mini|hochkant=3|Verbreitung von HIV in Osteuropa und Zentralasien mini|Lavra – Nationales AIDS-Zentrum in Kiew
Die HIV/AIDS-Epidemie in der Ukraine war im Jahr 2007 die schwerste Europas.
Die Zahl der Neuinfektionen betrug später, im Jahr 2017, zirka 13.000 Menschen, während sie 2005 noch bei 21.000 Personen gelegen hatte als rund 400.000 infizierte Menschen in der Ukraine gelebt hatten, eine Zahl, die sich bis 2017 auf 240.000 verringerte. Im Jahr 2005 entsprachen die Zahlen einer Infektionsrate von 0,46 % der Erwachsenenbevölkerung (von 15–49 Jahren), diese Zahl fiel bis 2017 auf 0,29 %.
AIDS ist eine sexuell übertragbare Erkrankung. Die HIV-Epidemie in der Ukraine unterscheidet sich von denen in Afrika einerseits und Westeuropa und Nordamerika andererseits u. a. durch ihre relativ späte Entstehung zu Anfang der 1990er Jahre, durch die von ihr hauptsächlich betroffenen Bevölkerungsgruppen und durch ihre Koinfektionen. Hauptverbreitungsweg für das HI-Virus in der Ukraine ist der intravenöse Drogengebrauch. Hauptsächlich betroffen war und ist daher zunächst das ohnehin marginalisierte Milieu der Drogenabhängigen und Prostituierten. Die wichtigste Koinfektion ist die Tuberkulose.
Situation Verbreitung mini|hochkant=2|HIV-Übertragungswege in der Ukraine mini|hochkant=2|HIV-Verbreitung in der Ukraine nach Regionen
Von 1987 (erste offizielle HIV-Meldung in der Ukraine) bis Ende 2007 wurden dem Staatlichen AIDS-Zentrum insgesamt 122.314 HIV-Infektionen gemeldet. Ende 2007 waren 22.424 Menschen im Stadium AIDS und 12.490 gestorben. In über 78 % der Fälle waren und sind die Altersgruppe der 15- bis 49-Jährigen mit dem HI-Virus infiziert, geschätzte 15 % von ihnen waren 2007 zwischen 15 und 24 Jahre alt.
Mitte der 2000er-Jahre waren die Zahlen im Steigen begriffen: 2006 wurden 16.078 Neuinfektionen gemeldet, 18,6 % mehr als 2005. Ende 2007 wurden 17.669 Neudiagnosen registriert, wiederum 10 % mehr als 2006.
Die registrierten HIV-Infektionen konnten nur unzureichend das Ausmaß der HIV-Epidemie widerspiegeln. UNAIDS und WHO schätzten für Ende 2007 die tatsächliche Zahl der Infizierten auf ca. 440.000 [255.000–640.000]. Geschätzte 190.000 HIV-Infektionen davon betrafen Frauen. (PDF; 902 kB) Die Zahl der erfassten HIV-Infektionen ist auch vergleichsweise niedrig, da nur diejenigen erfasst werden können, die direkten Kontakt zu den offiziellen Testangeboten haben, und es gerade Menschen, die besonders bedroht sind, vermeiden, sich testen zu lassen. Sie befürchten zusätzliche Diskriminierung und sie hatten wenig zu hoffen: Im Jahr 2007 standen gerade einmal für 7.657 AIDS-Patienten eine antiretrovirale Therapie zur Verfügung. Das sind 35 % der gemeldeten Patienten.
Die Hochrechnungen berücksichtigten zusätzlich andere Indikatoren. So ergaben zum Beispiel HIV-Tests bei Menschen, die sich Drogen spritzen, in mehreren Oblasten eine Infektionsrate von über 60 %. Intravenöser Drogengebrauch war Ende 2007 mit 40 % gleichzeitig der Hauptübertragungsweg, wobei der prozentuale Anteil an Neuinfektionen bei intravenösen Drogengebrauchern jährlich leicht rückgängig war.
Es gab Regionen, in denen ein Prozent oder mehr aller Schwangeren HIV-positiv waren. Seit den späten 1990er Jahren stieg die Anzahl der HIV-Übertragungen durch sexuelle Kontakte und war bis 2010 zum zweitgrößten HIV-Übertragungsweg geworden. 2007 betrug der Anteil 38,4 %.
