mini|Gottbegnadeten-Liste vom 25. August 1944 (Aktenmappe)

Die Gottbegnadeten-Liste war eine im August 1944 in der Endphase des Zweiten Weltkrieges im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda unter Joseph Goebbels zusammengestellte Liste deutscher Künstler, die den nationalsozialistischen Machthabern wichtig erschienen und daher von diesen unter besonderen Schutz gestellt wurden.

Name und Gliederung Der Name beruht auf dem Aktentitel der ListeOliver Rathkolb: Führertreu und gottbegnadet, S. 173.Vgl. Schreiben Martin Schönicke (Stellvertreter des Reichssendeleiters) an Ministerialdirektor Fritzsche vom 30. August 1944; vgl. Prieberg: Handbuch, S. 6296. und war folglich der offizielle, vom Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda verwendete Begriff.

Das im Reichsministerium zusammengestellte Dokument ist in vier mit römischen Zahlen bezeichnete Abschnitte (I–IV) unterteilt, die wiederum aus mit Buchstaben bezeichneten Unterabschnitte bestehen: Abschnitt I war die eigentliche Gottbegnadeten-Liste, bestehend aus dem Unterabschnitt A. Sonderliste sowie dem Unterabschnitt B. Alle Übrigen Abschnitt II des Dokuments führte Weitere uk-gestellte Einzelkünstler auf und bestand aus den drei Unterabschnitten A. Filmliste, B. Rundfunkliste sowie C. Komponisten für Film und Funk und Begleiter für Funk und Konzert Abschnitt III enthielt Orchester und Kapellen (Konzert, Film und Funk) Abschnitt IV enthielt Künstler im Rüstungseinsatz mit gelegentlicher Beschäftigung in Funk und Konzert mini|Gottbegnadeten-Liste, Inhaltsverzeichnis Das 39 Seiten lange Dokument enthält die Namen von 1041 Künstlern. Abschnitt I trägt den Namen Gottbegnadeten-Liste und zählt 378 Personen auf, von denen 25 Namen im Unterabschnitt A. Sonderliste und 353 Namen im Unterabschnitt B. Alle Übrigen verzeichnet sind. Die 25 Namen im Unterabschnitt A. Sonderliste sind in die Bereiche Schrifttum, Bildende Kunst, Musiker und Theater unterteilt. Diese Personen galten als „unersetzliche Künstler“ des nationalsozialistischen Deutschland, aus Sicht der damaligen Machthaber ein „überragendes nationales Kapital“.Oliver Rathkolb: Führertreu und gottbegnadet, S. 173–174, 178.Ernst Klee: Kulturlexikon, Ausgabe 2007, S. 171.

Die Liste im Kontext der NS-Kulturpolitik Vorgängerlisten erwünschter Künstler Bereits zu Anfang der Zeit des Nationalsozialismus gab es Listen verfemter oder erwünschter Künstler – überwiegend Schriftsteller, Bildhauer, Architekten, Maler, Sänger, Musiker und Schauspieler. Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs im September 1939 hatte das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda eine Liste für den NS-Staat unverzichtbarer „Kulturschaffender“ angelegt, um sie im Kriegsfall vom Militärdienst freistellen zu können. Alle anderen sollten mit Beginn des Zweiten Weltkriegs zum Kriegsdienst eingezogen oder an der so genannten Heimatfront, also etwa in der Rüstungsindustrie beschäftigt werden. mini|Gottbegnadeten-Liste, Sonderliste Im Oktober 1939 wurden bestimmte erwünschte Künstler mittels einer sogenannten „Führerliste“ auf Anordnung Adolf Hitlers als unabkömmlich vom Kriegsdienst freigestellt, da diese sich hauptsächlich der NS-Propaganda widmen sollten. Diese Freistellung galt nur bis auf Widerruf und wurde daher von Zeit zu Zeit überprüft.Fred K. Prieberg: Handbuch Deutsche Musiker 1933–1945, CD-Rom-Lexikon, Kiel 2004, S. 5180. Neben bildenden Künstlern, Musikern und einigen Schauspielern enthielt die „Führerliste“ 15 Schriftsteller, 16 Komponisten und 15 Dirigenten.Namen bei Oliver Rathkolb: Führertreu und gottbegnadet. Künstlereliten im Dritten Reich, Österreichischer Bundesverlag Wien 1991, S. 176.

1941 erstellte Ernst Lothar von Knorr in seiner Rolle als Musikreferent des Oberkommandos des Heeres zusammen mit dem General und späteren NS-Widerstandskämpfer Eduard Wagner eine weitere Liste, die von NS-Führer Adolf Hitler unterschrieben wurde und eine Freistellung von 360 Musikern bedeutete.Fred K. Prieberg: Handbuch Deutsche Musiker 1933–1945, CD-Rom-Lexikon, Kiel 2004, S. 3784, zum Datum siehe Ernst Lothar von Knorr: Lebenserinnerungen, P. J. Tonger Musikverlag Köln-Rodenkirchen 1996, ISBN 3-920950-25-9, S. 82. Knorr bemühte sich ferner, weitere Musikschaffende als Lehrkräfte an den Heeresmusikschulen einzusetzen, wodurch sie vom aktiven Kampfeinsatz freigestellt waren.Fred K. Prieberg: Musik im NS-Staat, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1982, S. 308–309. Ebenfalls 1941 erstellte auch Hans Severus Ziegler eine eigene Liste für den „Hochbegnadeten Nachwuchs“.

