mini|hochkant=2|Gebäude der Osmanischen Schuldenverwaltung, heute Gymnasium Istanbul Die Administration de la Dette Publique Ottomane () wurde 1881 von den sieben wichtigsten europäischen Mächten gegründet, nachdem das Osmanische Reich 1875 seine Schuldenzahlungen eingestellt und den Staatsbankrott erklärt hatte. Es hatte im europäischen Ausland Anleihen aufgenommen und sich dabei überschuldet. Die Hauptverwaltung der Schuldenverwaltung befand sich in Istanbul in einem nach Plänen von Alexandre Vallaury und Raimondo D’Aronco errichteten Gebäude.

Hintergrund

Das Osmanische Reich schloss im Jahr 1838 ein Freihandelsabkommen mit Großbritannien ab.Cengiz Günay: Die Geschichte der Türkei. Von den Anfängen der Moderne bis heute. Böhlau Verlag, Wien/Köln/Weimar 2012, ISBN 978-3-8252-3301-3, S. 63. Damit mussten einheimische, noch traditionell hergestellte Waren mit den britischen, industriell produzierten und somit billigeren Gütern konkurrieren. Im Laufe der Zeit nahm die finanzielle Abhängigkeit vom Westen durch weitere Kapitulationen zu. 1854 wurde die erste von fünfzehn Auslandsanleihen aufgenommen.Cevdet Küçük, Tevfik Ertüzün: Düyûn-ı Umûmiyye. In: Türkiye Diyanet Vakfı İslâm Ansiklopedisi. Band 10, TDV Yayınları, Istanbul 1994, S. 58–62 (58). Um weitere Finanzkrisen zu bewältigen, verschuldete sich der Staat weiter. (PDF; 111 kB), S. 11. Im Jahr 1875 folgte die Zahlungsunfähigkeit.Klaus Kreiser: Kleine Geschichte der Türkei. Reclam, 2008, ISBN 978-3-15-010678-5, S. 336. Staatspapiere konnten nur noch mit der Hälfte der Zinsen und Zinseszinsen bedient werden.Klaus Kreiser: Der Osmanische Staat 1300–1922. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2008, ISBN 978-3-486-58588-9, S. 43. Schließlich wurde durch das sogenannte Muharram-Dekret vom 20. Dezember 1881 der Conseil d’Administration de la Dette Publique Ottomane (düyūn-ı ʿumūmīye-ʾi ʿOs̠mānīye meclis-i idāresi ‚Verwaltungsrat der osmanischen Staatsschulden‘) gegründet.Bernard Lewis: Duyūn-i ʿUmūmiyye. In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Band 2, Brill, Leiden 1991, S. 677 f. (677).

Frankreich war mit einem Anteil von 40 % der größte Gläubiger, gefolgt von England mit 29 %, den Niederlanden mit 7,6 %, Belgien mit 7,2 % und dem Deutschen Reich mit 4,7 %.Gregor Schöllgen: Imperialismus und Gleichgewicht: Deutschland, England und die orientalische Frage 1871–1914. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2000, ISBN 978-3-486-52003-3, S. 38.Gregor Schöllgen: Das Zeitalter des Imperialismus. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2000, ISBN 978-3-486-49784-7, S. 61 f.

Die Schuldenverwaltung wurde vollständig von einem europäischen Bankenkonsortium unter britisch-französischer Leitung gesteuert. Es verwaltete die Einnahmen aus wichtigen Steuern des Osmanischen Reiches und verwendete sie zur Rückzahlung der Schulden. Dabei handelte es sich um Steuern auf die Monopole für Tabak, Salz und Alkohol, die Steuern auf Fisch in Istanbul, auf Fisch und Seide in Bursa, Einnahmen aus Stempelmarken und die jährlichen Abgaben mehrerer Provinzen.

Im überwiegend agrarisch geprägten Osmanischen Reich gerieten damit zahlreiche Wirtschaftsbereiche unter die Kontrolle ausländischer Finanzinstitutionen. Dadurch und durch die Schuldenrückzahlungen verloren die osmanischen Reformer wirtschaftspolitischen Spielraum. Das Osmanische Reich konnte den wirtschaftlichen Rückstand gegenüber den europäischen Großmächten nicht mehr aufholen.

Heute befindet sich im Gebäude der ehemaligen Staatsschuldenverwaltung das Gymnasium Istanbul.

Literatur

Heiko Schuß, Dieter Weiss, Steffen Wippel (Hrsg.): Wirtschaftskultur und Institutionen im osmanischen Reich und der Türkei. Ein Vergleich institutionenökonomischer und kulturwissenschaftlicher Ansätze zur Erklärung der wirtschaftlichen Entwicklung. Berlin 2008, ISBN 978-3-89930-200-4

Weblinks

Einzelnachweise

Kategorie:Organisation (Osmanisches Reich) Kategorie:Gründung einer politischen Organisation 1881