mini|300px|Zwerge der Völuspá. Illustration von Lorenz Frølich, 1895 Dvergatal, altnordisch für ‚Zwergenzählung‘, nennt man innerhalb der Lieder-Edda die sieben Strophen der Völuspá (10–16), in der etwa siebzig Zwergennamen aneinandergereiht sind.

Stellung in der Völuspá, Überlieferung und Alter Die Völuspá ist ein Lied der Lieder-Edda, das westnordische Mythen vom Schöpfungsverlauf umfasst, die von der Entstehung bis zum Ende der Schöpfung reichen. Das Dvergatal schließt darin an den Schöpfungsmythos von der Entstehung der Zwerge an und steht vor dem Schöpfungsmythos der Menschen. Innerhalb der Völuspá ist das Dvergatal dabei eine eigenständige Erzähleinheit, in der überwiegend Zwergennamen genannt werden. Dadurch wird der Erzählfluss des Liedes über mehrere Strophen hinweg unterbrochen, so dass das Dvergatal wie ein Fremdkörper in der Völuspá wirkt. Beim Übergang vom Dvergatal zum nächsten Erzählabschnitt gibt es sowohl inhaltliche als auch grammatikalische Unstimmigkeiten im Text, die darauf schließen lassen, dass in diese Stelle der Völuspá nachträglich eingegriffen wurde und sie demzufolge ursprünglich anders aussah.Siehe bei: Anders Hultgård (2004) S. 253 f.

Da aber alle Textvarianten, die von der Völuspá erhalten sind,Das sind die Völuspá-Handschriften im Codex Regius und im Hauksbók, sowie die Völuspá-Zitate, die in den Abschriften von Snorri Sturlusons Prosa-Edda enthalten sind. an dieser Stelle die Liste der Zwergennamen enthalten, ist das Dvergatal dennoch als fester Bestandteil der Völuspá anzusehen.Rudolf Simek: Die Edda. Verlag C. H. Beck, München 2007, ISBN 978-3-406-56084-2, Online, S. 49 Entweder wurde es demnach zu einem vergleichsweise frühen Zeitpunkt in den Text der Völuspá aufgenommen oder es war ursprünglich ein Bestandteil des Liedes, der jedoch nachträglich verändert wurde.Anders Hultgård (2004) S. 253 f. - Anderer Ansicht: Rudolf Simek: Die Edda. Beck, München 2007, ISBN 978-3-406-56084-2, Online, S. 49 - vergleiche auch die kurze Erörterung hierzu von Anders Hultgård: The Askr and Embla myth in a comparative perspective. In: A. Andren, K. Jennbert, C. Raudvere: Old Norse Religion in Long Term Perspectives: Origins, Changes and Interactions, an International Conference in Lund, Sweden, June 3-7, 2004. Nordic Academic Press, 2006, ISBN 978-91-89116-81-8, Online, S. 58.

Das Alter des Dvergatals ist schwer bestimmbar. Der Eingriff in die Völuspá muss deutlich älter als die ältesten Handschriften des 13. Jahrhunderts sein, die das Lied überliefern, da alle Handschriften das Dvergatal enthalten. Namenslisten wie das Dvergatal kennt die nordische Überlieferung ansonsten vor allem aus den Þulur. Diese wurden wohl im 12. zum 13. Jahrhundert zusammengefasst und ergänzt, scheinen aber älteren Ursprungs zu sein.Guðrún Nordal: Tools of literacy: the role of skaldic verse in Icelandic textual culture of the twelfth and thirteenth centuries. University of Toronto Press, 2001, ISBN 978-0-8020-4789-2, S. 5 Somit geht man ebenso davon aus, dass das Dvergatal auf eine alte Überlieferung zurückgeht.Sigurður Nordal, Ommo Wilts: Völuspá. 2. Auflage, 1952. Übersetzung, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1980, ISBN 978-3-534-04430-6 Die Zwergennamen aber sind durchwegs leicht übersetzbar und können deswegen nicht sonderlich alt sein.Rudolf Simek (Lexikon 2006) S. 503 f. Jedoch ist nicht bekannt, wie das Dvergatal ursprünglich ausgesehen hat.

Rätselhaft bleibt das Motiv, das zur heutigen Liste der Zwergennamen in der Völuspá führte. Vielleicht ging es darum, dass die Namen nicht in Vergessenheit gerieten, denn viele dieser Zwerge scheinen in früheren Zeiten wichtige Funktionen ausgeübt zu haben. Vielleicht ging es auch darum, die Namen zu kennen, um Macht über die Namensträger zu erlangen, ähnlich wie im Märchen Rumpelstilzchen.Arthur Häny: Die Edda. (Übersetzung). 3. Auflage. Manesse Verlag, Zürich 1989, ISBN 3-7175-1731-7, Weissagung der Seherin: Anmerkung Nr. 8, S. 543 f. Vergleichbare Kataloge waren im Mittelalter durchaus üblich und dienten unter anderem auch zum Training des Gedächtnisses.

