Die Schule Schloss Salem ist ein Internat mit Hauptsitz in der ehemaligen Reichsabtei Salem in der Gemeinde Salem unweit des Bodensees. Gegründet wurde die heute an drei Standorten arbeitende Internatsschule im April 1920. Von Anfang an war die Schule koedukativ. Die Gründer Kurt Hahn, Karl Reinhardt und Max von Baden standen der Reformpädagogik nahe und entwickelten trotz unterschiedlicher politischer Überzeugungen gemeinsam die bis heute verbindlichen pädagogischen Strukturen und Grundsätze für Salem.
Überblick Die Schule Schloss Salem besteht heute aus räumlich getrennten Teilschulen. Am Gründungsstandort Schloss Salem befinden sich die Jahrgangsstufen 5–10, die Oberstufe an den beiden Überlinger Standorten Schloss Spetzgart (Jahrgangsstufe 10PLUS und 11) und dem im Jahre 2000 eingeweihten Campus Härlen (Jahrgangsstufe 12 und Salem Kolleg). Der Standort Burg Hohenfels wurde zum Ende des Schuljahres 2016/2017 geschlossen. Zum Schuljahr 2017/2018 zogen die Jahrgangsstufen 5 bis 7 in das Rentamt am Standort Schloss Salem. Heute leben und lernen dort die Jahrgangsstufen 5 und 6. Den Standort Burg Hohenfels erwarb 2019 der Verein EOS-Erlebnispädagogik, um dort ein Tagungszentrum aufzubauen.
Die Schülerzahl betrug bereits über 700, inzwischen hat die Schule je etwa 300 weibliche und männliche Schüler, etwa 10 % davon sind externe Schüler, die nicht im Internat wohnen. Rund 40 Prozent der Schüler haben einen internationalen Familienhintergrund, gut 20 Prozent der Schülerschaft erhalten derzeit ein Leistungsstipendium.
Geschichte
1919 bis 1933 mini|Schloss Salem (Südansicht) in der Gemeinde Salem
Gründung als Stiftung Am 14. April 1920 eröffneten nach Vorarbeiten im Sommer 1919 der Politiker und Pädagoge Kurt HahnLothar Machtan: Prinz Max von Baden. Der letzte Kanzler des Kaisers. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013, S. 308 ff. ISBN 978-3-518-42407-0. und dessen Freund, der ehemalige Reichskanzler Max Prinz von Baden, sowie Geheimrat Karl Reinhardt das Landschulheim Schloss Salem. Zunächst sollte dem Projekt nach dem Willen seiner Gründer kein moderner reformpädagogischer, sondern ein nationalkonservativer politischer Bildungsauftrag innewohnen.Brief von Max von Baden an Marie Paulcke vom 27. November 1925; zitiert nach: Lothar Machtan: Prinz Max von Baden, S. 481, Anmerkung 39. Das Konzept aus dem September 1919 sah zwei Klassen nebst Alumnat für wenige Schüler im Nordflügel des Salemer Schlosses vor. Die Stiftungsurkunde wurde am 16. Dezember 1919 notariell beglaubigt und eine Woche später vom neuen badischen Staatsministerium approbiert. Antrieb für diese schnelle Gründung nach dem Krieg waren auch steuerliche Gründe sowie die Furcht des Badener Prinzen Max vor dem so genannten Reichsnotopfer, welches Erwähnung in der Stiftungsurkunde fand. Das großherzogliche Haus Baden stiftete 800.000 Mark für das Projekt. Max von Baden wurde nach seinem Badener Thronverzicht großzügig finanziell entschädigt.Lothar Machtan: Prinz Max von Baden. Der letzte Kanzler des Kaisers. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013, S. 475, ISBN 978-3-518-42407-0.
Aus den persönlichen Erfahrungen in der Zeit des Kaiserreiches und des Ersten Weltkrieges erhielt Salem von seinen Gründern den politischen Auftrag einer Erziehung zur Verantwortung. Ziel war – fern von „den das Volksleben ankränkelnden Städten“ (so der fürstliche Schulstifter in der von Hahn aufgesetzten EröffnungsredeLothar Machtan: Prinz Max von Baden. Der letzte Kanzler des Kaisers. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013, S. 483, ISBN 978-3-518-42407-0.) – die Bildung einer neuen geistigen Elite Deutschlands nach dem verlorenen Krieg. Kurt Hahn formulierte: „Wollen wir die Seele unseres Volkes erobern, so müssen wir, wie Wilhelm der Eroberer unsere Zwingburgen aufrichten. Wir brauchen ummauerte Kulturzentren.“Kurt Hahn in einem Brief an Max Warburg, 6. August 1921. Der Brief ist aufbewahrt im Kurt-Hahn-Archiv in Salem. Der zitierte Satz ist ebenfalls abgedruckt in einem Artikel der Neuen Badischen Landeszeitung vom 18. August 1920 unter der Überschrift Unterredung mit dem Prinzen Max von Baden. Käme Deutschland „wieder auf den Weg zur Weltmacht, hinge alles davon ab, daß – wenn einmal wieder eine große Stunde kommt – sie ein würdigeres Geschlecht findet als 1914.“Kurt Hahn in einem Brief an Hans Delbrück, 13. Mai 1927, aufbewahrt im Nachlaß Delbrück, Staatsbibliothek zu Berlin.
