mini|hochkant=1.4|Kirche in Rerik, von Osten mini|Schiff und Turm von Nordosten Die St.-Johannes-Kirche in Rerik ist eine Kirche der Verbundenen Kirchgemeinde Rerik-Biendorf im Landkreis Rostock. Die Gemeinde gehört zur Propstei Wismar, Kirchenkreis Mecklenburg der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland.
Geschichte mini|hochkant|Kirchturm von Westen
Die frühere Ortschaft Alt-Gaarz, wurde 1938 in Rerik umbenannt und erhielt Stadtrecht. Schon vor 800 Jahren siedelten hier Slawen und ab dem 11. Jahrhundert von Westen her kommend auch Deutsche. Der Wohlstand erlaubte es der kleinen Ortschaft im 13. Jahrhundert eine Kirche erbauen zu lassen. Die Umstände dafür waren günstig. Die Truppen des dänischen Königs waren 1227 von den militärischen Kräften der norddeutschen Fürsten und der Lübecker Bürgerschaft aus dem deutschen Raum vertrieben worden – eine Zeit des Friedens war angebrochen.
Aus der frühen Zeit von Alt-Gaarz sind keine Dokumente überliefert – weder über den Bau der Kirche, noch über das Datum der Kirchweihe und auch nicht über spätere An- und Umbauten. 1567 fielen alle Häuser des Ortes einem Brand zum Opfer. Auch das Pfarrhaus mit allen darin befindlichen Kirchenbüchern brannte ab; nur die steinernen Mauern der Kirche blieben stehen.
Zwischen 1245 und 1300 wurden drei Geistliche, die Pastoren, Dietrich, Johann und Berthold zu Alt Gaarz genannt. Das Fischerdorf selbst wurde aber erstmals 1267 bei der Aufzählung des Güterbesitzes vom Kloster Sonnenkamp im heutigen Neukloster erwähnt. Am 26. Mai 1267 verlieh Papst Clemens IV. dem Nonnenkloster in Neukloster einen SchirmbriefMUB II. (1864) Nr. 1120. und am 25. Januar 1271 bestätigte Fürst Heinrich von Mecklenburg dem Kloster den Besitz aller Güter, auch Alt Gaarz.MUB II. (1864) Nr. 1215. Die westlich am Ort liegende Halbinsel Wustrow wurde 1273 erstmals erwähnt, war im 14. Jahrhundert Sitz der Familie von Moltke und bis 1590 der Familie von Oertzen. 1567 ging Alt Gaarz in Flammen auf, der Brandstifter soll der Küster Severinus Helmich gewesen sein, ein Erzbösewicht, hatte die Gerberkammer aufgebrochen und alles gestohlen. Das Fischerdorf brannte ab, nur die Backsteinkirche blieb stehen. 1591 saßen die von Vieregge auf Wustrow.
Nach dem Dreißigjährigen Krieg fielen Wismar, die Insel Poel und das Amt Neukloster bis 1803 an Schweden. Auch der Pfarrer Christian Wulf hatte unter dem betrübten Kriegswesen zu leiden. So wollte man 1639 alle Zimmer im Pfarrhaus anzünden, was zwar nicht geschah, doch nach erfolgter Einquartierung war das Pfarrhaus völlig ruiniert. All Hausrat ist ausgeplündert und zunichte gemacht, sein Korn und Vieh hat er zusetzen müssen. Ein halbes Jahr später starb die Pfarrersfamilie an der Pest.
Von alten Zeiten her bis nach 1668 lag das Patronat beim Herzog von Mecklenburg. Danach übernahmen die Besitzer auf Wustrow das Kirchenpatronat, ab 1848 kam es wieder zur Landesherrschaft zurück.Friedrich Schlie: Das Kirchdorf Alt-Gaarz. 1899, S. 509. Während der Schwedenherrschaft erwarb der schwedische Oberst und Kommandant von Wismar, Erich Hansson Ulfsparre, Wustrow. 1666 wurde Helmuth Otto Freiherr von Winterfeld genannt, nach 1696 waren die von Pleesen auf Wustrow. 1760 die von Kettenburg, 1782 die Familie Goldschmied und ab 1820 die Familie Stever.Jürgen Luttmann: Die Wappen in den Kirche von Rerik und Russow. 2007, S. 6. Ab 1860 war zweiundzwanzig Jahre lang Johann Steinsaß Pfarrer in Rerik. Er soll ein Original im Denken, Reden und Handeln gewesen sein. Doch aus der Gemeinde war auch Klage geführt worden, da er sich nicht genügend auf seine Predigten vorbereitete. Eines Sonntags erschien in der Kirche unter den Zuhörern der Superintendent Scheven. Doch Steinsaß hatte vorher von dem hohen Besuch erfahren und sich diesmal vorzüglich präpariert, er hielt eine ausgezeichnete Rede. Als er von der Kanzel stieg, streifte er den Stuhl Schevens. Im Vorübergehen beugte er sich zu ihm hinüber und flüsterte dem Superintendenten, mit dem er von der Universität her auf Du und Du stand, zu: Häh, Korl, dat harrst woll nicht dacht?
