Die SPD Hessen ist der Landesverband der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) im Land Hessen. Sie war Ende 2025 mit rund 40.000 Mitgliedern die mitgliederstärkste Partei in Hessen. Vorsitzender ist seit März 2024 Sören Bartol und Generalsekretärin Josefine Koebe.
Geschichte
Im Kaiserreich Bei der Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins am 23. Mai 1863 waren auch Sozialdemokraten aus dem heutigen Hessen vertreten. Die zweite Generalversammlung fand in Frankfurt am Main statt. Im Jahr 1867 bildete sich auch ein Ortsverein in Kassel. Bekanntestes Gründungsmitglied wurde Wilhelm Pfannkuch. Seit der Fusion 1875 trat die Partei als Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands auf. Unter den Sozialistengesetzen und dem Dreiklassenwahlrecht in Preußen bzw. des Zensuswahlrecht im Großherzogtum Hessen konnte sie jedoch nur geringen Einfluss ausüben.
1884 wurden mit Carl Ulrich und Franz Jöst erstmals Sozialdemokraten in den hessischen Landtag gewählt. Seit Herbst 1890 trat die Partei als SPD auf.
Am 22. Februar 1891 fand der erste sozialdemokratische Parteitag für Hessen-Darmstadt und Hessen-Nassau in Frankfurt am Main statt. Diese (damals länderübergreifende) Organisationsform (der heutige Bezirk Hessen-Süd der SPD) war gewählt worden, da die preußischen und hessischen Gebiete keine geschlossene geographische Einheit bildeten. Vertreten waren Delegierte aus dem Großherzogtum und aus dem Regierungsbezirk Wiesbaden. Die nordhessischen Kreise waren nicht vertreten. Eine dreiköpfige Kommission mit Sitz in Frankfurt bildete den organisatorischen Kern des Bezirksverbandes. Die Frankfurter Volksstimme wurde zum alleinigen Parteiblatt des Bezirks erklärt und die anderen vier bestehenden Parteizeitungen eingestellt.Gerhard Beier: Arbeiterbewegung in Hessen. Zur Geschichte der hessischen Arbeiterbewegung durch einhundertfünfzig Jahre (1834–1984). Insel, Frankfurt am Main 1984, ISBN 3-458-14213-4, S. 202–206.
Die SPD steigerte ihre Stimmenanteile kontinuierlich und erreichte 1911 33,7 % der Stimmen. Im Landtag des Großherzogtums Hessen verfügte sie über folgende Sitze:Wahlergebnisse Landstände
Jahr 1884 1887 1890 1890/1 1890/2 1897 1899 1902 1905 1908 1911 Sitze 2 2 3 3 4 5 6 6 5 8 8
Ein vergleichbares Bild ergab sich auch bei den Reichstagswahlen:Wahlergebnisse Reichstag
Jahr 1871 1874 1877 1878 1881 1884 1887 1890 1893 1898 1903 1907 1912 Prozente 3,2 % 5,3 % 8,7 % 10,4 % 12,2 % 15,9 % 11,3 % 20,8 % 24,6 % 33,9 % 35,5 % 32,7 % 39,3 % Sitze 0 0 0 0 1 1 0 2 2 2 2 2 4
In der Weimarer Republik Die Novemberrevolution führte auch in Hessen zu revolutionären Ereignissen. Wie anderswo im Land bildeten sich Arbeiter und Soldatenräte, an denen Sozialdemokraten aktiv beteiligt waren. Am 8. November 1918 kam es in Hessen zu einer Revolte eines Teils der in der damaligen Landeshauptstadt Darmstadt stationierten Truppen. Großherzog Ernst Ludwig reagierte darauf mit der Benennung eines Staatsrates in dem jeweils zwei Vertreter der im Landtag vertretenen Parteien und der Großherzog mit seinen Ministern vertreten waren. In diesem Gremium trat die SPD für eine Abdankung des Großherzogs ein. Der Großherzog lehnte dieses Ansinnen ab. Daraufhin erklärte der Darmstädter Arbeiter- und Soldatenrat am 9. November 1918 die Absetzung des Großherzogs. Mit der Anerkennung dieser Absetzung durch den Vorsitzenden der SPD-Fraktion Carl Ulrich war diese Absetzung Fakt und Hessen-Darmstadt offiziell Volksstaat bzw. Republik geworden.
Der Arbeiter- und Soldatenrat beauftragte Ulrich mit der Regierungsbildung. Am 14. November wurde die Übergangsregierung aus Carl Ulrich, Heinrich Fulda (SPD), Konrad Henrich (Fortschrittspartei) und Otto von Brentano di Tremezzo (Zentrum) gebildet. Auch wenn die Republik durch den Arbeiter- und Soldatenrat geschaffen wurde, war Carl Ulrich ein entschiedener Anhänger der repräsentativen Demokratie. Am 27. November wies er die Behörden des Landes an, Anordnungen nicht mehr von den Räten, sondern ausschließlich von der Regierung anzunehmen. Gleichzeitig wurden freie Wahlen für den 26. Januar 1919 angesetzt.Friedrich Knöpp: Der Volksstaat Hessen 1918–1933. In: Uwe Schultz: Geschichte Hessen. Stuttgart 1983, ISBN 3-8062-0332-6.