Hyperinflation 1924 wurden die ersten fünf Abiturienten noch extern examiniert, von den damals 75 Schülern wohnten ungefähr 40 im Internat. Die Hyperinflation im Jahre 1922/1923 bedeutete für das Landschulheim eine schwere finanzielle Krise, die zu einer Neuausrichtung bei der aufzunehmenden Schülerschaft führte. Da eine Forderung nach Inflationsausgleich an den badischen Teilstaat vom damaligen Ministerpräsident Heinrich Köhler (Zentrum) abgewiesen wurde, gründete Hahn zusammen mit seinen wichtigsten Mitarbeiterinnen Lina Richter und Marina Ewald die Vereinigung der Freunde Salems, die erfolgreich Spendengelder sammeln konnte. Größere Beträge wurden von den Familien Hahn, Delbrück und Mosse bereitgestellt. Die neue kaufmännische Schuldirektorin und spätere Widerstandskämpferin Elisabeth von Thadden wurde von Mitgründer Max von Baden ob ihres erfolgreichen Wirkens als „guter Griff“ bezeichnet. Zukünftig nahm die Schule möglichst viele vollzahlende Kinder auf, was eine „gewisse Überfüllung oder besser ein starkes Zusammenrücken“ ergab, wie Prinz Max formulierte.Lothar Machtan: Prinz Max von Baden. Der letzte Kanzler des Kaisers. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013, S. 484, ISBN 978-3-518-42407-0. Dennoch forderte die Schule pro Monat 200 Mark sowie zusätzlich geringfügige Extras, was auch für begüterte Eltern wie die der Familie Mann ein stolzer Betrag war.Tilman Lahme: Golo Mann. Biographie. Seite 30. Zitiert nach: Lothar Machtan: Prinz Max von Baden, S. 485. 1926 legte auch Berthold Markgraf von Baden, Sohn des Mitgründers, sein Abitur in Salem ab.
Zweigschulen mini|hochkant|Schloss Spetzgart in Überlingen Um 1930 folgten die Gründungen von Zweigschulen in der Nachbarschaft des Salemer Schlosses: für die Unterstufe waren dies Schloss Hohenfels und der Hermannsberg (Hattenweiler); bereits 1929 war in Überlingen Schloss Spetzgart zunächst als Mädchenschule für die Mittel- und Oberstufe gegründet worden. Die verschiedenen Standorte prägen die Salemer Erziehung strukturell bis heute, da sie die Möglichkeit altersdifferenzierter Erziehung bieten.
1933 bis 1945 In der Zeit des Nationalsozialismus ging Salem, 1934–1943 unter der Leitung von Heinrich Blendinger (1881–1957) stehend, durch die „schwierigste Phase seiner Geschichte“.So die Formulierung auf der aktuellen Homepage der Schule: Abschnitt Historie auf www.schule-schloss-salem.de; vgl. Zwischen Schule und NS-Bewegung bestand ein spannungsreiches Verhältnis und die Machtergreifung 1933 führte beinahe zu deren Auflösung. Da ihr Fortbestand aber für den NS-Staat von Bedeutung schien, konnte sie ihre Arbeit bis in die letzten Kriegsmonate fortsetzen. Entgegen anderslautender Angaben wurde Salem keine Nationalpolitische Erziehungsanstalt (Napola).Vgl. die irrige Angabe von Stefan Feucht: „Vor allem mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieg [sic] nahm die Gefahr der endgültigen Vereinnahmung stetig zu, bis Salem 1944 schließlich eine Nationalpolitische Lehranstalt (Napola) wurde“; so im Vorwort zu: Klaus Schultze: „Auch hatte ich Schlimmes über Internate gehört...“ Meine Salemer Jahre 1940 bis 1948, bearbeitet von Manfred Bosch, Salemer Hefte, 7. Hrsg. Kulturamt Bodenseekreis, Überlingen 2019, S. 6. Die Behauptung, dass es Salem „im ganzen gelang, die Kontinuität der Schule zu erhalten“ und der Nationalsozialismus „den Kern Salems [nicht] treffen“ konnte,So Werner Köppen: Die Schule Schloss Salem in ihrer geschichtlichen Entwicklung und gegenwärtigen Gestalt, Henn, Ratingen 1967, S. 45. blieb lange ohne kritische Überprüfung. Die erste kritische Untersuchung zur Schulgeschichte im Nationalsozialismus zeigte, dass auch Salem gleichgeschaltet war und NS-affine Schulleiter hatte, die nach und nach alle jüdischen Schüler und Mitarbeiter entließen.Ruprecht Poensgen: Die Schule Schloss Salem im Dritten Reich, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 44 (1996), S. 25–54; Online (PDF); vgl. ferner: Urich Lange: Der „Salemer Geist“ und das Dritte Reich. In: der Freitag. 14. November 2013; Online, abgerufen am 25. Februar 2021. Kurt Hahn, der selbst Jude war, wurde im März 1933 fünf Tage lang im Überlinger Gefängnis in „Schutzhaft“ genommen und musste die Schulleitung abgeben. Er konnte nach Intervention einflussreicher Kreise im Juli des Jahres nach Großbritannien emigrieren. Dort hatte er maßgeblichen Anteil an der Gründung des schottischen Internats Gordonstoun, das später prominente Schüler wie Charles III hatte.
