mini|Titelblatt eines frühneuzeitlichen Drucks des Regimen sanitatis Salernitanum, Venedig 1480 Als Regimen sanitatis (lateinisch für Gesundheitslehre oder „Gesundheitsregeln“, auch Ordnung der Gesundheit) oder Gesundheitsregimen wird eine Literaturgattung vor allem der Fachliteratur des späten Mittelalters und der Frühen Neuzeit bezeichnet, die sich vornehmlich mit der Erhaltung der Gesundheit mit Hilfe der sex res non naturales, d. h. der vom Menschen steuerbaren Verhaltensweisen und Umweltbedingungen beschäftigt.Vgl. Haage/Wegner, S. 217 Zu den sechs diätetischGundolf Keil: Vegetarisch. In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 34, 2015 (2016), S. 29–68, hier S. 32–33. ausgerichteten res non naturalesWolfram Schmitt: Res non naturales. In: Lexikon des Mittelalters. Band 7 (1995), Sp. 751–752. gehören die (eingeatmete) Luft (aer), das Schlafen und Wachen (somnus et vigilia), Ruhe und Bewegung (exercitium), Völle und Leere des Körpers (repletio et evacuatio), der Gemütszustand bzw. die Leidenschaften (accidentia animae) und die NahrungMelitta Weiss Adamson: Medieval dietetics. Food and drink in Regimen sanitatis literature from 800 to 1400. Frankfurt am Main 1995 (= German studies in Canada. Band 5). (cibus et potus).Ria Jansen-Sieben: Mittelniederländische Kochbücher: medizinisch oder kulinarisch? In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 16, 1997, S. 191–202, hier S. 191.Gundolf Keil: Meurer (auch Sprottau), Johann (Hans). In: Verfasserlexikon. 2. Auflage. Band 6, Sp. 468–469, hier Sp. 469 (zu Meurers Gesundheitsregiment Doctrina bona et utilis). Über eine durch die Lebensführung mögliche Gestaltung der res non naturales im Sinne deren Ausgewogenheit sollten zur Erhaltung bzw. Wiederherstellung von Gesundheit die sex res naturales (Elemente, Temperamente, Leibessäfte, Hauptorgane, deren Wirkkräfte und deren Aufgaben sowie die spiritus als Funktionsvermittler) beeinflusst werden.Gundolf Keil: Regimina. 2005, S. 1225. Im Gegensatz zu den als nicht in der (konstanten) „Natur“ des Menschen liegend angesehenen sex res non naturales galten die sex res naturales als nicht durch die Änderung der Lebensweise beeinflussbar.Ortrun Riha: Mittelalterliche Heilkunst. Das Arzneibuch Ortolfs von Baierland (um 1300). Deutscher Wissenschafts-Verlag, Baden-Baden 2014, ISBN 978-3-86888-071-7, S. 12–13. Arabischsprachige medizinische Lehrwerke des 10. und 11. Jahrhunderts enthalten neben allgemeinen Darstellungen einer gesunden Lebensweise bereits spezielle Gesundheitsregimina für bestimmte Persongruppen wie Säuglinge, Kinder, alte Menschen, Schwangere und Reisende.Wolfram Schmitt: Theorie der Gesundheit und „Regimen sanitatis“ im Mittelalter. 1973, S. 91–92, 116, 120 und 124. Anfänge der zunächst in lateinischer Sprache verfassten Gesundheitsregeln bzw. DiätetikVgl. etwa Wolfram Schmitt: Theorie der Gesundheit und „Regimen sanitatis“ im Mittelalter. Medizinische Habilitationsschrift Heidelberg 1973. finden sich in der deutschen Fachprosa seit dem 14. Jahrhundert.Gundolf Keil: Der Hausvater als Arzt. In: Trude Ehlert (Hrsg.): Haushalt und Familie in Mittelalter und früher Neuzeit (Vorträge eines interdisziplinären Symposions vom 6.–9. Juni 1990 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn). Mit einem Register von Ralf Nelles, Jan Thorbecke, Sigmaringen 1991, ISBN 379954156X, S. 219–243, hier: S. 228–229. Die älteste auf der antik-mittelalterlichen Diätetik beruhende Gesundheitslehre für Mönche stellt das im 15. Jahrhundert verfasste Erfurter Kartäuserregimen dar. Eine Gesundheitslehre für Gelehrte entstand zwischen 1482 und 1489 durch Marsilio Ficino, und im Jahr 1502 veröffentlichte der Theologe Johann Ulrich Surgant (latinisiert Johannes Ulricus Surgant; um 1450 – 1503) in Basel sein Regimen studiosorum, eine Gesundheitslehre speziell für Studenten.Werner Friedrich Kümmel: Der Homo litteratus und die Kunst, gesund zu leben. Zur Entwicklung eines Zweiges der Diätetik im Humanismus. In: Rudolf Schmitz, Gundolf Keil (Hrsg.): Humanismus und Medizin. Acta humaniora, Weinheim an der Bergstraße 1984 (= Deutsche Forschungsgemeinschaft: Mitteilungen der Kommission für Humanismusforschung. Band 11), S. 67–85, hier: S. 72–85.Vgl. auch Robertus Gropretrius: Regimen sanitatis […] non solum medicis, verum etiam omnibus studiosis perneccarium et utile. Paris 1539.

