Biografie: Ein Spiel ist ein Theaterstück des Schweizer Schriftstellers Max Frisch, das 1967 entstand und am 1. Februar 1968 im Schauspielhaus Zürich unter der Regie von Leopold Lindtberg uraufgeführt wurde. 1984 legte Frisch eine überarbeitete Neufassung vor. Das von Frisch als Komödie bezeichnete Stück greift eines seiner zentralen Themen auf: die Möglichkeit oder Unmöglichkeit des Menschen, seine Identität zu verändern.

Mit Biografie: Ein Spiel wandte sich Frisch von der Parabelform seiner Erfolgsstücke Biedermann und die Brandstifter und Andorra ab und postulierte eine „Dramaturgie der Permutation“. Darin sollte nicht, wie im klassischen Theater, Sinn und Schicksal im Mittelpunkt stehen, sondern die Zufälligkeit von Ereignissen und die Möglichkeit ihrer Variation. Dennoch handelt Biografie: Ein Spiel gerade von der Unmöglichkeit seines Protagonisten, seinen Lebenslauf grundlegend zu verändern. Frisch empfand die Wirkung des Stücks im Nachhinein als zu fatalistisch und die Umsetzung seiner theoretischen Absichten als nicht geglückt. Obwohl das Stück 1968 als unpolitisch und nicht zeitgemäß kritisiert wurde und auch später eine geteilte Rezeption erfuhr, gehört es an deutschsprachigen Bühnen zu den häufiger aufgeführten Stücken Frischs.

miniatur|hochkant|Cover der Buchausgabe von Biografie: Ein Spiel des Suhrkamp Verlages Inhalt Motto

Frisch stellte dem Stück ein Motto voran, ein Zitat des Werschinin aus Anton Tschechows Drei Schwestern: „Ich denke häufig; wie, wenn man das Leben noch einmal beginnen könnte, und zwar bei voller Erkenntnis? Wie, wenn das eine Leben, das man schon durchlebt hat, sozusagen ein erster Entwurf war, zu dem das zweite die Reinschrift bilden wird! Ein jeder von uns würde dann, so meine ich, bemüht sein, vor allem sich nicht selber zu wiederholen […].“Frisch: Biografie: Ein Spiel (1969), S. 5

Handlung

Der todkranke Verhaltensforscher Hannes Kürmann erhält die Möglichkeit, sein Leben noch einmal neu zu beginnen. Ein Registrator führt ihn durch vergangene Schlüsselerlebnisse und lässt ihm die Wahl, sich mit dem Wissen um die Zukunft zu den Ereignissen und Menschen anders zu verhalten und dadurch seine Biografie zu verändern. Im Vordergrund steht Kürmanns Wunsch nach einer „Biografie ohne Antoinette“, seine Frau, deren Ehe mit ihm nach sieben Jahren zerrüttet ist. So wiederholt Kürmann als erstes jenen Abend, an dem er zum Professor ernannt wurde und bei einer Feier Antoinette Stein kennenlernte. Doch wie er die Begegnung auch zu gestalten versucht, stets mündet sie in einer gemeinsamen Nacht des künftigen Paares. Der Registrator wirft Kürmann vor, er verhalte sich nicht zur Gegenwart, sondern zu einer Erinnerung und gerate deswegen jedes Mal in die gleiche Geschichte.

Kürmann weigert sich zu glauben, dass sein Leben nicht auch ganz anders hätte verlaufen können. Der Registrator führt ihn weiter zurück in seine Jugend. Auch dort gelingt Kürmann keine nachträgliche Korrektur seiner Biografie: ein Schulkamerad verliert durch seinen Schneeball ein Auge, während eines Auslandssemesters in den Vereinigten Staaten stirbt seine Mutter, mit seiner Abreise lässt er die geliebte Mulattin Helen im Stich, um sie zu vergessen heiratet er seine erste Frau, die nach einem Streit Suizid begeht. Kürmann behauptet, er habe sich an seine Schuld gewöhnt. Nur in einem Punkt ist er zu einer geänderten Haltung fähig. Als ein Kollege an der Universität wegen seiner Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei entlassen wird, begnügt sich Kürmann nicht ein zweites Mal mit einer unverfänglichen Protestnote, sondern tritt selbst in die KP ein. Daraufhin verliert auch Kürmann seine Professur.