Mit Gustav Mittelstraß (1891–1943) hatte die Schule bereits 1933 einen nationalsozialistisch „gefestigten“ Schulleiter gefunden, der die vom NS-Staat an Salem gerichtete Erwartung, eine „Musterschule im Sinne des neuen deutschen Reichs“ zu werden, zu erfüllen suchte.Poensgen (1996), S. 41 f.; vgl. ferner die Darstellung in der damaligen Schulzeitung: Hildegard Disch: Salemer Bericht. Frühjahr 1933 – Herbst 1934, in: Schule Schloss Salem, Nr. 20, 1933–1936, Salem 1936, S. 5–8. Im Herbst 1934 waren 94 % der Schülerschaft in der Hitlerjugend.Schule Schloss Salem, Nr. 20, 1933–1936, Salem 1936, S. 9. Vom Birklehof hatte Mittelstraß seinen Kollegen Johannes Fluck nach Salem mitgebracht, der als überzeugter Nationalsozialist die Aufgabe erhielt, die HJ-Gruppe zu führen und auszubauen. Viele der neuen und alten Lehrer waren in die NSDAP, den NS-Lehrerbund sowie in die SA eingetreten.Vgl. Poensgen (1996), S. 49.
Seit 1934 habe dann Mittelstraß’ Nachfolger Heinrich Blendinger als NSDAP-Mitglied den Versuch unternommen, „dank gewisser Konzessionen in heiklen Gratwanderungen möglichst viel vom Geist Salems zu retten.“So Manfred Bosch in: Klaus Schultze: „Auch hatte ich Schlimmes über Internate gehört...“ Meine Salemer Jahre 1940 bis 1948, bearbeitet von Manfred Bosch, Salemer Hefte, 7. Hrsg. Kulturamt Bodenseekreis, Überlingen 2019, S. 62. Zeitzeugen zufolge standen auf dessen Schreibtisch „Bilder Hitlers und Kurt Hahns“.Vgl. Poensgen (1996), S. 50. Ab 31. August 1941 unterstand Salem wie alle vormals privaten deutschen Internate der Inspektion deutscher Heimschulen unter SS-Obergruppenführer August Heißmeyer. In den letzten beiden Kriegsnummern der Schulzeitung Schule Schloss Salem (Nr. 26, Januar 1941, und Nr. 27, Dezember 1942) veröffentlichte die Schulleitung „in Memoriam“ die Kurzbiografien „unserer Gefallenen“: 79 Wehrmachts- und SS-Angehörige aus den Reihen der ehemaligen Schüler und Lehrer. Im Frühjahr 1943 erkrankte Schulleiter Heinrich Blendinger und wurde arbeitsunfähig. Vom 1. Juni 1943 bis zu den Weihnachtsferien 1943 vertrat ihn intern der Salemer Lehrer Carl Theil, bevor im Januar 1944 mit SS-Obersturmführer Walter Schmitt erstmals ein Angehöriger der SS die Leitung der Schule übernahm. Die Frauenschule in Spetzgart wurde aufgelöst, Schloss Hohenfels zugunsten eines Rüstungsbetriebs geschlossen; alle alten Lehrer mussten die Schule im Dezember 1944 verlassen.
Nach dem Krieg wurde die Schule im Juli 1945 durch die französische Militärregierung vorübergehend geschlossen.
1945 bis 1970 Im November 1945 wurde Salem unter der Leitung von Marina Ewald, die seit der Gründung der Schule in Salem wirkte, und mit Unterstützung von Berthold von Baden wiedereröffnet. Die anderen Teilschulen folgten in den nächsten Jahren. 1950 erfolgte die Gründung der „Altsalemer Vereinigung“ (ASV).
In den nächsten Jahren gelang der Schule unter der wechselnden Leitung von Georg Wilhelm von Hannover, Axel von dem Bussche, Horst Freiherr von Gersdorff und Hartwig von Bernstorff bis in die sechziger Jahre hinein die Konsolidierung.