Czernowitz oder Tschernowitz (; ; ; ; ; ; ; ; ; Spitzname: Jerusalem am Pruth, Klein-Wien) ist die Hauptstadt der Oblast Tscherniwzi in der Westukraine und die traditionelle Hauptstadt der Bukowina.

Namensschreibweise auf Deutsch Die gebräuchliche Schreibweise Czernowitz mit dem im Deutschen ungewöhnlichen „cz“, die der heute üblichen Transkription nicht mehr entspricht, geht auf die vom Polnischen abgeleitete Schreibung zurück, die in der Donaumonarchie bis 1918 amtlich war.

Geographie Czernowitz liegt in 248 m Seehöhe in einem von Hügeln durchzogenen Gebiet mit Wäldern und Feldern. Die Stadt erstreckt sich überwiegend am rechten Ufer des Pruth, an dem sich bis 2016 die Stadtbezirke Rajon Perschotrawnewyj und Rajon Schewtschenko befanden. Am linken Flussufer befindet sich der ehemals jüdische Stadtteil Sadhora im ehemaligen Rajon Sadhora.

Am 12. Juni 2020 wurde die Stadt zum Zentrum der neu gegründeten Stadtgemeinde Tscherniwzi (Чернівецька міська громада/Tscherniwezka miska hromada). Zu dieser zählen auch die 2 in der untenstehenden Tabelle aufgelisteten DörferКабінет Міністрів України Розпорядження від 12 червня 2020 р. № 729-р "Про визначення адміністративних центрів та затвердження територій територіальних громад Чернівецької області"; bis dahin bildet sie die Stadtratsgemeinde Tscherniwzi (Чернівецька міська рада/Tscherniwezka miska rada) als Teil der direkt unter Oblastverwaltung stehenden Stadt Czernowitz.

Seit dem 17. Juli 2020 ist der Ort ein Teil des Rajons Tscherniwzi.Верховна Рада України; Постанова від 17.07.2020 № 807-IX "Про утворення та ліквідацію районів"

Folgende Orte sind neben dem Hauptort Czernowitz Teil der Gemeinde: Name ukrainisch transkribiert ukrainisch russisch rumänisch deutsch Korowija Коровія Коровия Corovia Korowia Tschorniwka Чорнівка Черновка Cernăuca Czernawka

Geschichte Kiewer Rus Eine befestigte Siedlung am linken Ufer des Pruths (im heutigen Stadtteil Lenkiwzi) stammt aus der Zeit der Kiewer Rus bzw. ihres Teilfürstentums Galizien-Wolhynien. Sie wurde unter dem Rurikiden-Fürst Jaroslaw Osmomysl gegründet, der zwischen 1153 und 1187 regierte. Einer Theorie zufolge wurde die Stadt in ihrer Anfangszeit Tschern (Schwarze Stadt) genannt. Dies kann auf die schwarze Farbe der Stadtmauern oder auf die Schwarzerde zurückgehen. Eine in dieser Region gelegene Stadt mit diesem Namen ist in der sogenannten Liste der fernen und der nahen russischen Städte aufgezählt, einem Anhang altrussischer Chroniken. Nach der mongolischen Invasion der Rus wurden die Herrscher von Galizien-Wolhynien 1259 gezwungen, die noch verbliebenen Festungen, darunter auch die Lenkiwzi-Burg, zu zerstören. Die Reste dieser Festung wurden jedoch bis ins 17. Jahrhundert weiterhin zu Verteidigungszwecken genutzt. Nach 1259 verlagerte sich die Bebauung auf das strategisch günstigere, höhere rechte Pruth-Ufer. Der neue Name Tscherniwzi/Tschernowzy wäre demnach ein ostslawisches Katoikonym und bedeutet also „die Bewohner von Tschern“.

Fürstentum Moldau Von 1359 bis 1774 gehörten die Stadt und ihre Umgebung zum Fürstentum Moldau, das ab 1512 in Vasallenabhängigkeit zum Osmanischen Reich stand. Aus dieser Zeit stammt auch die erste urkundliche Erwähnung der Stadt als Zollstelle (8. Oktober 1408nach byzantinischer Zeitrechnung: 8. Oktober 6916. Da es nicht sicher ist, ob das moldauische Jahr am 1. September oder am 1. März beginnt, könnte es auch der 8. Oktober 1407 gewesen sein. Vgl. F. Kaindl: Geschichte von Czernowitz. Czernowitz 1908, Anm. 2/5.) in einem Handelsbrief zwischen dem moldauischen Fürsten Alexandru cel Bun (Alexander der Gute)F. Kaindl: Geschichte von Czernowitz. Czernowitz 1908, S. 23. und Kaufleuten aus Lemberg (damals im Königreich Polen). In osmanischen Quellen wurde die Stadt als Çernovi bezeichnet, eine phonetische Transliteration eines lateinischen Cognomens, das „neue Burg“ bedeutet (vgl. franz. Castelnau oder wal. Carno). Im 15. Jahrhundert war Czernowitz ein Marktflecken im Einzugsgebiet des wichtigen Warenumschlagplatzes Suceava und wurde 1497 während des Kriegs zwischen Stefan cel Mare (Stefan dem Großen) und Polen niedergebrannt.