Überlieferungsgeschichte Zu den Überlieferungstraditionen derartiger, seit dem Frühmittelalter sich im westlichen als auch im arabisch-islamischen Raum als Handbücher mit Lebensregeln und eine der Hauptgattungen medizinischen SchrifttumsBernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 232–237 (Schriften zur Diätetik). herausgebildeten RegiminaGundolf Keil: Regimina. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1225–1226. gehören

die Secreta secretorum,Vgl. etwa Wolfgang Hirth: Studien zu den Gesundheitsregeln des sogenannten Secretum secretorum unter besonderer Berücksichtigung der Prosaüberlieferung. Philosophische Dissertation Heidelberg 1969; Heidelberg 1971.

das früher oft der Schule von Salerno zugeschriebene und als Gesundheitslehre in Versen um 1275 entstandene Regimen sanitatis Salernitanum,Johann Christian Gottlieb Ackermann: Regimen sanitatis Salerni sive Scholae Salernitanae De conservanda bona valetudine praecepta. Stendal 1790Gundolf Keil: ‚Regimen sanitatis Salernitanum‘. In: Werner E. Gerabek u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. 2005, S. 1224–1225.Rolf Schott (Hrsg.): Die Kunst sich gesund zu ernähren. Regimen sanitatis salernitanum. Rom 1954; 2. Auflage Zürich/Stuttgart 1964 (= Lebendige Antike).

die 1317 durch Probst Arnold von BambergGünter Kallinich, Karin Figala: Das ‚Regimen sanitatis‘ des Arnold von Bamberg. In: Sudhoffs Archiv. Band 56, 1972, S. 44–60. abgeschlossene und für Rudolf von Hohenberg verfasste Ordnung der Gesundheit,Christa Hagenmeyer: Die ‚Ordnung der Gesundheit‘ für Rudolf von Hohenberg. Untersuchungen zur diätetischen Fachprosa des Spätmittelalters mit kritischer Textausgabe. Stuttgart 1973; zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1972.

das um 1315Gundolf Keil: Die deutsche Isaak-Judäus-Rezeption vom 13. bis zum 15. Jahrhundert. Shaker, Aachen 2015 (= Europäische Wissenschaftsbeziehungen, Supplement 2), ISBN 978-3-8440-3933-7, S. 82–83. entstandene, seit Beginn des 15. Jahrhunderts auch in deutsche Sprache übersetzteBernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben 2003, 232 und 234. langgefasste „Urregimen“Christa Hagenmeyer (1995), S. 63–118.Walter Buckl: Zum 650. Todestag Konrads von Eichstätt. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 11, 1993, S. 227–234, hier S. 230. Konrads von EichstättDeutsche Ausgabe: Dis biechlin saget wie sich ein yegklich mensch halten sol durch das gantz jar, mit essen, trincken, schlafen, wachen unnd baden. Als das beschreyben Avicenna, Galienus, Almansor und ander natürlich meister […]. Freiburg im Breisgau (gedruckt bei Johann Wörlin) 1523. Hrsg. (mit einem Beiheft) von Julius Arndt, Steingrüben Verlag, Stuttgart 1965.Gerhard Eis: Die Groß-Schützener Gesundheitslehre. Studien zur Geschichte der deutschen Kultur im Südosten. Brünn/München/Wien 1943 (= Südosteuropäische Arbeiten. Band 36).Gundolf Keil: Konrad von Eichstätt. In: Werner E. Gerabek u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. 2005, S. 773 f.Zu den Benennungen vgl. auch Hugo Faber: Eine Diätethik aus Montpellier („Sanitatis Conservator“), dem Ende des 14. Jahrhunderts entstammend und „Tractatus medicus de comestione et digestione vel Regimen sanitatis“ benannt. Medizinische Dissertation Leipzig 1921. (um 1275–1342),Manfred Peter Koch, Gundolf Keil: Konrad von Eichstätt. In: Verfasserlexikon. 2. Auflage. Band 5, Sp. 162–169.

die anonyme, im 14. Jahrhundert entstandene und auch Versatzstücke aus dem „Urregimen“ enthaltende Regel der Gesundheit,Gundolf Keil: ‚Regel der Gesundheit‘. In: Werner E. Gerabek u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. 2005, S. 1223.

