Hermann Hakel (geboren 12. August 1911 in Wien, Österreich-Ungarn; gestorben 24. Dezember 1987 ebenda) war ein österreichischer Lyriker, Erzähler, Redakteur, Herausgeber und Übersetzer.
Leben Hermann Hakel wuchs als Jude unter römisch-katholischen Christen in Wien auf. Sein Vater, Benjamin Hakel (*1886 Czernowitz; †1950 Tel Aviv), war MalermeisterEin besonderer Mensch. Erinnerungen an Hermann Hakel Hrsg.: Hermann Hakel Gesellschaft. Lynkeus, Wien 1988, S. 15 f..
Seine Kindheit fiel mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges zusammen. Während sein Vater an der Front kämpfte, wurde sein jüngerer Bruder, Arnold Hakel (*1914 Wien, †1988 Buenos Aires; Architekt) geboren. In dieser Zeit erkrankte er zunächst an einer Gelenkentzündung, die operativ behandelt werden musste und im Sommer 1916 nach einem Sturz bei einem Aufenthalt in einem Jüdischen Kinderheim rezidiv wurde und weitere Operationen über einen Zeitraum von drei Jahren nach sich zog. 1915 steckte ihn sein Bruder mit Diphtherie an und er erblindete fast für ein Jahr. Seine Großmutter schenke ihm sein zweites Buch, eine Lutherbibel, die ihn "auf allen Wanderungen, durch alle Länder, Städte und Gefängnisse begleitet hat". Nach eigenen Angaben war er ein schlechter Schüler, der von seinen Mitschülern aufgrund seiner Gehbehinderung "Hupfer" genannt wurde, die Schule schwänzte und stattdessen im Winter die Zeit in Museen und Bibliotheken verbrachte.
Nach seiner Jugend- und Schulzeit auf der „Mazzesinsel“ besuchte Hakel die Kunstgewerbeschule in Wien und hielt sich Anfang der 1930er-Jahre längere Zeit bei Verwandten in der Bukowina auf, und zwar in Czernowitz und in Sereth. Dort lernte er das Jiddische und den Chassidismus kennen. Im Jahr 1931 begann er mit seinen Tagebuchaufzeichnungen, die er – mit nur wenigen Unterbrechungen – bis 1986 fortführte. Heute bilden sie den wichtigsten und ergiebigsten Teil seines Nachlasses und wurden nach seinem Tod teilweise als Bücher veröffentlicht: Dürre Äste Welkes Gras (1991), Der unheilbare Wahn (1993) und Zu Fuß durchs Rote Meer (1995). Ab 1934 lebte er als freier Schriftsteller in Wien und trat dem Bund junger österreichischer Autoren mit ihrem Stammtisch im Café Dobner bei. 1935 bis 1938 arbeitete er als Lektor im Wiener Verlag Anzengruber, wo 1936 sein erstes Werk veröffentlicht wurde: die Lyriksammlung Ein Kunstkalender in Gedichten. Daneben schrieb er auch für die linkssozialistische Untergrundzeitschrift „Rote Vorhut“. Mit seinen Schriftstellerkollegen Jean Améry, Friedrich Bergammer, Hans Friedrich Enk, Rudolf Felmayer, Johann Gunert, Ernst Lissauer, Paula von Preradović, Theodor Sapper und anderen stand er in freundschaftlicher Verbindung.
Der „Anschluss“ Österreichs bedeutete für Hakel und alle Juden Österreichs eine Zäsur. Die Stammtische im Café Dobner und Zentral wurden aufgelöst.
„Wien ist voller Hakenkreuze. Die Wiener sind berauscht von Siegesparaden und Heil-Gebrüll, vom Bier- und Weinkonsum. […] Die Juden fühlen sich schon im Ghetto. […] Jetzt herrschen die ‚arischen’ Massen, Hysteriker und hysterisch gewordene Arbeitslose. […] In der Hauptallee, auf der Straße, ist alle hundert Schritte in meterhohen Buchstaben zu lesen: ‚Juda verrecke!’ Ich bin Jude. Ich soll also verrecken.Zu Fuß durchs Rote Meer. Impressionen und Träume. Hrsg. Richard Kovacevic. Lynkeus, Wien 1995, ISBN 3-900924-07-4, S. 67. Das tägliche Gratis-Gaudium des Pöbels: Juden müssen Straßen reiben, Frosch-Hüpfen und Hundedreck fressen.Zu Fuß durchs Rote Meer. Impressionen und Träume. Hrsg. Richard Kovacevic. Lynkeus, Wien 1995, ISBN 3-900924-07-4, S. 70. Wir sind zu dritt und reden über Verhaftungen und Ausreisemöglichkeiten. Jeder Jude trägt die Tragödie im Gesicht. Erregte Gespräche. Man muß das Fenster schließen. Sooft es läutet, erschrickt man. Die Atmosphäre ist voller Dumpfheit und Angst.Zu Fuß durchs Rote Meer. Impressionen und Träume. Hrsg. Richard Kovacevic. Lynkeus, Wien 1995, ISBN 3-900924-07-4, S. 73. Ein Unbekannter packt mich an den Haaren und versetzt mir mit der anderen Hand einen Boxhieb ins linke Auge. Lautlos ertrage ich den Faustschlag.Zu Fuß durchs Rote Meer. Impressionen und Träume. Hrsg. Richard Kovacevic. Lynkeus, Wien 1995, ISBN 3-900924-07-4, S. 75. Diese erbärmliche Angst! Dieses Würgen in der Kehle! […] Seit heute früh werden jüdische Männer wahllos aus den Häusern geholt. Ein Telefonanruf nach dem anderen alarmiert mich und berichtet von schrecklichen Dingen. […] Jeder Stiefelschritt im Hof erschreckt mich. Wieviele solcher Pogromtage werde ich durchhalten? Ein sinnloses Martyrium.“Zu Fuß durchs Rote Meer. Impressionen und Träume. Hrsg. Richard Kovacevic. Lynkeus, Wien 1995, ISBN 3-900924-07-4, S. 80.
