffsohns Eltern Max Wolffsohn (1919–2000) und Thea Saalheimer (1922–2023) lernten sich in Tel Aviv kennen, nachdem beide 1939 als jüdische Flüchtlinge aus Deutschland mit ihren Eltern nach Palästina gekommen waren.Michael Wolffsohn: Wir waren Glückskinder – trotz allem. Eine deutschjüdische Familiengeschichte. dtv, München 2021, ISBN 978-3-423-76331-8 (Klappentext). Michael Wolffsohns Großväter waren vaterseitig der Verleger und Kinopionier Karl Wolffsohn und mutterseitig der Bamberger Textilgroßhändler Justus Saalheimer (1887–1964).Michael Wolffsohn: Wir waren Glückskinder – trotz allem. Eine deutschjüdische Familiengeschichte. dtv, München 2021, ISBN 978-3-423-76331-8, S. 23 passim.Antje Yael Deusel, Ortwin Beisbart, Franz Fichtl (Bearb.): Gedenkbuch der jüdischen Bürger Bambergs. Opfer des nationalsozialistischen Terrors 1933–1945. 2. Auflage. Verein zur Förderung der jüdischen Geschichte und Kultur Bambergs e. V. Bamberg 2010 S. 323 (online). Nach der Einschulung in Israel 1953 siedelte er 1954 mit seinen Eltern nach West-Berlin über und begann 1966 sein Studium an der Freien Universität Berlin. Von 1967 bis 1970 diente er als Wehrpflichtiger in der israelischen Armee und wurde unter anderem nach dem Sechstagekrieg in den Palästinensischen Gebieten eingesetzt. Während seines Wehrdienstes bestand er 1968 das israelische Abitur. Danach kehrte er nach Berlin zurück. Wolffsohn hatte zunächst die deutsche und die israelische Staatsbürgerschaft; letztere gab er 1984 auf.

Er studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Volkswirtschaft an der Freien Universität Berlin, der Universität Tel Aviv und der Columbia University in New York City. Im Jahre 1975 wurde er bei Wolfram FischerMichael Wolffsohn: Industrie und Handwerk im Konflikt mit Staatlicher Wirtschaftspolitik? Duncker & Humblot, 1977, S. 5. in Geschichte an der FU Berlin zum Dr. phil. promoviert. Von 1975 bis 1980 arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität des Saarlandes. Im Februar 1980 folgte an der Universität des Saarlandes seine erste Habilitation in Politikwissenschaft an der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät bei Jürgen Domes, danach die zweite Habilitation in Zeitgeschichte an der Philosophischen Fakultät. In den Jahren 1980/81 war er Lehrstuhlvertreter an der Hochschule der Bundeswehr Hamburg. Von September 1981 bis zu seiner Emeritierung 2012 lehrte Wolffsohn an der Universität der Bundeswehr München als Professor für Neuere Geschichte.Cora Stephan: Abschied eines akademischen Soldaten: Michael Wolffsohn verlässt Bundeswehr-Uni. In: Die Welt. 21. Juni 2012, abgerufen am 24. Juni 2012. Im Jahre 1991 gründete er dort die Forschungsstelle Deutsch-Jüdische Zeitgeschichte.

Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf dem Gebiet der Internationalen Beziehungen, der israelischen und deutsch-jüdischen Geschichte sowie der historischen Demoskopie (= Umfragen in vordemoskopischer Zeit). Er ist Autor zahlreicher Bücher und schreibt für mehrere Zeitungen im In- und Ausland, beispielsweise für Die Welt, Bild, Neue Zürcher Zeitung und den Tagesspiegel. Immer wieder ist er Gast in Fernsehdiskussionen wie Hart aber fair, Anne Will, Maischberger oder Maybrit Illner. Wolffsohn war Mitglied im Stiftungsrat der Eugen-Biser-Stiftung und Vorsitzender der Jury des Eduard-Rhein-Kulturpreises. 1993 war er Gastprofessor am Dartmouth College in Hanover, New Hampshire.

Von 1980 bis 1982 war er Präsidiumsmitglied des Deutschen Hochschulverbandes. Anfang der 1990er Jahre wurde er Mitglied im Collegium Europaeum Jenense. 1992 wurde er Mitglied der Europäischen Akademie für Wissenschaft und Künste. Seit 2001 ist er Mitglied des Kuratoriums der Goethe-Gesellschaft;goethe-gesellschaft.de Website der Goethe-Gesellschaft in Weimar von 2001 bis 2015 war er Mitglied des Kuratoriums der Eduard-Rhein-Stiftung. Seit 2002 gehört er dem Research Board of Advisors im American Biographical Institute an und ist Ehrenmitglied im Verein Deutsche Sprache.