Überlieferte Fassungen Grob gesehen stimmen die Namenslisten in den verschiedenen Handschriften überein, dennoch gibt es keine einheitliche Fassung des Dvergatals. Etwa ein Fünftel der genannten Zwergennamen findet sich nicht in allen Völuspá-Texten. Darüber hinaus weicht die Reihenfolge der Namen stellenweise voneinander ab. Die Zwergennamen werden zudem so unterschiedlich geschrieben, dass es zu einer großen Anzahl an unterschiedlichen Namensbedeutungen kommt.

Zu den 63 Zwergennamen der Völuspá-Fassung des Codex Regius finden sich 74 Schreibvarianten in den übrigen Handschriften, von denen etwa 37 zu gänzlich anderen Namensbedeutungen führen.

Zum Vergleich: die 52 Namen Odins, die in der Codex-Regius-Fassung des Liedes Grimnismál genannt werden, haben lediglich 14 Schreibvarianten in den anderen Handschriften, von denen wiederum nur 5 unterschiedliche Namensbedeutungen haben. Das wird darauf zurückgeführt, dass die Mythen um Odin zur Zeit der Abfassung der Handschriften präsenter und bildlicher waren.

Viele Zwergnamen wirken vergleichsweise abstrakt. Nur wenige Mythen zu einzelnen Zwergen wurden überliefert.Carolyne Larrington: Myth and the Psychology of Memory. In: A. Andren, K. Jennbert, C. Raudvere: Old Norse Religion in Long Term Perspectives: Origins, Changes and Interactions, an International Conference in Lund, Sweden, June 3-7, 2004. Nordic Academic Press, 2006, ISBN 978-91-89116-81-8, Online, S. 274.

Namenwelt mini|Zwerge bei der Arbeit. Illustration von George Pearson/W. J. Wiegand, 1871

Von den meisten Zwergen wissen wir nur den Namen. Die Namen sind meist sprechend und beschreiben Eigenschaften und Orte, die man mit dem Zwergenvolk in Verbindung brachte. Sie geben daher einen guten Einblick in die westnordische Vorstellungswelt zu Zwergen im frühen Mittelalter.Simek (GuK 2006) 92 f. – Simek (Lex 2006) S. 503 f. – Simek (Mittelerde 2005) S. 62 Dazu zählen ihre Kunstfertigkeit als Schmiede und Handwerker, spezielle Merkmale ihrer Lebensform, ihre Weisheit, Streitsucht und Kampfbereitschaft.

Zwerge sind klein (Nori, der Winzige) leben unter der Erde und in Steinen (Aurwang, die Schotteraue), deren braune Farbe sie haben (Litr, der Farbige und Bruni, der Braune), wachen über ihre Fruchtbarkeit und Schätze (Thrain und Thror, die Gedeihenden; Draupnir, der Träufler; Fundinn, der Gefundene). sind kunstfertige Handwerker (Hanarr, der Kunstfertige), deren Werkzeuge als Übernamen auf einzelne Zwerge übergehen (Weig, der Keil; Fili, die Feile; Hepti, der Schaft bzw. das Heft; Hornibori, der Horndurchbohrer; Gloin, der Glühende; Dori, der Bohrer). Ihre Weisheit ist berühmt (Wit, der Kluge; Nyrad, der Abratende; Regin, der Rathalter), einige haben auch die Fähigkeit zur Unsichtbarkeit (Swiurr, der Verschwindende). Sie sind tapfer (Thorin, der Tapfere) gesellig (Thekk, der Beliebte) würdig (Har, der Hohe) ruhmreich (Loni, der Leuchtende; Fräg, der Berühmte).

Sie sind aber auch: leicht erregbar (Bömburr, der Anschwellende) streitsüchtig (Dolgthrasir, Jari, Ori, die Streitsüchtigen) stur (Hugstari, der Sture) furchtsam (Biförr, Baförr, die Zitternden; Oinn, der Furchtsame) überaus vorsichtig (Andwari, der Vorsichtige). Sie können auch sein: diebisch (Althjof, der große Dieb; Mjödvitnir, der Meträuber) betrügerisch (Ginnarr, der Betrüger).

Es gibt aber auch einige Namen, die keine uns vertrauten Zwergeigenschaften ausdrücken.

Einige deuten auf wichtige Aufgaben zur Erhaltung der von den Göttern geschaffenen Welt. So tragen die Zwerge Nordri und Sudri, Austri und Westri an den Enden der vier Himmelsrichtungen Ymirs Schädeldecke, den Himmel. Die Zwerge Nyi und Nidi stellen ihrem Namen nach die beiden Mondphasen dar. Nyi und Nyr stehen beide für den zunehmenden Mond, Nidi für den abnehmenden, ebenso Kili, dessen Name wegen altnordisch kill ‚schmale Bucht‘ und altnordisch kilipr ‚Henkel eines Gefäßes‘ auf die Mondsichel hinweist.

