miniatur|Michael Lüders auf dem "Blauen Sofa" 2017 Aminas Restaurant. Ein modernes Märchen ist der dritte Roman des Schriftstellers und Politik- und Islamwissenschaftlers Michael Lüders und erschien 2006.
Der Roman thematisiert die Geschichte einer aus Marokko nach Bremen eingewanderten Familie, die in der Hansestadt ein Restaurant eröffnet. Das vorzügliche orientalische Essen sowie die Erzählkunst des Restaurantbesitzers üben eine bis dahin unbekannte Faszination auf die Einheimischen aus, die in Scharen in der neuen Lokalität einkehren. Nach mehreren Wochen des Erfolges geraten die Anhänger und Befürworter des Restaurants in Konflikt mit konservativen Muslimen, die den Frieden stören wollen. letztlich gelingt es diesen zwar, Aminas Restaurant zu zerstören, nicht aber dessen Geist, der den Sommer geprägt hat. Ein Nebenhandlungsstrang beschreibt darüber hinaus die kritische familiäre Situation eines der Protagonisten, dessen Eltern sich wegen einer Affäre scheiden lassen, sowie die daraus resultierenden Konflikte und deren Auflösung.
Inhalt miniatur|Auf einem Wochenmarkt unweit der St.-Martini-Kirche im Bremer Ortsteil Lesum beginnt der Roman. Auf dem Wochenmarkt unweit der St.-Martini-Kirche im gutbürgerlichen Bremer Ortsteil Lesum im Stadtteil Burglesum begegnet der fünfundzwanzigjährige Student Alexander Kirchhoff in den letzten Frühlingstagen der marokkanischen Einwanderer-Familie Boucetta. Diese stammt aus Marrakesch und plant, an der Lesum ein orientalisches Restaurant zu eröffnen. Mohammed Boucetta, ein früherer Deutschlehrer, hat dazu das ehemalige Vereinsheim eines Yachtclubs erstanden, das umgebaut wird. Alexander fühlt sich zu Jasmina, der Tochter des Marokkaners, hingezogen und verbringt aus diesem Grunde einen Großteil seiner Freizeit im Amina, benannt nach Amina Boucetta, Mohammeds Frau. Er freundet sich eng mit der dreiköpfigen Familie an und avanciert bereits vor der offiziellen Eröffnung zum Testesser.
Alexanders Mutter Eva sowie sein Vater Volker, der den Bremer Großmarkt leitet, begrüßen und teilen diese Freundschaft zwar, durchleben derweil allerdings eine Ehekrise. Diese hat ihren Ursprung in Evas Vermutung, ihr Mann würde ihr ein Verhältnis zu seiner Sekretärin Teresa Meißner verheimlichen. Alexander selbst versucht den Problemen des Elternhauses zu entgehen.
Die anfängliche Skepsis der Einheimischen weicht binnen weniger Tage nach der Eröffnung des Restaurants großer Zustimmung, hervorgerufen durch Aminas hervorragende Kochkünste, die das Glück in den Menschen wecken und sie ihre Sorgen vergessen lassen. Mohammed, den alle Sid Mohammed (Sid als Abkürzung von Sayyid) nennen, beginnt, Erzählungen vorzutragen. Diese handeln vom Sohn Sid Allawis, den er als den „größten Esel aller Zeiten“ bezeichnet und der die Bücher des Afrikaforschers Gerhard Rohlfs studiert. Er bewundert diesen und Sid Mohammed zeichnet den Lebensweg des jungen Marokkaners in reich ausgeschmückten Geschichten, mit denen er täglich mehr Menschen in seinen Bann zieht. Binnen weniger Wochen entwickelt sich das Amina zu einem interkulturellen Treffpunkt der Massen und zu einer Tauschbörse der unterschiedlichsten Meinungen und Ansichten. Die lauen Sommernächte tragen dazu bei, dass sich noch bis weit nach Mitternacht Gruppen am Lesumdeich sammeln oder durch die Vorgärten wandern und man sich eigene Erzählungen vorträgt. Der ruhige, zurückhaltende und fast schon schüchterne Sid Mohammed dient dabei eher den männlichen Gästen als Identifikationsfigur, während die Frauen Amina wegen ihrer extravaganten, bunten Kleider und ihrer Kochkünste bewundern. Um letztere zu vermitteln, organisiert Amina alsbald mehrere Kochkurse im Restaurant. Die regionalen Medien werden auf die neue kulinarische Attraktion im Bremer Norden aufmerksam und beginnen, darüber zu berichten.
