mini|Heerführer der Comitatenses und Limitanei im 5. Jahrhundert n. Chr.

Der Dux provinciae Raetiae primae et secundae, „Heerführer der ersten und zweiten Provinz Rätien“, war der offizielle Titel des spätrömischen Grenztruppenkommandeurs (dux limitis) der Provinz Rätien. Das Amt wurde im Zuge der von Kaiser Diokletian (284–305) begonnenen Staatsreformen um 310 eingeführt. Der Dux Raetiae unterstand dem Magister militum.Karlheinz Dietz: Regensburg zur Römerzeit. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 1979, ISBN 3-7917-0599-7, S. 130.Michael Mackensen: Die Provinz Raetien in der Spätantike. In: Die Römer zwischen Alpen und Nordmeer. Zabern, Mainz 2000, S. 214.

Funktion Die Provinz unterstand zivil und militärisch bis etwa 170 einem Prokurator im Ritterrang, dann, bedingt durch die Stationierung der legio III Italica, einem Senator, ein Statthalter mit größerer Kommandobefugnis. Laut der Notitia Dignitatum unterstand die Zivilverwaltung nach Teilung der Provinz unter Diokletian zwei gleichrangigen praesides. Der Dux limitis von Rätien kontrollierte die Militärverwaltung und befehligte die Limitanei in den Grenzkastellen und zwei Gardereitereinheiten der Comitatenses (equites stablesiani iuniores/seniores). Im Gegensatz zu seinem Amtskollegen in Ufernoricum/Pannonnia I, des Dux Pannoniae Primae et Norici Ripensis, der laut dem spätantiken Staatshandbuch Notitia DignitatumOcc. XXXIV. keine binnennorischen Garnisonen unter seinem Befehl hatte, kommandierte er die Streitkräfte beider rätischer Teilprovinzen. In der Hierarchie des kaiserlichen Hofs zählte der Dux zur höchsten Rangklasse der Viri spectabiles.

Namentlich bekannte Duces: Jacobus (unter Kaiser Flavius Honorius, um 401) Servatius (unter König Theoderich zwischen 474 und 526)

Hauptquartier Bisher ist es in der Forschung unklar, ob, beziehungsweise wie lange, das Hauptquartier der raetischen Militärverwaltung in Regensburg oder in Augsburg, der alten Provinzhauptstadt Rätiens, eingerichtet worden ist. Aus Augsburg sind zwei Funde aus konstantinischer Zeit bekannt geworden, die darauf hindeuten, dass der Dux und sein Stab dort ansässig waren. 1897 wurden in einer Kiesgrube bei Augsburg-Pfersee zwei spätrömische Kammhelme geborgen, die reich verziert und mit vergoldetem Silberblech überzogen waren. Der in seiner Zeitstellung und Machart vergleichbare Offiziershelm von Deurne wurde 1910 südlich dieser niederländischen Stadt gefunden. Aufgrund der eingeritzten Namenszeichen konnte sein Träger einer Gardekavallerieeinheit (Equites Stablesiani) zugeordnet werden.Marcus Junkelmann: Die Reiter Roms. Teil III: Zubehör, Reitweise, Bewaffnung. Verlag Philipp von Zabern, Mainz 1992, ISBN 3-8053-1288-1, S. 161 (Bild S. 160). Möglicherweise gehörte auch ein – ebenfalls bei Augsburg – auf einem Acker aufgefundener Ehrenring des Kaisers Konstantin I. mit der Aufschrift Fidem Constantino ("In Treue für Konstantin") einem Gefolgsmann des Dux.Hans-Jörg Kellner: Augsburg, Provinzhauptstadt Raetiens. In: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt: Geschichte und Kultur Roms im Spiegel der neueren Forschung. Band 2, Verlag Walter de Gruyter. Berlin 1976, ISBN 3-11-007197-5, S. 707. Bis 2003 wurden beispielsweise in der konstantinischen Residenzstadt Treveri/Trier drei Ringe mit derselben Aufschrift entdeckt,Lothar Schwinden: Kaisertreue II. Ein dritter Fingerring aus Trier mit Inschrift fidem Constantino. In: Funde und Ausgrabungen im Bezirk Trier, Heft 35, 2003. S. 50–57. was Hinweise auf Beziehungen seines Trägers zum Kaiserhaus geben könnte. Auch ein mit Niello verziertes Dosenortband einer spätantiken Schwertscheide aus Pfärrle dürfte einst einem hochrangigen Offizier gehört haben. Bei Grabungen in Regensburg/Niedermünster, in der Nordostecke des im Jahr 179 errichteten Legionslagers Castra Regina wurden 2008 repräsentative Gebäudereste aufgedeckt.Michaela Konrad: Die Ausgrabungen unter dem Niedermünster zu Regensburg. 2: Bauten und Funde der römischen Zeit (= Münchner Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte 57). Beck, München 2005, ISBN 3-406-10757-5. Man nimmt an, dass es sich dabei um ein separiertes Binnen- oder Restkastell oder Burgus gehandelt hat. Bemerkenswert macht den Befund vor allem der Umstand, dass in diesem Bereich auch die spätere agilofingische Pfalz lag. Die Ausgräber glauben, dass die Befunde im Niedermünster ein stichhaltiges Indiz dafür sind, den Dux Raetiae mit seinem Stab bis zum Ende römischer Militärpräsenz in Rätien um 475 in Regensburg zu verorten.

