mini|Ludger Kühnhardt (2017) Ludger Kühnhardt (* 4. Juni 1958 in Münster, Westfalen) ist ein deutscher Politikwissenschaftler, Publizist und Journalist. Bis zu seiner EmeritierungAus diesem Anlass fand ein Workshop an der Bonner Universität mit namhaften Teilnehmerinnen und Teilnehmern zur Frage der Ambivalenz des Fortschrittsbegriffs statt: https://www.zei.uni-bonn.de/de/ueber-zei/archiv/workshop-ambivalenz-des-fortschritts im Juli 2024 war er von 1991 bis 1997 Professor für Wissenschaftliche Politik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und von 1997 bis 2024 Direktor am Zentrum für Europäische Integrationsforschung (ZEI) der Universität Bonn und Professor am dortigen Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie.

Leben und Wirken Ludger Kühnhardt wurde als ältestes von vier Kindern des Augenarztes Gerhard Kühnhardt und der Kindergärtnerin Irmgard Kühnhardt, geborene Hoffmann, in Münster geboren. Nach dem Abitur am Goethe-Gymnasium in Ibbenbüren absolvierte Kühnhardt 1977/78 eine Redakteursausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München. Danach arbeitete er als freiberuflicher Journalist vor allem für Christ und Welt (später zum Rheinischen Merkur fusioniert), die Deutsche Welle und den Westdeutschen Rundfunk. 1979 wurde ihm der Katholische Deutsche Journalistenpreis verliehen. Kühnhardt führte ausgedehnte journalistische Reportagereisen durch Asien und Afrika durch und drehte Dokumentarfilme für Fernsehen und Schulunterricht in Südkorea, Bangladesch und Indien. Seinen Zivildienst leistete er in der Betreuung von Flüchtlingen (Boatpeople) aus Vietnam.Zu Elternhaus und Werdegang: Ludger Kühnhardt. Impulsgeber zwischen Wissenschaft, Politik und Publizistik. Eine Werkbiographie. Springer VS: Wiesbaden, 2023, S. 9–38, ISBN 978-3-658-40174-0 (Print), ISBN 978-3-658-40175-7 (E-Book).

Das Studium der Fächer Geschichte, Philosophie und Politische Wissenschaft beendete er 1983 mit der Promotion bei Karl Dietrich Bracher an der Universität Bonn. Seine Dissertation trägt den Titel Die Flüchtlingsfrage als Weltordnungsproblem. Forschungsstudien führten ihn in der Vorbereitung der Promotion in die Archive des Völkerbundes und des UNHCR nach Genf sowie in Flüchtlingslager in aller Welt. Aufbaustudien unternahm Kühnhardt 1983/84 an der Sophia-Universität Tokio und an der International Christian University in Tokio sowie 1984/85 an der Harvard University in Cambridge (Massachusetts). Anschließend arbeitete er als letzter wissenschaftlicher Assistent von Karl Dietrich Bracher vor dessen Emeritierung in Bonn.Ein Lebensbild verbunden mit persönlichen Erinnerungen widmete er Karl Dietrich Bracher zu dessen 100. Geburtstag: Ludger Kühnhardt. Karl Dietrich Bracher (1922–2015). Aus der Geschichte lernen. Bonn 2022, ISBN 978-3-946195-13-9. Im Januar 1987 wurde er von der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn habilitiert. Seine Habilitationsschrift unter dem Titel Die Universalität der Menschenrechte. Studie zur ideengeschichtlichen Bestimmung eines politischen Schlüsselbegriffs gilt als Standardwerk.Ludger Kühnhardt. Impulsgeber zwischen Wissenschaft, Politik und Publizistik. Eine Werkbiographie. S. 111–208.