Von Juli 2008 bis September 2009 war Wolffsohn Vorstandsmitglied und Kulturreferent der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Dann trat er wegen „unüberbrückbarer inhaltlicher und organisatorischer Differenzen“ von diesem Posten zurück., 11. September 2009 (abgerufen von seiner Homepage).

Gartenstadt Atlantic Im Jahr 2000 erbte er die von seinem Großvater Karl Wolffsohn (1881–1957) 1937 erworbene Gartenstadt Atlantic im Berliner Ortsteil Gesundbrunnen. Zusammen mit seiner Frau Rita (Tochter von Wilhelm Braun-Feldweg), den drei erwachsenen Kindern und angeheirateten Partnern erfolgte als Familien-Projekt, laut Eigendarstellung durch Verzicht auf den Großteil seines eigenen Vermögens, von 2001 bis 2005 die Komplettsanierung. Sie gründeten zeitgleich 2001 die dazugehörige, nach dem Kino des Großvaters Karl benannte „Lichtburg Stiftung“. Rita Wolffsohn leitet die Hausverwaltung der Gartenstadt Atlantic.Jochim Stoltenberg: Michael Wolffsohn weiß, wie Integration funktioniert. In: Berliner Morgenpost. 26. September 2014 (morgenpost.de, abgerufen am 2. April 2016). Die denkmalgeschützte Wohnanlage wurde mehrmals ausgezeichnet und ist ein gemeinnütziges deutsch-jüdisch-islamisch-interkulturelles Kultur- und Integrationsprojekt.Neuer Glanz in alten Mauern. Bericht von Theresa Adlmaier auf berlin.de über die Gartenstadt, Dezember 2006.

Politische Positionen und Kontroversen mini|hochkant|Michael Wolffsohn, 2017 Wolffsohn bezeichnet sich als „einen kosmopolitischen deutsch-jüdischen Patrioten“Historiker Michael Wolffsohn im Interview: Deutschland und Israel - fremde Freunde. In: Der Tagesspiegel. 10. Mai 2015, (tagesspiegel.de) abgerufen am 5. März 2021. und sieht sich in der Tradition der Emanzipation. Wiederholt unterstrich er, dass die Geschehnisse des Nationalsozialismus keine Gründe gäben, die auf Dauer die Integration des Judentums in die deutsche Nachkriegsgesellschaft belasten müssten; der Nationalsozialismus sei kein Einwand dagegen, dass Juden, zumindest seiner Generation, stolz auf Deutschland sein könnten. Diese Haltung ist besonders in seinem Buch Keine Angst vor Deutschland! beschrieben. Er wirbt für Verständnis für die israelische Position und stand der Friedenspolitik von Jitzhak Rabin nahe. Im Bereich der Sicherheitspolitik und in Bezug auf die Abwehr von Terrorgefahren hält Wolffsohn unter anderem Integrationsdefizite der westeuropäischen Gesellschaften für ein Hauptproblem.

Wolffsohn wird oft als Konservativer bezeichnet. Er stieß wiederholt bei der politischen Linken auf Unverständnis, so etwa mit seiner Haltung zur Terrorbekämpfung der USA oder zu den israelisch-palästinensischen Beziehungen.

Im August 2023 nahm er den stellvertretenden bayerischen Ministerpräsidenten Hubert Aiwanger in der sogenannten Flugblattaffäre in Schutz.

Der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, nannte 1992 Wolffsohn den „Vorzeigejude[n] der deutschen Rechtsradikalen“.„Ein deutschjüdischer Patriot“. Der Spiegel, Nr. 50/1992, 6. Dezember 1992, abgerufen am 11. September 2023. Wolffsohn forderte später den Rücktritt von Bubis.Autor Wolffsohn fordert Rücktritt von Bubis, haGalil, 16. November 1998

Nahost-Konflikt und Konfliktlösung durch Föderalismus Wolffsohn hat mehrere Bücher und zahlreiche Aufsätze zum Nahostkonflikt publiziert. Schon frühzeitig vertrat er die vergleichsweise wenig verbreitete These, dass der Staat Jordanien, dessen Bevölkerung mehrheitlich aus Palästinensern besteht und dessen Staatsgebiet zumindest vorübergehend zum Mandatsgebiet Palästina gehörte, Teil eines zu schaffenden Palästinenserstaates sein müsse und werde. Er bekräftigte die These im Jahr 2011, als er die Gründung einer Bundesrepublik Jordanien-Palästina vorschlug, und vertiefte diesen Ansatz einer föderalen Lösung aus Bundesstaat und Staatenbund in seinem Buch Zum Weltfrieden (2015).

