Die Geschichte der Juden in Ungarn (bzw. auf dem Gebiet des ehemaligen Königreichs Ungarn) beginnt gemäß jüdischen geschichtlichen Überlieferungen im Frühmittelalter, obwohl archäologische Zeugnisse einer jüdischen Präsenz schon aus römischer Zeit vorliegen. Nach Jahrhunderten einer wechselvollen Geschichte, mit den Verheerungen des Holocaust als Tiefpunkt, ist die Hauptstadt Budapest bis heute ein lebendiges Zentrum jüdischer Kultur. 300px|miniatur|Innenansicht der Großen Synagoge in Budapest

Geschichte Römische Antike mini|Detail der Grabstele der Claudia Maximilla, welche später durch eine jüdische Familie umgenutzt wurde, wobei auch mehrere Ritzungen von Menorot angebracht wurden (4. Jhdt. n. Chr., Fund aus Albertirsa) Archäologische Ausgrabungen bezeugen die Präsenz von Juden, die sich im Gefolge der römischen Truppen in den Provinzen Pannonien und Dakien niederließen. Insbesondere durch die in den östlichen Provinzen ausgehobenen Hilfstruppen gelangten Juden an die mittlere Donau. Damit entstanden die ersten Gemeinden und Synagogen. Heute sind vorrangig die von Juden in Auftrag gegebenen inschriftlichen Steindenkmäler als primäre Zeugnisse dieser Zeit zu nennen. Mit dem Untergang der römischen Donauprovinzen während der Völkerwanderung fiel Pannonien nach langen Machtkämpfen höchstwahrscheinlich im Jahr 433 n. Chr. offiziell an die Hunnen, wobei sich Städte wie Sirmium – heute bei Sremska Mitrovica – noch mindestens fast zehn Jahre erfolgreich gegen die neue Herrschaft wehrten und erst erobert werden mussten.Herwig Wolfram: Salzburg – Bayern – Österreich. Die Conversio Bagoariorum et Carantanorum und die Quellen ihrer Zeit. Oldenbourg Verlag, Wien 1995, ISBN 3-7029-0404-2, S. 104.

Die Truppen wurden während der Zeit des Prinzipats in Pannonien hauptsächlich entlang der Donaugrenze stationiert. In den zu den Kastellen gehörenden Lagerdörfern, die sich sehr häufig auch zu Handelszentren entwickelten, haben sich die Spuren dieser frühen Juden erhalten. Beispielsweise fand sich 1890 auf dem antiken Gräberfeld in der Flur Bánom bei Esztergom – in römischer Zeit Standort des Kastells Solva – eine rechteckige Inschriftentafel, die zu einem Grabbau gehört hat. Der für einen Iudatus und eine Kassia im 3. Jahrhundert n. Chr. angefertigte Stein erhielt eine einfache Ritzzeichnung des siebenarmigen Leuchters sowie darüber die folgende lateinisch-griechische Inschrift:; Zoltán Kádár: Die kleinasiatisch-syrischen Kulte zur Römerzeit in Ungarn. Brill, Leiden 1962. S. 42; Alexander Scheiber: Jewish inscriptions in Hungary, from the 3rd century to 1686. Akadémiai Kiadó, Budapest – Brill, Leiden 1983, ISBN 963-05-3304-9 / ISBN 978-963-05-3304-1, S. 42. Die Inschrift befindet sich heute im Jüdischen Museum in Budapest.

Μεμορια Iudati patiri et μεμορια Κασσιε εὐλ(ογία)

