miniatur|Darstellung aus einem Evangeliar vom Berg Athos, 13. Jahrhundert Die Heilung der Schwiegermutter des Simon Petrus beschreibt ein sogenanntes Heilungswunder durch Jesus von Nazaret im Neuen Testament der Bibel. Erwähnt wird die Geschichte in den Büchern des Markus , Lukas und Matthäus . Neben der Deutung der Szene durch die Bibelauslegung und die christliche Predigt diente die Wundererzählung als Vorlage für verschiedene Arbeiten der christlichen Kunst.
Biblischer Hintergrund des Heilungswunders In zwei bzw. drei Versen wird die Heilung der Schwiegermutter des Apostels Simon Petrus von einem Fieber geschildert. Die Erzählung folgt der Form einer hellenistischen Heilwundererzählung; das heißt, sie hat eine eher einfache Struktur: I. Die Art des Leidens wird vorgestellt; II. der heilende Eingriff erfolgt; III. der Heilungserfolg wird festgestellt.Alfons Weiser: Was die Bibel Wunder nennt. Ein Sachbuch zu den Berichten der Evangelien. Stuttgart (KBW) 1982 (5), S. 41.
Durch die unterschiedliche Position und durch den erzählerischen Rahmen in den synoptischen Evangelien bekommt dieses Wunder jeweils einen eigenen Akzent. Markus und Lukas nennen den Apostel noch Simon; Matthäus bezeichnet ihn, obwohl die Erteilung dieses Beinamens erst später in Mt 16,18 erfolgt, bereits als Petrus, da dieser Name zum Entstehungszeitpunkt seines Evangeliums geläufiger war.
Lukas Lukas setzt dieses Heilungswunder sehr früh im öffentlichen Auftreten Jesu an. Nach der Predigt des Johannes, der Taufe Jesu und der Versuchung in der Wüste folgt ein dramatischer Auftritt in der Synagoge von Nazaret: Jesus bezieht eine Prophetie des endzeitlichen Heils von Jesaja auf sich und wird mit dem Tod bedroht. Er geht nach Kafarnaum, lehrt in der Synagoge und heilt einen Mann mit einem unreinen Geist. Dann geht er ins Haus des Simon, dessen Schwiegermutter von einem hohen Fieber befallen ist. Auf Bitte der Hausgemeinschaft heilt Jesus die Frau, indem er dem quasi personifizierten Fieber droht. Die Heilung erfolgt augenblicklich; das Fieber verlässt die Frau, die sofort aufsteht und wieder der Familie dient. Bei Sonnenuntergang folgen weitere Heilungen und Dämonenaustreibungen; bedrängt von den Menschen geht Jesus nach Judäa.
Markus Markus positioniert das Heilungswunder nach dem ersten Auftreten Jesu, der Berufung der ersten vier Jünger, darunter Simon und Andreas, und einer Predigt in der Synagoge von Kafarnaum, die in einer Dämonenaustreibung gipfelt. Nach dem öffentlichen Auftritt in der Synagoge wechselt das Evangelium sozusagen in die Privatsphäre („sogleich gingen sie in das Haus des Simon und Andreas“). Dort treffen sie auf die fieberkranke Schwiegermutter. Die Jünger sprechen mit Jesus über sie, was in den Übersetzungen als Heilungsbitte interpretiert wird. Die Zuwendung Jesu wird in drei Schritten beschrieben: Er ging zu ihr, fasste sie an der Hand und richtete sie auf. Dabei muss das Berühren einer fremden Frau nach den damaligen Sitten als Tabubruch gewertet werden. Die Heilung wird bei Markus, im Gegensatz zu Lukas, nicht exorzistisch ausgeführt. Jesus braucht keine Worte, er betet auch nicht, er legt nicht einmal die Hand auf. Vielmehr heilt Jesus aus eigener Kraft.Joachim Gnilka, Evangelisch-katholischer Kommentar zum Neuen Testament, Band II/1, Das Evangelium nach Markus, Zürich u. a. 1978, S. 84, ISBN 3-7887-0576-0 Er reicht ihr die Hand, das Fieber weicht, die Frau steht auf und dient ihnen. Es folgt ein Heilungssummarium, denn Menschen mit Krankheiten aller Art begehren erfolgreich die Heilung: Die ganze Stadt war vor der Haustür versammelt . Am nächsten Tag bricht Jesus nach Galiläa auf.
