mini|Arno Schickedanz Arno Schickedanz (* Eintrag im (lettisch: Rīgas Doms) in Riga; † Ende April 1945 in Berlin) war ein Diplomat in der Zeit des Nationalsozialismus, der sowohl im Außenpolitischen Amt der NSDAP (APA) als auch im Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete (RMfdbO) in führenden Positionen arbeitete. Beide NS-Behörden standen unter der Leitung des Parteiideologen Alfred Rosenberg, den Schickedanz bereits seit seiner Jugendzeit kannte. Die Bedeutung von Schickedanz lag insbesondere in seiner Rolle als Programmatiker des Antisemitismus in allen Dienststellen von Rosenberg.H.D. Heilmann: Aus dem Kriegstagebuch des Diplomaten Otto Bräutigam. In: Götz Aly u. a. (Hrsg.): Biedermann und Schreibtischtäter. Materialien zur deutschen Täter-Biographie, Institut für Sozialforschung in Hamburg: Beiträge zur nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik 4, Berlin 1987, S. 173. Ihm wurde die Priorität für den Begriff „Gegenrasse“ eingeräumt. Insbesondere beim Ausbau des Außenpolitischen Amtes war Schickedanz die zentrale Figur. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs beging Schickedanz erweiterten Suizid.

Herkunft und Prägungen Schickedanz lernte Alfred Rosenberg, der in der estnischen Stadt Reval aufwuchs, in seiner lettischen Heimatstadt Riga kennen, wo Rosenberg seit 1910 am Polytechnikum studierte. Beide Städte gehörten damals zu Russland. In der Literatur wird Schickedanz unter anderen als ein „Schulfreund“ und „Corpsbruder“ von Rosenberg bezeichnet. Die Angabe des Schulfreundes bezieht sich auf das gemeinsame Studium am Polytechnikum in Riga; und Corpsbruder auf das 1875 gegründete Corps Rubonia, in dem Rosenberg und Schickedanz am selben Tag, dem 2. März 1911, Mitglieder wurden.Philisterverband der Rubonia: Album Rubonorum 1875–1972. Bearb. von Woldemar Helb (Alb. Rub.275). Erlangen ? 1972/73. Schickedanz blieb aufgrund dieser früh entstandenen Bindung einer der wenigen Duzfreunde von Rosenberg. Die Verbindung zu Rosenberg hatte prägenden Charakter und bestimmte fortan sein gesamtes Leben entscheidend mit.

Gemeinsam mit Rosenberg hat er dem Album Rubonorum zufolge ab Sommer 1915 auch sein Studium in Moskau fortgesetzt und im Januar 1918 dort seinen Abschluss in Chemie gemacht.Woldemar Helb: Album Rubonorum, 4. Auflage, Philisterverband der Rubonia 1972. Somit hat er mit der Herrschaft der Bolschewisten persönliche Erfahrungen gemacht.Michael Kellogg: (2005) The Russian Roots of Nazism. White Émigrés and the making of National Socialism 1917–1945. ISBN 0-521-84512-2, S. 83 Im Herbst 1918 meldete er sich als Freiwilliger zu einem Deutschen Kavallerieregiment und nahm somit als Soldat des Deutschen Heeres am Ersten Weltkrieg teil. Vor Kriegsende im Jahre 1918 arbeitete Schickedanz zusammen mit Erwin von Scheubner-Richter, Otto von Kursell und Max Hildebert Boehm für die deutschen Besatzer in der „Pressestelle Ober Ost VIII“ in Riga. Otto von Kursell, mit dem Schickedanz bis dahin zusammengearbeitet hatte, war neben Ernst Friedrich Tode der erste, den wiederum Rosenberg nach seinem Umzug nach München Ende 1918 aufsuchte.Alfred Rosenberg: Letzte Aufzeichnungen, Göttingen 1955, S. 66, 71. Im Jahre 1919 gehörte er der Baltischen Landeswehr an, die im Mai 1919 das von den Bolschewiki besetzte Riga zurückeroberte.