Kürmanns Leben erreicht wieder den Abend seiner Begegnung mit Antoinette. Dieses Mal verlässt ihn Antoinette und scheint in der Lage, ein Leben ohne ihn zu führen. Erst dadurch begreift Kürmann, dass er seine Frau über all die Jahre unterschätzt hat. Nun will er sie nicht mehr gehen lassen. Der Registrator wiederholt die Begegnung, bis Antoinette an Kürmanns Seite bleibt. Sie heiraten erneut, und erneut gerät ihre Ehe in die Krise. Kürmann bemüht sich, seine Eifersucht zu zügeln, als Antoinette eine Affäre mit dem Architekten Egon Stahel beginnt. Der Registrator lobt sein tadelloses Verhalten, da er sich keine Wutanfälle oder Ohrfeigen zuschulden kommen lässt. Dennoch kann Kürmann Antoinette nicht zurückgewinnen. Als der Registrator ihm vorwirft, dass er nichts in seinem Leben verändert habe, außer in die KP einzutreten und Antoinette nicht zu ohrfeigen, greift Kürmann nach dem Revolver, mit dem er sich selbst umbringen wollte, und erschießt Antoinette.

Der Registrator macht die Tat rückgängig. Ein Jahr lang lebt Kürmann im Schatten seiner unabhängig gewordenen Frau. Dann wird er ins Krankenhaus eingeliefert und erfährt von seiner Krebserkrankung. Sein Zustand lässt Kürmann nur mehr die Wahl, wie er sich dazu verhält, dass er verloren ist. Der Registrator wendet sich statt seiner Antoinette zu und macht nun ihr das Angebot, ihre Biografie zu verändern. Noch einmal kehren beide zurück zum Abend ihrer ersten Begegnung. Im Gegensatz zu den vergeblichen Versuchen ihres Mannes verlässt Antoinette Kürmann, ohne zu zögern. Daraufhin verkündet ihm der Registrator, er sei nun frei und habe noch sieben Jahre zu leben.

miniatur|hochkant|Buchcover der Neufassung von 1984

Anmerkungen des Autors

Der ersten Fassung fügte Max Frisch einen Abschnitt mit Anmerkungen bei. Darin formulierte er die Intention seines Stückes, das den Zuschauer nicht darüber täuschen solle, dass es auf einer Bühne spiele. Ein Wechsel von Arbeitslicht und Spiellicht solle anzeigen, „daß jetzt eine Variante probiert wird, eine Variante zur Realität, die nie auf der Bühne erscheint.“ Das Stück bleibe Probe, es wolle nichts beweisen. Der Registrator vertrete keine „metaphysische Instanz“, sondern eine Instanz des Theaters. „Er spricht aus, was Kürmann selber weiß oder wissen könnte.“ Nicht die banale Biografie des Herrn Kürmann sei das Thema, sondern die der nachträglichen Analyse einer Schachpartie vergleichbare Frage, „ob und wie die Partie wohl anders zu führen gewesen wäre.“ Keine Szene passe Kürmann derart, dass sie nicht auch anders vorstellbar wäre. „Nur er kann nicht anders sein.“ Frisch schloss mit den Worten: „Ich habe es als Komödie gemeint.“Frisch: Biografie: Ein Spiel (1969), S. 119

Neue Fassung von 1984

In der überarbeiteten Fassung entfernte Frisch die Anmerkungen, betonte dafür aber im Stück selbst stärker den Charakter einer Versuchsanordnung, eines Spiels der Möglichkeiten. Der Registrator erhielt die Rollenbezeichnung Spielleiter. Zwei Assistenten des Spielleiters stellten nun die ursprünglich über 30 Nebenrollen dar und verstärkten damit den Verfremdungseffekt der Bühnenhandlung. Frisch strich die zeitliche Einbettung in die 1960er Jahre mit der Benennung tagespolitischer Ereignisse von Adenauer bis Chruschtschow. Eine ebenfalls zeittypische Auseinandersetzung zwischen Kürmann und seinem Sohn als Vertreter der Pilzkopf-Generation entfiel wie die Gefängnisszene nach Kürmanns Schuss. Stattdessen fügte Frisch eine, am Ende von Kürmann abgelehnte, Aussprache mit dessen Nebenbuhler Stahel ins Stück ein.