Die Bevölkerung des Lagerdorfs von Kastell Intercisa – heute Dunaújváros – stammte im 2. und 3. Jahrhundert zu einem nicht unbedeutenden Teil aus orientalisch geprägten Einwohnern, darunter auch Juden.Eszter B. Vágó, István Bóna: Die Gräberfelder von Intercisa I. Der spätrömische Südostfriedhof. Akadémiai Kiadó, Budapest 1976, ISBN 963-05-1139-8. S. 183.Zoltán Kádár: Die kleinasiatisch-syrischen Kulte zur Römerzeit in Ungarn. E. J. Brill, Leiden 1962. S. 19. Diese waren mit den hier zeitweilig stationierten Soldaten der im syrischen Homs ausgehobenen Cohors I milliaria Hemesenorum Aurelia Antoniniana sagittaria equitata civium Romanorum (1. teilberittene bogenschießende Doppelkohorte der Hemesaer römischen Bürgerrechts „Aurelia Antoniniana“) nach Intercisa gekommen. Der Zuzug der aus Syrien stammenden Zivilbevölkerung geschah in mehreren Wellen. Den Inschriften und Namen auf den Steindenkmälern nach scheint die orientalische Bevölkerungszahl in der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts die Mehrzahl der Bevölkerung in Intercisa gestellt zu haben.László Barkóczi: Pannonische Glasfunde in Ungarn. Akadémiai Kiadó, Budapest 1988, ISBN 963-05-4286-2, S. 34. In die Zeit zwischen 222 und 235 datiert von dort eine in der Wissenschaft kontrovers diskutierte Weiheinschrift. Die Inschrift ist von einer Tabula ansata umrahmt und dem Deus Aeternus – dem ewigen Gott – sowie dem Wohlergehen des damals regierenden Kaiser Severus Alexander (222–235) und der Kaisermutter Julia Mamaea gewidmet. Der Dedikant, ein gewisser Cosmius, war als Staatsbeamter Leiter der örtlichen Zoll- beziehungsweise Straßenstation (Praepositus stationis) und möglicherweise als Vorsteher der durch die Inschrift bezeugten Synagoge von Intercisa (Synagoga Iudeorum) tätig. Wie die Inschrift verrät, erfüllte er mit dem Stein ein Gelübde. Die Inschrift ist ein Zeugnis für die Verflechtung von monotheistischem Glauben und Kaiserkult.Zoltán Kádár: Die kleinasiatisch-syrischen Kulte zur Römerzeit in Ungarn. Brill Verlag, Leiden 1962, S. 25–26. Archäologisch lässt sich die Synagoge von Intercisa bisher nicht nachweisen. Die Fundamente eines kleinen Apsisgebäudes aus dem 4. Jahrhundert, die sich in der Nähe des antiken Westfriedhofs befinden und heute als Kulturdenkmal geschützt sind, wurden als Kirche interpretiert.Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 104.

Im Königreich Ungarn (bis 1540) Nachrömische jüdische Schriftquellen sind erst wieder aus der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts überliefert, als sich Juden aus Deutschland, Böhmen und Mähren auf ungarischem Gebiet ansiedelten. 1092 verbot die Kirche im Konzil zu Szabolcs Eheschließungen zwischen Juden und Christen, die Arbeit an christlichen Feiertagen sowie den Kauf von Sklaven. König Koloman schützte die in seinem Territorium wohnhaften Juden am Ende des 11. Jahrhunderts, als sie von einigen Kreuzrittern angegriffen wurden. Bedeutende jüdische Gemeinden entwickelten sich in Städten unter bischöflicher Herrschaft: Buda, Pressburg (das heutige Bratislava, wo erstmals 1251 eine jüdische Präsenz bezeugt ist), Tyrnau und Gran. Nachdem die ungarischen Juden im Laufe des 12. Jahrhunderts bedeutende Positionen im Wirtschaftsleben errungen hatten, ließ König Andreas II. in der Goldenen Bulle von 1222 eine Bestimmung einfügen, wonach die Juden von bestimmten Ämtern und von der Verleihung von Adelstiteln ausgeschlossen wurden. König Béla IV. legte den Status der Juden in einem Privileg von 1251 fest, das sich nach dem Muster ähnlicher Dokumente in den umgebenden Ländern richtete. Als Folge des Kirchenkonzils von Buda 1279 durften Juden kein Land pachten und wurden gezwungen, den Judenring zu tragen. Wegen des Einspruchs des Königs wurden jedoch diese Bestimmungen nicht konsequent angewandt.

Während der Herrschaft von Ludwig dem Großen (1342–1382) wurde der feindliche Einfluss der Kirche in jüdischen Angelegenheiten wiederum vorherrschend. Infolge des Ausbruchs des Schwarzen Todes wurden 1349 erstmals Juden aus Ungarn ausgewiesen. 1360 wurde eine allgemeine Ausweisung verordnet, doch um das Jahr 1364 durften einige Juden unter einschränkenden Bedingungen, z. B. bei der Berufsausübung, zurückkehren. 1365 setzte König Ludwig das Amt des „Judenrichters“ ein, der unter den Magnaten ausgewählt wurde. Seine Aufgaben betrafen jüdische Besitztümer, Erhebung und Einsammlung von Steuern, Vertretung der Juden bei den Behörden und Schutz der Rechte der jüdischen Bevölkerung. König Matthias Corvinus (1458–1490) veranlasste eine Verbesserung des Status der ungarischen Juden und gewährte gleichzeitig den Städten Schutz, deren Bewohner, vornehmlich deutschstämmige Kaufleute und Bankiers, in den Juden gefährliche Konkurrenten sahen.