Bei der Wahl zum Landtag des Volksstaates Hessen wurde die SPD mit 44 % klar stärkste Partei und bildete mit der DDP und dem Zentrum eine große Koalition. Die USPD konnte den Einfluss, den sie in den Räten ausgeübt hatte, nicht in Parlamentssitze umsetzen und kam abgeschlagen auf 1,5 %.
Bei den Landtagswahlen erreichte die SPD folgende Ergebnisse: Jahr 1919 1921 1924 1927 1931 1932 Prozente 44,0 % 32,6 % 35,2 % 32,6 % 37,1 % 23,1 % Sitze 31 24 26 24 27 17
Carl Ulrich wurde erster demokratisch gewählter Ministerpräsident und blieb bis 1928 in diesem Amt, bis sein Parteifreund Bernhard Adelung dieses Amt übernahm.
Während die SPD in den 1920er Jahren immer deutlich stärkste Fraktion geworden war (wobei das herausragende Ergebnis der ersten Wahl bereits bei den Kommunalwahlen im Volksstaat Hessen 1919/1920 nicht mehr erreicht wurde), brach die Partei bei der Landtagswahl im Volksstaat Hessen 1932 ein und wurde mit 23,1 % nur noch zweitstärkste Partei nach der NSDAP, die 44,0 % erreicht hatte. Insbesondere in den Hochburgen der SPD in Nord- und Mittelhessen waren die Nationalsozialisten besonders stark geworden. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten büßten die Sozialdemokraten die Möglichkeit einer legalen politischen Arbeit ein.
Am 7. Juli hob die Verordnung zur Sicherung der Staatsführung des Reichsinnenministers Frick sämtliche SPD-Abgeordnetenmandate im hessischen Landtag und den Gemeindeparlamenten auf,Text der Verordnung zur Sicherung der Staatsführung vom 7. Juli 1933. In: Reichsgesetzblatt; auf ALEX am 14. Juli schließlich folgte das Gesetz gegen die Neubildung von Parteien.Gesetz gegen die Neubildung von Parteien vom 14. Juli 1933. Im Reichsgesetzblatt, Teil I Nr. 81 vom 15. Juli 1933, S. 479ff., Digitalisat Das Vermögen der Partei wurde durch die neuen Machthaber beschlagnahmt und wurde erst nach dem Krieg restituiert.
Neuaufbau nach dem Krieg Während der Zeit des Nationalsozialismus war eine offizielle Parteiarbeit nicht möglich. Die Sozialdemokraten in Hessen versuchten, im Untergrund konspirativ Organisationsstrukturen aufrechtzuerhalten und mit den Organisationen der SPD im Exil zu vernetzen. Nach dem Krieg sollten diese Strukturen dazu beitragen, dass die SPD in Hessen unter allen Parteien am schnellsten eine neue Organisationsstruktur aufbauen konnten. Auch half beim Aufbau, dass die amerikanische Besatzungsmacht hauptsächlich Sozialdemokraten in führende Ämter einsetzte. So wurden alle Regierungspräsidenten in Groß-Hessen mit SPD-Mitgliedern besetzt: Ludwig Bergsträsser wurde Regierungspräsident im Regierungsbezirk Darmstadt, Fritz Hoch im Regierungsbezirk Kassel und Martin Nischalke im Regierungsbezirk Wiesbaden.
Am 15. Juli 1945 bildete sich eine provisorische Landesparteileitung der SPD. Dieser gehörten Wilhelm Knothe als Vorsitzender sowie Franz Ulrich, Rudi Menzer, Heinrich Zinnkann und Johannes Maaß an. Am 19. September 1945 wurden mit der Proklamation 2 von General Dwight D. Eisenhower das Land „Groß-Hessen“ gebildet. Mit Bescheid der Militärregierung vom 23. November 1945 wurde der Partei eine Arbeit auf Landesebene gestattet. Vorangegangen war die Erlaubnis der Besatzungsbehörden vom 27. August 1945 zur Bildung von Parteien auf Kreisebene. In der Folge bildeten sich flächendeckend ein Netz von Orts- und Kreisvereinen.
Im am 19. Februar 1946 ernannten Beratenden Landesausschuss stellte jede der vier zugelassenen Parteien SPD, CDU, KPD und LDP je zwölf Mitglieder. Dies entsprach aber nicht den Mehrheitsverhältnissen in der Bevölkerung, wie sich in den folgenden Wahlen zeigte.
Die Diskussion über das Verhältnis der SPD zur KPD prägte die innerparteiliche Diskussion des Jahres 1945. Unter dem Eindruck der Zwangsvereinigung von SPD und KPD in der SBZ entschied sich aber eine klare Mehrheit der hessischen Sozialdemokraten für ein eigenständiges Auftreten. Am 30. Dezember 1945 verabschiedete der Landesvorstand eine Entschließung, nach dem die SPD mit einer eigenen Liste in den Wahlen auftreten sollte. Auch die Parteikonferenz aller Landesvorstände der SPD der amerikanischen Zone am 6. Januar 1946 sprach sich mit 148 gegen 6 Stimmen gegen einen Zusammenschluss aus.Axel Ulrich: Für Frieden, Freiheit … 1995, S. 27–30.
Bei den Kommunalwahlen Anfang 1946 zeigte sich die Richtigkeit dieser Politik. Die SPD erreichte 43,2 %. Gemeinsam mit der KPD (9,3 %) hatte sich die Mehrheit der Bevölkerung für die beiden Arbeiterparteien entscheiden. Auch die Wahl zur Verfassungsgebenden Landesversammlung bestätigte dieses Bild: Die SPD erhielt 44,3 % der Stimmen und konnte gemeinsam mit der KPD (9,7 %) die Versammlung bestimmen. Bei der Diskussion der Verfassung des Landes Hessen konnte sich die SPD mit ihren Vorstellungen daher weitgehend durchsetzen.
Bei der Landtagswahl in Hessen 1946 erreichte die SPD 42,7 % der Stimmen und war auf einen Koalitionspartner angewiesen. Sie entschied sich aufgrund der Erfahrungen in der SBZ nicht für eine Volksfront-Regierung mit der KPD, sondern für eine Große Koalition mit der CDU, die damals in Hessen eine dezidiert linke Politik vertrat. Erster gewählter Ministerpräsident wurde Christian Stock (SPD).
Der Aufbau eines Landesverbandes Hessen erfolgte eher stockend. Es bildeten sich die Bezirke Hessen-Süd (Regierungspräsidium Darmstadt und Wiesbaden) und Hessen-Nord (Regierungspräsidium Kassel). Diese Bezirksverbände (die noch über Jahrzehnte die eigentlichen Machtzentren in der Partei sein sollten) konnten sich nicht auf ein Organisationsstatut für den Landesverband einigen. Im Mai 1947 kam man überein, dass ein Landespräsidium gebildet werden solle, in das beide Bezirke Mitglieder entsenden würden. Der Landesvorstand solle nur in Ausnahmefällen tagen und bestand aus den Vorständen beider Bezirke. Ein originäres Gremium auf Landesebene sollte lediglich der Landesparteitag sein (der über die Landtagswahlliste entscheiden musste), der aufgrund der Mitgliederstärke der jeweiligen Organisationen beschickt wurde.Gerhard Beier: SPD Hessen, Chronik 1945 bis 1988. Bonn 1989, ISBN 3-8012-0146-5, S. 73.
Die Ära Zinn
Auf der gemeinsamen Sitzung der Vorstände der SPD-Bezirke Hessen-Süd und Hessen-Nord am 15. Oktober 1947 wurde der hessische Justizminister Georg August Zinn anstelle von Knothe als hessischer Landesvorsitzender gewählt.Gerhard Beier: SPD Hessen, Chronik 1945 bis 1988. Bonn 1989, ISBN 3-8012-0146-5, S. 81. Auch zur Landtagswahl in Hessen 1950 trat Zinn als Spitzenkandidat an und errang einen historischen Wahlsieg. Zwar steigerte die SPD ihren Stimmenanteil nur geringfügig auf 44,4 %, erreichte aber aufgrund des Wahlrechtes und des Ausscheidens der KPD aus dem Landtag eine absolute Mehrheit im Parlament. Georg August Zinn wurde zum Ministerpräsidenten gewählt und setzte die Tradition des sprichwörtlichen „roten Hessens“ damit fort.
Eine wichtige Basis des Erfolges war die Einbindung des GB/BHE in die Landespolitik. Bedingt durch seine zentrale Lage war Hessen bevorzugtes Ziel von Flüchtlingen aus den deutschen Ostgebieten und der DDR geworden. Diese fanden ihre politische Heimat vielfach im BHE. Bereits am 10. Januar 1952 fand ein erstes Gespräch zwischen Zinn und dem BHE-Fraktionssekretär Anno von Gebhardt über eine Zusammenarbeit statt. Ergebnis dieser Gespräche ist eine förmliche Vereinbarung zwischen SPD und BHE über eine Zusammenarbeit, der die Gremien des BHE am 31. März 1952 zustimmen.Gerhard Beier: SPD Hessen, Chronik 1945 bis 1988. Bonn 1989, ISBN 3-8012-0146-5, S. 141, 145. Auf Basis dieser Zusammenarbeit konnte sowohl nach der Landtagswahl in Hessen 1954 als auch 1958 eine Koalition mit dem BHE gebildet werden. Sogar nachdem die SPD 1962 eine absolute Mehrheit geholt hatte, wurde die Koalition (nun mit der Gesamtdeutschen Partei) fortgesetzt.