mini|Das Westfalenpferd wird oft als identitätsstiftendes Wappentier Westfalens angesehen.
Westfalen ist eine Region in Nordwestdeutschland. Als Westfalen wird heute meist der Nordostteil des Landes Nordrhein-Westfalen verstanden, bestehend aus den Regierungsbezirken Münster, Arnsberg und Detmold, jedoch meist ohne den Kreis Lippe. Dieses Gebiet entspricht im Wesentlichen der von 1815 bis 1946 bestehenden preußischen Provinz Westfalen.
Bis ins 19. Jahrhundert wurde jedoch ein deutlich größeres Gebiet als westfälisch betrachtet, und man rechnete den größten Teil des heutigen Niedersachsens westlich der Weser – meistens ohne Ostfriesland und Nordoldenburg – ebenfalls zur Region, was mehr oder weniger der Einteilung des Niederrheinisch-Westfälischen Reichskreises von 1512 entsprach. Dieses Verständnis eines weiter gefassten westfälischen Kulturraums, der weit über das Gebiet der preußischen Provinz hinausgriff, wurde im 20. Jahrhundert im Rahmen des interdisziplinären Forschungsprojekts Raumwerk Westfalen wissenschaftlich aufgearbeitet.Grundlegend dazu: Hermann Aubin: Die Geschichtliche Entwicklung. In: Ders., Ottmar Bühler, Bruno Kuske, Aloys Schulte (Hrsg.): Der Raum Westfalen, hrsg. von der Westfälischen Kommission für Landes- und Volkskunde, Bd. 1: Grundlagen und Zusammenhänge. Verlag De Gruyter, Berlin, 1931, S. 7–27. Wieder abgedruckt in: Ders.: Grundlagen und Perspektiven geschichtlicher Kulturraumforschung und Kulturmorphologie. Röhrscheid, Bonn 1965, S. 402–426.Karl Ditt: Der Raum Westfalen in der Historiographie des 20. Jhs. In: Internet‑Portal „Westfälische Geschichte“ des Landschaftsverbandes Westfalen‑Lippe (LWL) (c. 2004).
Die heutige Region umfasst rund acht Millionen Einwohner.
Etymologie Erstmals taucht der Name Westfalai im Jahre 775 in den Fränkischen Reichsannalen als Bezeichnung eines Teilstamms der Sachsen auf.Albert K. Hömberg: Westfälische Landesgeschichte. Mehren & Hobbeling, Münster 1967, S. 1. Die Sachsen nannten den westlichen Teil ihres Siedlungsgebietes Westfalen, den mittleren Engern und den östlichen Ostfalen.
In alten Texten über das Sachsenland taucht ein Gau namens Fahala auf, aber kein Teilstamm namens Falen oder ähnlich. Das altnordische Wort fal(ah) bedeutet Feld, Land, flach und niedrig.
Im Nationalismus des 19. und frühen 20. Jahrhunderts wurde der nach heutigen wissenschaftlichen Maßstäben unhaltbare Begriff „fälische Rasse“ gebraucht.
Abgrenzung Je nach gewählten Definitionskriterien wird Westfalen unterschiedlich abgegrenzt. Gängige Definitionen orientieren sich nicht nur an modernen Verwaltungsgebieten, sondern auch an historischen Siedlungs-, Verwaltungs- und Herrschaftsgebieten, Naturräumen sowie Kultur- und Sprachräumen.
Abgrenzung nach modernen Verwaltungsgebieten mini|Das Gebiet der Regierungsbezirke Münster, Arnsberg und Detmold abzüglich des Kreises Lippe in Nordrhein-Westfalen
Eine der heute gängigsten Definitionen orientiert sich an den heutigen nordrhein-westfälischen Verwaltungsgrenzen und den Grenzen der bis 1946 bestehenden preußischen Provinz Westfalen, die neben der Provinz Rheinland eines der Vorgängerterritorien des Landes war. Im Wesentlichen entspricht das Gebiet Westfalens gemäß dieser Definition dem Gebiet der heutigen Regierungsbezirke Münster, Arnsberg und Detmold abzüglich des Kreises Lippe, dessen heutiges Gebiet im Deutschen Reich das Kernstaatsgebiet eines eigenständigen Bundesstaates Lippe bildete. Heute werden das Rheinland, Westfalen und Lippe häufig als die drei Landesteile Nordrhein-Westfalens aufgefasst. Im Landeswappen kommt die Dreiteilung durch die Abbildung des Rheins, des Westfalenpferdes und der Lippischen Rose zum Ausdruck. Die Abgrenzung Lippes von Westfalen zeigt sich zum Beispiel auch in der Benennung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe und der Bezeichnung Ostwestfalen-Lippe als alternative Bezeichnung für das Gebiet des Regierungsbezirks Detmold.