Ausarbeitung ab August 1944 Als Auswirkung des 1943 verkündeten totalen Krieges in der Endphase des Zweiten Weltkriegs wurde zum 1. September 1944 auch der Totale Kriegseinsatz der Kulturschaffenden verfügt und die Theater geschlossen.Oliver Rathkolb: Führertreu und gottbegnadet, S. 146 und S. 175. Eine Minderheit von 1.041 Personen unter den etwa 140.000 Mitgliedern der Reichskulturkammer sollte aufgrund ihrer besonderen Bedeutung für das nationalsozialistische Regime jedoch davon ausgenommen werden und wurde vom Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda in eigenen Listen erfasst.Oliver Rathkolb: Führertreu und gottbegnadet, S. 174.Artikel in der Zeit vom 17. November 2005 Als Grundlage für die 1944 in Goebbels’ Ministerium erstellten Listen diente offenbar die 1939 erstellte „Führerliste“ der in Hitlers Augen unverzichtbaren Schriftsteller, Komponisten, Musiker, bildenden Künstler und Schauspieler.Namen bei Ernst Klee: Kulturlexikon. Die solcherart ausgewählten Personen galten zwar ebenfalls als für den Krieg dienstverpflichtet, sollten aber nicht in den Streitkräften dienen, sondern nur zu Veranstaltungen im Sinne der Kulturpropaganda oder zur Truppenbetreuung herangezogen werden.Oliver Rathkolb: Führertreu und gottbegnadet, S. 173. So benannte Goebbels bei Zusammenstellung der in Abschnitt II genannten Personen vor allem Schauspieler, die er für seine Propagandafilme benötigte. Dies waren insgesamt 280 Schauspieler, 227 Schauspielerinnen, 78 Filmautoren, 18 Filmautorinnen und 35 Filmregisseure.Oliver Rathkolb: Führertreu und gottbegnadet, S. 178. Abgesehen von den auf der Sonderliste besonders herausgehobenen 25 Personen standen die Nominierten nach Oliver Rathkolb im „Künstlerkriegseinsatz“.

Anschreiben für die Betroffenen Die vom Kriegseinsatz ausgenommenen Kulturschaffenden erhielten ein Anschreiben mit dem Inhalt, dass der „Herr Reichsminister Sie in seiner Eigenschaft als Präsident der Reichskulturkammer auf Grund Ihrer künstlerischen Leistung vom Wehrmacht- und Arbeitseinsatz freigestellt hat. […] Diese Freistellung, die in Würdigung Ihrer besonderen künstlerischen Fähigkeiten ausgesprochen wurde, geschah unter der selbstverständlichen Voraussetzung, daß Sie sich vorbehaltlos einer umfassenden künstlerischen Betreuung zur Verfügung stellen. […] Ich bitte, dieses Schreiben im Sinne der Maßnahmen des totalen Kriegseinsatzes als Ihre Dienstverpflichtung für die von mir geleitete Künstler-Kriegseinsatzstelle aufzufassen.“Zitat bei Oliver Rathkolb: Führertreu und gottbegnadet, S. 174, sowie Fußnote 473, S. 282: ZSt., Promi. T 6400, M68-12, 1944 („Gottbegnadeten-Liste“), S. 63 f.

Dieses Anschreiben galt als amtliche Mitteilung, die dem „zuständigen Arbeitsamt vorzulegen“ war.Oliver Rathkolb: Führertreu und gottbegnadet, S. 174.

Regelungen ab Dezember 1944 Als die Niederlage des Deutschen Reiches voraussehbar war, sollten auch die letzten Reserven mobilisiert werden. Aus einem Schreiben des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda vom 30. November 1944 geht hervor, dass die vom Kriegsdienst freigestellten Künstler und sogar die auf der Sonderliste genannten „Unersetzlichen Künstler“, wie Wilhelm Furtwängler, zum Volkssturm herangezogen werden sollten.Fred K. Prieberg: Handbuch Deutsche Musiker 1933–1945, CD-Rom-Lexikon, Kiel 2004, Stichwort: Goebbels, Joseph, S. 2393 mit Bezug auf die Quelle BA R 55/20616, Blatt 81.

Inhalt Abschnitt I: Gottbegnadeten-Liste Abschnitt I des Dokuments über die für das nationalsozialistische Regime besonders bedeutenden und daher vom Kriegseinsatz freigestellten Künstler trägt die Bezeichnung Gottbegnadeten-Liste und gliedert sich in die Unterabschnitte A. Sonderliste mit 25 Namen und B. Alle Übrigen mit 353 Namen. Der Liste vorangestellt ist ein Inhaltsverzeichnis.