Weimarer Republik Politischer Schriftsteller Während der frühen zwanziger Jahre war Schickedanz Mitarbeiter in der von Max von Scheubner-Richter ins Leben gerufenen Wirtschaftlichen Aufbau-Vereinigung, in der er zusammen mit von Scheubner-Richter und Biskupski die täglichen Geschäfte erledigte.Michael Kellogg: (2005) The Russian Roots of Nazism. White Émigrés and the making of National Socialism 1917–1945. ISBN 0-521-84512-2, S. 128 Schickedanz war zugleich stellvertretender DirektorJohannes Baur: Die Russische Kolonie in München 1900–1945: deutsch-russische Beziehungen im 20. Jahrhundert, Harrassowitz Verlag 1998, ISBN 3-447-04023-8, S. 186 und persönlicher Sekretär von Biskupski, des Vizepräsidenten der Organisation. Gemeinsam vereinbarten Schickedanz und Biskupski mit dem russischen Thronanwärter, dem Großfürsten Kyrill Wladimirowitsch Romanow, dass General LudendorffMichael Kellogg: (2005) The Russian Roots of Nazism. White Émigrés and the making of National Socialism 1917–1945. ISBN 0-521-84512-2, S. 223 Gelder in Höhe von 500.000 Goldmark zur Förderung der gemeinsamen nationalen deutsch-russischen Sache nutzen konnte.Michael Kellogg: (2005) The Russian Roots of Nazism. White Émigrés and the making of National Socialism 1917–1945. ISBN 0-521-84512-2, S. 248

Schickedanz unterstützte von Scheubner-Richter auch bei der Herausgabe der Wochenschrift „Wirtschaftspolitische Aufbau-Korrespondenz über Ostfragen und ihre Bedeutung für Deutschland“. Von 1923 bis 1933 war Schickedanz Leiter des Berliner Büros der antisemitischen Tageszeitung Völkischer Beobachter.Andreas Zellhuber: „Unsere Verwaltung treibt einer Katastrophe zu …“. Das Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete und die deutsche Besatzungsherrschaft in der Sowjetunion 1941–1945. Vögel, München 2006, S. 64, ISBN 3-89650-213-1. (Angegebene Quellen: Kuusisto, Rosenberg, S. 45 und S. 111 sowie Jacobson, NS-Außenpolitik, S. 56 f.) Aufgrund seiner Teilnahme am Hitlerputsch zählte Schickedanz später zu den „Alten Kämpfern“ und erhielt den so genannten „Blutorden“.Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich: Wer war was vor und nach 1945. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 2007, S. 533. (Klee schrieb, dass Schickedanz bis 1945 Stabsleiter im APA war. Das APA wurde allerdings bereits im Frühjahr 1943 aufgelöst.)

1927 veröffentlichte Schickedanz die gnostisch und apokalyptischReinhard W. Sonnenschmidt: Politische Gnosis. Entfremdungsglaube und Unsterblichkeitsillusion in spätantiker Religion und politischer Philosophie, München 2001, ISBN 3-7705-3626-6; Klaus Vondung: Die Apokalypse in Deutschland. München 1988, ISBN 3-423-04488-8. anmutende sowie radikal antisemitische Schrift Das Judentum – eine Gegenrasse, 1928 dann inhaltlich daran anschließend die Schrift Sozialparasitismus im Völkerleben, in der er die Juden als eine „Rasse“ von Parasiten und Schädlingen hinstellte. Auf die letztgenannte Veröffentlichung bezog sich dann ausdrücklich Rosenberg und übernahm Begriff und Idee einer parasitären „Gegenrasse“ in seinem erstmals 1930 erschienenen Mythus des 20. Jahrhunderts.Alfred Rosenberg: Der Mythus des 20. Jahrhunderts. Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit, München 1930, S. 437, 439.