Baugeschichte Die Pfarrkirche der früheren Ortschaft Alt Gaarz, die 1938 in Rerik umbenannt wurde und Stadtrecht erhielt, ist ein Mitte des 13. Jahrhunderts errichteter Backsteinbau. Nach neuesten dendrochronologischen Datierungen soll der hölzerne Dachstuhl des Chors von 1243 stammen, der des Langhauses aus der Mitte des 13. Jahrhunderts.
Wie die Kirchtürme zahlreicher anderer Kirchen in Küstennähe wurde auch der Reriker Kirchturm erst nach 1400 errichtet. Als Landmarke diente er früher der küstennahen Seefahrt zur Orientierung, während heute dafür das Global Positioning System (GPS) verwendet wird.
Ob es einen Vorgängerturm gab, ist nicht bekannt. Die Ausmalung der Kirche 1668 im Auftrag des Landesherrn schuf der Wismarer Maler Hinrich Greve. Bei der Restaurierung 1974 wurden Ausschnitte der ursprünglichen Wandmalereien um 1300 freigelegt. Die Gesamtrestaurierung erfolgte in den Jahren 1971 bis 1979.ZEBI e.V, START e.V.: Rerik. 2001, S. 40. Die Dächer vom Chor und Langhaus wurden von 1992 bis 1993 instand gesetzt und mit neuen Dachziegeln eingedeckt. Die Farbgläser in der Dreifenstergruppe des östlichen Chores wurden 2001 durch die Glaserei Rolf Köhler aus Kühlungsborn ausgebessert.Reinhard Kuhl: Rerik, Lkr. Doberan, Ev. Kirche St. Johannes. 2001, S. 162. 2006 wurde im Turm eine neue Treppe eingebaut.
Baubeschreibung mini|Östliches Schiffsjoch und Chor von Süden
Die Kirche zu Rerik ist im mecklenburgischen Küstengebiet eines der besten Beispiele eines frühgotischen Backsteinbaus, vergleichbar mit Stadtkirchen der näheren Umgebung, wie Neubukow. Mit ihrem drei Joche breiten und zwei Joche langen Schiff ist sie eine Hallenkirche. Der aus einem quadratischen Joch bestehende Chor ist stärker eingezogen als der ebenfalls quadratische Westturm.Horst Ende: Dorfkirchen in Mecklenburg. 1975, S. 145. Die Seiteneingänge des Schiffs liegen beidseits genau in der Mitte der Längswände, mithin interessanterweise unter den von Konsolen gestützten Ecken der Seitenschiffsjoche. Das Südportal ist mit einer Vorhalle versehen, das vermauerte Nordportal ebenso spitzbogig wie das Westportal.
Äußeres mini|Südvorhalle von Osten Alle Bauteile außer dem Giebel der Vorhalle haben Wandsockel von unter einem bis über zwei Metern Höhe aus gequadertem Feldstein.
Nach im 21. Jahrhundert aktualisierten dendrochronologischen Daten ist der Chor (um 1242), etwa zehn Jahre älter als das Hallenschiff (um 1250). Auffällig der Rundbogen über der Priesterpforte an der Südwand und der umlaufende doppelte Zahnfries unter der Traufe als Schmuckform. Über der gestaffelten Dreifenstergruppe in der Ostwand liegt im Giebeldreck zwischen spitzbogigen Zwillingsblenden ein großes Blendenkreuz. In der südlichen Chorwand befindet sich eine Zweifenstergruppe. An der südöstlichen Ecke des Chores wurde im 18. Jahrhundert ein massiver, gemauerter Stützpfeiler angesetzt und die südlichen Chorfenster vergrößert. Die Dachtraufen des Chors liegen niedriger als die Scheitel der seitlichen Langhausfenster.
Angesichts der deutlich unterschiedlichen Breiten von Chor und Schiff ist der Höhenunterschied der Dachfirste nicht verwunderlich. Gemeinsam mit den Fensterpaaren geben die Lisenen ein bestimmtes Muster vor, die Längswände werden in je zwei gleichartige Kompartimente gegliedert. Neben zwei einfachen Lanzettfenstern weist das Kirchenschiff noch vier ebenfalls spitzbogige Fensterpaare auf. Der umfangreiche, alle Fenster umfassende Bestand an ornamentaler Glasmalerei aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist in fensterweise variierenden Teppichmustern gestaltet.Reinhard Kuhl: Rerik, Lkr. Doberan, Ev. Kirche St. Johannes. 2001, S. 163–164. An der Ostwand des Langhauses befindet sich ein Spitzbogenfries und im Giebel ein steigender Treppenfries und gestaffelte Dreierblende.