Andere Namen stellen eine Beziehung zwischen Zwerg und Tod her: Dain, der Verstorbene Nar, die Leiche Nain, die kleine Nadel oder der Tod Nali (steht auch mit Tod in Zusammenhang) Niping, der Gramvolle Duf, Durin und Dwalin stehen mit dem Schlaf in Verbindung, den man bei uns auch als Bruder des Todes bezeichnet. Diese Namen führen zu der umstrittenen Annahme, dass die unter der Erde lebenden Zwerge ursprünglich Totendämonen waren.Pro: Rudolf Simek (Lex 2006) S. 505. Contra: Polomé (1997) S. 448.

Drei Namen beinhalten das altnordische Wort alfr ‚Alf, Elf, Elbe, Alb‘ und zeigen an, dass Zwerg und Elf offenbar miteinander verwandt sind: Alf, der Elf Gandalf, der Zauberelf Windalf, der Windelf.

Zwergenordnungen mini|500px|Die Zwerge des Dvergatals. Illustration von Lorenz Frølich, 1895

Das Dvergatal besteht nicht nur aus Namen, sondern es enthält auch ein paar Angaben zu den Zwergen. An zwei Stellen wird die Aufzählung der Namen unterbrochen, so dass sich die Namensliste in drei Teile gliedert, woraus man drei Zwergengruppen ableiten kann.

Der Sinn der Dreiteilung wird nicht erläutert. Doch werden zum einen drei unterschiedliche Wohnorte der Zwergengruppen genannt, zum anderen können ihnen vielleicht auch drei Anführer zugeordnet werden.In der modernen Literatur wird diesen Merkmalen, nach denen die Zwerge gegliedert sind, wenig Beachtung geschenkt. Von unterschiedlichen Zwergenlinien geht in heutiger Zeit aus: Henry Adams Bellows: The Poetic Edda – The Mythological Poems. (Übersetzung). Courier Dover Publications, USA 2004, ISBN 978-0-486-43710-1, S. 7 Anm. 12 und 14. Ältere Literatur: Hermann Lüning: Die Edda. Eine sammlung altnordischer götter- und heldenlieder. Urschrift. Zürich 1859, S. 42: „Und [die Zwerge] gliedern sich in drei abtheilungen unter drei häuptlingen, Motsognir, Durin und Dvalin; die zwerge aus Dvalins schaar streben zur oberfläche der erde empor, und von ihnen stammt Lofars zahlreiches geschlecht.“

Die Wohnorte Von der dritten Zwergengruppe heißt es in der Völuspá, dass sie eine Wanderung durchführte.

„Mál er, dverga [...] telia, þeir er sótto frá salar steini Aurvanga siǫt til Iorovalla“Lieder-Edda: Völuspá 14. Textausgabe nach Titus Projekt, URL: http://titus.uni-frankfurt.de/texte/etcs/germ/anord/edda/edda.htm, aufgerufen am 27. November 2009.

„Zeit ist's die Zwerge [...] aufzuzählen, die gingen von den Steinen des Grunds nach Aurwangars Sitz, nach Jöruwellir“Übersetzung nach Arnulf Krause: Die Götter- und Heldenlieder der Älteren Edda. Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 2004, ISBN 978-3-15-050047-7.

– Völuspá 14

Sie wanderte demnach von den salar steini, den Steinen des Grunds, zu einem Ort namens Aurwangars Sitz ‚Schotterauen-Sitz‘ in Jöruwellir ‚Sandebene‘. Aurwangar und Jöruwellir haben eine ähnliche Bedeutung und meinen somit möglicherweise vielleicht auch denselben Ort.Simek (Lex 2006) S. 33, 230 In der Prosa-Edda werden die salar steini durch Swarinshaug ‚Hügel des Swarin‘ ersetzt und der Schotterauen-Sitz zu Aurwangar, ‚der Schotteraue‘, verkürzt.Prosa-Edda: Gylfaginning 13 Ob damit in beiden Fällen das gleiche gemeint ist, bleibt offen. Im Gegensatz zur Völuspá weist die Prosa-Edda jedoch auch den beiden anderen Zwergengruppen eindeutige Wohnorte zu:

„En þessir eru ok dvergar ok búa í steinum, en inir fyrri í moldu:“Prosa-Edda: Gylfaginning 13. Textausgabe nach

„Und diese [nachfolgenden Namen] sind auch Zwerge und sie wohnen in Steinen, die obigen [zuvor genannten Namen] aber in der Erde.“Übersetzung nach Arnulf Krause: Die Edda des Snorri Sturluson. Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 1997, ISBN 978-3-15-000782-2

– SNORRI STURLUSON: Prosa-Edda: Gylfaginning 13