Habsburgermonarchie mini|hochkant|Wappen der Stadt Czernowitz (1908) 1774 wurde Czernowitz wie die gesamte Bukowina von Österreich besetzt und nach Verhandlungen mit der osmanischen Seite 1775 offiziell Teil der Habsburgermonarchie. In dieser vorerst zum Königreich Galizien und Lodomerien gehörig, hatte die Stadt 1816 erst 5.400 Einwohner.Meyers Konversations-Lexikon, 5. Auflage, Bibliographisches Institut, Leipzig und Wien 1895, 4. Band, S. 459 f. Die Kreuzerhöhungsbasilika war 1814 das erste gemauerte Gebäude. 1849 wurde das Herzogtum Bukowina als eigenes Kronland mit der Landeshauptstadt Czernowitz konstituiert, 1861 der Bukowiner Landtag eingerichtet. In der 1867 gebildeten Doppelmonarchie Österreich-Ungarn gehörte das Land bis 1918 zu „den im Reichsrat vertretenen Königreichen und Ländern“ (Cisleithanien) mit deren gemeinsamer k.k. Regierung in Wien.

Die in den 1860er Jahren errichtete Lutherische Kirche ist heute Archiv.

1875 wurde von Kaiser Franz Joseph I. anlässlich der 100-jährigen Zugehörigkeit zu Österreich eine Universität mit deutscher Unterrichtssprache gegründet, die Franz-Josephs-Universität Czernowitz. Sie umfasste 1893 eine griechisch-orientalisch theologische, eine rechts- und staatswissenschaftliche und eine philosophische Fakultät und besaß eine Bibliothek mit 50.000 Bänden, einen botanischen Garten, ein chemisches Labor und ein naturhistorisches Museum. 1892/93 unterrichteten 40 Lehrer 281 Studierende.

Der Großteil der ostjüdischen Bevölkerung hatte sich schon von Ende des 18. bis Mitte des 19. Jahrhunderts aus Galizien kommend in der Bukowina angesiedelt und verwendete statt des Jiddischen immer stärker die deutsche Sprache. Die deutschsprachige Kultur von Czernowitz wurde hauptsächlich von der jüdischen Bevölkerung getragen. Im Jahr 1880 waren um die 30 Prozent der Bevölkerung von Czernowitz Juden.Jews & Slavs – Festschrift Professor Jacob Allerhand, Israel Academy of Sciences and Humanities, 2001, S. 265

Bistumssitz

Nach Radautz war Czernowitz Bistumssitz der griechisch-orthodoxen Diözese.

Blüte mini|Rathaus mini|Das 1905 eröffnete Stadttheater (heute: Olha-Kobylianski-Theater) ist baugleich mit dem Stadttheater im bayerischen Fürth 1895 vermerkte ein Lexikon für Czernowitz eine neue griechisch-orientalische Domkirche (vollendet 1864), eine armenisch-katholische Kirche (1875), eine neue Jesuitenkirche, den Israelitischen Tempel Czernowitz, eine griechisch-orientalische erzbischöfliche Residenz und 54.000 Einwohner (27.000 Deutsche, 10.000 Ruthenen, 8.000 Polen und 8.000 Rumänen), darunter 17.000 Juden. (In der Literatur wird für alle Gebiete im östlichen Altösterreich darauf hingewiesen, dass die Einwohner mit jiddischer Muttersprache zumeist Deutsch als Muttersprache angegeben haben, da Jiddisch nicht als eigenständige Sprache anerkannt war.) Zur Wirtschaft wurden eine Bierbrauerei, zwei Dampfmühlen, eine Sägemühle, eine Ölfabrik, eine Maschinenfabrik und reger Handel insbesondere nach Russland und Rumänien festgehalten. An Schulen wurden ein Obergymnasium, eine Oberrealschule, eine Staatsgewerbeschule, Lehrer- und Lehrerinnenbildungsanstalt und eine landwirtschaftliche Lehranstalt registriert, für die Kultur das Landesmuseum und ein Theater angeführt. 1897 wurde auch die Straßenbahn Czernowitz eröffnet; diese verkehrte bis 1967. mini|Ansichtskarte von Czernowitz mit berühmten Gebäuden (1912) In Czernowitz entstand eine multikulturelle Stadtbevölkerung, die aus Juden, Deutschen, Rumänen, Ukrainern und Polen bestand. Die im öffentlichen Leben und in der Wirtschaft dominierende Sprache war das Deutsche. In Czernowitz, und auch in anderen Teilen der Bukowina, bildete sich eine spezifische, deutschsprachige Kultur heraus, die insbesondere in den Städten präsent war und bis in die 1940er Jahre existierte. Es gab auch ein prosperierendes KulturlebenIon Lihaciu: Die Entwicklung der Musikszene in der Bukowina (pdf, 2011) und zahlreiche deutschsprachige Presseerzeugnisse, die unter anderem auf die österreichische Herrschaft zurückgingen. Darunter fiel auch die Herausbildung von Postkarten und Ansichtskarten, in denen Czernowitz und die übrige Bukowina als Musterbeispiele innerhalb des Habsburgerreiches dargestellt wurden. Jene Karten zeigten dabei idealisierte Ansichten aus der Bukowina mit Czernowitz als Vorzeigestadt. Neben der Wirkung zugunsten des entstehenden Tourismus war die Produktion und die Verbreitung der Post- und Ansichtskarten, welche insbesondere von der jüdisch-christlichen deutschsprachigen Bevölkerung betrieben wurde, auch ein Mittel um die Stadt und das Kronland stärker an Österreich-Ungarn zu binden.