Form

Max Frisch selbst bezeichnete Biografie: Ein Spiel als Komödie. Das Stück weicht allerdings von der klassischen Komödienstruktur ab und entspricht eher dem Entwurf einer tragischen Komödie Friedrich Dürrenmatts, bei der die Handlung nicht auf einen positiven Ausgang zusteuert, sondern das Komödienhafte des Ablaufs betont, die Groteske und Paradoxie der Situation. Das Stück wird dadurch zu einer „Komödie der Handlung“.Beda Allemann: Die Struktur der Komödie bei Max Frisch. In: Walter Schmitz (Hrsg.): Max Frisch, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987, ISBN 3-518-38559-3, S. 333 Es wird als „Spiel im Spiel“ präsentiert, als „mise en abyme“, bei der das Publikum dem Entstehungsprozess des Spiels beiwohnt.Landfester: Ein Pult, das nicht zum Zimmer gehört, S. 65–67 Unterstrichen wird dies durch den Wechsel der Beleuchtung für die unterschiedlichen Realitätsebenen des Registrators und der gespielten Biografie Kürmanns. Frisch verwendet hier eine Form des epischen Theaters Bertolt Brechts.Allemann: Die Struktur der Komödie bei Max Frisch, S. 328 Die Figuren treten immer wieder „aus ihrer Rolle“. Der Registrator mischt sich in Kürmanns Biografie ein, gibt Anweisungen oder weist ihn zurecht; „Sie benehmen sich unmöglich, das wissen Sie, wie ein Rohling.“Frisch: Biografie: Ein Spiel (1969), S. 26 Kürmann seinerseits verweigert das Spiel, das er bereits kenne, oder unterbricht es, um den Registrator anzurufen: „Halt! Wer hat hier das Licht gelöscht?“Frisch: Biografie: Ein Spiel (1969), S. 28Vgl. de Groot: Zeitgestaltung im Drama Max Frischs, S. 185–192

Ulrike Landfester sieht in Biografie: Ein Spiel einen „virtuos modulierten“ Text, ein „Sprach-Spiel“, das in seiner Poetologie „alle Register des Spielens zieht“. Worte und Wortstämme aus dem Italienischen, Griechischen oder Latein werden zu durchgängigen Motiven, etwa wenn die italienische Sprache in der Tradition Goethes zum Symbol der „Sehnsucht einer poetischen Existenz“ wird, die Kürmann in seinem Leben missglückt. Auch Musik dient als motivische Begleitung, vom wiederholten Klaviergeklimper einer Ballettschule, dem Orgelspiel zu Kürmanns erster Hochzeit, einem „Harmonium mit Halleluja“Frisch: Biografie: Ein Spiel (1969), S. 76 einer nahen Sekte bis zu Antoinettes und Stahels Spinettspiel, das Kürmanns zweite Ehe begleitet.Vgl. zum Abschnitt: Landfester: Ein Pult, das nicht zum Zimmer gehört, S. 73–75

Interpretation

miniatur|Max Frisch (1967) Bereits der Titel Biografie: Ein Spiel legt das Programm des Stücks offen. Er zieht den Bogen von bios, Kürmanns Leben, zu graphein, der Registration, und dem einen Spiel, das auf andere mögliche Spielarten verweist. Das vorgeführte Leben Kürmanns wird zum Spiel auf mehrere Arten. Es gleicht der Spieluhr, von der sich Antoinette in der Eingangsszene fasziniert zeigt: „Figuren, die immer die gleichen Gesten machen, sobald es klimpert, und immer ist es dieselbe Walze, trotzdem ist man gespannt jedesmal.“Frisch: Biografie: Ein Spiel (1969), S. 8–9 Gleichzeitig wird es nach den festen Regeln eines Schachspiels gespielt, bei dem die Bauern nicht zurückkönnen, die Dame aber alles darf, wie Kürmann im Vorgriff auf seine und Antoinettes unterschiedliche Fähigkeiten, aus ihrer gemeinsamen Biografie auszubrechen, erklärt.Vgl. zum Abschnitt: Landfester: Ein Pult, das nicht zum Zimmer gehört, S. 68–70

Eine weitere Form des Spiels ist die des Theaters. Kürmanns Leben wird auf der Bühne einer „theatralischen Überprüfung“ ausgesetzt. Die spielerische Darstellung der Möglichkeiten mit den Mitteln des Theaters gibt dem Leben das zurück, was es in der Festlegung durch die Wirklichkeit verloren hat: die Freiheit. Das Bühnenspiel wird für den Zuschauer zum glaubhafteren, gemäßeren Leben. Doch während Kürmanns Name nahelegt, dass er die Freiheit der Wahl habe, wird er in der Schlusspointe selbst zum „nicht mehr Gewählten“. Mit der gleichen Ironie gerät Kürmann durch seinen Eintritt in die KP in den Verdacht, die Welt verändern zu wollen, obwohl es ihm in Wahrheit nur darum geht, seine Biografie zu verändern.Vgl. zum Abschnitt: Karasek: Max Frisch, S. 90–97