Das Ressentiment, das Joseph Goebbels gegen Rosenberg in jener Zeit aufgebaut hatte, schlug sich auch auf dessen Abgesandte nieder. Am 16. Februar 1930 notierte Goebbels über Schickedanz: „Er fragte, ob ich etwas gegen ihn hätte. Ich habe ihm reinen Wein eingeschenkt. Er ist persönlich wohl anständig. Aber er hat nichts zu essen. Und ein Balte!“ Goebbels’ Haltung änderte jedoch nichts daran, dass Schickedanz in jenen Jahren der Weimarer Republik eine recht enge Bindung zu Adolf Hitler aufbauen konnte. Schickedanz trat zum 1. Februar 1930 der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 193.773).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/37270923

Außenpolitische Ausrichtung Am 14. September 1930 wurde Rosenberg als NSDAP-Abgeordneter für den Wahlkreis Hessen-Darmstadt in den Reichstag gewählt, wo er im Außenpolitischen Ausschuss tätig wurde. Rosenberg bedrängte Schickedanz im Frühjahr 1932 erfolglos, dass er seinen Wohnsitz nach Berlin verlegen solle, um sich einen Platz auf der Kandidatenliste für die Reichstagswahlen zu verschaffen. Vermutet wird, dass die mangelnde Präsenz von Schickedanz in Berlin zu jenem Zeitpunkt zur Ablehnung dieses Vorschlags geführt haben könnte. Schickedanz wurde erst 1936, drei Jahre nach der nationalsozialistischen „Machtergreifung“, Mitglied des Reichstags. Allerdings engagierte sich Schickedanz in jenen Tagen für Rosenbergs außenpolitische Interessen. Schickedanz war es, der 1931 für Rosenberg die Verbindung zu dem baltisch-britischen Journalisten und Baron Wilhelm de Ropp und dessen ehemaligen Kriegsbekannten Major Frederick William Winterbotham herstellte.Ernst Piper: Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe, München 2005, S. 300. Wilhelm de Ropp, der von den Sowjets enteignet wurde und Mitarbeiter der Tageszeitung The Times sowie Auslandsvertreter der Bristol Aeroplane Company war, wurde später ein bedeutsamer Vertrauensmann Rosenbergs in London.

Nationalsozialismus Stabsleiter im Außenpolitischen Amt Nachdem Rosenberg am 1. April 1933 zum Leiter des Außenpolitischen Amtes der NSDAP ernannt worden war, erhielt Schickedanz in dieser Behörde die hohe Position eines Stabsleiters. Diese Position behielt Schickedanz bis zur Auflösung des APA im Frühjahr 1943. In der Aufbauphase des APA war Schickedanz noch vor Thilo von Trotha Rosenbergs wichtigster Mann.Ernst Piper: Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe, München 2005, S. 291. Schickedanz leitete zwei der sechs Hauptämter, nämlich das Personalamt und die Hauptabteilung V „Ostproblem“. Ernst Piper schrieb 2005 dazu: „Damit war er zum einen für die Personalpolitik zuständig, was ihm einen zentralen Einfluss auf den Gang der Dinge sicherte, zum anderen für den Ostraum, der für die Arbeit des APA zunächst eher von untergeordneter Bedeutung war, aber langfristig natürlich für den rassistischen Expansionismus die entscheidende Perspektive bot.“ Bis Herbst 1933 leitete Schickedanz zudem das für die Politik des APA äußerst bedeutsame Referat Osteuropa. Danach wurde die Leitung des Referats, das eine eigene Hauptabteilung bildete, von Georg Leibbrandt übernommen.

Am 26. Dezember 1934 bekundete Rosenberg sein Interesse an einer Verbindung mit König Karl II. von Rumänien, wobei er zur Herstellung dieser Verbindung Schickedanz einsetzen wollte. Rosenberg schrieb an jenem Tag in sein Tagebuch: „Es kommt Weihnachten, ich muß Lecca mit einigen tröstenden Worten nach fast 3 Wochen Aufenthalt wieder nach Bukarest schicken. Hoffentlich gelingt es, im Januar die abgerissenen Fäden wieder aufzunehmen. Die Bindung Rumäniens an D.[eutschland] ist wirklich aller Mühe wert. Schickedanz müsste hier den König privatim sprechen, um einen Freundschaftsvertrag vorzubereiten, mit ›unserer‹ Gesandtschaft ist alles möglich.“Hans-Günther Seraphim: Das politische Tagebuch Alfred Rosenbergs. 1934/35 und 1939/40. Göttingen / Berlin / Frankfurt 1956, S. 61 f. (Anpassung des Zitats an die ref. dt. Rechtschr.)