Im Ersten Weltkrieg war die Stadt zwischen August 1914 und August 1917 dreimal für insgesamt rund 19 Monate von der russischen Armee besetzt.Artikel „Czernowitz“ in: Der Große Brockhaus, 15. Auflage. Die dritte Besetzung dauerte vom 18. Juni 1916 bis zum 3. August 1917.Andrei Corbea-Hoisie: Czernowitzer Geschichten: über eine städtische Kultur in Mittelosteuropa, S. 150 (online). Böhlau 2003, ISBN 978-3-205-77034-3.

In Czernowitz geboren oder aufgewachsen sind unter anderem die Schriftsteller und Dichter Paul Celan, Rose Ausländer, Selma Meerbaum-Eisinger, Klara Blum, Alfred Margul-Sperber, Ludwig Adolf Staufe-Simiginowicz, Immanuel Weissglas, Itzik Manger, Gregor von Rezzori, Aharon Appelfeld, aber auch der Komponist Ludwig Rottenberg und der Opernsänger Joseph Schmidt. Auch das jiddische Kulturleben in der Stadt blühte; 1908 fand in der Stadt die internationale Konferenz für die jiddische Sprache statt. Mit Olha Kobyljanska lebte in Czernowitz auch eine der bedeutendsten ukrainischen Schriftstellerinnen.

Rumänien (1918–1940) mini|hochkant|Wappen der Zwischenkriegszeit Österreich-Ungarn zerfiel Ende Oktober 1918. Galizien schloss sich der entstehenden Zweiten Polnischen Republik an; der Widerstand der Ukrainer (Ruthenen) Ostgaliziens, die ihre Westukrainische Republik ausriefen (zu der Teile der Bukowina gehören sollten), wurde von Polen schließlich militärisch niedergekämpft (die von den Ukrainern verlangte Teilung Galiziens fand erst ab 1944 statt). Die Bukowina ging daraufhin im Königreich Rumänien auf, was ebenfalls von den Ukrainern des ehemaligen Kronlandes nicht gewünscht war. Der Anschluss an Rumänien wurde mit der Furcht vor der Vereinnahmung durch Sowjetrussland begründet und am 28. November 1918 (nach julianischem Kalender 15. November) in der Residenz des bukowinischen Erzbischofs und Politikers Basil von Repta erklärt. Rumänien war die Bukowina von der Triple Entente in einem geheimen Vertrag schon im August 1916 zugesagt worden, um das Land zum Kriegseintritt gegen Österreich-Ungarn zu bewegen.Zbyněk A. Zeman: Der Zusammenbruch des Habsburgerreiches, Verlag für Geschichte und Politik, Wien 1963, S. 205; Original: The Break-Up of the Habsburg Empire, Oxford University Press, 1961

Am 10. September 1919 wurde die Übernahme des Landes durch Rumänien im Vertrag von St. Germain sanktioniert.Johannes Uray (2011) Czernowitz wurde auf Rumänisch Cernăuţi genannt. Großrumänien, wie es ab 1919 hieß, führte an der Universität mit Beginn des Wintersemesters 1919/20 Rumänisch als Unterrichtssprache ein, was zur Abwanderung der meisten deutschen Professoren führte. Der rumänische Staat versuchte, die gesamte Bukowina kulturell zu rumänisieren, was jedoch nur begrenzt erfolgreich war.

Für 1925 werden „etwa 90.000 Einwohner“ auf einem Stadtgebiet von 52 km² angegeben, davon 40 % Juden und je 20 % Deutsche, Rumänen und Ukrainer. Tschernowitz war damals Hauptstadt des gleichnamigen rumänischen Kreises (Județ) und Sitz zahlreicher Behörden, darunter einer Eisenbahndirektion. Die Wirtschaft umfasste zu dieser Zeit neben Mühlen, Brauereien und Spiritusfabriken auch Unternehmen der Lederwarenindustrie.