Ungeachtet der historischen Sonderstellung Lippes wird unter Westfalen häufig auch vereinfachend die Nordosthälfte von Nordrhein-Westfalen mit den Regierungsbezirken Münster, Detmold und Arnsberg verstanden.
Abgrenzung nach topographischen Merkmalen Eine Abgrenzung Westfalens nur anhand topographischer Merkmale ist schwierig. Das einzige Teilgebiet, welches sich in seinem Namen auf Westfalen bezieht, ist die Westfälische Bucht, die als südlicher Teilraum der Norddeutschen Tiefebene das Flachland zwischen den Mittelgebirgen Teutoburger Wald, Eggegebirge und Süderbergland umfasst. Nach Maßgabe der gebräuchlichsten Definition Westfalens bildet die Westfälische Bucht den Kernraum Westfalens, in dem die überwiegende Mehrheit der Einwohner ansässig ist. Allerdings sind die Grenzen der Westfälischen Bucht nach Nordwesten nicht trennscharf ausgebildet. Zum südwestlich davon gelegenen Niederrheinischen Tiefland markiert der Rand der Niederterrasse der Rheinebene die Grenze der Westfälischen Bucht; bis zum Rhein reicht Westfalen aber in keiner der gängigen Definitionen Westfalens.
Legt man im Folgenden die heute weit verbreitete Vorstellung von Westfalen als dem Gebiet der Regierungsbezirke Münster, Arnsberg und Detmold ohne das Lipperland zugrunde, umfasst Westfalen im Süden und Osten aber weitere, nicht zur Westfälischen Bucht zählende Gebiete. Im Osten kann die Weser als natürliche Grenze Westfalens angesehen werden; der Fluss bildet grob auch die kulturräumliche Grenze zum historischen Ostfalen. So abgegrenzt, zählen auch die westlich der Weser gelegenen Gebiete des Niedersächsischen Berglandes zu Westfalen. Im Süden des Regierungsbezirks Arnsberg zählen weitere Mittelgebirgsregionen zu Westfalen. Eine trennscharfe naturräumliche Südgrenze kann dort aber nicht ausgemacht werden, da sich südlich der Landesgrenze physisch ähnliche Landschaften anschließen. Von den Wasserscheiden hätte lediglich der Hauptkamm des Rothaargebirges Potential zu einer durch topographische Merkmale bedingten Kulturgrenze; jedoch werden Teile des Einzugsgebiets der südlich des Kammes verlaufenden Diemel und Eder gemäß der einleitenden Abgrenzung anhand der heutigen Landesgrenze und auch gemäß den meisten kulturräumlichen Vorstellungen zu Westfalen gezählt.
Abgrenzung nach historischen Siedlungs- oder Herrschaftsgebieten mini|Das Stammesherzogtum Sachsen um 1000 mini|Die preußische Provinz Westfalen
Die alten Sachsen nannten den westlichen Teil ihres Stammeslandes Westfalen. Der südliche Teil dieses historisch-sächsischen Westfalens stimmt grob mit dem Gebiet der heutigen Regierungsbezirke Arnsberg und Münster überein.
Als Folge des Konflikts mit Kaiser Friedrich I. musste Heinrich der Löwe 1180 die Herzogswürde für den Westen des Herzogtums Sachsen an die Kölner Fürstbischöfe abtreten, die sich seitdem auch Herzöge von Westfalen nannten. Während Adam von Bremen im 11. Jahrhundert noch die Ems als den östlichen Grenzfluss Westfalens betrachtete,Hamburgische Kirchengeschichte I, 2 charakterisierte im ausgehenden Spätmittelalter die Schedel’sche Weltchronik Westvalen als Gebiet zwischen Niederrhein und Weser, im Norden an Friesland grenzend, im Süden an das hessische Mittelgebirge. In einem Vertrag zwischen dem Erzbistum Köln und dem Herzogtum Braunschweig-Lüneburg wurde 1260 die Ostgrenze Westfalens bis nördlich von Nienburg entlang der Weser festgeschrieben, so dass der südliche Teil des Weser-Ems-Gebiets dem Einflussbereich Kurkölns, also den Herzögen von Westfalen, zugerechnet wurde.