1494 wurden bei einem Ritualmordprozess in Trnava 16 Juden auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts wurden die judenfeindlichen Maßnahmen in Pressburg, Buda und anderen Städten fortgesetzt. Auch die wirtschaftliche Situation der Juden verschlechterte sich: König Ladislaus II. annullierte sämtliche Schulden, die bei jüdischen Gläubigern ausstehend waren. 1515 wurden die Juden unter den direkten Schutz des Kaisers und ungarischen Kronprätendenten Maximilian I. gestellt. In dieser Zeit wurde eine entehrende Form des Judeneides eingeführt, der vor Gericht zu leisten war und bis Mitte des 19. Jahrhunderts Gültigkeit hatte.

In der Mitte des 14. Jahrhunderts befand sich die bedeutendste ungarische jüdische Gemeinde in Székesfehérvár (dt. Stuhlweißenburg), deren Gemeindevorsitzende („Parnasim“) die übrigen Gemeinden in ganz Ungarn verwalteten. Im Laufe des 15. Jahrhunderts gewann die Gemeinde in Buda an Bedeutung, als jüdische Flüchtlinge aus anderen Ländern sich dort niederließen. Über das geistige Leben der ungarischen Juden im Mittelalter ist wenig bekannt; es wird jedoch angenommen, dass es wegen der zerstreuten Lage der Gemeinden und der kleinen Mitgliederanzahl im Vergleich zu den Nachbarländern unbedeutend war. Der erste Rabbiner, dessen Ruf sich über Ungarn hinaus erstreckte, war Isaak Tyrnau. Er wirkte zu Beginn des 15. Jahrhunderts und beschreibt in der Einführung zu seinem Sefer ha-Minhagim („Buch der Gebräuche“) das niedrige Niveau des Torastudiums in Ungarn.

Unter osmanischer Herrschaft (1541–1686) Nach der ersten zeitweiligen Eroberung von Buda im Jahre 1526 schlossen sich dort viele jüdische Bewohner den Türken auf ihrem Rückzug an. In der Folge bildeten sich im ganzen Balkan Gemeinden von ungarischen Juden. Nachdem Mittelungarn 1541 dem Osmanischen Reich einverleibt worden war, verbesserte sich der Status der dortigen jüdischen Bevölkerung. Die Gemeinde in Buda vergrößerte sich, und auch Sephardim, die früher in Kleinasien und auf dem Balkan gelebt hatten, siedelten sich hier an.

In den habsburgisch beherrschten Gebieten Ungarns verstärkten sich in dieser Zeit die antijüdischen Ausschreitungen. 1529 wurden nach einem Ritualmordprozess in Bazin 30 Juden auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Die restlichen wurden, wie auch in Pressburg, Sopron und Trnava, aus der Stadt verwiesen. Die Magnaten im westlichen Ungarn gewährten jedoch den Vertriebenen Schutz.

In der Habsburgermonarchie (1686–1918) Äußere Entwicklungen Paul I. Fürst Esterházy nahm die Juden, die 1670 von Leopold I. aus Wien vertrieben worden waren, im Burgenland auf, wo den neu gegründeten Siebengemeinden 1690 ein Privileg gewährt wurde. In Siebenbürgen war der Status der Juden 1623 durch den protestantischen Herrscher Gábor Bethlen festgelegt worden.

Maria Theresia, die von 1740 bis 1780 regierte, war den Juden ungünstig gesinnt. 1744 wurde erstmals eine jährlich zu entrichtende „Toleranzsteuer“ von 20.000 Gulden erhoben, die sich laufend erhöhte und zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Betrag von 160.000 Gulden erreichte. Unter der Herrschaft von Maria Theresias Sohn Joseph II. verbesserte sich die Situation etwas, als im Jahre 1783 in einem Toleranzpatent den jüdischen Untertanen der Aufenthalt in königlichen Städten gestattet wurde. Mit dem Beginn des 18. Jahrhunderts begann die Bildung des modernen ungarischen Judentums, als zahlreiche Juden nach Ungarn einwanderten.

Während in der Volkszählung von 1735 11.612 Juden gezählt wurden, von denen ein Großteil aus Mähren und ein weiterer Teil aus Polen stammte, gab es 1787 in Ungarn etwa 81.000 Juden.

Die Diskussion um die Erteilung der Grundrechte an die jüdische Bevölkerung begann in Ungarn in den 1830er Jahren. Nachdem sich zahlreiche Juden an der fehlgeschlagenen Revolution von 1848 beteiligt hatten, erhob die österreichisch-ungarische Regierung eine Kollektivstrafe von 2,3 Millionen Gulden, die später auf eine Million reduziert und 1856 in Form eines Fonds für Schulen und wohltätige Einrichtungen zurückerstattet wurde. Die meisten Einschränkungen – Verpflichtung zum Judeneid, Notwendigkeit einer Eheerlaubnis, Verbot des Landbesitzes und andere – wurden 1859–60 aufgehoben und den Juden die Gewerbefreiheit sowie die Freizügigkeit gewährt.