Die Reformation in Memmingen begann 1513 mit der Anstellung von Christoph Schappeler an der Vöhlinschen Prädikatur in St. Martin in Memmingen und zog sich bis 1563 hin. In den ersten elf Jahren wurde die Reformation vom Volk vorangetrieben. Im Bauernkrieg wurde die Stadt vom Schwäbischen Bund besetzt und zum Katholizismus zurückgeführt. Danach setzte der Rat die Reformation wiederum durch. Zuerst an der Lehre Zwinglis orientiert, bekannte sich die Stadt erst spät zum Protestantismus Luthers.
Das Leben vor der Reformation mini|Memmingen von Osten 1573 Memmingen hatte Ende des 15. Jahrhunderts etwa 5000 Einwohner und war damit etwa so groß wie Freiburg im Breisgau. Viele Ortschaften, Dörfer und Weiler der Umgebung gehörten der Stadt, der Unterhospitalstiftung oder Memminger Patriziern. Die Patrizier und die Zünfte entschieden zusammen mit dem Großen und dem Kleinen Rat über die Geschicke der freien Reichsstadt. Die Patrizier verfügten meist über großes Vermögen und hatten genügend Zeit, sich um die städtischen Belange zu kümmern. Meistens war einer von ihnen Finanzverwalter und Bürgermeister. Auf den Schwäbischen Bund hatte die Stadt maßgeblichen Einfluss und war fast immer im Bundesrat vertreten. Sie war hinter Ulm und Augsburg die drittstärkste Kraft im Bund.Schlenck, S. 15.
Wirtschaftliche Situation Die wirtschaftliche Situation Ende des 15., Anfang des 16. Jahrhunderts war in ganz Oberschwaben schwierig. Die auf Export ausgerichtete Wirtschaft Memmingens traf die Anfang des 16. Jahrhunderts beginnende Rezession besonders hart. Waren 1450 noch 13 Steuerzahler als reich zu bezeichnen, so waren es 1530 nur noch sechs. Die Zahl der Habenichtse stieg im selben Zeitraum von 731 auf 1206. Bei den Webern war es noch düsterer: 1450 hatten noch fünf ein ansehnliches Vermögen, 1530 keiner mehr. Gerade diesen Berufsstand, der den Großteil der Memminger Handwerker ausmachte, traf die Rezession besonders heftig. In der Reichsstadt wurden Weberaufstände befürchtet, wie 1516 in Ulm geschehen. Das Vermögen befand sich in den Händen Weniger und die Mehrheit der Stadtbevölkerung zählte zur armen Schicht. Hinzu kam, dass der Rat der Stadt das Leben der einfachen Menschen streng regulierte. Sämtliche Bereiche des öffentlichen und des privaten Lebens wurden reglementiert. So durfte zum Beispiel nur heiraten, wer einen Wert von mindestens 50 Gulden an festem oder beweglichem Eigentum oder an Barschaft besaß. Hatte jemand weniger, wurde ihm ein Armutszeugnis ausgestellt und die Heirat damit untersagt. Auch durfte bei Hochzeiten nur eine begrenzte Anzahl Gäste geladen werden.
Zustand der Kirche Die Kirche befand sich wie im gesamten Reich in einem desolaten geistlichen Zustand. 5000 Einwohnern standen um das Jahr 1500 zwar 130 Geistliche gegenüber, davon 52 Weltgeistliche, 28 Klosterbrüder und 50 Nonnen, aber nur wenige von ihnen waren in der Seelsorge eingesetzt. Die Bevölkerung kehrte in dieser Zeit in eine tiefe Frömmigkeit zurück. Sie befolgte zumeist die Vorschriften, welche ihnen die Kirche auferlegte. Das gesamte Leben war religiös durchtränkt. Allerdings fühlten sich die Menschen vom Klerus schlecht betreut. Seelsorge und karitative Aufgaben litten massiv, da viele der Geistlichen ihre Pflichten nicht oder nur schlecht erfüllten. So delegierten beispielsweise die Pfründeinhaber die Abhaltung der Messen an schlecht ausgebildete Geistliche, die sie nicht zur vorgesehenen Zeit, sondern an anderen Tagen zelebrierten. Der Stadtrat mischte sich bereits vor der Reformation des Öfteren in kirchliche Belange ein. Streitigkeiten des Stadtrats mit den Klöstern, vor allem dem Augustinerkloster und dem Antonierkloster verstärkten diesen Trend. Trotzdem stifteten die Bürger von 1470 bis 1521 mehr Messen als in der gesamten Zeit vorher.