Der Historiker Wolffsohn vertritt die Überzeugung, dass viele regionale Spannungsherde (etwa im Nahen Osten, auf dem Balkan, in Nordafrika oder der Ost-Ukraine) durch die Einführung föderaler Strukturen befriedet werden könnten. In der Zeitung Die Welt vom 17. April 2015 schreibt er:

Wolffsohn äußerte sich zum Krieg in Israel und Gaza seit 2023 am 15. Oktober 2023 in der Talkshow Anne Will. Anstelle einer Bodenoffensive der israelischen Armee in Gaza (zur Befreiung der Geiseln, die die dortige Hamas-Regierung am vorangehenden 7. Oktober bei ihrer Invasion Israels genommen hatte) brachte er die Idee ins Spiel, die Zivilbevölkerung Gazas durch Abschottung der Grenzen und ein Abkommen mit Ägypten zur Flucht nach Ägypten zu zwingen.https://www.gmx.at/magazine/politik/politische-talkshows/anne-journalistin-spricht-eindringliche-warnung-38770132

Er kritisiert den im Oktober 2025 vereinbarten Waffenstillstand aus ethisch-politischer Sicht, da es eine Terrororganisation (Hamas) und einen demokratischen Staat (Israel) formal völkerrechtlich auf Augenhöhe stellt. Er sieht darin eine Legitimation der Hamas als Sprecherin eines Teils des palästinensischen Volkes und eine Legitimierung der Methode des Terrorismus. Zudem befürchtet er, dass das Abkommen die Herrschaft der Hamas zementiert und eine Umkehrung der fundamentalen Ethik darstellt.Michael Hanfeld (Interviewführer): Das hat nur Trump geschafft / Israel und die Terrororganisation Hamas haben das Gaza-Abkommen unterzeichnet. Die Geiseln sollen freikommen, die Waffen sollen schweigen. Folgt daraus ein echter Friede? Fragen an den Historiker Michael Wolffsohn. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11. Oktober 2025, Seite 11

Juden und Antisemitismus Den erstarkenden Antisemitismus in Europa und Deutschland führt Wolffsohn maßgeblich auf die Einwanderung aus muslimischen Ländern zurück. In einem Beitrag für die NZZ am Sonntag am 29. April 2018 schreibt er:

Europas Muslime seien eine große Minderheit. Sie werde noch größer und damit politisch gewichtiger werden.

Der Staat sei ohnmächtig und könne die Sicherheit der Juden nicht garantieren:

Wolffsohn vertritt die Auffassung, dass die Polizeiliche Kriminalstatistik antisemitische Straftaten nicht korrekt den Haupt-Tätergruppen (Rechtsextreme, Linksextreme, Islamisten) zuordnet. Die Statistik unterliege einer politischen gewollten Steuerung, der muslimische Antisemitismus werde aus integrationspolitischen Gründen verniedlicht und tabuisiert, schrieb er am 1. Juni 2019 in einem Artikel für die Bild-Zeitung:Antisemitismus – Hier irrt (nicht nur) die Kanzlerin. Bild, 1. Juni 2019, abgerufen am 17. März 2021.

Im selben Zeitungsartikel heißt es:

Die Neuformulierung der Karfreitagsfürbitte für die Juden im Usus antiquor durch Benedikt XVI., in der wieder für die Bekehrung der Juden zum „wahren“, also dem christlichen Glauben gebetet werden kann, kommentierte Wolffsohn im März 2008: Dies sei „der größte theologische Rückschritt in Bezug auf das Judentum der katholischen Kirche seit 1945“.Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) vom 11. März 2008 (Nachgewiesen bei Beatrice Dernbach: Vom Elfenbeinturm ins Rampenlicht. Wiesbaden 2012, S. 260).

Auslegung religiöser Pflichten im Judentum Zu der durch ein Urteil des Landgerichts Köln vom 7. Mai 2012 ausgelösten Diskussion um die Rechtmäßigkeit der Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen – wie sie zum Beispiel im Judentum im Rahmen der Brit Mila durchgeführt wird – sagte Wolffsohn: „Nicht von der Vorhaut hängt das Judentum ab.“ Er begründet dies mit der „Tatsache, dass die biblische Erzählung über die Beschneidung nicht so eindeutig und ungebrochen ist wie behauptet“.

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