Das Amina wirkt während der Sommermonate völkerverständigend und scheint die Gutmütigkeit, Toleranz und Gelassenheit der Besucher zu wecken, was nach Ansicht vieler Aminas Gerichten geschuldet ist. Ihr Genuss lockert die Zungen und so gesteht beispielsweise Volker Eva während eines Essens seine Affäre, während seine Frau ihm eigene Geheimnisse verrät und, anders als zu erwarten, nicht aufbrausend reagiert. Im Gegenteil freundet sie sich mit Teresa Meißner an und trennt sich freundschaftlich von Volker.
Anfang August treten unter den Gästen des Amina erstmals auffällige Muslime in Erscheinung. Sie unterbrechen Sid Mohammed in seinen Ausführungen, stellen Fragen und kritisieren das Konzept des Restaurants. Dies wird von den übrigen Besuchern größtenteils mit Missbilligung aufgenommen. Es stellt sich heraus, dass es sich um Mitglieder des im Stadtteil Gröpelingen ansässigen Vereins „Licht und Glaube“ handelt, einer konservativen islamischen Vereinigung, die die Weltoffenheit und Toleranz Aminas und Sid Mohammeds ablehnt und es lieber sähe, wenn das Restaurant keine Pilgerstätte für Bremer wäre. Sid Mohammed verliert durch die Störungen den Faden seiner Erzählungen und diese geraten für mehrere Tage ins Stocken. Jasmina und Eva schlagen vor, für einige Tage ausschließlich Schweineschnitzel anzubieten, um so die Vereinsmitglieder, deren Glaube den Verzehr von Schweinefleisch verbietet, fernzuhalten. Die Maßnahme zeigt tatsächlich Erfolg – allerdings nur, bis die Karte wieder auf die beliebten orientalischen Gerichte umgestellt wird. Anschließend tauchen vor dem Amina erneut „Licht und Glaube“-Anhänger auf, die nun nicht mehr versuchen, einen Platz im Restaurant zu erhalten, aber vor selbigem die Gäste beleidigen. Jasmina und Alexander beschließen, den Vorsitzenden des Vereins, Smihi Abu Muslim, einzuschüchtern. Sie fahren nach Gröpelingen, und bedrohen ihn mit einer originalgetreuen Spielzeugpistole, woraufhin er behauptet, von nichts zu wissen.
Im Anschluss an diese Aktion entscheidet sich Sid Mohammed, seine Geschichten zum Ende zu bringen. Er offenbart den hunderten von Zuhörern, dass er der Sohn Sid Allawis sei und all die Wochen seine eigene Lebensgeschichte erzählt habe, eine Tatsache, die einige bereits vermutet hatten. Die Gäste des Amina, wissend, dass mit den Geschichten ein schöner Sommer langsam zu Ende geht, bedanken sich bei Sid Mohammed und Amina mit minutenlangen Beifallsstürmen. Nur wenige Tage später ist Alexander als Vertretung Sid Mohammeds im Ordnungsamt Bremen-Nord. Karl Möller, der Abteilungsleiter für den Bereich Gewerbekonzessionen, hat angekündigt, dem Amina wegen diverser Verstöße die Gaststättenkonzession zu entziehen. Alexander erkennt den Schwachpunkt Möllers: Die Liebe zu alten Möbeln. Er bietet an, ihm zahlreiche antike Möbelstücke, die im Keller des Restaurants lagern, zu überlassen und Möller erklärt sich daraufhin einverstanden, die Schließung um einen Monat zu verschieben.
Nur wenige Tage darauf, Sid Mohammend verkauft inzwischen CDs mit seinen Geschichten, brennt das Amina in einer Nacht bis auf die Grundmauern ab. Obwohl allgemein von Brandstiftung ausgegangen wird, können keine Täter ermittelt werden. Amina und Sid Mohammed hätten zwar die finanziellen Möglichkeiten zum Wiederaufbau, entscheiden sich allerdings dagegen. Ende September wird entlang des Admiral-Brommy-Weges von der Ruine bis zum Knoops Park auf gut zwei Kilometern Länge eine spendenfinanzierte Festtafel unter dem Motto „Bremen lässt seine Freunde nicht im Stich“ eingerichtet. Volker Kirchhoff vermittelt Sid Mohammed die Leitung der Abteilung „Lebensmittel aus dem Orient“ im Großmarkt und Amina knüpft Kontakte zu Modedesignern.
Im November halten sich Jasmina und Alexander im Haus der Boucettas in Marrakesch auf. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 24. November lesen sie, dass über dem Bremer Ortsteil Lesum seit mehreren Tagen jede Nacht gefrorene Brathähnchen niederfallen würden. Zahlreiche Dächer sein beschädigt worden. Ein Krisenstab sei eingerichtet worden, dessen Leitung Mohammed Boucetta übernommen habe.