Von März 1987 bis Juni 1989 arbeitete Kühnhardt als Redenschreiber für Bundespräsident Richard von Weizsäcker im Bundespräsidialamt.Tagebuchaufzeichnungen aus seiner Zeit als Mitarbeiter des Bundespräsidenten erschienen zum 100. Geburtstag von Richard von Weizsäcker: Ludger Kühnhardt. Richard von Weizsäcker (1920-2015). Momentaufnahmen und Denkwege eines europäischen Staatsmannes. Bonn 2020. Nachdruck in: Ludger Kühnhardt. Impulsgeber zwischen Wissenschaft, Politik und Publizistik. Eine Werkbiographie. S. 228–247. Forschungsstudien führte er danach am St Antony’s College in Oxford durch. 1990/91 nahm er eine Lehrstuhlvertretung für Politische Wissenschaft an der Bonner Universität wahr und von 1990 bis 1992 eine Gastprofessur im Historischen Seminar der Universität Jena, die den Aufbau der dortigen Politischen Wissenschaft nach der deutschen Wiedervereinigung unterstützte. 1991 wurde Kühnhardt vom baden-württembergischen Wissenschaftsminister auf den Lehrstuhl für Wissenschaftliche Politik (in der Nachfolge von Arnold Bergstraesser und Wilhelm Hennis) an der Universität Freiburg berufen. 1994/95 war er als Dekan seiner dortigen Fakultät in der akademischen Selbstverwaltung tätig.Ludger Kühnhardt. Impulsgeber zwischen Wissenschaft, Politik und Publizistik. Eine Werkbiographie. S. 248–315.

1997 wurde Ludger Kühnhardt als Direktor an das im Zuge des wissenschaftlichen Ausbau Bonns gegründete Zentrum für Europäische Integrationsforschung (ZEI) der Universität Bonn berufen. Dieser Ruf war verbunden mit einer gleichzeitigen Berufung als Professor für Politische Wissenschaft an das Bonner Seminar für Politische Wissenschaft (heute Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie). Gemeinsam mit Jürgen von Hagen (Wirtschaftswissenschaftler) und Christian Koenig baute Kühnhardt das ZEI über mehr als 25 Jahre als international weit vernetzte Forschungs-, Beratungs- und Weiterbildungseinrichtung auf. Neben mehreren hundert Forschungsprojekten und Beratungsaktivitäten gewann der Master of European Studies – Governance and Regulation des ZEI mit Absolventen aus über einhundert Ländern der Erde internationalen Ruf.ZEI (ed.). Opening doors – Master of European Studies. Governance and Regulation 1998-2018. Bonn: ZEI, 2018, ISBN 978-3-941928-90-9.Christian Koenig / Ludger Kühnhardt (eds.). Transdisciplinary Research and Education in Regional Integration. 1995–2020 Zentrum für Europäische Integrationsforschung. Bonn: ZEI, 2020, ISBN 978-3-946195-01-6. Rufe nach Wien und Hongkong lehnte er ab.

Gastprofessuren und längere Forschungsaufenthalte führten Kühnhardt an das St Antony’s College in Oxford, die Universität Kapstadt, die Kasachische Nationale Universität „Al-Farabi“ in Almaty, das Collège d’Europe in Brügge, an das Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien, an die Stanford University, das Dartmouth College (New Hampshire), das Woodrow Wilson International Center for Scholars (Washington, D.C.), die Seoul National University, die University of Canterbury in Christchurch, die Tongji University in Shanghai und die Universidade Federal de Santa Catarina in Florianópolis, sowie über die Emeritierung hinaus weiterhin regelmäßig an die Università Cattolica del Sacro Cuore (Alta Scuola di Economia e Relazioni Internazionali (ASERI)) in Mailand (seit 1997),Universitá Cattolica di Sacro Cuore/ASERI. https://aseri.unicatt.it/aseri-who-we-are-faculty. an die Diplomatische Akademie Wien (seit 2002) und an die Mediterranean Academy of Diplomatic Studies (MEDAC) in Malta (seit 2007).Mediterranean Academy of Diplomatic Studies (MEDAC). https://www.facebook.com/um.medac/?locale=de_DE. Times of Malta, 21. Februar 2010. https://timesofmalta.com/article/medac-students-visit-germany.295011.