Nachdem er im Juni 1939 von den Nazis halb tot geprügelt worden war,Alexander Sacher-Masoch in: Ein besonderer Mensch. Erinnerungen an Hermann Hakel. Hrsg.: Hermann Hakel Gesellschaft. Lynkeus, Wien 1988, S. 40. gelang ihm am 24. Juni noch die Flucht nach Italien, wo er sich zunächst in Rijeka und Triest aufhielt, bevor er nach Mailand reiste. Mit Unterstützung eines jüdischen Hilfskomitees konnte er eine Zeit lang überleben, bis er 1940 verhaftet wurde. Bis 1943 war er in verschiedenen Lagern in Süditalien interniert: in Civitella in Val di Chiana bei Arezzo, in Oliveto Citra bei Eboli, in Alberobello, in Tarsia bei Cosenza und schließlich als ein „internato libero“ (freier Internierter) in Rotonda in der Basilicata. Während dieser Zeit lernte er den russischen Schriftsteller Nicolaus Ozupe kennen. Seine damals verfassten Texte hatte er später vernichtet, mit anderen Lagerinsassen veranstaltete er Laienspiele und Kabarettabende.
„Warum sie uns Juden einsperren mußten, war ihnen nie klar. […] Wir haben gehungert und gefroren, aber nie hat uns ein Italiener beschimpft oder gar geschlagen. […] Man konnte wunderbar mit ihnen leben, was man mit Deutschen und Österreichern nicht kann.“Dürre Äste Welkes Gras. Begegnungen mit Literaten. Bemerkungen zur Literatur. Vorwort von Hans Raimund. Lynkeus, Wien 1991, ISBN 3-900924-04-X, S. 8 f. „Spät abends, im großen Schlafsaal, spielte der Czernowitzer Mediziner B. auf der Ziehharmonika russische Volkslieder. […] Links neben mir sitzt der bucklige Pole und fanatische Kommunist W., ein ehemaliger Spanienkämpfer, und rechts der einarmige blonde J. aus Danzig, ein begeisterter Zionist.“Zu Fuß durchs Rote Meer. Impressionen und Träume. Hrsg. Richard Kovacevic. Lynkeus, Wien 1995, ISBN 3-900924-07-4, S. 129.
Als er nach seiner Befreiung durch die Alliierten aus amerikanischen Zeitung von den Vorgängen in den Konzentrationslagern des „Dritten Reiches“ erfuhr, erlitt er einen Herzanfall und war ein halbes Jahr im Spital. 1944 traf er in Ancona mit Franz Theodor Csokor und Alexander Sacher-Masoch zusammen und war dann Mitglied der „Freien Österreichischen Bewegung“ und Mitarbeiter des britischen Palästina-Amtes in Bari. Im März 1945 fuhr Hakel zu seinen Eltern nach Palästina.
„Die jüdischen Siedlungen, an denen wir vorbeikommen, sind mit Gittern umgrenzt, von dichtem Grün umwachsen und parzelliert. Jetzt tauchen entlang der Straße die englischen Zwingburgen auf. Auf den Ecktürmen sind Lautsprecher, Scheinwerfer und Maschinengewehre montiert. Dazwischen Herden von schwarzen Rindern und Ziegen. Ein Vers aus dem ‚Hohelied’ fällt mir ein: ‚… sie sind wie schwarze Locken im blendenden Gelb des Sandes …’“Zu Fuß durchs Rote Meer. Impressionen und Träume. Hrsg. Richard Kovacevic. Lynkeus, Wien 1995, ISBN 3-900924-07-4, S. 153.
1947 verließ Hakel das Land wieder und kehrte nach einem Aufenthalt in Rom im Herbst nach Wien zurück.
„Allmählich bekommen ich den Eindruck, daß den Leuten hier viel Ärgers passiert ist als uns heimkehrenden Juden. Mein Problem ist die Heimatlosigkeit. In Wien habe ich meine Kindheit und Jugend verbracht, aber jetzt muß ich erkennen, daß ich hier nicht mehr zu Hause bin. In Palästina fand ich mich nicht zu recht, dort war nur die Mutter mein Daheim. […] Und dann die Erwachsenen, die immer hier zu Hause gewesen sind, – erst jetzt spüre ich, was sie uns angetan haben. Die Jahre der Verfolgung und Vernichtung klaffen zwischen uns. […] Ich bin als Heimatloser heimgekehrt.“Zu Fuß durchs Rote Meer. Impressionen und Träume. Hrsg. Richard Kovacevic. Lynkeus, Wien 1995, ISBN 3-900924-07-4, S. 169 f.
Von 1948 bis 1950 war er Vorstandsmitglied und Lektor des Österreichischen P.E.N. Clubs und gründete dort eine Aktion zur Förderung junger Autoren (Aktion „Der P.E.N. stellt vor“). 1948 bis 1951 und 1979 bis 1986 gab er die Zeitschrift Lynkeus heraus, um an „Vergessenes zu erinnern, Fernes anzunähern, Fremdes bekannt zu machen und junge Autoren kritisch zu sichten und zu veröffentlichen“.
„Hakel sammelte einen Kreis um sich, zum Teil aus Plan-Autoren. 1948/49 gab Hakel die Zeitschrift ‚Lynkeus’ heraus, mit Ausländern, Emigranten und wieder: jungen Plan-Hakel-Autoren. Hier starteten unter anderem Jeannie Ebner und Hertha Kräftner. 1949/50 verlief sich der Hakel-Kreis dann, teilweise ging er zu dem zweiten bedeutenden Jugendförderer Hans Weigel über, der jetzt im berühmten Café Raimund seine Haupttätigkeit entfaltete. […Ein] ‚Zweiter Hakelkreis’ bestand vermutlich von 1951 bis 1958, einheitliches Phänomen mit wechselnder Besetzung. […] jetzt jedenfalls waren die Hakel-Seancen eine Art Gehirnwäsche, an deren Ende man sich klein und schädlich vorkam, das Schreiben aufgab oder bereit war, irgendeinen großen Bruder zu lieben. Dieser große Bruder war freilich nicht Stalin, sondern eine Projektion Hakels gegen die Milchstraße, mit Zügen Moses’, Dantes, Goethes, voll Kafkascher Richterstrenge für die schwerbegreifliche Schuld des Ichseins und Modischseins strafend.“Andreas Okopenko in: Ein besonderer Mensch. Erinnerungen an Hermann Hakel. Hrsg.: Hermann Hakel Gesellschaft. Lynkeus, Wien 1988, S. 75 f.
Hakel wurde damit zum Mentor und Förderer junger Schriftsteller wie Ingeborg Bachmann, Gerhard Fritsch und Marlen Haushofer, die hier ihre Texte erstmals veröffentlichen konnten. So druckte er in der ersten Ausgabe seiner Zeitschrift Lynkeus vier Jugendgedichte von Ingeborg Bachmann. Andere Mitarbeiter waren u. a. Christine Busta, Bertrand A. Egger, Reinhard Federmann, Ernst Fischer, Erich Fried, Johann Gunert, Josef Kalmer, Alexander Lernet-Holenia, Friederike Mayröcker und Wilhelm Szabo. Er hatte für sie getan, „was er konnte, hatte sie bewirtet, ihnen Geld geliehen oder geschenkt, Posten vermittelt, ihre Arbeiten gedruckt, etc. In dieser Hinsicht war er von außergewöhnlicher Fürsorge.“Gerhard Amanshauser in: Ein besonderer Mensch. Erinnerungen an Hermann Hakel. Hrsg.: Hermann Hakel Gesellschaft. Lynkeus, Wien 1988, S. 47 ff. Besonders setzte sich Hakel auch für Gerhard Amanshauser ein, der ihn einmal so beschrieb:
„Hakel war ungewöhnlich klein und bewegte sich hinkend vorwärts. Der eine Fuß war infolge eines frühen Unfalls und einer mißglückten Operation etwa 10 cm kürzer als der andere, was durch einen Schuh mit besonders hohem Absatz ausgeglichen wurde. Sein Gesicht wirkte stark jüdisch; der Mund war angenehm, die Nase profan und ohne Feinheit, ein Auge schön, voll tiefen Ausdrucks, das andere durch eine Krankheit getrübt. Die Stirne hatte eine außergewöhnlich schöne Wölbung. Die Haut jedoch wirkte blaß und kränklich. Die körperlichen Mängel dieses Mannes waren so auffallend, daß es nur schwer zu ermessen ist, wie sehr er darunter litt und in welchem Ausmaß – ein Umstand, den er selbst manchmal betonte – sein rebellisches Denken davon ausging.Die Nachteile seiner körperlichen Erscheinung konnte man vollständig vergessen, wenn er zu sprechen begann. […] Seine Stimme war laut, deutlich vom Wiener Dialekt gefärbt, kräftig akzentuiert, derb und manchmal ordinär im Ausdruck. Ungemein originell waren die Formulierungen. Er beherrschte fast jedes Gespräch und war, durch eine verblüffende Gegenwart des Geistes, niemals um eine Antwort verlegen. Diese Gabe nützte er tyrannisch aus und ließ die anderen kaum zu Wort kommen.“