Matthäus Ganz anders ist der Zusammenhang im Matthäusevangelium. Nach der Berufung der ersten vier Jünger berichtet Matthäus von der Bergpredigt, die auf einem Hügel bei Kafarnaum stattfand. Nach dieser Darlegung der Lehre Jesu kommt als Erzählungsgut eine Gruppe von zehn Wundern, bevor eine zweite lange Rede, die Aussendungsrede, folgt. Matthäus wechselt also die Elemente „Rede“ und „Tun“ ab. Die zehn Wunder sind mehrere Heilungswunder, ein Heilungssummarium und die Stillung des Seesturms. In dieses Korpus eingefügt sind die Forderungen der Nachfolge, die Berufung des Zöllners Matthäus und das Mahl mit den Sündern.
Als Jesus vom „Berg der Seligpreisungen“ herabsteigt, heilt er einen Aussätzigen, als er nach Kafarnaum kommt, den Knecht des Hauptmanns. Die literarische Komposition kommt somit aus der „Weite“ in die „Stadt“ und dann in ein einzelnes Haus. Als Jesus dann im Haus des Petrus die fieberkranke Schwiegermutter sieht, berührt er ihre Hand, worauf sie das Fieber verlässt. Es fehlt – entgegen den anderen Darstellungen – eine Bitte der Beteiligten. Sie steht auf und bedient ihn.Strack-Billerbeck machen zu dieser Stelle darauf aufmerksam, dass „das Dienen der Frau bei Tisch verpönt“ war; vgl. Hermann Leberecht Strack, Paul Billerbeck: Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch. Das Evangelium nach Matthäus erläutert aus Talmud und Midrasch. München 1926 (2), S. 480. Alle drei Evangelien kennen aber diese Formulierung, wobei Mk und Lk „bediente sie“ und Mt „bediente ihn“ (exklusiv) haben. Das „Dienen“ muss also eine tiefere Bedeutung haben, s. u.; anders Diefenbach.
Es folgt das Heilungssummarium, das besonders die Heilung von Besessenen betont und mit einem Jesajas-Zitat auf die Leiden des Gottesknechtes anspielt. Die Forderungen der Nachfolge Jesu und die Stillung des Seesturms unterbrechen die Reihung der Heilungswunder, die dann mit der Erzählung des Besessenen von Gerasa wieder aufgenommen wird.
Deutungsansätze Wie der Vergleich der Überlieferung der „Heilung der Schwiegermutter des Petrus“ zeigt, muss dieses Heilungswunder im Kontext des jeweiligen Evangeliums interpretiert werden.
Exegese der Evangeliumsberichte Bei Lukas ist die Heilung der Schwiegermutter des Petrus das zweite Wunder überhaupt und das erste „körperliche“ Heilungswunder (unmittelbar vorher wird von der Heilung eines Besessenen berichtet). Die Heilungen sind die „Bestätigung“ der Predigt Jesu in der Synagoge zu Nazaret (gekommen, um den Blinden das Augenlicht zu geben), die von den dortigen Hörern zurückgewiesen wurde. Die „Heilung der Schwiegermutter“ zeigt ferner – wie bei Lukas häufig – die Zuwendung zu den Armen und Kranken. Die Antwort auf die Heilung ist das Dienen, das bei Lukas und Markus sozialen Charakter hat. Zugleich demonstriert das Bedienen die wiederhergestellte Gesundheit vor aller Augen. Erst später erfolgt die Berufung der ersten Jünger.
Ähnliches gilt für (den früher abgefassten) Markus: der Predigt vom nahen Gottesreich folgt die Bestätigung durch Heilungen: zwei in Einzelheiten geschilderte und ein Heilungssummarium. Markus betont die Anwesenheit der vier erstberufenen Jünger. Wie Matthäus beschreibt Markus den Ablauf des Wunders mit kleinen Einzelheiten: Die Schwiegermutter „liegt krank danieder“, die Verwandten bitten für sie. Jesus tritt dieser Not entgegenRenate M. Fink: Die Botschaft des heilenden Handelns Jesu. Innsbruck 2000, S. 31., er nimmt sie bei der Hand und richtet sie auf, heilt also am Sabbat. Das „Aufrichten“ ist ein jüdisches Synonym für „Heilung“Strack-Billerbeck, Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch. Das Evangelium nach Markus, Lukas, Johannes und die Apostelgeschichte erläutert aus Talmud und Midrasch. München 1923, S. 2, wird im Neuen Testament aber auch als Begriff für „Auferweckung“ oder „Auferstehung“ verwendet.Lt. Renate M. Fink: Die Botschaft des heilenden Handelns Jesu, Innsbruck 2000, S. 31, kommt dieser Ausdruck 52 mal vor.
Bei Matthäus handelt Jesus aus eigener InitiativeVgl. Eduard Schweizer, Das Evangelium nach Matthäus, NTD, S. 140. Allerdings ist die Heilung der Schwiegermutter nicht das einzige „unerbetene“ Wunder, vgl. Lk 7,11: Auferweckung des Jünglings zu Nain., „ohne dass eine vorherige Bitte ausgesprochen wird“.Walter Grundmann, Das Evangelium nach Matthäus, Theologischer Handkommentar zum Neuen Testament, Bd. 1, Berlin 1986, 6. Auflage, S. 255 Matthäus „fokussiert“ literarisch in einem Dreischritt von der Weite des Berges zur vielfältigen Stadt (der Knecht des Hauptmanns ist ein NichtjudeSeine Heilung geschieht durch „ein Wort“ und aus der Ferne; ohne Bekanntschaft und ohne Berührung.) und dann auf das Krankenlager der Frau. Die Kranke und Jesus stehen für einen Moment allein im Mittelpunkt. In diesen beiden Erzählungen zeigt Matthäus die Zuwendung Jesu zu Nichtjuden und Frauen, was in der damaligen Zeit anstößig war.Bei der Heilung des Knechtes liegt ein Schwergewicht auf dem Glauben, was aber für die Heilung der Schwiegermutter unerheblich ist. Die Wunder selbst sind schlicht, aber zeichenhaft. Die Heilung der Frau wird von ihrem Dienst, d. h. der Nachfolge, beantwortet.Renate M. Fink: Die Botschaft des heilenden Handelns Jesu. Innsbruck 2000, 32: Das Dienen ist Grundhaltung und wesentlicher Bestandteil der Jüngernachfolge [… es] meint mehr als ‚nur‘ eine gewöhnliche Hausfrauentätigkeit. Diese Beobachtung im Markusevangelium gilt – weil das gleiche Verb diakonein verwendet wird – auch für Matthäus.
Tiefenpsychologische Deutung Eine weitergehende tiefenpsychologische Deutung für das Markusevangelium liefert Eugen Drewermann, der von einem Aufeinanderprallen von Notwendigkeiten des Alltags und den großen Idealen des Reiches Gottes spricht: „Könnte es nicht sein, daß das, was wir 'normal' nennen, in Wahrheit (…) ein völlig wahnsinniges Fieber ist(…)?“Eugen Drewermann: Das Markusevangelium. Olten 1988 (2) S. 202–209, hier S. 206. Diesem Wahnsinn helfe Jesus durch seine begegnende Liebe ab.Dies kritisiert Gerd Lüdemann, Texte und Träume, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1992, ISBN 3-525-87159-7, S. 76, scharf.
Feministische Exegese Aus Sicht der feministischen Exegese hat Barbara Mörtl die Perikope nach Markus analysiertBarbara Mörtl: Die Schwiegermutter des Petrus. Die ekklesiale Kompetenz von Frauen nach Mk 1,29–31. Eine feministisch-theologische Untersuchung. Graz 2002. und meint, dass in ihr – betont durch die frühe Stellung im Markusevangelium – die gleichwertige Bedeutung von Frauen und Männern in der Nachfolge Jesu hervorgehoben werde. Diese Nachfolge habe aber nicht primär mit Macht und Ansehen zu tun, sondern verlange die Bereitschaft zum Dienen. Anders als die verbale Berufung der Männer erfolge die Berufung dieser Frau durch Heilung und Körperkontakt. Es sei von hoher symbolischer Bedeutung, dass sie sich zu ihrer Ganzheit aufrichtet.Alle Zitate beziehen sich auf Barbara Mörtl: Die Heilung der Schwiegermutter (Mk 1,29–31) – Freude oder Ärgernis? In: Joseph Pichler, Christoph Heil (Hrsg.): Heilungen und Wunder. Theologische, historische und medizinische Zugänge. WBG Darmstadt 2007. S. 130f. Das vermeintliche Bedienen der Männergesellschaft sei in Wirklichkeit der Aufstieg der Schwiegermutter zu einer ersten Nachfolgerin Jesu und damit ein Vorbild wahrer Nachfolge.Barbara Mörtl: Die Heilung der Schwiegermutter, S. 137 bzw. 140.
Eine Darstellung der Figur im Sinne einer Evangelienharmonie aus weiblicher Sicht wagt Ingeborg Kruse. Unter dem Titel „Die Fischfrau“ fasst Kruse alle biblischen und archäologischen Details, die sich im Umfeld der Schwiegermutter des Simon Petrus finden lassen, zusammen und gestaltet ein Stück narrative Theologie, indem sie die Heilung, aber auch Teile der weitergehenden Jesusgeschichte aus Sicht dieser Frau beobachtet und schildert.Ingeborg Kruse, Kapernaum – die Fischfrau, in: Mädchen, wach auf! Frauengeschichten aus dem Neuen Testament. Kreuz, Stuttgart 1989, S. 65–71, ISBN 3-7831-0964-7
Liturgie