Kühnhardt war immer wieder als Berater politischer und kirchlicher Akteure tätig, beispielsweise für den Generalsekretär des Europarates, den Präsidenten des Europäischen Parlaments, das Parlament der westafrikanischen Regionalorganisation ECOWAS, den Generalsekretär der AKP-Staaten (heute: Organisation der Afrikanischen, Karibischen und Pazifischen Staaten OACPS) und die Deutsche Bischofskonferenz. Er unterstützte die Regierungen von Litauen, Lettland, Slowakei, Bulgarien und Kroatien auf dem Weg zur EU-Mitgliedschaft. Er war ehrenamtlich viele Jahre lang tätig im Governing Board der European Humanities University (EHU)https://en.ehu.lt/ in Vilnius, im Steering Committee der Königswinter Konferenz und der Young Leader Conferences der Atlantik-Brücke, beim Aufbau des West Africa Institut in Praia, im Beraterkreis für EU-Studien bei der Asia-Europe Foundation in Singapur sowie – wo er auch über seine Emeritierung hinaus weiterhin mitwirkt – im Kuratorium des Forum Mitteleuropa beim Sächsischen Landtag.Ludger Kühnhardt. Impulsgeber zwischen Wissenschaft, Politik und Publizistik. Eine Werkbiographie. passim. Forum Mitteleuropa beim Sächsischen Landtag. https://fme.landtag.sachsen.de/de/kuratorium-19141.cshtml. Auf Bitten von Bundeskanzler Helmut Kohl wirkte Kühnhardt 1992/94 in der CDU-Grundsatzkommission mit, die das erste Parteiprogramm nach der deutschen Wiedervereinigung erarbeitete.Ludger Kühnhardt. Impulsgeber zwischen Wissenschaft, Politik und Publizistik. Eine Werkbiographie. S. 315–326. Angebote für eine Karriere in der Politik schlug er aus. Nach Errichtung der Großen Koalition 2005 trat er aus der CDU aus, beschrieb sich als „politisch heimatlos“Ludger Kühnhardt. Impulsgeber zwischen Wissenschaft, Politik und Publizistik. Eine Werkbiographie S. 334. und blieb parteilos. Kühnhardt betreute über 30 Habilitationen und Dissertationen an den Universitäten Freiburg und Bonn. Mit seinen ehemaligen Doktorandinnen und Doktoranden pflegte er über drei Jahrzehnte eine regelmäßige lebendige Verbindung im Rahmen des „Freiburger Politikdialog/Bonner Europakolloquium“.Ludger Kühnhardt(Hrsg.). Im Gespräch bleiben. Politische Wissenschaft und berufliche Praxis. Freiburger Politikdialog/Bonner Europakolloquium (1994–2023). Nomos: Baden-Baden, 2023, ISBN 978-3-8487-8247-5 (Print), ISBN 978-3-7489-2677-1 (ePDF) Kühnhardt hat regelmäßig in führenden Tageszeitungen publiziert (Neue Zürcher Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Die Welt) und im Fernsehen (PhoenixPhoenix-Sendungen auf Youtube. https://www.youtube.com/results?search_query=K%C3%BChnhardt+Prof.Dr.Ludger.) als Kommentator politischer Ereignisse gewirkt. Er hat Vorträge in 101 Ländern der Erde gehalten.

Ludger Kühnhardt ist seit 1993 verheiratet mit der Ungarin Enikö Noemi, geborene Auer. Das Paar hat zwei Kinder. Kühnhardt ist römisch-katholisch.

Kühnhardt wurde 2004 der Europäische Wissenschaftspreis der Europäischen Kulturstiftung in Amsterdam verliehen. 2014 ernannte ihn das Woodrow Wilson International Center for Scholars in Washington, D.C. zu einem 'Global Fellow'.

Forschungsschwerpunkte und frühe Veröffentlichungen Als Wissenschaftler und Publizist befasst Kühnhardt sich in seinen Forschungen und in der Lehre mit Themen der politischen Ideengeschichte und einer normativ fundierten Demokratietheorie, mit Entwicklungsproblemen unter Berücksichtigung kultur- und religionswissenschaftlicher Perspektiven und Fragen der internationalen Ordnung sowie mit Grundsatzfragen der Europäischen Union und weltweit vergleichender Regionalintegration. Ihm geht es darum, Ereignisse und Prozesse der Zeitgeschichte multiperspektivisch einzuordnen, um sie besser verständlich zu machen und ihre jeweilige historisch-philosophische Bedeutung zu erfassen.

Bisher (Stand 2024) publizierte Kühnhardt 44 Monografien und Einzelveröffentlichungen, 28 Bücher als Co-Autor oder Mitherausgeber und insgesamt 1200 wissenschaftliche Aufsätze, Essays oder journalistische Beiträge in 25 Sprachen.Ludger Kühnhardt. Impulsgeber zwischen Wissenschaft, Politik und Publizistik. Eine Werkbiographie. S. 18. Dort findet sich auch das vollständige Schriftenverzeichnis von Kühnhardt, S. 1105–1186. Er hat 88 Bände in der Schriftenreihe des Zentrums für Europäische Integrationsforschung als Herausgeber betreut.