Bearbeitungen von Heinrich Laufenberg,Karl Baas: Heinrich Louffenberg von Freiburg und sein Gesundheitsregiment (1429). In: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins. Neue Folge, 21, 1906, S. 363 ff. Maino De Maineri († 1368)Magninus Mediolanensis: Regimen sanitatis. Straßburg (Johann Prüss d. Ä.) 1503. und Ortolf von Baierland sowie

die teilweise versifizierten Formen der Zwölfmonatsregeln (Regimen duodecim mensium).

Ein neuerer Begriff ist der des Gesundheitskatechismus.

Die Rezeption der Regimina sanitatis im deutschsprachigen Raum setzte im 13. Jahrhundert mit dem Deutschen salernitanischen ArzneibuchC. Külz, E. Külz-Trosse (Hrsg.): Das Breslauer Arzneibuch. R[hedigeranus] 291 der Stadtbibliothek. Teil 1: Text. Dresden 1908, S. 1–116. ein.Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben 2003, 232–233. Eine Blütezeit erlebten die Regimina als populärwissenschaftliche Literaturgattung am Ende des 14. Jahrhunderts mit der Entstehung der reich illustrieren Tacuina sanitatis. Auch die mittelalterlichen „Hausbücher“ gehen auf die Regimina zurück.Christina Becela-Deller: Ruta graveolens L. Eine Heilpflanze in kunst- und kulturhistorischer Bedeutung. (Mathematisch-naturwissenschaftliche Dissertation Würzburg 1994) Königshausen & Neumann, Würzburg 1998 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen, Band 65), ISBN 3-8260-1667-X, S. 220.

Von dem erwähnten Regimen (sanitatis) Salernitanum,Karl Sudhoff: Zum Regimen sanitatis Salernitanum. In: Sudhoffs Archiv. Band 7, 1914, S. 360–362; Band 8, 1915, S. 292 f. und 352–373; Band 9, 1916, S. 221–249; Band 10, 1917, S. 91–101; Band 12, 1920, S. 149–180. genannt auch Flos medicinae (Salernitanae), einem von 364 (Anfang des 14. Jahrhunderts von Arnald von Villanova kommentierten) auf 3520Salvatore de Renzi, C. Daremberg, G. E. T. Henschel: Collectio Salernitana, ossia documenti inediti, e trattati di medicina appartenenti alla scuola medica salernitana., I–V, Tipografia del Filiatre-Sebezio, Neapel 1852–1859; Neudruck Bologna 1967 (= Bibliotheca di storia della medicina, II, 1–5). Verse angewachsenes Konglomerat medizinischer Merkverse, ist weder der Verfasser noch der Entstehungsort bekannt. Es wird inzwischen als pseudo-salernitanisch angesehen und nicht mehr als Produkt der Schule von Salerno zu ihrer Blütezeit im 12. Jahrhundert.Christina Becela-Deller: Ruta graveolens L. Eine Heilpflanze in kunst- und kulturhistorischer Bedeutung. (Mathematisch-naturwissenschaftliche Dissertation Würzburg 1994) Königshausen & Neumann, Würzburg 1998, S. 130 f. (Der Textkomplex des sogenannten ‘Regimen sanitatis salernitanum’).

Siehe auch Der Ring (Lehrgedicht) Diätetik

Literatur Übersichtsdarstellungen Bernhard Dietrich Haage, Wolfgang Wegner: Deutsche Fachliteratur der Artes in Mittelalter und Früher Neuzeit (= Grundlagen der Germanistik 43). Schmidt, Berlin 2007, ISBN 3-503-09801-1, S. 217–222. Gundolf Keil: Regimen sanitatis Salernitanum, Salernitanisches Gesundheitsgedicht, Flos medicinae. In: Verfasserlexikon. 2. Auflage. Band 7 (1989), Sp. 1105–1111. Gundolf Keil: Regimen sanitatis Salernitanum, Regimina. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1224–1226.