Unterabschnitt A. Sonderliste Das mit I. Gottbegnadeten–Liste. A. Sonderliste. überschriebene erste Blatt von Abschnitt I enthält folgende Personen:

Schrifttum:

Hans Carossa (1878–1956), Lyriker und Erzähler Gerhart Hauptmann (1862–1946), Nobelpreisträger für Literatur 1912 Erwin Guido Kolbenheyer (1878–1962), Romanautor, Dramatiker und Lyriker Hanns Johst (1890–1978), Dramatiker, Reichskultursenator Agnes Miegel (1879–1964), Schriftstellerin, Journalistin und Balladendichterin Ina Seidel (1885–1974), Romanautorin und LyrikerinNamen bei Ernst Klee: Kulturlexikon, Ausgabe 2007, S. 94, S. 222, S. 285, S. 326, S. 409 und S. 564.

Bildende Kunst:

Arno Breker (1900–1991), Bildhauer und Architekt, Reichskultursenator Georg Kolbe (1877–1947), Bildhauer Josef Thorak (1889–1952), StaatsbildhauerErnst Klee: Kulturlexikon, Ausgabe 2007, S. 77, S. 311, S. 326 und S. 613. Fritz Klimsch (1870–1960), Bildhauer Hermann Gradl (1883–1964), Landschaftsmaler und Illustrator Arthur Kampf (1864–1950), Historienmaler Willy Kriegel (1901–1966), Maler Werner Peiner (1897–1984), Maler und ab 1938 Leiter der Hermann-Göring-Meisterschule für MalereiErnst Klee: Kulturlexikon, Ausgabe 2007, S. 194, S. 294, S. 338 und S. 452. Leonhard Gall (1884–1952), Architekt, Reichskultursenator Hermann Giesler (1898–1987), Architekt, Reichskultursenator – Bruder von Paul Giesler Wilhelm Kreis (1873–1955), Architekt und letzter Präsident der Reichskammer der bildenden Künste Paul Schultze-Naumburg (1869–1949), Maler, Architekt und ab 1932 Reichstagsabgeordneter für die NSDAPErnst Klee: Kulturlexikon, Ausgabe 2007, S. 172, S. 183, S. 337 und S. 554.

Musik:

Richard Strauss (1864–1949), Komponist Hans Pfitzner (1869–1949), Komponist, Reichskultursenator Wilhelm Furtwängler (1886–1954), Dirigent und Komponist,Ernst Klee: Kulturlexikon, Ausgabe 2007, S. 171, 456 und 598. Reichskultursenator

vier Theater-Künstler finden sich als nachträgliche – nur sehr schwer zu lesende – handschriftliche Eintragung am Ende dieser Seite:Viktor Reimann: Dr. Joseph Goebbels. Molden Taschenbuch Verlag, Wien, München 1976, ISBN 3-217-05018-5, S. 216.

Otto Falckenberg (1873–1947), Leiter der Münchener Kammerspiele Friedrich Kayßler (1874–1945), Schauspieler, Schriftsteller und Komponist Hermine Körner (1878–1960),Ernst Klee: Kulturlexikon, Ausgabe 2007, S. 145, S. 299 und S. 324. Schauspielerin, Regisseurin und Intendantin Hedwig Bleibtreu (1868–1958), Theater- und Filmschauspielerin

Unterabschnitt B. Alle Übrigen

a) Schrifttum:

Hans Friedrich Blunck (1888–1961), Schriftsteller, Jurist und erster Präsident der Reichsschrifttumskammer Bruno Brehm (1892–1974), Schriftsteller und HerausgeberErnst Klee: Kulturlexikon, Ausgabe 2007, S. 76, nicht bei Rathkolb genannt. Hermann Burte (1879–1960), Schriftsteller und Maler Friedrich Griese (1890–1975), Lehrer und Schriftsteller Gustav Frenssen (1863–1945), Pastor und Schriftsteller Hans Grimm (1875–1959), Schriftsteller (Volk ohne Raum) und Publizist Max Halbe (1865–1944), Schriftsteller Hanns Johst – hier handschriftlich gestrichen und in die Sonderliste aufgenommen Heinrich Lilienfein (1879–1952), Schriftsteller und Generalsekretär der Deutschen Schillerstiftung Börries Freiherr von Münchhausen (1874–1945), Schriftsteller Wilhelm Schäfer (1868–1952), Schriftsteller Wilhelm von Scholz (1874–1969), Schriftsteller Emil Strauss (1866–1960), Schriftsteller Lulu von Strauss und Torney (1873–1956), Schriftstellerin und Lyrikerin Helene Voigt-Diederichs (1875–1961), Schriftstellerin Josef Weinheber (1892–1945), Lyriker