Die Verbreitung der gemeldeten HIV-Infektion war regional sehr unterschiedlich. Die am meisten betroffenen Regionen liegen im Süden und Osten der Ukraine: die Region Odessa (414,2 pro 100.000 Einwohner), die Region Dnipropetrowsk (408,8 pro 100.000 Einwohner), die Region Donezk (389,6 pro 100.000 Einwohner), die Region Mykolajiw (374,4 pro 100.000 Einwohner) und die Autonome Republik Krim (238,8 pro 100.000 Einwohner), insbesondere deren größte Stadt Sewastopol (309,4 pro 100.000 Einwohner). Auch in der Hauptstadt Kiew liegt die Zahl der HIV-Diagnosen mit 200,5 pro 100.000 Einwohner über dem landesweiten Durchschnitt von 174,9 pro 100.000 Einwohner. Gleichzeitig lag die Infektionsrate in der Westukraine auf einem niedrigen Niveau.
Die Epidemie galt als konzentriert, das heißt, sie konzentriert sich auf die Hochrisikogruppen des marginalisierten Milieus der Drogenkonsumenten, Prostituierten und Häftlinge. Durch die Zunahme der Infektionen auf sexuellem Weg bestand jedoch die Gefahr der Ausbreitung der Epidemie in die übrige Gesellschaft.
Geschichte Das HI-Virus erreichte das Gebiet der Sowjetunion zirka 1987 (Jahr des ersten offiziell registrierten Falles), also zirka fünf Jahre nach dem ersten Auftreten des Virus. Bis 1995 gab es nur wenige Meldungen von HIV-Infektionen in der Ukraine, so dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Land damals als eines mit geringer Verbreitungsgefahr einstufte.L. Burruano, J. Seydel: Die Ausbreitung von HIV/AIDS in der Ukraine. In: Gesundheitswesen. 2006;68, 8-9, S. 571–574, Georg Thieme Verlag, Stuttgart.
Von 1987 bis 1994 wurden insgesamt 183 Neu-Diagnosen gemeldet. Dennoch muss angenommen werden, dass der Beginn der Epidemie unbemerkt in der Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs ca. zwischen 1991 und 1995 lag. Dafür spricht einerseits die erste Häufung von manifesten AIDS-Fällen um das Jahr 2000 (HIV hat eine Inkubationszeit von ca. 7–10 Jahren.) Andererseits konnte man ab 1990 eine enorme Verbreitung des Gebrauchs von Injektionsdrogen beobachten. 1990 waren in der Ukraine 22.466 „Narkomani“ registriert, 1999 74.554. Wobei die von Strafe verfolgten Drogengebraucher selbstverständlich alles daran setzen, sich nicht registrieren zu lassen. Das ukrainische Gesundheitsministerium geht von einer 5–10-fach höheren Dunkelziffer aus. Junge Leute, die sich Drogen spritzten, waren die erste Bevölkerungsgruppe, in der sich die HIV-Infektion in der Ukraine sehr schnell ausbreitete. Die am häufigsten benutzte Droge war und ist ein billiges, selbst zubereitetes Opiat, „Schirka“ (so viel wie „Dröhnung“).
In Bezug auf eine HIV-Infektion riskant waren und sind mehrere Bestandteile dieses Drogenkonsums: Zunächst war und ist es meist nicht leicht, an frische Spritzen zu kommen. Spritzentausch-Stellen oder ausreichende flächendeckende Angebote an Harm-Reduction-Programmen gibt es noch nicht. Insbesondere werden davon Jugendliche, die intravenös Drogen gebrauchen, kaum erreicht. Dann ist es aber auch eine in ganz Osteuropa verbreitete Tradition, beim Drogenkonsum „die Nadel kreisen zu lassen“, d. h. sich eine Spritze aus Geselligkeit zu teilen. Schließlich ist auch die Zubereitung der Drogen schon nicht ungefährlich. Die selbstgemachten Drogen werden oft schon in der Spritze aufgezogen verkauft. Auch die Gefäße, in denen die Droge gemischt wird, werden gemeinsam genutzt. Offenbar ausgestorben ist jedoch die in den 1990er Jahren verbreitete Praxis, das Opiat direkt in Blut aufzulösen, um es sich spritzen zu können. Waren die Hersteller der Droge HIV-infiziert, waren es alle ihre Kunden. Dass diese Gepflogenheiten zur Grundlage einer derartigen HIV-Epidemie werden konnten, setzt voraus, dass sich auch die Drogenabhängigkeit epidemisch ausbreitete. Nach Schätzungen der International HIV/AIDS Alliance benutzen 2008 323.000 bis 425.000 Menschen in der Ukraine Injektionsdrogen.. International HIV and AIDS Alliance, Kiew.
Ursachen und Ausmaß der Drogenepidemie Die Hauptursache für die epidemische Ausbreitung der Drogensucht war der Zusammenbruch der Sowjetunion. Viele Betriebe mussten schließen, massenhafte Arbeitslosigkeit führte zu Armut und Perspektivlosigkeit. Auf der anderen Seite gab es während und unmittelbar nach der Unabhängigkeit der Ukraine eine Phase niedrigerer Staatlichkeit. Es entstanden rechtsfreie Räume und es fehlte besonders jungen Menschen an Orientierung. Insofern die Sowjetideologie auch Religionsersatz war, war mit dem Zusammenbruch des alten Staates auch das gesellschaftliche Wertesystem vernichtet worden.
