Als archaischer Homo sapiens (auch: früher anatomisch moderner Mensch) werden Fossilien der Gattung Homo bezeichnet, die ihrer Datierung und ihrem Erscheinungsbild nach als frühe, ursprüngliche („altertümliche“) Exemplare der Art Homo sapiens gedeutet werden. Die bisher ältesten Funde stammen vom Djebel Irhoud (Marokko) und wurden auf ein Alter von rund 300.000 Jahren datiert. Anhand von Langknochen wurde die Körpergröße der frühen anatomisch modernen Menschen auf ungefähr 177 cm geschätzt.José-Miguel Carretero u. a.: Stature estimation from complete long bones in the Middle Pleistocene humans from the Sima de los Huesos, Sierra de Atapuerca (Spain). In: Journal of Human Evolution. Band 62, Nr. 2, 2012, S. 242–255, doi:10.1016/j.jhevol.2011.11.004

mini|hochkant=2|Ausbreitung des anatomisch modernen Menschen1. Früher archaischer Homo sapiens (ca. 500.000–200.000 Jahre': Kabwe (= Homo rhodesiensis)), Saldanha 1 (Südafrika), Ndutu 1, Eyasi 1 (Tansania), Bodo (Äthiopien), Salé (Marokko) und – aufgrund neuerer Datierungen – Florisbad 1 (Südafrika = „Homo helmei“) 2. Später archaischer Homo sapiens (ca. 200.000–100.000 Jahre): Eliye Springs (West Turkana, Kenia), Laetoli (Tansania), Djebel Irhoud (Marokko). von Ostafrika ausgehend (rot, es ist nur die frühere Route eingetragen; circa 125.000 vor unserer Zeitrechnung). Die vorausgehenden Besiedelungen durch den Homo erectus (gelb) und den Neandertaler (ocker) – der Denisova-Mensch fehlt aufgrund der noch unsicheren Datenlage – sind farblich abgegrenzt; die Zahlen stehen für Jahre vor heute.

Obwohl aus FossilienIan McDougall et al.: Stratigraphic placement and age of modern humans from Kibish, Ethiopia. In: Nature. Band 433, 2005, S. 733–736, doi:10.1038/nature03258. und Erbgut-Analysen (Molekulare Uhr) abgeleitet werden kann, wie lange der anatomisch moderne Mensch bereits existiert (Erbgutanalysen belegen die Existenz mindestens zwischen 200.000 und 100.000 Jahren vor heuteMax Ingman u. a.: Mitochondrial genome variation and the origin of modern humans. In: Nature. Band 408, 2000, S. 708–713, doi:10.1038/35047064.), ist die Zeitspanne nicht klar definiert, die als Epoche dieses „archaischen“ Homo sapiens bezeichnet wird. Daher beschreiben einzelne Forscher bestimmte Funde – trotz anderslautendem Artnamen für diese Fossilien – als „archaische Formen“ des Homo sapiens (eine Vorgehensweise, die bei rezenten Arten zu Morphospezies führen würde), während andere Forscher die gleichen Funde im Sinne einer Chronospezies bewerten, also die älteren Fundstücke einer Vorläuferart der jüngeren zuordnen.Jeffrey H. Schwartz, Ian Tattersall: Fossil evidence for the origin of Homo sapiens. In: American Journal of Physical Anthropology. Band 143, Nr. S51, 2010, S. 94–121 doi:10.1002/ajpa.21443, Volltext (PDF).

1903 hatte zudem Ludwig Wilser erneut die Bezeichnung Homo primigenius („ursprünglicher Mensch“) für einen hypothetischen Urmenschen in die Paläoanthropologie eingeführt, die 1868 bereits Ernst Haeckel vorgeschlagen hatte.Ernst Haeckel: Natürliche Schöpfungsgeschichte. Gemeinverständliche wissenschaftliche Vorträge über die Entwickelungslehre im Allgemeinen und diejenige von Darwin, Goethe und Lamarck im Besonderen, über die Anwendung derselben auf den Ursprung des Menschen und andere damit zusammenhängende Grundfragen der Naturwissenschaft. Georg Reimer, Berlin 1868, Kapitel 19, () Diese Bezeichnung wurde in den folgenden Jahren – meist im Zusammenhang mit Fossilfunden, die heute dem Neandertaler zugeordnet werden – wiederholt zur zeitlichen Einordnung der Fossilien benutzt;Ludwig Wilser: Die Rassen der Steinzeit. In: Correspondenz-Blatt der Anthropologischen Gesellschaft. Band 34, Nr. 12, 1903, S. 185–188. Dazu: Gustav Heinrich Ralph von Koenigswald: Early Man: Facts and Fantasy. In: The Journal of the Royal Anthropological Institute of Great Britain and Ireland. Band 94, Nr. 2, 1964, S. 67–79. beispielsweise bezeichnete Franz Weidenreich 1928 den Schädel Kabwe 1 als Homo primigenius africanus.Franz Weidenreich: Entwicklungs- und Rassentypen des Homo primigenius. In: Natur und Museum. Band 58, 1928, S. 1–13 und 51–62.