Rezepte miniatur|Lamm Tajine mit Pflaumen Im Anhang des Buches finden sich verschiedene orientalische Rezepte, die Lüders während seiner Reisen in den Nahen Osten und nach Vorderasien sammelte. Er empfiehlt, sie nachzukochen, und gibt an, es handle sich um „Rezepte aus Aminas Küche“.Lüders (2006), Seite 196 Im Einzelnen aufgeführt werden: Schai Nana (Marokkanischer Pfefferminztee) Salat aus süßen Tomaten Sikouk (Eine kalte Suppe) Nilbarsch mit getrockneten Limetten Couscous mit Lamm und Trockenfrüchten Lamm-Tajine mit Pflaumen Feigen mit Thymianhonig Türkischer Honig
Entstehungsgeschichte Lüders begann mit der Konzeption des Romans etwa im Juli 2005 mit dem Ziel, einen Roman zu verfassen, der seine neu gewonnenen Erfahrungen aus dem Orient auf seine Bremer Heimat überträgt und beide miteinander verknüpft. Anfangs besaß er noch keine klare Vorstellung über den Inhalt des Buches. Diese entwickelte sich während des Schreibens etappenweise. Nach der Fertigstellung des Manuskriptes wandte er sich an den Arche Verlag, bei dem bereits seine beiden ersten Romane sowie zwei seiner Sachbücher erschienen waren. Man zeigte sich sogleich an einer Veröffentlichung interessiert. Dies ist unter anderem der Tatsache geschuldet, dass der in Hamburg ansässige Verlag einen der Schwerpunkte seiner Arbeit in Literatur sieht, die die Region beschreibt und sie einem breiteren Publikum zugänglich macht, was durch die eingehenden Stadt- und Landschaftsbeschreibungen in dem Roman gegeben ist.Erläuterung des Verlages auf seiner Internetpräsenz , gefunden am 5. November 2008
Anfang März 2006 kam Aminas Restaurant schließlich auf den Markt und wurde vom Autor in mehreren Lesungen vorgestellt. Eine von ihnen fand im Sommer 2006 im Vereinsheim jenes Yachtclubs an der Lesum statt, den Lüders in seinem Werk in Aminas Restaurant hatte umbauen lassen. Bei dieser Veranstaltung anlässlich der „Burglesumer Kulturtage“ wurden die Innenräume orientalisch ausgeschmückt und ebensolche Gerichte serviert. Mittlerweile sind im Arche-Verlag zwei gebundene Auflagen erschienen. Im Jahre 2008 druckte der Rowohlt Verlag zwei weitere Auflagen im Taschenbuchformat.
Stil und Sprache Aminas Restaurant ist in einer auktorialen Erzählsituation verfasst und verzichtet trotz der Betitelung als Märchen auf die für diese Literaturgattung typische Einleitungsphrase „Es war einmal...“; im Gegenteil gleicht der rasche Einstieg in das Buch eher dem Beginn einer Kurzgeschichte (in medias res).
Anders als in zahlreichen anderen Büchern, die eine anonymisierte Welt beschreiben, finden sich in Aminas Restaurant detaillierte Orts- und Lagebeschreibungen mit originalgetreuen Straßennamen und sogar Hausnummern. Lüders beschreitet diesen Weg, um eine größere Identifikation mit seiner Heimatstadt zu schaffen, den Leser emotional enger an das Buch zu binden und auswärtigen Lesern die Gelegenheit zu geben, die Handlungsorte in Landkarten aufzuspüren. Generell kommt Aminas Restaurant jedoch mit sehr wenigen Stilmitteln aus. Der Roman ist geprägt von einer sehr ruhigen und ausgeglichenen Sprache, die selten überdehnt ist und nur bei einigen Situationen Emotionalität ausstrahlt. So muten die erwähnten Landschaftsbeschreibungen, die sprachliche Ausschmückung des Restaurants sowie die harte, scharfe und dunkle Farbenzeichnung Gröpelingens beinahe wie Schilderungen an.
Lüders spielt in seinem Buch mit gezielten Vergleichen zwischen den Protagonisten. So führen Sid Mohammed und Amina eine seit mehreren Jahren harmonische Beziehung, die, wie es scheint, durch das Restaurant sogar noch gestützt wird. Eva und Volker Kirchhoff dagegen haben sich auseinander gelebt und stehen vor den seelischen Trümmern ihrer Ehe. Beide Paare treffen in Aminas Restaurant aufeinander, wodurch sich ihre Geschichten verknüpfen. Alexander Kirchhoff fungiert in diesen Abschnitten als Wandler zwischen den Welten, der tagtäglich im Restaurant den ehelichen Frieden erlebt und zu Hause mit den Konflikten seiner Eltern konfrontiert wird.