Besonders betroffen waren Regionen, die zu Sowjetzeiten zu den am höchsten industrialisierten des Landes gehörten und nun durch den Zusammenbruch der Industrie den abruptesten Fall erleben mussten.
Dem Bedürfnis nach Drogenkonsum, dem explosionsartig gewachsenen Markt für Drogen, kam die leichte Verfügbarkeit von Drogen in der Ukraine entgegen. Dies ist vermutlich ein Grund dafür, dass sich die Drogensucht und in ihrer Folge die HIV-Epidemie in der Ukraine schneller und weiter ausbreitete als in anderen ehemaligen Sowjetrepubliken. Faktoren, warum es nicht nur eine solch große Menge an Drogen gab und gibt, sondern auch so viele Drogenarten, sind: Die Ukraine ist ein Transitland für den Opiumtransport vom Großraum Nah- und Mittelost nach Europa. Die Böden in der Ukraine sind so gut, dass Schlafmohn auch im Land selbst gut wächst. Einige Städte der Ukraine sind traditionell Standorte der chemischen Industrie. Auf der anderen Seite fehlt es an staatlicher Kontrolle des Medikamentenmarktes.
So konnte das Opioid-Analgetikum Tramadol nach seiner Zulassung 2004 innerhalb weniger Monate durch den Schwarzhandel zu einer der beliebtesten Einstiegsdrogen werden.
Der Zusammenbruch der Sowjetunion war die Voraussetzung und eine der Ursachen für den Ausbruch einer HIV-Epidemie in der Ukraine, andere Gründe liegen in der sowjetischen bzw. sogar russischen Vergangenheit. Die Herstellung und (besonders der gemeinschaftliche) Gebrauch von einfachen Opiaten wie „Kompott“ und „Schirka“ oder Ephedrin-Derivaten wie „Wind“ war bereits in der Sowjetunion üblich. In Mode kamen diese Drogen jedoch erst seit Ende der 1990er Jahre, angeregt auch durch die heimkehrenden Afghanistan-Veteranen, von denen viele sich dort an den Opiumkonsum gewöhnt hatten. Trotz der erlittenen Niederlage ging in den Augen vieler Jugendlicher von diesen Soldaten der Glanz von „Freiheit und Abenteuer“ aus, so dass sie viele Nachahmer fanden.
Die wie selbstverständliche rasante Ausbreitung des Drogenkonsums unter Jugendlichen ist jedoch auch vor dem Hintergrund des weitaus älteren aus der russischen Tradition stammenden Massenalkoholismus zu sehen. Noch heute ist Alkoholismus in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion vor allem bei Männern eines der größten Gesundheitsrisiken. Und Jugendliche, deren Eltern trinken, neigen besonders dazu Drogen zu nehmen.UNICEF 2006. Unicef and UNAIDS (2006) Risk and protective factors in the initiation of injecting drug use, Kiew. http://www.unicef.org/ukraine
Ein weiterer wichtiger Faktor bei der Verbreitung von HIV in der Ukraine sind die Gefängnisse und „Gefängniskolonien“.
Gefängnisse Ein sehr hoher Prozentsatz der Gefangenen sind Drogenabhängige. Dazu tragen auch zwei Gesetze bei. Erstens kann man in der Ukraine für den Besitz auch geringster Mengen illegaler Drogen zu drei Jahren Lager und mehr verurteilt werden. Zweitens wird die Miliz noch immer an einem bestimmten Plansoll gemessen, der Zahl der „verurteilten Verbrechen“. Es ist keine Ausnahme, sondern die Regel, dass dieses Soll mit Drogensüchtigen aufgefüllt wird, die leicht zu finden sind. Wie überall auf der Welt ist der Drogenkonsum in den Gefängnissen größer als draußen, dafür sind Spritzen umso knapper. Insgesamt herrschen schlechte hygienische Zustände. Ein weiteres Problem ist die Gewalt unter den Häftlingen. Ein bedeutender Übertragungsweg für HIV sind Vergewaltigungen. Zudem gibt es bis heute in den ukrainischen Gefängnissen keine umfassenden Präventionsmaßnahmen, die den Gefangenen Zugang zu Präventionsmitteln gewähren würden.
Im Moment sind ca. 150.000 Menschen in der Ukraine inhaftiert und vor der Amtsübernahme durch Präsident Juschtschenko nach der Orangen Revolution waren es noch weitaus mehr.
Übertragung durch Sexualverkehr