Wissenschaftlicher Name (Homo sapiens) und nomenklatorischer Typus Die älteste überlieferte Abgrenzung des Menschen von den Tieren stammt von Aristoteles (384–322 v. Chr.). In seinem Werk Über die Teile der Tiere erwähnt er in Buch IV, anstelle von Vorderläufen besitze der Mensch Arme und Hände. Außerdem sei der Mensch das einzige Tier, das aufrecht stehe – entsprechend seiner gottgleichen Natur und seines gottgleichen Wesens, denen es zukomme, nachzudenken und vernünftig zu urteilen. Aristoteles zufolge unterscheiden den Menschen demnach vor allem drei Merkmale von allen anderen Lebewesen: ausdrücklich erwähnt werden erstens die Freistellung der vorderen Extremitäten von einer unmittelbaren Mithilfe bei der Fortbewegung, zweitens der aufrechte Gang und drittens die intellektuellen Fähigkeiten. Nach der „Wiederentdeckung“ von Aristoteles’ Schriften wurden sie im Hochmittelalter zwar zur Grundlage der an den Universitäten betriebenen scholastischen Wissenschaft, aber selbst aufgeschlossene Naturforscher wie Conrad Gessner und Francis Willughby fielen hinter Aristoteles zurück, indem sie den Menschen abseits von jeglicher Klassifikation stellten. Johannes Johnstonus hingegen war 1632 in seiner Schrift Thaumatographia naturalis einer der ersten europäischen Taxonomen, der immerhin einzelne Merkmale des Menschen mit denen der Tiere verglich.

mini|Beschreibung des Menschen in der 1. Auflage von Linnés Systema Naturæ Erst Carl von Linné ordnete den Menschen 1735 in seiner Schrift Systema Naturæ wieder dem Tierreich zu, und zwar zunächst in die von John Ray eingeführte Ordnung Anthropomorpha (Menschengestaltige), die Bestandteil der Klasse Quadrupedia (Vierfüßige) war. Allerdings verzichtete auch Linné – im Unterschied zu seiner üblichen Vorgehensweise – auf eine an körperlichen Merkmalen ausgerichtete Beschreibung der Gattung Homo, sondern notierte: „Nosce te ipsum“ („Erkenne dich selbst“). Linné ging demnach – wie beispielsweise auch der englische Lexikograf Samuel Johnson – davon aus, dass jeder Mensch genau wisse, was ein Mensch sei; Johnson hatte 1755 in seinem Dictionary of the English Language „man“ als ein „human being“ definiert und „human“ als „having the qualities of a man“.Samuel Johnson: A Dictionary of the English Language. First edition. Printed for W. Strahan and T. Cadell in the Strand, London 1755. Linnés Systematik des Menschen änderte sich erst 1758, mit dem Erscheinen der 10. Auflage, deutlich: Er bezeichnete den Menschenauf Seite 20 seines Werks; es ist die erste Tierart, die Linné in diesem Werk aufgelistet hat. zum einen erstmals als Homo sapiens und ordnete ihn zum anderen nunmehr in die Ordnung der Primaten innerhalb der Klasse der Säugetiere ein, allerdings erneut ohne Diagnose und ohne den erst später üblich gewordenen und seit 1999 vorgeschriebenenICZN Code: Kapitel 4, Artikel 16.4 Bezug auf ein bestimmtes Individuum als wissenschaftliches Belegexemplar (Holotypus). Den Verzicht auf eine Diagnose hatte Linné 1747 in einem Brief an Johann Georg Gmelin wie folgt begründet: „Ich verlange von Ihnen und von der ganzen Welt, dass sie mir ein Gattungsmerkmal zeigen, aufgrund dessen man zwischen Mensch und Affe unterscheiden kann. Ich weiß selbst mit äußerster Gewissheit von keinem.“Brief an Johann Georg Gmelin vom 14. Februar 1747, zitiert aus: Hans Werner Ingensiep: Der kultivierte Affe. Philosophie, Geschichte, Gegenwart. S. Hirzel, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-7776-2149-4, S. 64.

Linné hatte nie einen Menschenaffen, sondern nur ein Berberaffen-Weibchen beobachten können.Hans Werner Ingensiep: Der kultivierte Affe, S. 65. Die von ihm hinterlassene Lücke versuchte zunächst Johann Friedrich Blumenbach zu füllen, als er 1775 in seiner Dissertation De generis humani varietate nativa („Über die natürlichen Verschiedenheiten im Menschengeschlechte“) vier „Varietäten“ des Menschen beschrieb, die – ausweislich zahlreicher gradueller Übergänge – einer gemeinsamen „Gattung“ entsprungen seien und deren gemeinsame Merkmale er herausstellte:Johann Friedrich Blumenbach: Über die natürlichen Verschiedenheiten im Menschengeschlechte. Leipzig 1798, S. 19 ff. die aufrechte Körperhaltung; das breite, flache Becken; zwei Hände; „Zähne in gleicher Ordnung an einander gereiht und aufrechtstehende Unterschneidezähne“; ferner: zwei Füße mit großem, nicht-opponierbarem großem Zeh, ein kurzer Unterkiefer mit einem deutlich erkennbaren Kinn sowie große Lippen und die Existenz von Ohrläppchen.

Einen Schritt weiter ging erst fast 200 Jahre später der Botaniker William Thomas Stearn und erklärte 1959 Carl von Linné selbst (Linnaeus himself) zum Lectotypus der Art Homo sapiens.William Thomas Stearn: The Background of Linnaeus's Contributions to the Nomenclature and Methods of Systematic Biology. In: Systematic Zoology. Band 8, Nr. 1, 1959, S. 4–22, doi:10.2307/2411603. Diese Festlegung ist nach den heute gültigen Regeln korrekt.ICZN Code: Kapitel 16, Artikel 74.1 (Teil der Syntypenserie), 74.3 (individuelle Lectotypus-Festlegung), 74.5 (Verwendung der Formulierung „the type“) Carl von Linnés sterbliche Überreste (sein im Dom zu Uppsala bestattetes Skelett) sind daher der nomenklatorische Typus der modernen menschlichen Art.

1993 erklärte der Paläontologe und Dinosaurierforscher Robert T. Bakker, er wolle den Schädel des Paläontologen Edward Drinker Cope als Typusexemplar des Homo sapiens durch „subsequent designation“ eines Lectotypus festlegen. Als Verehrer Copes wolle er damit dessen letztem Willen entsprechen. Eine Festlegung als Lectotypus widerspräche neben der PrioritätsregelICZN Code: Kapitel 16, Artikel 74.1.1 auch der Regel im Nomenklaturcode, nach der nur solche Exemplare als Lectotypus gewählt werden können, die Teil der ursprünglichen Typusserie waren,ICZN Code: Kapitel 16, Artikel 74.1 Linné (1707–1778) hatte Cope (1840–1897) jedoch nicht gekannt. Bakker hätte einen Neotypus festlegen können unter der Voraussetzung, dass der bisherige Lectotypus nachweislich verloren gegangen seiICZN Code: Kapitel 16, Artikel 75.1 und es eine ausdrücklich formulierte, außergewöhnliche Notwendigkeit dazu gegeben hätte.ICZN Code: Kapitel 16, Artikel 75.3 Da die Identität von Homo sapiens derzeit aber nicht in Zweifel steht, wäre eine solche Neotypusfestlegung von vornherein nicht gültig.ICZN Code: Kapitel 16, Artikel 75.2 Für einen Neotypus gelten weitere strenge Voraussetzungen, die Cope alle nicht erfüllt, beispielsweise müsste dieser aus Schweden kommenICZN Code: Kapitel 16, Artikel 75.3.6 und es müsste die Forschungsinstitution benannt werden, in der der Neotypus aufbewahrt istICZN Code: Kapitel 16, Artikel 75.3.7 – der Schädel von Cope scheint in der betreffenden Museumssammlung derzeit gar nicht mehr auffindbar zu sein. Bakkers beabsichtigte Typusfestlegung ist von ihm selbst nicht gültig publiziert worden, sondern wurde lediglich in dem Buch Hunting Dinosaurs von Psihoyos & Knoebber (1994)L. Psihoyos, J. Knoebber: Hunting dinosaurs. Cassell, London 1994, s. I-XVII [= 1-17], 1-267. zitiert, was für sich genommen einer gültigen Typusfestlegung jedoch nicht im Weg stünde.