Prädikatur Ein neues Mittel für die Sicherung des Seelenheils war die Prädikatur. Am Freitag nach Maria Magdalena (22. Juli) 1479 stifteten die Vöhlins eine Prädikatur an der St.-Martins-Kirche. Der Inhaber der Prädikatur sollte wöchentlich mindestens zwei Messen lesen. An Sonntagen und an 21 benannten Feiertagen mussten weitere Messen gelesen werden. Auch musste der Inhaber einen Magistertitel besitzen. Die Prädikaturstellen waren aber auch eine Konkurrenz zu den normalen Pfarrerstellen an der Kirche, so dass es auch hier zu Streitigkeiten kam. Die Prädikaturinhaber, die sich meist in einer Position über den Predigern sahen, waren meist besser theologisch ausgebildet als die eigentlichen Pfarrer. Diese sahen dadurch ihre Einflussnahme auf die Bevölkerung gefährdet. In Memmingen, wo die Hauptpfarrerstelle der Stadtpfarrkirche St. Martin von dem nahe gelegenen Antoniterkloster besetzt wurde – die Kirche war in das Kloster inkorporiert – gab es zusätzliche Spannungen. Dem Präzeptor des Klosters wurde immer wieder Unfähigkeit vorgeworfen, da er sich selten in der Stadt befand und seine seelsorgerischen Tätigkeiten vernachlässigte. Der erste Inhaber der Vöhlinschen Prädikatur, Dr. Jodokus Gay stritt sich schon früh mit dem Rat der Stadt und dem Antoniterkloster. Er gilt als Wegbereiter für den Reformator Dr. Christoph Schappeler.
mini|Die Gedenktafel an die Vöhlinsche Prädikatur am ehemaligen Wohnhaus der Inhaber der Prädikatur Bereits seit dem Mittelalter nahm die Bevölkerung immer wieder Einfluss auf das kirchliche Leben innerhalb der Mauern der Stadt. So wurden die beiden großen Stadtpfarrkirchen St. Martin und Unser Frauen nicht von den jeweiligen Klöstern, in die sie inkorporiert waren, gebaut, sondern von der Bürgerschaft. Auch fand der Schwur des Bürgermeisters am Schwörtag in St. Martin statt. Dr. Jodokus Gay wollte dies ändern und schrieb deswegen 1507 an den Augsburger Bischof. Bischof Heinrich IV. von Lichtenau war jedoch unentschlossen und reichte eine Supplikation beim Kaiser ein. Gay drohte jedoch mit dem päpstlichen Bann und dem Interdikt. Kaiser Maximilian I. gebot Gay daraufhin, von seinen Forderungen abzusehen. Dieser Streit zog sich bis zum Tode Gays im Jahre 1512 hin. Auch mit seinem Nachfolger geriet die Stadt immer wieder in Streitigkeiten.
In diese Zeit fiel die Reformation. Für viele Gläubige war die Messfeier ein unverständliches heiliges Schauspiel, dem der Gläubige passiv zusah, oder ein geheimnisvolles Geschehen. Die unverständliche lateinische Liturgiesprache tat ein Übriges. Eine andere Strömung wollte auch Einfluss auf die kirchlichen Belange gewinnen.
Die Reformation als Volksbewegung mini|Die Kanzel in St. Martin 1513 stellte die vöhlinsche Prädikatur den Prediger Christoph Schappeler ein. Bereits 1516 fiel der in der freien Reichsstadt St. Gallen geborene und nach Memmingen zugewanderte dem Rat der Stadt auf, als er gegen die Reichen der Stadt predigte. Ein Eintrag im Ratsprotokoll vom 21. August 1521 kann mit der Reformation in Zusammenhang gebracht werden:
Diese Predigt muss für Schappeler charakteristisch gewesen sein. Bezog er doch gesellschaftskritisch sowie politisch-theoretisch Stellung. Arm und Reich wurde in der Reichsstadt nicht dasselbe Recht zuteil. Er folgerte daraus, dass sich die Gemeinde durchaus gegen den Rat zur Wehr setzen solle. Der Rat, dem die Anschuldigungen offensichtlich peinlich waren, schickte eine Delegation zu Schappeler, um ihn zu maßregeln. Für den Stadtrat war es wichtig zu zeigen, wer in der Stadt regierte. Allerdings zeigt dieses Ratsprotokoll auch, dass sich der Stadtrat der Brisanz von Schappelers Predigten noch nicht bewusst war. Er musste auch vorsichtig agieren, da Schappeler bereits viel Zuspruch aus der Bevölkerung hatte und weite Kreise hinter sich wusste. Teile des Stadtrates müssen ebenfalls schon auf Schappelers Seite gestanden und für ihn Partei ergriffen haben.