Im Westen erhebt sich ein quadratischer Turm mit hohem achtseitigen Spitzhelm, auch Bischofsmütze genannt. Der Turm ist wie die südliche Portalvorhalle eine Zutat der Spätgotik, wohl nach 1400.Rolf Bullerjahn: Die Pfarrkirche zu Rerik. 2007, S. 16. Besonders auffällig ist seine blockhaft kubische Form. Die Blenden und segmentbogigen Schallluken der Seitenwände sind paarig und werden durch Koppelblenden zusammengefasst. Nahtlos gehen alle vier Seitenwände in die schmucklosen Schildgiebel des Turmhelmes über.
Inneres mini|Vom mittleren Westjoch zum Altar mini|Vom südwestlichen Seitenschiffsjoch ins östliche Mittelschiffsjoch Der rechteckige Chor ist mit einem einjochigen Kreuzgratgewölbe gedeckt. Der Triumphbogen zwischen Chor und Schiff ist ebenso spitzbogig wie alle übrigen Bögen des Kirchenraums, aber mit seinem breiten rechteckigen Querschnitt weniger fein gestaltet.
Das Langhaus ist durch zwei Pfeiler in sechs Joche geteilt, die ein breites Hauptschiff und zwei schmalere Seitenschiffe bilden. Die Gewölbebasen aller drei Schiffe liegen auf gleicher Höhe, jedoch reichen die Joche des Mittelschiffs höher als die der Seitenschiffe. Die Gurtbögen aller drei Schiffe haben runde Unterzüge. Von den Arkadenbögen hat nur der nordöstliche einen solchen Unterzug. Der Chor hat die gleiche Breite wie das Mittelschiff, und die östlichen Stirnwände beider Seitenschiffe sind mit Fenstern versehen. Die westlichen Stirnwände sind hingegen fensterlos, da der mächtige Westturm bis vor deren Mitten reicht.Rolf Bullerjahn: Die Pfarrkirche zu Rerik. 2007, S. 10. Der südliche Pfeiler ist ein frühgotischer Kreuzpfeiler aus vier Rechteckprofilen, in deren Winkeln Rundstäbe eingefügt sind, die allerdings in dieser Kirche kurz vor dem Kämpferband in Rechteckprofile übergehen. Der nördliche Bündelpfeiler besteht aus vier halbrunden und acht Viertelstäben sowie vier Kehlen, was stilistisch schon der Hochgotik zuzuordnen ist. Die Gewölbe sind Domikalgewölbe aus steilen und hoch aufragenden Kappen, es sind stark gebuste Kreuzgewölbe mit zarten Bandrippen und steilen spitzbogigen Gurten.Georg Dehio: Rerik, Lkr. Doberan. 2000, S. 445.
Die reiche Ausmalung wurde 1668 von Hinrich Greve aus Wismar ausgeführt und zeigt sich heute noch als ein Ensemble von einmaliger Vollständigkeit im Küstengebiet. Es überwiegen ornamentale Motive, die vor allem Bogenstellungen betonen. Die Fenster sind mit Muschelwerk gerahmt. Die raumgliedernden Elemente, wie Pfeiler, Scheidebögen, Gurt- und Diagonalrippen, sind durch Motive hervorgehoben, die auf ihre Körperlichkeit ausgerichtet sind. In den Gewölbekappen befinden sich Engel mit Spruchbändern. Auf den Flächen zwischen den Fenstern stehen Apostel auf Sockeln mit der jeweiligen Namensinschrift. Der in der Höhe der Fenstersohlbänke umlaufende Fries aus gerefftem Tuch ist ein Motiv, das bereits im Mittelalter Verwendung fand.Rolf Bullerjahn: Die Pfarrkirche zu Rerik. 2007, S. 23.
Altar mini|hochkant|Barockaltar und Wustrowsche Empore Der Hauptaltar besitzt heute einen Holzaufsatz von 1754/55. In der Predella befindet sich ein kleines Gemälde mit einer Abendmahlsszene. Darüber erhebt sich ein Architekturaufbau mit zwei marmorisierten und gekuppelten Säulenpaaren, die einen Architrav mit Cherubköpfen tragen. Die Säulen rahmen ein gemaltes Kruzifix und die Kreuzigung nach dem flämischen Maler Anthonis van Dyck. Vor ihnen stehen zwei allegorische Figuren. Akanthusschnitzereien vervollständigen die Komposition. Abgeschlossen wird der Aufsatz durch einen von Engelfiguren gehaltenen Lünettengiebel, der eine Himmelfahrtsszene zeigt.
Ehemaliger Hauptaltar Im südlichen Seitenschiff steht auf einem Sockel der Schrein eines Schnitzaltars, wohl drittes Viertel des 15. Jahrhunderts.Georg Dehio: Rerik. Lkr. Doberan. 2007, S. 445. Er zeigt in einer vollplastischen Figurenkomposition als zentrale Szene den Gekreuzigten mit Maria und Johannes. Durch senkrechte Stäbe getrennt stehen beiderseits die Figuren Anna selbdritt unter einem bekrönenden Baldachin und Johannes der Täufer. Die Altarflügel und die Predella sind verloren gegangen.
Kanzel