mini|hochkant=1.5|Das Hotel Adlon in Berlin: Ab 1933 befand sich das Außenpolitische Amt (APA) von Alfred Rosenberg in einem Seitenflügel des Gebäudes.Reinhard Bollmus: Das Amt Rosenberg und seine Gegner. Studien zum Machtkampf im nationalsozialistischen Herrschaftssystem. Stuttgart 1970, S. 19 und 42. Später wurde das APA auf der Margarethenstraße 18 eingerichtet; ebenso Sitz des Amts Rosenberg und des Zentralamts des Einsatzstabs Reichsleiter Rosenberg.Ernst Piper: Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe. München 2005, S. 489 (anders als Bollmus schrieb Piper den Straßennamen mit h = „Margarethenstraße“).

Das Außenpolitische Amt der NSDAP (A.P.A. bzw. APA) wurde unmittelbar nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten im April 1933 im Berliner Hotel Adlon eingerichtet. Das APA stand unter der Leitung des NS-Chefideologen Alfred Rosenberg. Neben dem Auswärtigen Amt (AA) unter der Leitung von Neurath, der Auslandsorganisation (NSDAP/AO) von Ernst Wilhelm Bohle, dem „Außenpolitischen Amt für Sonderfragen“ (nach ihrem Chef Joachim von Ribbentrop auch „Dienststelle Ribbentrop“ genannt) und zum Teil dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda (RMVP) von Joseph Goebbels war das APA eine zentrale Behörde für die NS-Außenpolitik.Reinhard Bollmus: Das Amt Rosenberg und seine Gegner. Studien zum Machtkampf im nationalsozialistischen Herrschaftssystem. Stuttgart 1970, S. 241.

Im Oktober 1935 wurden die handelspolitischen Politikfelder des APA an die bereits 1921 gegründete Nordische Gesellschaft übergeben. Rosenberg setzte Hinrich Lohse an die Spitze der Nordischen Gesellschaft und gab dem APA eine stärkere kulturpolitische Ausrichtung. Offiziell ab 1940 wurden vom Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR), der vom APA aus organisiert wurde, Kunstraub-Aktionen in ganz Europa durchgeführt.

Spätestens als Rosenberg im Juli 1941 zum Leiter des Reichsministeriums für die besetzten Ostgebiete (RMfdbO) ernannt wurde, verlor das APA seine politische Bedeutung und Funktion. Zahlreiche Mitarbeiter des APA arbeiteten fortan im RMfdbO. Im Februar 1943 wurde das APA im Rahmen der Maßnahmen des „totalen Kriegseinsatzes“ stillgelegt.

Rosenbergs Rolle in der Außenpolitik

Ideologie und Bedeutung Bevor Alfred Rosenberg im Jahre 1933 Leiter des Außenpolitischen Amtes (APA) wurde, konnte er bereits eine längere Karriere im Politikfeld der nationalsozialistischen Außenpolitik für sich verbuchen. Rosenberg war seit der Gründungsphase der Deutschen Arbeiterpartei (DAP) im Jahre 1919 einer der führenden außenpolitischen Ideologen. Seine frühen Schriften in der Zeit der Weimarer Republik, insbesondere sein Glaube an eine Verzahnung von Judentum und Bolschewismus, machten ihn „sehr schnell zu einem, wenn nicht dem Ostexperten der ›Bewegung‹“.Andreas Zellhuber: „Unsere Verwaltung treibt einer Katastrophe zu …“. Das Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete und die deutsche Besatzungsherrschaft in der Sowjetunion 1941–1945. München 2006, S. 62, ISBN 3-89650-213-1. (Quellen: Hans-Adolf Jacobson: Krieg in Weltanschauung und Praxis. In: Karl Dietrich Bracher u. a.: Nationalsozialistische Diktatur 1933–1945. Bonn 1986, S. 427–439. Hermann Graml: Der nationalsozialistische Krieg. In: Norbert Frei u. a.: Der nationalsozialistische Krieg. Frankfurt a. M. 1990, S. 11–31. Jörg Stange: Zur Legitimation der Gewalt innerhalb der nationalsozialistischen Ideologie. Frankfurt a. M. 1987.) Bereits Rosenbergs erste Veröffentlichungen im Völkischen Beobachter galten den Themen Zionismus und „jüdischer Bolschewismus“.Walter Laqueur: Deutschland und Russland. Frankfurt a. M./ Berlin 1965, S. 93. Die in seiner im Jahre 1922 veröffentlichten Schrift Pest in Russland vorgenommene „Gleichsetzung von Bolschewismus und Judentum“ sowie die unbedingte Forderung nach Gegnerschaft zu Sowjetrussland haben nicht zuletzt nach Ansicht der Historiker Bollmus und Zellhuber „maßgeblich“ einen Eindruck bei Adolf Hitler hinterlassen.Andreas Zellhuber: „Unsere Verwaltung treibt einer Katastrophe zu …“ Das Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete und die deutsche Besatzungsherrschaft in der Sowjetunion 1941–1945. München 2006, S. 32. (Hinweis auf Bollmus: Amt Rosenberg. S. 224 f; O’Sullivan: Furcht und Faszination. S. 282; Kuusisto: Rosenberg. S. 29 und Fest: Hitler. S. 169, 202 und 308.) Der Historiker Klaus Hildebrandt beschrieb die Rolle des NS-Chefideologen Alfred Rosenberg in der nationalsozialistischen Außenpolitik als Hitlers „Ideengeber“.Andreas Zellhuber: „Unsere Verwaltung treibt einer Katastrophe zu …“. Das Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete und die deutsche Besatzungsherrschaft in der Sowjetunion 1941–1945. München 2006, S. 48. (Quelle: Wolfgang Michalka: Die nationalsozialistische Außenpolitik im Zeichen eines Konzeptionen-Pluralismus. In: Manfred Funke (Hrsg.): Hitler, Deutschland und die Mächte. S. 46–62.) Dennoch gab es in der NS-Außenpolitik von Beginn an einen Pluralismus von Konzeptionen. Hildebrandt beschrieb neben der Rolle von Rosenberg insgesamt vier größere außenpolitische Positionen innerhalb der NSDAP: 1. das Konzept einer „großen Ostlösung“, das von den „wilhelminischen Imperialisten“ um Franz von Epp, Hjalmar Schacht und Hermann Göring vertreten worden sei; 2. ein weiteres Konzept der „revolutionären Sozialisten“ des „linken“ Parteiflügels um Joseph Goebbels, Gregor Strasser und Otto Strasser; 3. dann das Konzept der „radikal-agrarischen Artamanen“ um Heinrich Himmler und Walter Darré sowie 4. das „Programm“ von Adolf Hitler. Rosenbergs Anspruch, neben Hitler der maßgebliche Außenpolitiker zu sein, unterstrich er Ende der 1920er Jahre in seiner politischen Praxis.

Außenpolitische Praxis Im Jahre 1927 gab Rosenberg in einer Rede über nationalsozialistische Außenpolitik auf dem Nürnberger Parteitag der NSDAP die Absicht bekannt, „den nationalsozialistischen Gedanken in Kreise zu tragen, die durch Massenversammlungen im allgemeinen nicht erfasst werden können“.Reinhard Bollmus: Das Amt Rosenberg und seine Gegner. Studien zum Machtkampf im nationalsozialistischen Herrschaftssystem. Stuttgart 1970, S. 27 (Quelle: VB vom 21. und 22. August 1927). Im selben Jahr veröffentlichte er eine Abhandlung mit dem Titel Zukunftsweg einer deutschen Außenpolitik aus seiner rassenpolitischen Perspektive, die selbst jenseits der Grenzen von Deutschland rezipiert wurde und den Parteiideologen auch im Ausland bekannt werden ließ, vor allem in Großbritannien.Andreas Zellhuber: „Unsere Verwaltung treibt einer Katastrophe zu …“. Das Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete und die deutsche Besatzungsherrschaft in der Sowjetunion 1941–1945. München 2006, S. 63 f. In dieser Schrift plädierte er für eine Aufteilung Russlands in mehrere Staaten, insbesondere für eine selbständige Ukraine, eine geopolitische „Raumgewinnung“ nach Osten und die koloniale Ansiedlung von Deutschen in Osteuropa; alles Themen, die ihn Anfang der 1940er Jahre als Leiter des Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete (RMfdbO) erneut beschäftigt hatten.Hans-Günther Seraphim: Das politische Tagebuch Alfred Rosenbergs. 1934/35 und 1939/40. Göttingen / Berlin / Frankfurt 1956, S. 4 f. Am 14. September 1930 wurde Rosenberg als NSDAP-Abgeordneter für den Wahlkreis Hessen-Darmstadt in den Reichstag gewählt, wo er neben dem späteren Innenminister Wilhelm Frick im Außenpolitischen Ausschuss tätig wurde.Ernst Piper: Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe. München 2005, S. 290. Andreas Zellhuber: „Unsere Verwaltung treibt einer Katastrophe zu …“. Das Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete und die deutsche Besatzungsherrschaft in der Sowjetunion 1941–1945. München 2006, S. 63. Seine Politik als Abgeordneter richtete sich insbesondere auf die deutsche Minderheit in Polen und auf das bolschewistische Regime in Russland, wobei er einen strikt antipolnischen und antisowjetischen Kurs einforderte.

mini| Rosenberg sitzt mit Anzug und Krawatte (Bildmitte) neben Joseph Goebbels (links) an einem Tisch im Berliner Sportpalast (1932).

Besonders sein Jugendfreund Arno Schickedanz engagierte sich in jenen Tagen für Rosenbergs außenpolitische Interessen. Schickedanz hatte Ende 1931 für Rosenberg die Verbindung zu dem baltisch-britischen Journalisten und Baron Wilhelm de Ropp und dessen ehemaligen Kriegsbekannten Major Frederick William Winterbotham hergestellt.Ernst Piper: Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe. München 2005, S. 300. Wilhelm de Ropp, der von den Sowjets enteignet wurde und Mitarbeiter der Tageszeitung The Times sowie Auslandsvertreter der Bristol Aeroplane Company war, wurde später ein bedeutsamer Vertrauensmann von Rosenberg in London. Im Jahre 1932 folgte eine weitere Reise nach Großbritannien, die wegen ihres Misserfolgs verschwiegen wurde, und im Mai 1933 die so genannte „zweite Reise“. Bei seinen Aufenthalten in Großbritannien führte Rosenberg unter den kritischen Augen der englischen Presse und Öffentlichkeit auch Gespräche auf der Ministerebene, wobei „sein Werben um den potenziellen Bündnispartner und seine Versuche, die Bedenken der englischen Politik gegenüber dem NS-Regime und seiner judenfeindlichen Politik auszuräumen, erfolglos“ blieb. Im Mai 1932 wiederholte Rosenberg seine politischen Zielsetzungen in den von ihm herausgegebenen Nationalsozialistischen Monatsheften, wo er „Grund und Boden“ für das „deutsche Volk“ in „Europa, in allererster Linie im Osten“ forderte.Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof Nürnberg 14. November 1945 – 1. Oktober 1946. Band V. München / Zürich 1984, S. 56. Im November 1932 wurde er von der „Königlich Italienischen Akademie“ zu einer Europatagung in Rom zum so genannten „Volta-Kongress“ eingeladen, wo er in einem Vortrag mit dem Titel „Krisis und Neugeburt Europas“ ausführte, dass sich England, Frankreich, Deutschland und Italien zu einem „Gesamteuropa“ verbünden und gemeinsam in sämtliche Himmelsrichtungen ausdehnen sollten; eine politische Idee, die allgemein auf Ablehnung stieß.Franz Theodor Hart: Alfred Rosenberg. Der Mann und sein Werk. 2. Auflage. München 1935, S. 84 ff. IMG, Band XVIII, S. 128. Rosenberg 1943: Schriften 1917–1919. Einleitung, S. CI. Rosenberg 1955: Letzte Aufzeichnungen. S. 222 und 270.

Geschichte des Außenpolitischen Amts

Institutionalisierungsphase Am 1. April 1933, fünf Tage nach dem Reichstagsbrand, wurde Alfred Rosenberg von Adolf Hitler zum Reichsleiter und zum „Leiter des Außenpolitischen Amtes“ (APA) ernannt.Franz Theodor Hart: Alfred Rosenberg. Der Mann und sein Werk. 2. Auflage. München 1935, S. 46 . Reinhard Bollmus: Das Amt Rosenberg und seine Gegner. Studien zum Machtkampf im nationalsozialistischen Herrschaftssystem. Stuttgart 1970, S. 19 f. In der Aufbauphase des APA war Rosenbergs Jugendfreund Arno Schickedanz noch vor Thilo von Trotha der wichtigste Mann.Ernst Piper: Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe. München 2005, S. 291. Als Leiter des Personalamts und der Hauptabteilung V „Ostproblem“, also zwei der sechs Hauptämter des APA, war Schickedanz unter anderem für die Ostpolitik zuständig, die dem APA laut Piper langfristig „für den rassistischen Expansionismus die entscheidende Perspektive bot“. Leiter der England-Abteilung des APA wurde ein Kapitänleutnant a. D. Obermüller.Hans-Günther Seraphim: Das politische Tagebuch Alfred Rosenbergs. 1934/35 und 1939/40. Göttingen / Berlin / Frankfurt 1956, S. 29. (Anm.: Horst Obermüller?)