Ein Jahr nach dem Eintrag im Ratsprotokoll wurde Schappeler als Theologe deutlicher. So predigte er, dass unter 1000 Messen kaum eine brauchbare dabei sei und die Geistlichen allesamt unfähig seien, ihr Amt zu bekleiden. Gleichermaßen sprach er den Geistlichen jegliche theologischen Kenntnisse ab. Die Kirchenrechte und die päpstlichen Dekrete seien allesamt weltlicher Natur, deshalb müsse man ihnen auch nicht folgen. Dies fand bei den immer ärmer werdenden Memminger Bürgern offene Ohren, so dass der Ruf nach religiöser Erneuerung auch in den unteren Bevölkerungsschichten lauter wurde. Der aristokratische Teil der Stadtbevölkerung kämpfte allerdings massiv für den Erhalt des alten Glaubens.
Im August 1519 hatte Schappeler bereits einen Brief an Joachim von Watt geschrieben, in dem er große Sympathien für Martin Luther bekundete. Auch berichtete er in diesem Schreiben von der Disputation mit Johannes Eck. Inwieweit seine Predigten schon damals von der römisch-katholischen Lehre abwichen, ist nicht mehr feststellbar. Bereits im April 1522 beschwerte sich der Pfarrer der Frauenkirche beim Stadtrat, dass die Stiftungen massiv eingebrochen seien. Der Rat wies diese Klage jedoch zurück, da man ihm nichts schuldig sei. Lediglich der Stadtschreiber Ludwig Vogelmann erkannte die Gefahr in Schappelers Predigten und schrieb im März 1522 an den Patrizier Ehinger nach Rom:
Im September 1522 schrieb er im Ratsprotokoll:
Kurz darauf forderte der Augsburger Bischof Christoph von Stadion die Stadt auf, dem kaiserlichen Mandat unbedingt Folge zu leisten und gegen die Lutheraner vorzugehen. Schappeler, der für sich die Luft immer dünner werden sah, wollte wieder zurück nach Zürich mit einer Empfehlung von Joachim von Watt. Auch Ulrich Zwingli bemühte sich darum, für Schappeler eine freie Predigerstelle in Winterthur zu erhalten und sandte ihm die Ende Januar 1523 in Zürich vertretenen Artikel zu. Allerdings bat der Rat der Stadt Memmingen Schappeler, zu bleiben. Die Haltung des Rates war in dieser Zeit widersprüchlich. Einerseits legte er Wert auf die weitere Anwesenheit Schappelers, andererseits ermahnte er die Bürger zur Heiligenverehrung. Gleichzeitig lehnte er einen Antrag ab, den Verkauf von Luthers Schriften zu verbieten. Ludwig Vogelmann war über das Abstimmungsergebnis dermaßen empört, dass er darunter schrieb Der theufel schlag darein.Memminger Ratsprotokoll vom 26. Juni 1523.
Anfang 1523 wurden die ersten Bilder geschändet. Zwei Jugendliche, Ulrich Geßler und Raphael Sättelin, raubten die Skulptur eines Juden aus der Ölberggruppe in der Frauenkirche. Mit dieser zogen sie durch die Straßen, verhöhnten und verspotteten sie. Der Rat der Stadt bestrafte die beiden Patriziersöhne am 9. Februar. Ob der Raub nun aus reformatorischem Eifer oder Judenhass geschah, oder ob eine Auseinandersetzung mit dem Pfarrer der Auslöser war, lässt sich nicht mehr klären. Sicher ist nur, dass dies die erste nachgewiesene Aktion gegen Bildnisse in einer Memminger Kirche war.
1523 berichtet der Chronist Galle Greiter von einer Predigt:
Damit brach Schappeler endgültig mit der alten Lehre und der alten Kirche.
mini|Schappeler in einer modernen Zeichnung am MeWo-Haus Aufgrund dieser Predigt musste der Stadtrat eingreifen, wollte er nicht die Ungnade des Kaisers auf sich ziehen. Dennoch wurde Schappeler wieder nur gemaßregelt. Am 30. Juli 1523 zwangen einige Bürger Pfarrer Megerich von der Frauenkirche auf offener Straße, eine Klageschrift entgegenzunehmen. Darin wurden Leben und Handeln des Pfarrers gerügt. Über Umwege gelangte diese Schrift an den Stadtrat, der die Überbringer vorlud. Unter ihnen befand sich auch der später noch häufig in das Reformationsgeschehen eingreifende Sebastian Lotzer. Der Rat rügte die Personen äußerst heftig und scharf. In der Zurechtweisung des Rates steht auch: ...sonndern jedermann glauben und machen lassen, was er main gegen gott und der welt verantworten...Schlenck, S. 34 / Memminger Ratsprotokoll vom 3. August 1523. Einer der Beweggründe für diese heftige Rüge mag auch die Angst vor Unruhen gewesen sein. Im September spitzte sich die Lage weiter zu, so dass sich der Stadtrat genötigt sah, an alle Geistlichen in der Stadt ein Schreiben mit folgender Mahnung zu senden: