mini|hochkant|Carl Gegenbaur, vor 1887 Carl Gegenbaur (* 21. August 1826 in Würzburg; † 14. Juni 1903 in Heidelberg) war ein deutscher Mediziner, Anatom, Zoologe, vergleichender Morphologe und Physiologe. Er war unter anderem Professor der Anatomie in Heidelberg, einer der bedeutendsten Wirbeltiermorphologen des 19. Jahrhunderts sowie einer der Väter der Evolutionsmorphologie, eines modernen Begriffs von Walter J. Bock und Dwight Davis (1908–1965). Sein offizielles zoologisches Autorenkürzel lautet „Gegenbaur“.
Leben Carl Gegenbaur war der Sohn des Justizbeamten Franz Joseph Gegenbaur (1792–1872) und dessen Ehefrau Elisabeth Karoline (1800–1866), geborene Roth (Carls Onkel, Joseph Roth, war ein 1807 in Miltenberg geborener und am 2. August 1868 in Würzburg gestorbener Landschafts- und Architekturmaler). Von seinen sieben Geschwistern starben vier sehr jung; sein um drei Jahre jüngerer Bruder wurde nur 25 Jahre und seine um 13 Jahre jüngere Schwester 38 Jahre alt.Biographie von G. Wagner, Heft 1, 1917, Nr. 19 (gesellschaft-medizinische-ausbildung.org PDF). Zeitweise wuchs Gegenbaur in Arnstein auf, wo er mit dem Priester, Bibliothekar und späteren bayerischen Abgeordneten Anton Ruland, einem Freund der Familie, bekannt geworden ist. 1838 besuchte Gegenbaur die Lateinschule und von 1838 bis 1845 in Würzburg das Gymnasium. Schon zu seiner Schulzeit führte er Naturstudien in der Umgebung von Würzburg und bei Verwandten im Odenwald (Amorbach) durch. Er beschäftigte sich weiterführend mit Pflanzen, Tieren, Gesteinen, legte Sammlungen an, fertigte Zeichnungen und führte erste Tiersektionen durch.C. Gegenbaur: Erlebtes und Erstrebtes. Engelmann, Leipzig 1901.
Mit dem Wintersemester 1845/46 begann der 19-jährige Gegenbaur das Studium der Medizin und Naturwissenschaften an der Universität Würzburg.Gebäude Universität Würzburg nach Erweiterungen für Medizin und Naturwissenschaften 1871 bis 1887 uni-wuerzburg.de Das Studium begann, nach einem damals in Würzburg vorgeschriebenen, von Gegenbaur in drei statt in vier Semestern absolvierten Biennium philosophicum, das eine allgemeine Grundlage in Philosophie und Geschichte geben sollte. Er war Schüler unter anderem von Albert Kölliker (1817–1905),Vgl. Andreas Mettenleiter: Das Juliusspital in Würzburg. Band III: Medizingeschichte. Herausgegeben vom Oberpflegeamt der Stiftung Juliusspital Würzburg anlässlich der 425jährigen Wiederkehr der Grundsteinlegung. Stiftung Juliusspital Würzburg, Würzburg 2001, ISBN 3-933964-04-0, S. 430–432 und 449–451. Rudolf Virchow (1821–1902), Heinrich Müller (1820–1864) und Franz von Leydig (1821–1908), die zu dieser Zeit in Würzburg wirkten.
Am 16. April 1851 wurde Gegenbaur zum Dr. med. promoviert – aufgrund seiner Inaugural-Dissertation über De limacis evolutione, einer Disputatio publico mit elf zur Verteidigung gestellten Thesen und einer Quaestio promovendi, einem Vortrag, den der Promovend außer der Thesenverteidigung zu halten hatte.
Nach seiner Promotion trat er noch im Jahre 1851 eine Studienreise von Nordbayern über Sachsen (Leipzig, Dresden) nach Berlin an. Hier galt sein Besuch primär dem Anatomen und Physiologen Johannes Müller als bedeutendstem Vertreter seiner Wissenschaft. Gegenbaur folgte dessen Anregung, sich mit der Meeresfauna um Helgoland durch eigene Anschauung vertraut zu machen.
Die als „Forschungsreise“ genommene Urlaubszeit reduzierte seine von 1850 bis 1852 währende Assistenzarztzeit am Juliusspital in Würzburg, die er, wie sein Freund Nicolaus Friedreich, an der dortigen Medizinischen Klinik des fast völlig erblindeten Carl Friedrich von Marcus absolvierte und wo er selbst Kurse über Auskultation und Perkussion gab sowie als den späteren Ordinarius Carl Gerhardt ärztlich behandelte,Andreas Mettenleiter: Das Juliusspital in Würzburg. Band III: Medizingeschichte. Herausgegeben vom Oberpflegeamt der Stiftung Juliusspital Würzburg anlässlich der 425jährigen Wiederkehr der Grundsteinlegung. Stiftung Juliusspital Würzburg, Würzburg 2001, ISBN 3-933964-04-0, S. 230, 249, 253, 269, 650 und 774. auf eineinhalb Jahre.
Im Jahre 1852 konnte sich Gegenbaur den nach Süditalien und Sizilien (Messina) vorangereisten Albert Kölliker und Heinrich Müller anschließen und u. a. mit den Forschungen in vergleichender Anatomie, vor allem an Seetieren, beginnen. Sein Aufenthalt in Sizilien, aber vor allem seine Rückreise aus Italien nach Würzburg – er besuchte u. a. die Städte Palermo, Neapel, Rom, Florenz und Padua, die für ihn auch kulturell und historisch sehr interessiert waren – lag nun mehr als ein Jahr zurück. Hier lag sein wissenschaftliches Interesse vornehmlich bei den wirbellosen Meerestieren, erst nach den 1850er-Jahren wandte er seine Aufmerksamkeit vornehmlich den Wirbeltieren zu. Es folgte zum Semesterende 1853/1854 die Habilitation in Würzburg für Anatomie und Physiologie. Seine Habilitationsschrift hatte den Titel Zur Lehre vom Generationswechsel und der Fortpflanzung der Medusen und Polypen und diente gleichzeitig zur Erlangung der Venia docendi an der Universität Würzburg. Mit dem kommenden Sommersemester begann die Tätigkeit als Privatdozent für nur drei Semester. 1855 wurde er dann außerordentlicher Professor für Zoologie in Jena.Weimarische Zeitung vom 7. September 1855, S. 833.
Vom Winter 1855 bis 1856 las er zunächst als Extraordinarius über die Zoologie. Nach dem Tod von Emil Huschke (1797–1858)Emil Huschke: Schaedel, Hirn und Seele des Menschen und der Thiere: nach Alter, Geschlecht und Rasse; dargestellt nach neuen Methoden und Untersuchungen. Jena 1854. war er von 1858 an zunächst Ordinarius für Anatomie und Zoologie, später erfolgte die Abtrennung der Zoologie und die Übergabe des Lehrstuhles an den Freund Ernst Haeckel, der ab 1862 als außerordentlicher Professor nach Jena berufen wurde. Er hatte sich ein Jahr zuvor in diesem Fach habilitiert. Er förderte intensiv den Ruf Ernst Haeckels nach Jena. Gegenbaur blieb ordentlicher Professor für Anatomie. Zu Emil Huschke hatte Gegenbaur ein sehr gutes Verhältnis, so arbeitete er drei Jahre von 1855 bis 1858 als Extraordinarius unter Huschkes Ägide. Seine Vorlesungen umfassten Zoologie, vergleichende Anatomie, Allgemeine Anatomie inklusive der Histologie und der embryonalen Entwicklungsgeschichte; daneben hielt er mit seinen Studenten zootomische und histologische Übungen sowie mikroskopische Demonstrationen ab.
Gegenbaur war 1867 der Erste, der die zuinnerst gelegenen Zellen der Knochenhaut als Osteoblasten beschrieb.Hermann Ecke, Uwe Stöhr, Klaus Krämer: Unfallchirurgie. In: Franz Xaver Sailer, Friedrich Wilhelm Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen. Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Mit einem Geleitwort von Rudolf Nissen. Dustri-Verlag Dr. Karl Feistle, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 204–216, hier: S. 211.
Im Jahre 1873 erhielt er einen Ruf als ordentlicher Professor für Anatomie und vergleichende Anatomie nach Heidelberg, wo er die Nachfolge von Philipp Friedrich Arnold (1803–1890) antrat. Gegenbaur erweiterte die anatomische Sammlung um humane Präparate sowie zoologische Objekte wie Fische, Reptilien, Vögel und Säugetiere, um seine Lehrveranstaltungen effektiv und modern gestalten zu können. An diesen Objekten unterrichtete Gegenbauer neben der Anatomie auch die ihm am Herzen liegende »Entwicklungsgeschichte des menschlichen Körpers«.Sara Doll: Carl Gegenbaur - Gegen den Heidelberger Strom, in: Sara Doll, Joachim Kirsch und Wolfgang U. Eckart (Hrsg.): Wenn der Tod dem Leben dient – Der Mensch als Lehrmittel, Springer Deutschland 2017, S. 44–46. doi:10.1007/978-3-662-52674-3 In Heidelberg wurde er 1900 emeritiert.
mini|Der Lehrkörper Ruperto Carola zu Heidelberg im Jahre 500 ihres Bestehens (1886), a: Philipp Friedrich Arnold, b: Friedrich Wilhelm Hermann Delffs, c: Carl Gegenbaur, d: Friedrich Wilhelm Kühne
Gegenbaur hatte eine starke Ausstrahlung auf seine Umgebung; sehr auffallend ist sein „distanzierter“ Schreibstil. Zu seinen Kollegen zählten unter anderen Matthias Jacob Schleiden, Emil Huschke, Ernst Haeckel, Hermann Klaatsch (1863–1916), zu seinen Studenten (häufig gemeinsame Betreuung mit Haeckel) Max Fürbringer, Richard Hertwig, Oscar Hertwig, Emil Rosenberg (1842–1925), Ambrosius Arnold Willem Hubrecht, Johan Erik Vesti Boas (1855–1935), Hans Friedrich Gadow, Max Sagemehl, Nikolaus Goronowitsch, Hanson Kelly Corning (1861–1951), Carl Röse und Simon Paulli.
Gegenbaur war, getraut durch Anton Ruland, seit dem 19. März 1863 in erster Ehe mit Anna Margaretha Emma Dürig, geb. Streng verheiratet. Am 21. Juli 1864 wurde ihre gemeinsame Tochter Emmy in Jena geboren, welche später Otto Nieland heiratete. Am 1. August 1864 (gemäß einem in Jena verfassten Brief Carl Gegenbaurs an Anton Ruland) starb Carl Gegenbaurs Frau Emma um 17:30 Uhr am Kindbettfieber.Thomas Sauer, Ralf Vollmuth: Briefe von Mitgliedern der Würzburger Medizinischen Fakultät im Nachlaß Anton Rulands. Quellen zur Geschichte der Medizin im 19. Jahrhundert mit Kurzbiographien. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 9, 1991, S. 135–206, hier: S. 151–153; hier: S. 153. In zweiter Ehe heiratete er im Jahre 1869 Ida Arnold (* 14. Mai 1831 in Heidelberg), die Tochter seines Vorgängers an der Universität in Heidelberg, Friedrich Arnold, und hatte mit ihr drei Kinder.s197410804.online.de Seine zweite Tochter Elisabeth Gegenbaur (1871–1947) war eine bekannte Aquarellmalerin, die u. a. in Hohenschäftlarn, Buchen (Odenwald) und Bühl bei Günzburg arbeitete.Beleg zur familiären Situation in Heidelberg archive.org (DjVu)
mini|hochkant=1.4|Aus: Grundzüge der vergleichenden Anatomie. 2. Auflage. 1870
Ehrungen Gegenbaur war Mitglied mehrerer wissenschaftlicher Akademien. Er wurde im September 1857 mit dem Beinamen „Camper III.“ in die Leopoldina aufgenommen;Geschichte der Kaiserlichen Leopoldino-Carolinischen deutschen Akademie der Naturforscher während des zweiten Jahrhunderts ihres Bestehens. Jena 1860, S. 284, Nr. 1819. 1901 erhielt er deren Cothenius-Medaille.Leopoldina Heft 37, 1901, S. 73f. Seit 1884 war er korrespondierendes Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften (seit 1900 auswärtiges Mitglied). 1870 wurde er zum auswärtigen Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, 1887 der Accademia dei Lincei und 1891 der Göttinger Akademie der WissenschaftenHolger Krahnke: Die Mitglieder der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen 1751–2001 (= Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Philologisch-Historische Klasse. Folge 3, Bd. 246 = Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Mathematisch-Physikalische Klasse. Folge 3, Bd. 50). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, ISBN 3-525-82516-1, S. 90. gewählt. 1891 wurde er Mitglied der National Academy of Sciences und 1896 der American Academy of Arts and Sciences. Nach seinem Tod wurde „dem Anatomen Karl Gegenbaur“ in Heidelberg ein Denkmal gesetzt, das seine Büste auf einem einfachen Sockel zeigt. Sie wurde in einem Festakt am 12. Mai 1906 im Anatomischen Institut der Universität Heidelberg enthüllt. Die Büste schuf Carl Seffner.
In Würzburg und in Heidelberg sind Straßen nach Gegenbaur benannt.
Wissenschaftliche Leistung Carl Gegenbaur war ein starker Befürworter von Charles Darwins (1809–1882) Evolutionstheorie (Deszendenztheorie).Mario A. Di Gegorio: Unter Darwins Flagge: Ernst Haeckel, Carl Gegenbaur und die Evolutionäre Morphologie. In: Eve-Marie Gegenbaur (Hrsg.): Charles Darwin und seine Wirkung. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main (2009), stw1903, ISBN 978-3-518-29503-8, S. 80–110. Er gründete eine vergleichend-morphologische Schule, die sich bis weit in das 20. Jahrhundert hinein verfolgen lässt. Seine Ideen sind selbst in der heutigen Debatte der evolutionären Entwicklungsbiologie noch immanent.
Er ist Gründer des „Morphologischen Jahrbuches“ und Autor des Lehrbuches „Vergleichende Anatomie der Wirbelthiere mit Berücksichtigung der Wirbellosen“ (ab 1898).