Verwaltungsstab Das Officium (Verwaltungsstab) des Dux umfasste folgende Ämter:Officium autem habet idem vir spectabilis dux hoc modo

Principem ex officiis magistrorum militum praesentalium alternis annis (Kanzleivorsteher, wurde alle zwei Jahre vom Heermeister neu bestellt) Numerarios duos, ex utrisque officiis praesentalibus singulos (zwei Buchführer) Commentariensem ex utrisque officiis alternis annis (Rechtsgelehrte, für zwei Jahre bestellt) Adiutorem (Assistent) Subadiuuam (Hilfskraft) Regrendarium (Verwalter) Exceptores (Juristen) Singulares et reliquos officiales (Leibwächter und sonstige Beamte)

Grenzorganisation Die raetische Grenze war in mehrere Militärbezirke aufgegliedert, an deren Spitze ein Offizier im Rang eines Präfekten einer im Rang höhergestellten Truppe, einer Legion, einer Ala (Reitertruppe) oder eines mit milites bezeichneten Verbandes stand. Ihm waren die von Tribunen befehligten Kohorten (Infanterie) unterstellt.

pars superior: Der obere Abschnitt erstreckte sich entlang des Donauufers. Er war noch zusätzlich in eine ripa prima (westlich von Kastell Eining) und eine – in der Notitia nicht eigens genannte – ripa secunda (ab Eining donauabwärts) unterteilt. pars media: Der mittlere Abschnitt von der Iller bis Vemania. pars inferior: Der untere Abschnitt, vermutlich ab dem Unterlauf der Argen bis an den Bodensee.

Truppen Die Notitia Dignitatum zeigt die Verteilung der im spätantiken Rätien stationierten Truppenverbände.Occ. XXXV. Auffallend ist das Verschwinden der meisten Hilfstruppenkontingente und ihr Ersatz durch wohl am Ende des 3. Jahrhunderts neu aufgestellte Einheiten. Bis ins 5. Jahrhundert blieben nur jene Truppenteile bestehen, die auch schon im 3. Jahrhundert am Südufer der Donau und nicht direkt am obergermanisch-rätischen Limes gelegen hatten.

An altem Truppenbestand waren noch vorhanden:

die früher komplett in Castra Regina stationierte Legio III Italica, die Cohors nona (nova) Batavorum in Castra Batava und die Cohors III Britannorum in Eining.

Im Zuge der diokletianisch-konstantinischen Reformen war die Legio III Italica in sechs Teileinheiten aufgespalten worden. Eine Resttruppe war anfangs noch in ihrem Stammlager kaserniert. Alle anderen Einheiten waren Neuaufstellungen wie ihre Beinamen (Herculea, Valeria) vermuten lassen. Die ala I Raetorum Flavia wurde etwa nach dem Gentilnamen Konstantins I. benannt. Auch tauchten völlig neue Bezeichnungen auf, wie zum Beispiel die equites Stablesiani (Gardereiterei) und der numerus barcariorum. Ab der Zeit Konstantins I. wurden mehrheitlich germanische Söldner für das rätische Heer angeworben. Dies ergab eine Auswertung der Gräberfunde von Günzburg und Neuburg.Keller 1979. Die größten Einheiten standen in Submuntorio und Vallato mit je einer Legionsvexillation der legio III Italica und einer Reiterabteilung der Garde. Auch diese beiden Festungen lagen südlich der Donau. Am Strom selbst waren noch Passau, Eining, Günzburg und mehrere heute nicht mehr exakt zu lokalisierende Kastelle bemannt. Ganz im Osten der Provinz stand eine Einheit der Limitanei am Innübergang bei Pons Aeni. Am Bodensee operierte von Brecantia aus eine Flottille von Wachschiffen.

Die offensichtlich schon veraltete Truppenliste dieses Dux scheint unkorrigiert in die letzte Fassung der Notitia Dignitatum eingefügt worden zu sein, da einige der Limitaneieinheiten in der Zwischenzeit in andere Kastelle verlegt worden waren. Hier insbesondere zu nennen sind die fünf Vexillationen der Legion Tertia Italica, von der die Tertiani Italica in der Armee des Comes Illyrici abzustammen scheint.

Distributio Numerorum Laut der ND Occ. standen dem Dux 21 Einheiten zur Verfügung:sub dispositione

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