Als 1512 auf dem Reichstag von Köln das Heilige Römische Reich in zehn Reichskreise eingeteilt wurde, nahm der Niederrheinisch-Westfälische Reichskreis das heutige Nordrhein-Westfalen begrifflich vorweg, umfasste aber auch den größten Teil Niedersachsens westlich der Weser bis zur Nordsee (die Herrschaft Jever ausgenommen). Westfälische Herrschaften wie der Territorialbesitz der Bistümer Münster und Osnabrück reichten weit nach Norden und westlich bis in die Niederlande. Der Grenzverlauf zwischen dem Burgundischen und dem Westfälischen Reichskreis wurde erst im Zuge des niederländischen Befreiungskrieges festgelegt. Die Herrschaft Borculo blieb bis weit ins 17. Jahrhundert umstritten.Wilhelm Kohl: Die Niederlande und Westfalen im 16. Jahrhundert. Königliche niederländische Botschaft, Bonn 1971 (Nachbarn, Bd. 13).
Das alte Herzogtum Westfalen wurde dagegen innerhalb dieser neuen Reichsordnung nur ein Nebenland Kurkölns. Es gehörte nicht zum Niederrheinisch-Westfälischen Reichskreis und deckte sich also nicht mit dem größeren Gebiet, das heute zu Westfalen gerechnet wird.
Das von Napoleon I. für seinen Bruder Jérôme geschaffene Königreich Westphalen (1807–1813) umfasste nur Teile des Gebiets des heutigen Regierungsbezirks Detmold und erstreckte sich ansonsten hauptsächlich auf Gebiete, die heute in den Ländern Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Hessen liegen. Eine Abgrenzung der Region Westfalen entsprechend den Grenzen des Königreichs Westphalen war nie üblich.
Seit Preußen nach dem umfangreichen Gebietserwerb infolge des Wiener Kongresses 1815 die Provinz Westfalen einrichtete, orientierte sich die Abgrenzung der Region Westfalen zunehmend an den Grenzen der preußischen Provinz. Diese Definition Westfalens ist bis heute gebräuchlich, obwohl ältere, weiter gefasste Raumdefinitionen noch lange wirksam blieben. Bis dahin zu Westfalen gerechnete Gebiete nördlich davon kamen an das Königreich Hannover (Osnabrück, Bentheim und Emsland) und das Großherzogtum Oldenburg (Oldenburger Münsterland). Dass gleichwohl die alte, den Südwesten des heutigen Niedersachsens einbeziehende Bedeutung des Begriffs „Westfalen“ nicht völlig aus dem Sprachgebrauch verschwunden ist, zeigt der 1993 in Cloppenburg herausgegebene Buchband mit dem Titel Westfalen in Niedersachsen.Hans Galen: Westfalen in Niedersachsen. Kulturelle Verflechtungen: Münster – Osnabrück – Emsland – Oldenburger Münsterland. Cloppenburg 1993.
Im Jahr 1817 wurden der Provinz Westfalen auch das traditionell nassauische Siegerland und das hessischstämmige Wittgensteiner Land (heute gemeinsam Kreis Siegen-Wittgenstein) zugeschlagen. Dagegen wurde das Gebiet der heutigen Stadt Essen (grob das Gebiet des früheren Stiftes Essen) vom preußischen Staat der Provinz Jülich-Kleve-Berg zugeordnet, obwohl es vor 1815 häufig als westfälisches Gebiet aufgefasst wurde. Es wurde 1822 nach Auflösung dieser Provinz zur Rheinprovinz, so dass das Gebiet heute nicht mehr als westfälisch gilt. Noch deutlich später, nämlich erst im Jahr 1929, wurde Osterfeld, die einstmals westlichste Stadt im als westfälisch geltenden Vest Recklinghausen, nach Oberhausen eingemeindet und kam dadurch zum Rheinland.
Das Fürstentum Lippe (heute Kreis Lippe) blieb selbständig, wurde später ein eigenständiges Land im Deutschen Reich und wird daher auch heute selbst nach dem Beitritt zum Land Nordrhein-Westfalen häufig nicht zu Westfalen gezählt.
Abgrenzung nach kulturräumlichen Merkmalen mini|Typisches Westfalenhaus bei Melle (Niedersachsen)
Als Symbol gemeinsamer Vergangenheit ist das Sachsenross noch heute gleichermaßen das Wappentier Westfalens und Niedersachsens. Gemeinsamkeit zeigt sich auch in der ländlichen Bautradition. Das norddeutsche Fachhallenhaus, von Flandern bis Hinterpommern weit verbreitet, ist sowohl als Westfalenhaus als auch als Niedersachsenhaus bekannt: Um eine zentrale Halle („Deele“) mit giebelseitigem Tor gruppierten sich rechts und links Ställe und andere Wirtschaftsräume, während sich die Wohnräume der Bauernfamilie am hinteren Ende befanden.